Inner city blues/vagina

12.04.2006 um 10:19 Uhr

Christenberg (Ullaika 7)

von: hibou

bald aber versinkt er doch in Erinnerung):

Sonntag, 27.8.1992

"Die Nomaden zogen den Strömen und Linien des Erdgeistes nach. Später lokalisierte man ihn an bestimmten Orten, wo man sich niederließ, um seine Wirkung dauerhaft und verstärkt zu haben. Man schuf Orakel, Tempel, Kirchen, ‘Heimat’. Nur dort wollte man leben, fühlte man sich wohl.

Heute ist man wieder heimatlos. Man reist. Haben die Wirkungen des Genius Loci, nachdem sie, durch immer stärkere und dekadentere Maßnahmen fixiert worden sind (blutige Opfer, Faschismus), aufgehört, oder sind sie universell geworden? Christus ist mit der Erde vereint. Man kann sich gleichwohl nicht vorstellen, daß die Wirkungen überall gleichartig, stetig sind, also reist man. Die christliche Seefahrt. Wie kann ich mich für die unwägbaren Wirkungen eines bestimmten Ortes empfindlich und empfänglich machen?

Was ist zum Beispiel mit diesem Ort hier, Christenberg? Allgemeine Wahrnehmungen und Empfindungen sind leicht faßbar: die exponierte Lage auf der Anhöhe, der dichte Waldkranz, die Gestalt der kleinen Kirche, das Wetter dieser Abendstunde, Sonnenstrahlen schräg von Westen in die glänzende Nässe des eben vorbeigezogenen Gewitters, Ruhe und Sicherheit des Steinbaus, die Gebärde des Kirchhofmäuerchens, das frische, satte Grün der Obst- und Laubbäume, das Weiß und Rosa der Heckenrosen, der warme rötliche Ton des Sandsteins, das Grau der Dachschindeln und das - hellere - Grau der Wolken im Osten, die Silhouetten der Hügelzüge gegenüber.

Aber was ist typisch? Soll ich hier übernachten? Erfahrungsgemäß weiß man am nächsten Morgen auch nicht mehr. Was ich mir in diesen Reisetagen fast stündlich vornehme: offen zu sein für das, was auf mich zukommt. Den Wegweiser hierher sah ich im letzten Augenblick, mußte sogar rückwärts fahren. Wieviel versäumt man in den langen Momenten innerlicher Abwesenheit? (Gar nichts! der Autor)(What you get is what you see! die Setzerin). Ich sitze nachdenklich in der Gaststätte, mit direktem Blick auf die Kirche. Ich frage die Bedienung, ob man hier übernachten könne, sie fragt den Chef, ihren Onkel Fritz. Ja, er will eine Ausnahme machen. Ich stelle mein Auto vors Haus. Er bittet mich, nicht hinten aus meinem Zimmer ins Freie zu gehen, dort laufe die Schäferhündin und sie habe Junge. Im wieder einsetzenden Regen schlendere ich ums Gelände, schaue die Reste der Befestigungen an, erhalten ist ein Südturm mit Tordurchfahrt. Das Plateau, nach drei Seiten abfallend, mußte fast mit einer Burg bebaut werden.

Ich setze mich zum Essen wieder an denselben Tisch. Das Lokal ist jetzt gut besucht. Alles Münchhausener. Zu mir setzen sich drei Leute: eine rothaarige Frau mit grüngeschminkten Lidern in schwarzer Bluse und türkisfarbenem Rock, ein junger schnurrbärtiger Arbeitsloser und ‘Nudel", 42 Jahre, Typ Hardy Krüger, Klempner und Installateur.

Als ich aus dem Fenster blicke, sehe ich einen vollständigen Regenbogen über den Himmel hinter der Kirche gespannt, genau durch die Turmspitze gezogen. Ich verstehe das Zeichen. Im Lokal lärmt es. Erhabenes und Profanes müssen verquickt sein.

Im Verlauf des Abends bekomme ich Bier und Wein ausgegeben *1) und eine Lebensgeschichte Nudels zu hören:

"Als ich 55 in Marburg zur Lehre kam, in der Wettergasse...Der Vogel links vom Schloßeingang, der ist von mir. Wie wir Lehrlinge noch antreten mußten...Schon am Vorabend hatte die Werkzeugtasche gepackt zu sein. Um eine Schlüsselschraube wurde ich vom Schloß in die Werkstatt geschickt. Aber ich kann noch heute eine Gießkanne oder einen Trichter von Hand machen...Seit sieben Jahren arbeite ich im Sägewerk in Simtshausen. Alles computergesteuerte Maschinen. Habe mich auf Pneumatik verlegt, sehr interessantes Gebiet. Bin ja Klempner und Flaschner. Meine Älteste fängt jetzt ihre Lehr’ an, als Friseuse; fragt sie mich, Papa, kannst mer Geld leihe für’n Kittel? Weißte, wie ich zur Lehr’ gegangen bin?

Meine Frau.—Die ist halbseitig gelähmt, Schlaganfall, mit 26. Man muß sein Schicksal tragen. Bin nicht der Typ zum Urlaub machen, gehe lieber in’ Betrieb, oder in meine Werkstatt, das ist mein Hobby. Maschinen! Stehe davor und überleg’. Stunden! Da darf mich keiner stören, da bin ich weg. Habe schon viel verbessert. Oder ich komme hierher. Für die Münchhausener ist der Christenberg ein Heiligtum! Frühschoppen, sonntags. Und der Wirt, der Fritz, ist gut. Fährt mit seinem Geländewagen durch den Burgwald, Wege, sag ich dir! Das stiebt und kracht nur so! *2)

Die Bonifatiusquelle, kennst du die? Mein Vater, auch Klempner, lebt noch, hat davon getrunken, ich habe davon getrunken, meine Tochter, die weiß noch nicht mal, wo der Spessart ist! Die Lehrer...Ich geb ihr keine Schuld. Wir haben noch die schönen Bleiarbeiten gemacht, mein Vater, ich auch (leckt sich den Daumen, fährt mit dem feuchten Daumen über eine saubere imaginäre Lötnaht), so ein richtig feiner Bleisyphon!...

Anderntags am Morgen früh: Fritz’ Autotür ist eingedellt. Der Versicherungsvertreter kommt, Nudel kommt, erinnert sich an nichts, aber die Leute haben ihn in der Nacht beim Ausparken gesehen. Während des gereizten Palavers gehe ich ins Kirchlein. Schöner, riesiger Schlüssel, mir ganz alleine anvertraut.

Dann nehme ich einen Heimischen die kurze Strecke nach Marburg mit.

Marburg. Elisabethkirche, eine ältere Frau namens Gudrun Muth empfängt mich glossolalisch und mit leuchtenden Augen sprudelt förmlich über: dies ist eine Sternstunde, kommen sie und sehen! Warum? Weil sie gekommen sind und mich verstehen. Jeder, der versteht, ist selber Christus! Auf die Namen kommt es an...ein Mann mußte es sein! Wie ich nach einer Weile die Kirche verlasse, singt Gudrun einer Touristengruppe lauthals Jesus meine Zuversicht vor.

Großenlinden. Wunderbares Portal. Der Drache. Die Schlange, der Speer. Schon ziemliche Verwitterungsspuren am Sandstein.

Battenberger Hof. Ohne einmal gefragt zu haben, fahre ich direkt darauf zu. Warten auf Herrn Plett. Ein massiger Mann, strähniges, helles Haar, vorquellende Augen, wahrer Orson Welles der Demeter-Landwirtschaft, stapft über den Hof. So, den suchen sie, tja, der steht vor ihnen...

Gehört der cholerisch-phlegmatische Typ hier in die Gegend oder sind das alles umgesiedelte Pommern? Ich warte noch die Arbeitsbesprechung mit den Lehrlingen ab, 3 Schritte seitwärts. Möchte wohl hier arbeiten.

Ilbenstadt. Ein barockes Stadttor, das einen wie ein Mund verschluckt. Ich summe den Reigen seliger Geister. Einmal rings um die über doppelt mannshohe Mauer spaziert. Es ist offensichtlich, wie sehr jedes menschliche Bauwerk die Landschaft verändert, die Stimmung ebenfalls. Eine Mauer um mich: nicht nur äußerer Schutz, sondern Stimmung des Friedens, der Geborgenheit. Außen um eine Mauer herumgehen: Neugier, Verlangen. Entlang gehen: Spannung. Durchs Schlüsselloch schauen!

Mir scheinen die Maulbeerbäume recht am Platz. Ich entzünde der Löwenmutter eine Kerze.

Büdingen. Die fürstliche Rentenanstalt bittet, Fahrräder und Mofas nicht zu benutzen. Reichlich Stadtmauern, Türme und Tore.

Schotten. Fahre ins Vogelsberggebiet und in eine schwarze Wolkenwand und komme im dichten Platzregen, durch den die Sonne waagerecht scheint, an. Hotel zum Adler.

Dienstag, 29.6.

Über dem Berg hängt eine Wolke von demselben Farbe wie der Basalt des Erdbodens. Im Hochmoor an der Niddaquelle findet sich Wasserhahnenfuß ("flutender"?), Schlangenwurz, Arnika(?) und Tormentill (contre les tourments du sang). Es ist die Wasserscheide zwischen Main und Fulda, zwischen Rhein und Weser, weiter gesprochen. Die Gegenden, durch die man kommt, wie Goethe nach ihren Flußeinzugsgebieten beschreiben. Ich fahre unentschlossen durch den Regen und richte mich schließlich nicht mehr nach Wegweisern, sondern nach den hellen Flecken in den Wolkenlandschaften. In Fritzlar habe ich noch dem Abendgottesdienst beigewohnt, fahre dann unter farbig leuchtendem Himmel durch ein weites Panorama, fast durch ein Diorama, auf Kassel zu. Alte abgetragene und dadurch sehr anmutig gewordenen Vulkankegel schmücken den Horizont wie eine Perlenkette den Hals der Prinzessin Celeste. Kleine, waldgekrönte Kuppen unterbrechen und gliedern ringsum die sanftgeneigten, weiten Kornfelder. Sonnenuntergang direkt vor mir: ich höre Rahel zu mir sprechen:

"An Guidi in Hamburg, 2.7.1815

Gestern abend kam ich....von Ranneck, einem hohen Berg mit Ruinen, wo ein dreyeckiger Thurm steht, den ich noch obendrein durch viele Treppen bestieg. Göttliches sah man oben. Ringsum ins unabsehbare, Horizont über Horizont; das unglaublichste Lichterspiel von Dunkel und Hell, auf Kornfeldern, der Schwächat, der wie ein Thier das Thal bekroch, und sich wand, auf Dörfern und Besitzungen ohne Zahl, auf dunklen, eigensinnigen Bergen.

Schafe weideten, Holz wurde gefällt in den Bergwäldern und lag reichlich, todt und duftend da; auch einen Gewitterschlag hörten wir, aus einer zum Platzen verdrießlichen, dunklen, sich senkenden Wolke. In manchem Thalfleck im Gebirge war’s so still, daß man nichts, und nur Vögel hörte; denn auch wir, die Nationen, schwiegen . Es war ein Sonnentag nach langem Regen. Nicht feucht; junges Wetter, herrlich! Ohne Dich...-

Ein Moment war, unbeschreiblich, als wir von unserer Ruine so ziemlich ins Thal gestiegen waren, wo es nicht groß und nicht klein war, schien die Sonne nicht mehr; nur auf eine uns gegenüberragende andere Ruine, die durch Optik ganz im kreise unseres nicht beschienen Thales eingeringt war: es war der Abend selbst. Unschuldig, verhältnißlos, unpersönlich, ungekränkt, ohne Forderung, paradiesisch, ohne Unfall: ganz still athmete er selbst, Glük ein, Glük aus, ohne Zukunft, er war da, befreyt, in Glük".

Ich war erschöpft und wirr im Kopf, als ich nach einer Bummelfahrt durch die grünsteinigen Ortschaften der Soester Börde in Freckenhorst eintraf. Sieben Stationen des Lebens Christi auf dem Taufstein: Verkündigung, Geburt, Jordantaufe, Kreuzigung, Vorhölle, Himmelfahrt und Thron in der Mandorla, sehr gerafft erzählt, über sich aufbäumenden Löwen, auf warmem gelbem Sandstein. Auch die Kirche ist sehr schön, gut erhalten, mit Westwerk und Krypta. Die Seitenschiffe zeigen, wie Kreuzgratgewölbe bei schräg einfallendem Licht lebendig, leicht, ungegenständlich werden. Haben die romanischen Baumeister sie für die Kunstgeschichtsbücher gebaut?

Wie ich die Visbeker Braut fand: Schon einmal auf der Klassenreise hatten wir sie vergeblich gesucht, obwohl die Ahlhorner Heide direkt an der Autobahn liegt. Diesmal probiere ich es von der anderen Seite und finde nach kurzem Fußmarsch den Bräutigam, ein Riesenbett aus 124 Findlingen, am Kopfende vier besonders mächtige Platten und in der Mitte fünf tonnenschwere Blöcke, die eine Kammer bedecken. Ich sehe einen Wegweiser "Brautweg" und mache mich auf. Erst unterwegs wird mir klar, daß es nach der Karte etliche Kilometer sein müssen. Macht nichts. Es ist das gewohnte Abendwetter: Regen mit Sonne und fernem Donnergrollen. Unterwegs fange ich an zu zweifeln, da keine Wegweiser mehr vorhanden sind. Bin ich nicht schon zu weit? Ich beschließe, umzukehren, setze mir aber noch eine Marke am Waldrand, bis zu der ich gehen will. Und genau da ist sie! Wie das andere Bett, aber verborgen im Wald, man sieht sie erst auf zehn Schritte. Ich lächle vor Freude und setze mich auf eine Zigarettenlänge in die Kammer."

 

1) Schon in vorchristlichen Zeiten waren exakt dieselben Saufopfer an die Götter überliefert...

2) Wotan stürmte im Brausewind durch die Nordhessischen Wälder, sein Geist ist offenbar noch lebendig in den Tiefen der kollektiven Erinnerung


Einloggen zum Kommentieren:

Hinweis: viele Funktionen von blogigo (z.B. Einträge kommentieren) stehen Dir erst nach einer kostenlosen und unverbindlichen Registrierung zur Verfügung. Hier kannst Du Dich in Sekundenschnelle registrieren.