Inner city blues/vagina

12.04.2006 um 10:13 Uhr

Die Hörner von Hattin (Ullaika 6)

von: hibou

."...kann aber auch Syrien oder Persien sein. Wir haben vor ein paar Jahren mal beim Krak des Chevaliers gedreht, heute ginge das nicht mehr."

"Mensch, dann ist das ja unser Gebiet! Hast du eigentlich die Burgund-Kartei noch?"
"Kannst sie mal haben. War schon nicht schlecht damals, mit Vickys Ente..."

"S’gibt noch ein Foto, wie wir auf dem Zeltplatz - Bourges?.."

"Ja, oder Chinon.."

"..- die Michelin Karte über den halben Rasen ausbreiten!"

"Und du hattest beim Abzeichnen der Kapitelle gar keine Geduld, warst meistens gleich fertig. So von Dorf zu Dorf, im Zickzack! Aber der Regen dann in Orléans die Woche, der hat uns mürbe gemacht. Flechtbänder, Flechtbänder, ungeheuer, Fabelwesen, kleine Menschenköpfe...Ich hab’ dir doch später nochmals was geschickt, über Großenlinden und Heiligenberg."

"Mhm, ich weiß."

"Also, über die Templer, zähl mal auf!"

"Neun Chevaliers haben den Orden gegründet, aus der Champagne, aus der Normandie. Ich glaube, der wichtigste hieß Hugues de Payns. Wann? Wohl im frühen 12.Jahrhundert. Auf dem Tempelberg in Jerusalem, im Geheimen. Hinter der Al Aqsa-Moschee soll es noch unterirdische Räumlichkeiten geben, "Pferdeställe". Komisch, weißt du was?. Mir fällt ein, daß sich Mohammed vom Felsen gleich nebenan auf seinem Pferd Burak zum Himmel aufschwang, alle Sphären bis zur obersten Gottheit durchmaß, und doch im Augenblick, ehe der Krug, den der Schweif des Pferdes beim Absprung gestreift hatte, zu Boden gefallen war, wieder zurückgelangte und ihn glücklich noch auffing. Und das Pferd...das Pferd..."

"...steht für den Irdischen, blitzschnell schließenden Verstand."

"Kabale und Liebe!"

"Die Kabbala gehört als drittes hinzu, die Schriftgelehrten..."

Wann ist der Tempelberg dann wohl zum Ort des Hasses geworden?"

"Na, wenn vorher nicht, hätten es bestimmt die Kreuzzüge geschafft."

Am anderen Tag schaute Guidi in der Bibliothek nach und fand die Namen der neun:

Hugues de Payns

André de Montbard

Godefroy de Saint Omer

Payen de Montdidier

Archambaud de Saint Amand

Gondemare ...

Rosal ...

Godefroy ...

Geofroy Bisol

"Welche Ziele hatten sie?

Modest wühlt sich von der Couch hoch und geht mit dem Weinglas in der Hand vor den beiden anderen hin und her. Die schweren Vorhänge des recht hohen Zimmers sind völlig zugezogen. Sein Gesicht, ohnehin bleich genug, wird nur von dem perlmuttenen Schein aus der Jukebox beleuchtet.

"Weiß man das überhaupt? Oder sind das alles obskure Geschichtchen?"

"Klar ist freilich gar nichts. Und allerlei ist absichtlich verfälscht worden... Weißt du, die Story ist aber wirklich gut. Ich überlege, ob man nicht ein Computerspiel draus machen könnt, ‘Der Fluch des Baphomet’ oder so ähnlich..."

"Baphomet’?"

"Gleich...wo waren wir? Ja, ein Geheimbund. Von Anfang an war es das. Die sichtbare Seite? Eine Ritterschaft zum Schutz der Pilgerstraßen und der Wallfahrer zum heiligen Grab. Sie haben in Palästina, aber vor allem auch in Europa eine dichte Infrastruktur von Herbergen, Komtureien, Handelskontors errichtet. In Frankreich konnte man in bequemen Tagereisen durchs ganze Land kommen und jeden Abend ihr Gast sein.

Dann kämpften sie besonders erbittert und unversöhnlich gegen die ‘Ungläubigen’, wurden nach verlorener Schlacht nicht wie die anderen Ritter selbstverständlich zu Geld gemacht, nämlich ausgetauscht, sondern bevorzugt gemartert und hingerichtet, wie sie es am Ende ihrer Geschichte von ihrem obersten Schutzherren, dem Papst gleichfalls erfahren sollten...

Nach der Entscheidungsschalcht bei den Hörnern von Hattin - unweit von Magdala, dem Ort der Maria Magdalena, gelegen - reichte Saladin den gefangenen Christenführern einen Trank im goldenen Becher, während er den Templeroberen kurzerhand den Kopf abschlug, und das im selben Festzelt... ..Damaszener Klingen..."

"Hör auf."

Guidi dachte an die Schauergeschichten von den alten Chinesen, die so unbeschreiblich scharfe Messer besaßen, daß sie ihre Delinquenten im Stehen köpften, diese aber gar nichts davon merkten, bis sie ein Geldstück vor die Füße geworfen bekamen, wonach die neugierigen Köpfe herunterpurzelten.

"Ein großes Fragezeichen. Diese seltsame Haßliebe zwischen ihnen und Teilen der Muselmanen. Muselmänninen? Muselleute?....

Im Übrigen bauten sie ein perfekt funktionierendes Bankwesen auf, mit Wechseln, Anweisungen und Konten. So brauchte man nicht mit Goldstücken beladen auf die unsichere Reise zu gehen."

"Come i longobardi!"

"Siguro. Und das Gold landete im ‘Temple’ von Paris, wo es die Aufmerksamkeit des habgierigen Königs Philipp des Schönen auf sich ziehen sollte."

Sie erörterten nun mehr oder weniger ausführlich und genau noch folgende Fragen:

Was waren die Ziele der Templer?

Handelte es sich in irgendeiner Art um eine Einweihung, und welcher Art?

Wie hängen damit die Vorwürfe der Abgötterei, der Verehrung des "Baphomet", der Afterküsse und der heimlichen Kumpanei mit den Moslems zusammen?

Hatten die Templer Verbindungen zu Dombauhütten und Franc-Maçons?

Oder was will "Wiederaufbau des Tempels Salomonis" bedeuten?

Unser Häuser Balken sind Zedern, unser Getäfel Zypressen."

Haben die Templer die Arche Cederis gefunden, und den sagenhaften salomonischen Tempelschatz?

Auch das Ende des Ordens ist ja grausam rätselhaft genug - bis hin zu dem Ruf aus der Menge: das war für Jacques de Molay! als Louis XVI. Kopf unter der Guillotine rollte...womit sich also irgendein namenloser Sansculotte des ausgehenden 18.Jahrhunderts auf den fast am selben Ort verbrannten letzten Großmeister der Templer bezogen hat.

Elfie hörte ganz konzentriert zu, verließ nur einmal kurz den abgedunkelten Raum. Die Spur des Abends aber war weiß: genau wie die Sufis und, Modest wies darauf hin, die Assassinen, waren die Tempelherren weiß gekleidet, mit etwas rot, einem kleinen Kreuz am rechten Arm.

Maso Guidi, wieder zu Hause, gräbt in Gedanken an Modest und die alten Marburger Zeiten seine Tagebücher aus und blättert zögernd darin herum (manchmal berühren ihn seine eigenen so naiven Sätze etwas peinlich, und er windet sich im nachhinein, bald aber versinkt er doch in Erinnerung):


Einloggen zum Kommentieren:

Hinweis: viele Funktionen von blogigo (z.B. Einträge kommentieren) stehen Dir erst nach einer kostenlosen und unverbindlichen Registrierung zur Verfügung. Hier kannst Du Dich in Sekundenschnelle registrieren.