Elias Canetti erhält den Nobelpreis (Ullaika 8)
...und angeregt setzt er sich hin und schreibt seine Regensburger Tage:
"Nur eine knappe Stunde Bahnfahrt. Der Zug geht weiter nach Wien. Wie wäre das? In die Spanische Reitschule und die Cafés, wo Steiner verkehrte? Ich las, daß Elias Canetti den Nobelpreis erhalten habe.
Sapiens anima confert coelesti operationi quamadmodum optima agricola arendo, purgando confert naturae.
Südliche Luft weht mich an. Woran liegt es? Eine nicht vom Krieg zerstörte Stadt mit engen Gäßchen und vielen Durchgängen in offene Innenhöfe. Noch selten habe ich so viele Gewölbe gesehen, zum Beispiel fand ich eine Modeboutique in einer romanischen Kapelle, die Kreuzgewölbe, Gurten und Pfeiler sind vollkommen erhalten, sogar die Apsis. Ich ging hinein und wurde fragend angesehen. Auf meine Bitte, zwar nicht die Kleider, aber doch den Raum ankucken zu dürfen, meinte die Besitzerin, ja, halb Regensburg wäre in alte Kapellen gebaut, ob die eigentlich früher nur gebetet hätten?
Die Donaubrücke: eine wahre, 700 Jahre nicht alternde Schönheit. Tonnenschweres Gestein, ganz leicht und schwebend, sie ist wohl von einem musikalischen Geist errichtet. Drüben auf der Insel wohne ich heute, in einem Gasthof mit Fremdenzimmern, über einer schummrigen Gaststätte.
Eine gute Stunde ging ich in der frühen Dunkelheit einfach der Nase nach kreuz und quer durch die Stadt, kam manchmal an demselben Platz wieder an, verlor aber auch oft die Richtung. Gleichzeitig laufen meine Gedanken, und wohin? Den Sinneswahrnehmungen in die Arme und geboren ist mein Begriff "Regensburg", unbeholfen noch, aber quicklebendig. Da steht ein Abbild des Don Juan d’Austria. Bei Lepanto ruderte in einer seiner Galeeren Miguel Cervantes mit.
Ein Restaurant heißt: "Zum Fröhlichen Türken" Ein Boot liegt am Ufer......sind wir über den Strudel gefahren...Auf den Wirtshausschildern steht "Thurn & Taxis Bräu" Es riecht nach Weihrauch, Nonnen schauen aus den Fenstern des Mädchenlyzeums, unter ihnen Edelfräulein Kunigund. Im Rathaus tagte der Permanente Deutsche Reichstag. Rote Kiefernstämme, grüne Nadeln, staubgelber Sandstein. Regnitz, Pregnitz, Schwarze Laaber, Naab, Regen!
Ein weiser Geist trägt zur himmlischen Wirksamkeit bei, wie ein vorzüglicher Landmann durch Pflügen und Ausjäten zur Natur beiträgt. Ptol.SentVIII
Dieser Spruch steht als handschriftliche Widmung seines Sohnes in einem der Bücher Johann Keplers, dessen Wohn- und Sterbehaus (15.11.1630) am Fluß liegt. Darin viel zu sehen, besonders bleibt mir ein astronomischer Tisch, in den kreisförmig eingeritzt sind: Tage mit Taufnamen, Monate, Wochentage mit bildlicher Darstellung der Planetengötter und Wochentagssprüchen, Tierkreis, Jahreszeiten, Temperamente...An der Kreuzung liegt das Haus des Pfarrers Schaeffer, dessen Naturalienkabinett Goethe besuchte. Ein längerer Fußmarsch führt um das Schloß Ihro Durchlaucht, des Fürsten, im Hof breitet sich auf mehreren Hektar satt und gepflegt der Kies, den man für Schulhöfe brauchen könnte, ganz feinkörnig und mild an den Sohlen. Ein Türchen führt zur Küche, mit einer von Dero Durchlaucht 1919 der notleidenden Bevölkerung gestifteten Armenspeisung. Was Seine Durchlaucht an diesem regnerischen Morgen wohl tun?
Die Schottenkirche erbauten Mönche von den grünen Inseln, und sie belebten die Portallaibung mit zweischwänzigen Meerjungfrauen, Vögeln, Drachen, Löwen und Flechtbändern.
Die Stephanskirche ist sehr unüblich gebaut: fast drei Meter dicke Mauern, in die lauter Nischen wie Seitenabsiden eingekleidet sind, ähnlich wie in Kroatien und Dalmatien. Im Altar ebenfalls lauter Arkaden mit Durchbrüchen, die Fremdenführerin erklärte, das sei, damit die Kraft des darunterliegenden Heiligen auf die Gläubige übergehen könne. Alles lachte:
"Ist wohl eher, damit er genug Luft bekommt".
"Sieht aus wie ein Ofen"
"Komm, jetzt gehen wir in die Dampfnudelküche."
In einem böhmischen Renaissancepalast gab es am Abend von Aristophanes: "Der Frieden". Vorher betrete ich in einer der allerschmalsten Gassen einen Rotlichtklub, "Die Schwalbe" ist draußen auf einem rotblauen Schild zu lesen. Drinnen herrscht fast atemberaubende Dunkelheit, ich taste mich verlegen an einen der Tische heran, setze mich auf eine abgeschabte Kunstlederbank. Der Raum ist leer bis auf einige Frauen am Tresen. Eine sehr großgewachsene setzt sich zu mir, ich habe eben noch die Geistesgegenwart, nach der Getränkeliste zu greifen, um nicht geneppt zu werden. Bestelle zwei Bier. Auf die Wand gegenüber wird ein Film projiziert. Ein Mann stößt einer Frau seinen Penis in den Anus, man hört Stöhnen und seltsamerweise immer wieder das Wort "ja", als ob es in dieser Lage noch was zu erlauben gäbe...Die Frau bittet mich eindringlich, mit ihr auf ein Zimmer zu gehen, nestelt an meiner Hose herum...Sie hat eine großflächige Tätowierung auf dem einen Oberarm. Männer aus den Großstädten haben ihr mit heißer Nadel neunschwänzige Katzen, Tintenfische, Schlangengewürm, Rosen und einen fauchenden Tiger in die Haut gemalt. Soll ich mich nicht ins Freie retten? Andererseits würde ich gerne vor dem Theater noch duschen. Sie gefällt mir so ausnehmend gut, daß ich ihren Busen berühre und mit der Hand über ihr Haar streiche. Ich gehe also mit und erwerbe mir für 150.-Mark ein Handtuch und den freien Gebrauch einer bauchigen Flasche Toilettenseifenlösung, schäume mich überall gründlich ein, während die Frau, die sich ausgezogen hat und jetzt auf dem Klo neben der Dusche sitzt, mir erzählt, wie sie hierhergekommen sei. Sie würde sehr schlecht behandelt, es sei wie in einem Gefängnis hier, trotz der reichlichen Speisung. Warum sie denn nicht gehe? frage ich. Er hat meinen Paß, ich kann nicht weg, sagt sie, kommt auch unter die Dusche. Aber ich hoffe, daß ich bald genug Geld abgegeben habe und er mich zurück nach Polen läßt, der, benimmt sich wie der König, meint, er habe Sklavinnen! Wenn das ihre Familie wüßte! Die denken, sie arbeite als Kellnerin...
Nachdem ich mich abgetrocknet habe, legen wir uns aufs Bett, ich komme unter sie zu liegen und hoffe, daß ihre Kraft auf mich übergehe.
Der Athenische Bauer und die Götter im Hof des Palazzo sprechen bairisch und sehen aus wie der Veit, den ich einen Sommer auf der Alp kennenlernte. Herrschte hier in Regensburg nicht einstmals Herzog Tassilo? Von dessen Tochter Theudelinde hatte König Authari vor allem die Schönheit rühmen hören, so zog er inkognito als sein eigener Brautwerber über die Alpen hierher und verlangte die Prinzessin zu sehen. Sie gefiel ihm so ausnehmend gut, daß er ihren Finger berührte und mit der Hand wie unversehens über ihr langes goldenes Haar strich. Blutrot vor Scham stand Theudelinde da, bis ihr klar wurde, daß niemals ein Werber, sondern nur der Bräutigam selbst solche namenlose Kühnheit begehen konnte. Sie sprach also zu niemandem davon, denn auch ihr hatte der Fremde sehr gefallen. Man verabschiedete sich, um in Pavia zu berichten. Bairische Krieger geleiteten die Gesandtschaft bis zur Grenze. Dort nahm der König seine Axt, schlug sie mit aller Kraft in einen Baumstamm und sprach: "Solche Schläge führt Authari!" Im nächsten Frühjahr zog Theudelinde nach Süden und wurde Königin.
Die Donau hat Hochwasser, wie vielleicht an dem Tag, als Kepler draußen vor der Stadt, bei den Protestanten, bestattet wurde. Bis zehn Uhr abends wandere ich umher. Die Wirtsleute sind weg, mein Zimmerschlüssel aber in der Schankstube.
Um zum Kloster Prüfening zu kommen, muß man mit der Buslinie 1 hinaus in die Vororte fahren. Es sind dort noch Fresken des 12. Jh. Erhalten. Ich überquere noch zwei Bahnlinien und stehe plötzlich vor einer drei Meter hohen Mauer, die einen Park umgibt. In welcher Richtung entlanggehn? *1)
Sonnenlicht erwärmt fleckweise die milde Luft. Mauern! Geheimnisse, gehütete Schätze! Sonntags geschlossene Kaufhäuser, die einen im Menschenrecht auf Konsum einschränken!! Anderswelten, aus denen ein Entkommen nicht absolut sicher ist. Bewußtseinsstufen. Antifaschistische Schutzwälle. Eidechsenparadiese.
Da erscheint ein Tor, in der Höhe flankiert von zwei gewaltigen Sphingen, die Welt- oder eher Kanonenkugeln in ihren Tatzen halten. Die Allee, die in den Park hineinführt, ist allerdings rechts und links wiederum von etwas niedrigeren Mauern gesäumt. Dicht liegt Laub auf Fuß- und Fahrweg, die Steinwände sind mit Efeu und Waldrebe bedeckt, alles ist verwachsen, verjährt, verrostet, sich selbst überlassen. Jeden Augenblick kann Joringel, zur Bewegungslosigkeit gebannt, vor einem auftauchen.
Ein Barockschloß, eine Barockkirche, ein Bauernhof und ein kleines Kirchlein, seinerseits wieder von Eisengittern umschlossen.
Das Schloß ist gewaltig groß. Einige wenige Fensterläden stehen offen, ein Rauchfähnchen kräuselt sich überm Dachfirst.
Gerade will ich umdrehen, da klappt ein Fenster zu, eine alte Frau zieht die Vorhänge dicht. Auf mein Klopfen an Tür und Scheiben regt sich nichts.
Die Fensterfront im Auge setze ich mich auf den Rand des schalenförmigen römischen Brunnens in die Sonne. Hinter mir winden sich lautlos die fürstlich Thurn- und Taxischen Blutegel durchs leuchtende Algengrün..
*1)Steffi Graf, Nr.1 der Damentennisweltrangliste wird später, am Tage ihres Rücktritts (dem 13.8.1999), von Journalisten als "melancholische Verkörperung deutschen Pflichtbewußtseins" beschrieben werden, ähnlich komme ich mir in dieser Sekunde vor: in welche von beiden Richtungen ich auch immer gehe, es wird just die falsche sein......
