Erstes Mal Liliane (Ulleika 4)
Picture yourself on a train in a station...um für ein paar Tage an den Nordrand des Schwarzwaldes zu fahren. Wir werden im strömenden Regen von einem Gärtnerkollegen abgeholt, er erklärt uns auf der kurzen Autofahrt zur Burg Rabenstein (ach Gott, doch wieder eine Jugendherberge!) in seiner unverbindlich tastenden Art, was man draußen vorbeiziehen sieht: "Die Innenstadt ist modern, unschön, Kaufhäuser und so, alles Alte wurde im Krieg zerstört, ja zerstört, zerbombt wohl, oder wie sagt man, ha, da der Ort schon immer als Zentrum der Uhren- und Präzisionsindustrie bekannt war. Warum Uhren zerstören? Na, alles wurde halt von oben zerschmettert, jede deutsche Stadt... doch, es gab schon auch Waffenproduktion, Zünder und so..."
Die Fahrt an diesem Sonntag im Intercity Hans Holbein hatte Guidi gefallen. Er fuhr sowieso sehr gern Bahn, er schätzt die leeren Züge. In der Regel sind sie’s um diese Zeit. Nach einer angemessenen Strecke sucht er auch heute den Speisewagen auf. Draußen sieht man zwischen Friedland und Bad Sooden die Zonengrenze, eh, die DDR-Grenze, links ganz nah Todesstreifen, Zaun, Mauern, Wachttürme, Streifen mit Hunden, kübelartige Mannschaftswagen...
Als Guidi sich eine Zigarette dreht, wird er vom Kellner an einen anderen Tisch verwiesen und kommt so gegenüber einer etwa 30-35-jährigen Frau zu sitzen, die sich alle paar Augenblicke hastig durch ihr dunkles, gerade herabhängendes Haar fährt.
Er nennt sie für sich "die schwarze Martina", wenigstens einstweilen. Sie erinnert Guidi an eine Nachbarin, die er in früheren Jahren in ihrer seinem Zimmer genau gegenüberliegenden Wohnung bemerkt hatte. Es waren kurze, nichtssagende Ausschnitte im Dunkeln jenseits des Kanals gewesen. Ihrer beiden Fenster waren direkt aufs Wasser hinausgegangen. Einmal, als Guidi aus Ärger über einen schlechten Film seinen Fernseher aus dem Fenster geworfen hatte, war sie grade zu Hause gewesen und hatte unbewegt die Szene verfolgt. Sonst war sie selten zu Hause gewesen. Guidi vermutete - die Anhaltspunkte dafür waren ihm nicht mehr bewußt - daß sie Medizinstudentin war (weißer Kittel?). Wahrscheinlich hatte er sie ein- oder mehrere Male auf dem Fachschaftsball gesehen.
Wie auch immer, sein jetziges Vis-à-vis hatte ganz ähnliche dichte schwarze Augenbrauen, und ungefähr dieselben breiten, flachen Backenknochen. Auch ihre Brüste, soweit sie sich unter der offenen Lederjacke und dem dunkelgrünen Pullover abzeichneten, ähnelten den ihren, die, so er sich richtig erinnerte, leicht nach außen zu den Oberarmen hin abgestanden hatten oder noch immer abstanden.
Wie das Gespräch begann? Vielleicht, weil sie beide im selben Moment ihre Zigaretten ausdrückten und sich dann unwillkürlich musterten. Reden als Verallgemeinerung, als Schutz der Intimität. Sich schweigend mehr als eine Sekunde lang anzusehen erfordert schon einen höheren Grad der Bekanntschaft... Guidi fand es sehr schwer, einem Menschen ernst in die Augen zu sehen. Beider Lächeln entstand aus dem Nichts, zog von unten nach den Augen hin und blieb dort eine ganze Weile in den Krähenfüßen hängen, nachdem die Mundwinkel sich schon längst wieder nach unten gesenkt und die Nase beiläufig ausgeatmet hatte, bevor es verflog.
Sie einigten sich auf ein Spiel: jeder sollte abwechselnd den anderen etwas fragen dürfen, doch keiner dasselbe.
Der Zug fuhr nun in beschleunigtem Tempo das Kinzigtal hinunter, die Strecke führte bald links, bald rechts des schön mäandernden Bachs entlang. Pappeln und Erlen markierten die Ufer. Braun und naß lag das Weideland. Schließlich erschienen die häßlichen Ränder eines flachen, wasserlosen Stausees.
"Wie heißt Du?"
"Anne. Eigentlich Anne-Christin. Naja, Anne reicht. Und was machst Du im Leben?"
"Ich habe gerade ein Jahr Praktikum auf einem biodynamischen Hof gemacht. Bis Juni bleib ich noch da. Im Teufelsmoor, jaja, bei Worpswede, aber ohne Touristen. Hauptsächlich Schweine gefüttert, im Holz gearbeitet und im Gemüsebau. Leider nicht gemolken. Den Bullen Elon gepflegt, HF-Linie, in Bremervörde ersteigert; neulich hat er einen Nagel geschluckt, worauf der Tierarzt ihn einen Magneten an einer Schnur fressen ließ, ungelogen. In Wirklichkeit bin ich Lehrer, freie Schule, kennst Du? Ach herrje, wollt ich gar nicht fragen!"
"Nö, nie gehört." Sie zündet sich eine neue Zigarette an.
"Wo fährst Du heute hin?"
"Mit dem hier bis Karlsruhe. Nimmst Du noch einen Kaffee?"
"Ja."
So geht es Guidi öfter. Er will was über Leute erfahren und erzählt dann von sich.- Immerhin weiß er nach einer Weile etwa folgendes über Anne: Sie kommt aus Seesen im Harz, die Eltern sind wohl Fabrikanten und sehr besitzergreifend. Studiert hat sie in Göttingen. Sie hält übrigens Ullaika für arabisch. Verheiratet, keine Kinder. Sie hat ihren Mann an der Uni kennengelernt:
"Ich hatte für das Examen Thema Körpersprache gewählt, da sollten viele Fotos in die Arbeit mit hinein, die Unterschiede zwischen Mann und Frau vor allem, Beinhaltung, Arme, Ellenbogen, Hände, Finger und alles, na, inzwischen frag ich mich, ob man durch so ne Kollektion nicht alles an uns auf tierische Verhaltensweisen reduziert, angenommen beim Ballett, klar, da wirkt ohne verbale Vermittlung was gemeint ist, aber gibt’s nicht andere Bewegungen, die der Mensch ausführen kann, denk ich mir jetzt manchmal, wo wir zwar gebrochen und unbeholfen ein bißchen mehr als Balzgehabe ausdrücken können?"
An dieser Stelle hatte Guidi belustigt an die beiden dicken Ringeltauben gedacht, die er vor Tagen aus dem Küchenfenster beobachtet hatte, wie der Tauber sich nicht gespreizt um sich selbst drehte, wie er es sonst meist zu tun pflegte, sondern sich tief gebückt hatte, den Kopf mit dem Schnabel an der Erde lang vorgestreckt und den Schwanz fächerförmig in die Luft erhoben!
"Ich hab die Bilder selber gemacht, die Typen, die ich vom Sehen her kannte, gefragt. Natürlich erst hinterher, durfte ja nicht gestellt sein. Bloß, geh mal rum und fotografiere lauter Leute! Mit einem von denen bin ich dann zusammengekommen, ziemlich schnell sogar, und weißt du, was dabei mit den Anstoß gegeben hat? Ziemlich blödsinnig: Er grummelte öfter ein Lied vor sich hin und hat mir dann den Text dazu übersetzt:
Herrlicher Baikal, herrliches Meer!
Auf einer Lachstonne will ich dich zwingen.
Spann’ meinen Kittel als Segel umher,
Rettung, sie wird mir gelingen.
Soweit Anne Marheineke.
Und Guidi fiel dazu der Vers ein: Un scaphandrier n’a pas le droit de rèver, il doit plonger.
