Guidi, Reisen in der Zeit und in der Tram (Ullaika 5)
Ein anderes Mal nimmt Guidi für die Fahrt die Hilfe der Mitfahrerzentrale in Anspruch. Eine Dame Coretta Thielke, mit viel Gepäck in ihrem Golf, stellt sich ein. Sie ist nichtrauchende Dauerfahrerin. Sie lösen sich alle paar Stunden ab. Abseits der Tanksäulen dreht Guidi sich hastig seine Zigaretten. Erst weit nach Mitternacht wird er in der Vorstadt seines Zielortes an einer Straßenbahninsel abgesetzt. Coretta wendet schwungvoll, Guidi sieht ihr forsches Winken durch den glitzernden Regen. Über die Fahrt zum Bahnhof sagt Guidi nichts aus, obwohl er reichlich Zeit hätte, da er die Stunden bis zum Öffnen der Cafés im Wartesaal verlebt.
Ein riesiger Raum, halbhoch die sehr gedunkelte Wandtäfelung, darüber Stuckjünglinge, die das Gewölbe tragen. Fünf, sechs Menschen, die meisten schlafen, den Kopf auf den Tisch gelegt, bis sie hochgerüttelt werden, da dies nicht erlaubt ist.
Der Kellner, nach Guidis Beschreibung halte ich ihn für einen Griechen, bewegt sich für ein Publikum von hunderten. Er hält sich beschäftigt, indem er von Zeit zu Zeit etwas hin- und herräumt, einsammelt und wieder austeilt, bald die bleichen Kunstblumen, bald die Pfeffer- und Salzfässer. Nur Kaffee oder Tee können bestellt werden. Aber mit Grandezza serviert! Guidi denkt an Straßenbahnen. Die grünen, die er als Kind mit seiner Schwester in der Rohrschacherstraße sitzend beobachtete, Oma beklagte sich immer über die Höhe der Trittbretter, kein Wunder, mit ihrer Arthritis! Oder die Prager. Zusammen mit Heike hatte er sie letztes Jahr befahren, ohne herauszufinden, wo die Fahrkarten erhältlich seien. Auch die blauen Zürcher sind eindrucksvoll, sehr modern, geräumig trotz Schmalspur, quasi der Stolz der Stadt. Zu denken, daß Van der Pals im gelben Zehner nach Dornach in aller Eile ein Lied zu Ende komponiert hat (...sandt er ein Engel schnell/ mit Namen Gabriel...)!
Einmal träumte Guidi, er säße in einer schwimmenden Tram, die gemächlich eine schilfgesäumte, sonnenglitzernde Meeresbucht überquerte, um plötzlich in einen engen Kanal mit senkrechten Felswänden zu steuern. "Tramway nach Ankara entführt!" Im "Mädchenkrieg" fährt der nordische Vavra mit der Tram nach Bubenetsch, nachdem ihn die Liebe gestreift hatte. Und noch heute wähnt er sich auf der Abschiedsfahrt, damals, mit der letzten, mit der sie noch einmal die ganze holprige und schlingernde Strecke von Landwehr bis Eppendorf ausgekostet hatten.
Nach dem Morgenkaffee - wo? - geht Guidi ins Museum, ist leicht enttäuscht vom Anblick der erwarteten westgotischen Gürtelschnallen, angenehm berührt aber vom nachdenklichen Apostel Paulus, einem bärtigen, zerfurchten und doch zarten Mann, die Schreibfeder hat er sinken lassen, mit vorgeneigtem Kopf sitzt er da und schaut in sich hinein. Was wird er seinen Gemeinden schreiben?. Der Vordergrund ist ganz dunkel. Von links fällt ein warmer Schein auf seine runde lichte Stirn...
Die Luft ist wie frischgewaschen, als er aus dem Gebäude tritt. Vom Straßenhändler gibt es eine Brühe gratis, und nun kann es losgehen auf der "Suche" nach der Jugendherberge, die , wie er weiß, auf der Burg liegt. Am Schönen Brunnen und der Sebaldskirche vorbei gerät er mitten in eine Burgführung. Die Frau spricht nach Art der lebenden Automaten, als ob man ein Geldstück in sie eingeworfen hätte, wie gestanzt.
Die Müdigkeit überwölbt Guidi wie eine Kuppel, die Sinneseindrücke lösen sich zusehends von ihm ab. Es ist gerade erst mittag, und Guidi wird heute und auch morgen kein Glück mit den Herbergen haben. Nicht nur, daß deutlich ist, daß kein deutscher Jugendherbergsvater einen am hellichten Tag zu Bett lassen wird, zudem ist die ganze Anlage wegen Renovierung geschlossen. Und am nächsten Tag in der nächsten Stadt wird Guidi endgültig an der Schwelle dieser Einrichtung scheitern. Wer nicht merkt, daß er inzwischen älter geworden ist... Auf diese Weise, denkt Guidi eine Zeit später, wird der letzte Besuch der in Pontarlier gewesen sein, als er und Heike in das Zimmer mit dem gesprächigen Franzosen geteilt hatten. Dieser war splitternackt auf dem oberen Bett gesessen und Heike hatte unwillkürlich auf sein dunkelrotes, wurstförmiges Glied starren müssen..
An diesem nebligen Frühnachmittag bietet das erste Hotel im Hintergäßchen, mit Zimmern zu 22.-DM endlich Bett und Schlaf.
"Er stand an der Stelle, die der alte Mann seine Küche genannt haben würde: am Fenstersims mit dem Gaskocher darauf und dem selbstgebastelten Vorratskästchen, in das Luftlöcher gebohrt waren. Wir Männer, die unsere Kocherei selber besorgen müssen, sind Halbmenschen, dacht er, als er die zwei Regale musterte, den Topf und die Bratpfanne herauszog, zwischen Cayennepfeffer und Paprika herumstocherte. Überall sonst im Haus - sogar im Bett - kann man sich einigeln, seine Bücher lesen, sich einreden, daß der Mensch am besten allein sei. Doch in der Küche sind die Zeichen der Unvollständigkeit zu augenfällig. Ein halber Laib Schwarzbrot. Eine halbe Mettwurst. Eine halbe Zwiebel. Eine halbe Flasche Milch. Eine halbe Zitrone. Ein halbes Päckchen schwarzer Tee. Ein halbes Leben."
Und im wirren Dämmern vereinigte sich die Bibel auf dem vergilbten Nachtschränkchen mit der des Männerwohnheims in Ljubliana, der Geschmack der Lektüre Le Carrés mit geträumten Zitaten, wie "Asinus asino, sus sui pulcher", dem krautig herben Geruch der Bettücher, dem fahlen Schein vom Fenster her und sogar mit den Träumen seiner Kollegin Carla, die darin einer Freundin eine harmlose persönliche Bemerkung gemacht hatte, worauf diese so betroffen war, daß Carla erwachend sogleich beschloß, dieselbe zu unterlassen, zu einem opaken Halbbewußtsein ohne jede Trennung von innen und außen. Ist dieser Unterschied dem Tagesbewußtsein immer geläufig?
Guidi hatte alles, was er über Kaspar Hauser wußte, mit auf diese Reise getragen. Es waren in den letzten Jahren so viele Bücher - vor allem von Anthroposophen - darüber erschienen, daß Guidi halb erwartete, demnächst eine gründliche Dokumentation der Beobachtungen von Hausers Friseur, reich illustriert, in den Auslagen von Knappsaft, seinem Volksdorfer Buchhändler, auftauchen zu sehen.
Jetzt reiste er mit dem Vorsatz, seinen gleichaltrigen Freund und Schamanen aus hessischen Schul- und Studientagen über das Jahr 1833, um das es ihm auf dem Ullaika-Zettel zu gehen schien, zu befragen. Über Regensburg - diesmal mit Zimmer über dem Sexclub jenseits der Brücke - und Freising ("Ich stieg auf den Domhügel und sah die Alpen und schmeckte die ätzende Nähe des Kardinals") fuhr er nach München weiter. Am zeitigen Nachmittag klingelte er an der Tür Habsburgerstr.42. Eine ruhige Gegend, U-Bahnstation in der Nähe, ein rechteckiger, braunschattiger, zugeparkter Platz inmitten der hochbrüstigen Häuser, die so total von mondänen Schwabingern belegt waren, daß es in weiter Umgebung, ja fast bis zum Maximilianeum keinen Tante-Emma-Laden mehr gab.
Guidi klingelte wiederholt, es herrschte eine Ruhe, die Läden alle in der Sommerhitze bis auf einen Spalt zugelehnt. In der riesigen Wohnung Dämmerlicht, die bekannten Kistenmöbel und noch vertraute Bücher, die alte, modrige Couch, die alten Platten, eine Jukebox, ein Flipperautomat, mehrere Katzen. Diese wähnten sich versteckt, obschon sich ihre Umrisse deutlich unter den Bettbezügen abzeichneten. So scheu - erst nach Tagen ließen sie sich sehen.
Eine Elfie, angenehm unschön, recht behend und schweigsam wie die Katzen, öffnete ihm schließlich die Tür.
"Grüß’ Gott, der Modest ist noch im Studio, komm rein!"
Ein langer Flur mit knarrenden Dielen. Elfie lacht die Katzen aus, macht Kaffee.
"Wie geht’s ihm so?"
"Er war heute in Köln, mit Filmen für’n WDR, zeigt er da vor, hernach muß er wohl noch ins Büro."
Guidi murmelt was von viel Arbeit.
"Naa, es geht, mal viel, mal gar nichts, er kann selbst einteilen. Ich bin seine Sekretärin, vor drei Jahren ist er hierhergezogen."
Sie äußert sich nicht weiter, sitzt nachdenklich rauchend neben Guidi auf der Couch, streicht sich die Strähnen aus der Stirn. Ihr Profil ist eins von denen, die einem an eins erinnern, das man im Leben noch nie gesehen hat. Starke, schwungvolle Brauen, schwarz wie das kräftige Haupthaar und das feine, welches Waden und Schienbeine tönt.
Abends trinken sie dann Rotwein, in Mengen und achtlos. Auf die alten Tage wird Sad eyed Lady of the Lowlands gehört, dann Piper at the Gates of Dawn. Gelegentlich eines Schweigens zeigt Elfie Guidi sein Bett im Bücherzimmer. Erst in den frühen Morgenstunden wird er sich draufwerfen. Da ist es wieder, das Gefühl von früher, wenn sie bei lautem Vogelgezwitscher aus dem "Schwarzen Walfisch" nach Hause gekommen waren und dann im Augenblick des Hinlegens die ganze Welt, und zwar linksherum, zu kreisen begann.
Elfie aber, ohne Kleider, ist kühl und frisch, so daß wenigstens Modest für heute sicher an ihrer Seite ankert.
Sie sind alte Kumpane, die, von der Zeit unmerklich auseinandergetrieben, sich diesmal nicht recht was zu sagen wissen. Guidi hat schon immer seinen Geist bewundert, zuerst grenzenlos, dann mit Einschränkungen. In endlosen Gesprächen, zur Nachtzeit, vormittags während des Unterrichts im Café, unterwegs, haben sie ihre gemeinsamen Überzeugungen abgesteckt und befestigt. Seine schneidende Arroganz in Verbindung mit der Unbeholfenheit des Körpers! Die rituellen Handbewegungen: Eindrehen der Haarlocken oder des Bartes, sich kreisförmig über den Bauch streichen! Modest hat sich schon früh um Stilisierung beflissen. Aber gut war er als Woyzeck, mit Bully als Tambourmajor und Christine als Marie. Unvergeßlich wird Guidi die Szene in Lieberknechts Vorgarten bleiben: Modest hatte Günter die Susanne ausgespannt, dieser kommt eines Abends hinzu, wie beide aus dem Haus treten und schlägt den Glücklicheren nieder. Modest steht wortlos auf und läßt sich noch mal schlagen, bis sein Rivale ratlos die Hände sinken läßt.
Un estasi fiammegiante
"Es könnte sich um Al’Ullaiqa handeln, ich meine, ich hätte schon davon gehört. Irgendwo im Schuf- Gebirge?
