Ullaika/mal herkommen
"Ein wenig lohnt es sich von Guidis Herkommen zu erfahren. Maso Guidi wurde kurz nach dem 2.Weltkrieg in La Sarraz im schweizerischen Kanton Waadt geboren. Es ist nicht ganz klar, ob sein Name vom Chronisten als Pseudonym ausgesucht wurde oder ob sein Großvater väterlicherseits seinerzeit aus Italien (ich glaube er war einfacher kaufmännischer Angestellter an der Mostra d’Oltremare in Neapel gewesen) auf der Suche nach besserem Auskommen - dem Glück- nach St.Gallen verschlagen worden war. Sein Vater, kurz vor Guidis Geburt ins Welschland umgezogen, hatte schon kaum noch italienisches an sich, Guidi selbst zeigte eine eher nach Norden weisende Lebenslinie. Nur ein Dutzend Lebensjahre verbrachte er in der Schweiz, schon damals eher wie ein Fremder, und doch war es -logisch- die goldene Zeit: Pompaples au Milieu du Monde: da gibt es eng zusammenstehende Bauernhäuser, aus Kalkstein aufgemauert, Eckquader, Fenstersimse und Türstürze sowie die rundbogigen Scheunentore aber aus grauem Sandstein, den Dorfplatz mit dem langgezogen rechteckigen Brunnen, das Café des Amis und die Burg mit der Mistrutsche grad auf dem Absturz ins Tal hinunter. Die steile, gewundene Straße, auf der man zum Bahnhof (Voie 1 Lausanne, Voie 2 Vallorbe) und zur Genossenschaft gelangte, die mit dem Lineal gezogene Zahnradbahn zum Oberdorf, auf deren Schienen wir uns Rappenstücke plattwalzen ließen. Die Höfe mit Remisen und Schuppen, Scheuern und Keller sind recht verwinkelt. Guidi sieht sich noch mit den Freunden Fangis spielen (die wilde Jagd durch weite Teile des Dorfes nannten sie "Napoleon"): Durch schmale Passagen zwischen hohen Steinmauern, hinter denen die Gärten versteckt lagen, ging es in dunkle Hinterhöfe, durch einen von schief in den Angeln hängenden rissigen Holztüren begrenzten stockfinsteren Flur auf die nächste Gasse hinaus, um die Schmiede herum auf die Querstraße und von da in den nächsterreichbaren Kuhstall hinein. Verboten war es nach den Regeln, sich auf die Weiden oder in die Weinberge hinaus zu flüchten.
Da waren aber vor allem die mächtigen, sorgfältig gezopften Misthaufen vor den Häusern. Am heiligen Sonntagmorgen wurde die Außenkante Forke für Forke vom Bauern weitergebaut, der Mist wurde untergeschlagen, so daß sich Rippe auf Rippe bildete, und der Duft mischte sich, streng wie in Flandern, mit dem ebenso herben der Glyzinien, deren Blütentrauben im Mai von den Fassaden hingen.
Neyret und Lipp hießen die Nachbarn oben und unten. Neyret untersetzt, rotgesichtig und stark, Lipp drahtig und braungerunzelt. Weißt du noch den Sonntagmorgen, als Neyret mit der Mistforke vor die Haustür trat, auf der Schwelle vom Schlag getroffen niederstürzte und starb? Eine der Erinnerungen, die wirklich sind, obwohl Guidi bei genauem Nachdenken nicht sicher ist, ob er es tatsächlich gesehen oder nur erzählen gehört hatte.
Die Saucisses au Choux, die er so gräßlich fand, daß er in Lipps Küche heimlich halbgekaute Bissen unter den Tisch fallen ließ! Er sieht noch die alte Bäuerin vor sich -20 Jahre später wird sie noch immer fast gleich alt aussehen -, wie sie hingekauert in Zinkeimern Schweinedärme wäscht und Blutsuppe rührt, während die Katzen, leicht angeekelt, ihre sanften Pfoten auf Kuhmist setzen, um von den weggeworfenen Innereien der Sau zu kosten.
Schließlich die weiter Umgebung, insgesamt ein Streuobstgarten der Erinnerung, zweifach vergangen, jederzeit betretbar, bis zu Geruch und Geschmack eingeprägt, gegenwärtig - einlösbar: die Hänge des Jura hinaufsteigen auf den knochigen Steinen bis zur hölzernen Kegelbahn im Nacken der Dent de Vaulion mit den nebelverschleierten enzianblauen Wiesen, an den flachen, wellblechgedeckten, tieftraurigen Alphütten vorbei immer weiter hinauf, und im Rücken niederwärts die blanke Fläche des Sees und dahinter wachsend, wachsend der ungeheure Mont Blanc und die vierundzwanzig Ältesten der Alpengipfel.
Der junge Herzog von Weimar zieht mit seinem Minister denselben Weg; weit unten im Tal überschreitet Stephan II. den Nozon bei Pompaples-derrière-la-lune, er macht Station in der versteckt liegenden Abtei von Romainmôtier, bald macht er Geschichte mit der konstantinischen Fälschung, die er zu Pippin nach Frankreich trägt.
Felder von Weizen und Wälder der Himbeeren und Türkenbundlilien. Gerade eben unter der Ackerkrume liegen die Mosaikböden römischer Villen , manche farbig eingelegt ,eines mit einem majestätischen Vogel, eine goldene Kugel in den Fängen und Flügeln von lauter Edelstein. Die Hitze des Sommers flimmert auf den Straßen, während Guidi sich in die Bauerngärten schlägt, ein paar zu Boden gefallene Walnüsse zu sammeln.
Un kilomètre à pied, ça use, ça use, un kilomètre à pied, ca use les souliers. Oder die Bise bläst ihm schneidend um die Ohren und läßt die Drachen so rasch steigen, daß er die Leine mit aller Kraft halten muß.
Unter den Schlössern erinnert Guidi besonders das quaderförmige von St.Barthélemy mit dem runden Eckturm, es beherbergte ein heilpädagogisches Heim. Frau Vachatse, das nachtfarbene, grobgestrickte Dreieckstuch um die Schultern und den gewölbten Busen gelegt, ließ ihn manchmal auf dem Esel reiten. In seinen Augen war sie gewiß zumindest eine vertriebene Gräfin. Wie hätte sie sonst wohl ihre Söhne Alexander und Basil genannt? Diese beiden, zusammen mit Guidi, Mayenfisch, Schwegler und Féat, schlugen sich Winters wie Sommers mit den Jungen des Dorfes. Nur das Nachbardorf wurde gemeinsam verspottet, besonders wegen seines Bahnhofs, der so klein war, daß er des Nachts hereingenommen wurde.
Spielen taten sie am liebsten in der verlassenen Kiesgrube mit den Loren und zerbrochenen Maschinen; für die unzähligen Königskerzen und den Sandmohn hatte wohl noch keiner von ihnen ein Auge. Sie hatten auch eine geheime Bande - den "Schwarzen Pfeil", ("ein schwarzer Pfeil/in jedes schwarze Herz!"), auch nur ein Treffen aller Mitglieder zustandezubringen war schier unmöglich, so geheim war sie. Schnitzeljagden endeten oft beim Chromlech auf der Anhöhe oder aber am Bach, dort, wo er die tief eingefressene schattige Schlaufe schlug. Unter dem Prallufer standen die Forellen, man brauchte sie nur mit der bloßen Hand zu "pflücken".
Mittwochs fuhr Guidi in die Stadt, um seine Klavierstunde zu beziehen, oder er begleitete seine Schwester zur Krankengymnastin. Im Flur roch es so seltsam, und wenn es ihm nicht gelang, den Weg des unbekannten Mädchens zu kreuzen, oder sie wenigstens durch die Glastür zu sehen, wie sie an allerlei mitleiderregenden Geräten festgebunden dasaß, war ihm fast wie traurig. Der Trolleybus, blau-weiß, fuhr die "Ewigkeitsstraße" hinunter. Der Architekt aus dem Neubauviertel, auf seiner gewaltigen Indiana mit Seitenwagen reitend, das buschige Haar völlig unter einer enganliegenden schwarzen Lederkappe verborgen, die Hakennase im Wind, überholte...
Abends mag Guidi gerne auf einem Mäuerchen am Platz sitzen, um die Beine mit dem Vieh zum Brunnen wippen zu lassen. Frau Schöpfer im Blumenkleid kehrt schweren Schrittes vom Einkauf heim. Noch später wäscht die Fee in der Quelle vor der Höhle ihre Wäsche, wenn genug Nebel im Tale lagert, die Nymphe von Orbe, Nozon und Venoge, an der Wasserscheide zwischen Nordsee und Mittelmeer, Lady Feather, ihre Silberwäsche waschend und dem verspäteten Hirtenjungen nicht zu den Menschen folgend.
Ja, dies alles hat Guidi geprägt und er hofft, dadurch die eine oder andere Hilfe zu bekommen."
