Inner city blues/vagina

09.04.2006 um 11:09 Uhr

Ullaika. 3.Kriegsnamen

von: hibou

Den ersten Hinweis erhielt Guidi nur ein paar Stunden später. Seinen Dienst hatte er für diesmal hinter sich. Wie der Mensch doch an den kleinen irdischen Freuden hängt! Samstagnachmittag vor dem freien Wochenende war so ein Moment. Er ließ sich Zeit beim Essen, stieg auch vorm Duschen ganz gemächlich aus den Kleidern, streifte die Werktagshaut ab, wusch sich mit Seife und Gesang, schnackte noch einen Augenblick auf der Diele mit Wilfried, fuhr den kurzen Weg zur Hütte per Fahrrad, schloß die Hüttentür wie immer mit dem glänzenderen der beiden Schlüssel auf - doch in völlig anderer Stimmung als die Woche hindurch - und legte sich schlafen, ohne den Wecker zu stellen

Im Einschlafen wandelten sich seine Gedanken unmerklich, entrangen sich seinem Kommando, fingen an, sich selbständig und mutwillig zu bewegen. Sie wurden Fleisch und Blut, je mehr Guidi sich aus seinem eigenen Körper entfernte, riefen Fremde herbei, mit denen sie dies und jenes beredeten, unternahmen, darstellten und erlebten - leider aber dabei oft außerhalb Guidis Reichweite gerieten - und er schlief.

Gerade an diesem Tag dachte er an John Lennon, der wohl irgendwie mit seinem Leben gespielt hatte, um auf so brutale Weise daraus entfernt zu werden. Woran hatte er gerührt? Und woran Sharon Tate? Wie muß es für einen Verstorbenen sein, wenn seine Stimme, die nicht mehr seine ist, wieder und wieder von Tonbändern und Schallplatten ertönt? Ob es ihn berührt? Vielleicht sogar stört oder schmerzt. Kann er sich davon entfernen, oder bannt es ihn ans Irdische, wie der Korken im Astloch das Sennentoggeli? Zieh den Korken heraus! Bitte, nur einmal, ganz kurz! Ich kann es nicht selbst, daß weißt du, du hast doch die drei Kreuze mit glühendem Messer darauf geritzt! So mach doch! Hab dir jetzt lange gedient, in allem. War dein, dein. Bin bleich geworden und schmal. Tu’s wenn du mich lieb hast! Und der Senn entfernt den Korken und HUI ist sie weg, endlich frei!! Ein Farbenmeer umgibt sie, während sie rasend fällt, ruckweise aufwärts, durchs Grün hindurch, welches sich von rechts unten schräg nach oben zieht. Jetzt ist sie darin, ist selbst Farbe. Körperlos, kein Magen, der beim Fallen rebelliert. Niemand fällt. Womit die Farbtöne sehen, hören? Plötzlich nach Jahren Licht Ruhe. Viele da. Innen sein. Sprechen durch mich. Hatten Namen vor der Farbgeburt. Abgeben, Haut um Haut, Hall um Hall, Fell um Fell, vollfellvornefett, Hülle um Fülle, Zwille Illumqu.

Guidi erwacht mit schlechtem Geschmack im Mund. Er spürte mit Unbehagen die Sandkörner zwischen Fußsohlen und Laken. Aus der Wärme der Decken sprang er auf, ja, er, Herrscher des Miststreuers und Bändiger der Drillmaschinen, schlüpfte in Hose und Troyer, griff nach Mantel und Mütze und machte sich auf den Weg.

Der Kies knirschte unter seinen Schritten, als er über den Vorhof der Moordiele auf die Kneipentür zuging, im Öffnen der Tür die Mütze abnahm, es war immer dieselbe Zeremonie, von schwarzen Fensterscheiben angestarrt und doch wissend, daß Benita sein Kommen schon bemerkt hatte. So wie sie das Kommen und Gehen eines jeden Kunden genauestens registrierte.

"Na, Maso, heute frei? Ein kleines Bier?"

"Ja, bitte, und Streichhölzer."

Wenn es dich noch gibt, sag, wo ich dich finde...

Guidis Zeit hier im Moordorf geht zu Ende. Noch hängt er verzweifelt daran, aber mit dem Kopf wird er gehen und niemand wird ihm dieses Jahr vom Gesicht ablesen können;

Es ist bereits dämmrig, das bißchen Licht, das durch die tiefen Wolken dringt, bleibt in der großen Kastanie auf dem Hof hängen. Benita hat ihren "Miss America"-Pullover an.

"In Erdkunde war ich gut," das ist Martin Schmidt, ein paar Hocker weiter, er zeigt ihr Boston rechts, Vancouver links, sie haut ihm gutmütig auf die Finger, "und Feuerland? Schall ick di wisen?"

"Hat mir letzt schon einer zeigen wollen, mit mir nich, nee!"

"Freies Wochenende?"

"Mhm."

"Brauchst Jolanthe, Samantha und Dolores nich füttern?"

Guidi tauscht den wackligen Hocker gegen den mit dem aufgeplatzten roten Bezug und setzt sich seitwärts ans rechte Ende des Tresens, mit dem Rücken zur Schiebetür. Sein Platz, wenn er abwartet, Auge ist und stumm ("So’n ruhiger Typ!" sagt Dieter, der Wirt, immer).

Am linken Ende steht er später, wenn er aufwacht, wenn Heike da ist oder Bärbel oder Birgit.

Aber vor allem, wenn Heike kommt.

"Um ehrlich zu sein", denkt er, "hab’ ich hier fast immer auf Heike gewartet, ein ganzes Jahr."

Benita ist geschäftig, mit ihrer Stupsnase und den hohen, vorspringenden Wangen hat sie etwas sehr tüchtiges an sich. Wenn keine Kundschaft da ist, sieht sie fern oder löst Kreuzworträtsel in den Illustrierten oder blättert nur. Oft spricht sie mit einem über die Leute im Dorf, Klatsch, aber recht gutmütig. Jan Kurve, der wieder so blau war, daß er dem Streifenwagen über die Felder zu entkommen versuchte. Benny, der seine Hose verwettete. Charly hat was angesetzt, dabei wollte er doch Schluß machen...

"Und, was haste mit Heike heute Abend vor?"

Ein glücklicher Mensch, zweifellos. Hält sich alle gut vom Leibe und möchte doch niemals ohne sie sein.. Ihre rührende Art, hübsch zu sein. Guidi denkt gut von ihr. Mit Benita gibt es keine Mißverständnisse, selbst wenn man weit nach Mitternacht mit ihr im "Delphin" ins Schwimmbecken springt.. Danach war er allerdings doch baff gewesen, und ratlos vor allem, als sie aus dem Haus auf die Straße rannte, und er mit ihren Klamotten hinterher...

Jetzt bei ihrer letzten Bemerkung fällt ihm der Vormittag ein und der komische Zettel.

"Schon mal von Ullaika gehört?"

"Wie bitte", schrill, "nö, die kenn’ ich nicht", sie bringt Martin das nächste Bier, "ne Kartoffelsorte? S’ gab mal ne Ulrike in der einen Wohngemeinschaft vorne in Bornreihe, aber die ist lange weg..."

"Ich weiß nicht, ob Ullaika ein Mädchen ist -.."

"Wieso? Wäre gar nicht schlecht als Name!"

Sie unterhalten sich über ihre bevorzugten Namen, verrückte und weniger verrückte, kommen bald auf die typischen Familiennamen der Gegend, die Brünjes, Stelljes, Lütjen, Tietjen, Bohling, Schnakenberg, Flathmann und Böttjer zu sprechen, und wie völlig normal es ist, daß jeder aber auch jeder seinen Spitznamen, oft blumig ausgeschmückt, oft eine halbe Geschichte, hat. Wie die Kriegsnamen der Indianer, denkt Benita. *) Jetzt kommt Dieter reingeschlichen, verplätteten Gesichts ("fühle mich wie ein Schellfisch"), und macht die Sportschau an.

Drüben am Fenster haben sich Charly und Camacho zum Schachspielen hingesetzt.

"Wer Anita sagt, muß auch Benita sagen!" Martin regt sich wieder. Charly rochiert. Guidi blickt zerstreut auf den weißen Turm, da sieht er es plötzlich: Eine ungeheure, blendendhelle Siedlung, wie tausend Santorins, auf steilen Hügeln. Er nähert sich ihr Fuß vor Fuß. Noch geht er durch Vorstadt-Slums. Schlammige Wege, tiefe Wagenradfurchen, Unrat, gesäumt von kubischen, fensterlosen Bretterbuden, aus denen streitende Stimmen in einer unbekannten Sprache ertönen. Doch ge

genüber, hoch über dem Mülltal die Stadt, DIE STADT, ein Schwindelgefühl und ein immer stärkeres Benommensein. Er hat Athen gesehen und Pitigliano und Orvieto, doch das ist unvergleichlich viel größer und unwirklicher, vor allem jetzt, wo er vorsichtig hangelnd auf dem Talgrund angekommen, vor dem Bab-es-Schams steht. Nach kaum ein paar Minuten vermißt er im Gewimmel eines Platzes mit Stufen, Brunnen, Hufeisenbögen seine gesamte Barschaft und dazu Reisepaß und die anderen Papiere..

"Trink aus! Ist dir nicht gut?"

"Das Labyrinth ist...zugleich der Kosmos, die Welt, das Leben des einzelnen, der Tempel, die Stadt, der Mensch, der Schoß, die Eingeweide der Mutter Erde, die Windungen des Hirns, das Bewußtsein, das Herz, die Pilgerfahrt, die Reise und der Weg."

Demnach mußte es sich um einen festen Ort mit Namen Ullaika oder so ähnlich handeln, eine Siedlung oder Burg.

"Trink noch einen mit!"

"Jo," gutmütig, "Prost, auf alle Reisenden!"

"Du warst wohl eben wieder mal weit weg?"

 

*) Edu von der Post (Benita, du bist ein Königskind!)

Benny, schlaksig

Rita, die nach Oklahoma geheiratet hat

Radau-Kück

Hannes, der Milchkontrolleur

Susanne, mit Manni verlobt (hat auch was angesetzt)

Gemüse-Mariechen (...muß man großhacken!)

die drei Frauen im Wurzelkeller

Bärbel Tacke, sucht Arbeit (Eifersucht: sie hat mit Brase einen gezischt)

Klaus, der Schönste im Dorf. Wenn er getrunken hat, spricht er nicht mehr

Thea, Hinnis Frau

Fidi: wo ist Johann?

Dragomir, der Kaninchenzüchter

Mao und Kongo, Geldbeutel verloren

Irmgard, Frau des Hundes

Cylax, Opfer des Hundes

Norbert, der Hund

Brigitte Bornreihe auf dem Miststreuer

Jan Kurve, Thido und der schwatte Dierk

Korea und Knolle

Schorse und seine Rottweiler

Little

Jan, der Flankengott

"Schneidsie" und Marion, die Bratkartoffeln mag

Luey aus Wallhöfen und Thailand, "Knack und Back!"

Charly, von Hannah getrennt

Hannah, von Charly getrennt

Wilfried ist nicht da, Günther ist nicht da, küß mich!!

Chrisby, Vater von Susannes Sohn

Skippy, Viehhändler und schlechter Mensch

Egon und Bienchen

Heike Düwel aus Himmelpforten...


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