Inner city blues/vagina

06.04.2006 um 09:57 Uhr

ein langer erzähltext: Ullaika. 1. teufelsmoor

von: hibou

Guidi, 1.Kapitel: Phönix

"Böse Geister können, wie jedermann weiß, nur in gerader Linie fliegen."

Kürzlich erinnerte sich Guidi, wie er eine Zeitlang jeden Sonnabend früh über Land fuhr, meist drei bis vier Schweine hinter sich im Hänger, die er alsbald beim Schlachter abzuliefern hatte. Vor der Abfahrt galt es, sich zu vergewissern, ob alle Wannen und Kisten, die Wurstgläser und die Hölzer hinten im Kombi lagen, und auch, sich eine Zigarette für unterwegs zu drehen. Vorsichtig über das holprige Pflaster des Hofes anfahrend, bog Guidi links in die schmale, gerade Straße ein, an der all die Häuser des Dorfes, den mageren, abgetorften Weiden und dem verlandeten Graben gegenüber lagen. Und ja nicht zu schnell fahren, mein Lieber, um, Malaika im Ohr an Postels Gasthaus vorbei in die Weite des Moors hinauszukommen und den glücklichen Augenblick zu verlängern, über die Hamme durch morgenlichtgetränkten Dunst schließlich die langgezogene Rechtskurve nach Karlshöven hinein bereits die enge Einfahrt zu Seiferts Hinterhof zu erwischen!

Komm mit mir, meine Braut vom Libanon,

tritt her von der Höhe Amana,

von der Höhe Senir und Hermon,

von den Wohnungen der Löwen, von den Bergen der Leoparden!

Günther S. ist im Unterschied zu seiner Frau Lily, der resoluten Gemeindeschwester, eine massige Erscheinung, ebenso rot- wie dünnhäutig, sein Gesicht sieht, wenn er in Lederjacke und Sturzhelm auf seiner schweren BMW sitzt, noch säuglingshafter als bei der Arbeit aus. Guidi versteht nicht viel von Motorrädern, sieht aber, daß es eine nagelneue, starke Maschine ist. S. behandelt sie wie einen Roller, wie ein Trottinett, wie ein "Budirad- Brenshen"

Er schlachtet an Wochenenden fast rund um die Uhr. Abgespannt und reizbar sieht er heute aus. Guidi überlegt, wodurch ein Berliner wohl in diese Weltecke verschlagen wird? (und wohin hat es denn dich verschlagen?) und bleibt für die Zeit des Ausladens in diesen Gedankengängen hängen, während er mechanisch und zügig seinen Teil der Arbeit tut. (Wenn seine Schweine diesen Gang tun, ist er selbst oft wohlüberlegt in leichter Trance, jedesmal fällt ihm hinterher ein, daß er sie schließlich nicht einmal mehr angekuckt hat).

    1. Den Hänger rückwärts an die Hoftür bugsieren.
    2. Klappe senken, Seitengitter anlegen.
    3. Ruhig in den Hänger steigen, sanft auf die Schweine einreden, tätscheln, mit den Knien nachschieben, die widerspenstigen an Schwanz und Hinterbeinen hochheben und unter Aufbietung aller Kraft die Schräge herunterdrängen, während S. in seiner lachsroten Gummischürze vor Ungeduld zu brüllen beginnt, was nachgerade nichts erleichtert.
    4. Wenn alle vier in ihren Boxen sind die Klappe hochwuchten, die verstreuten Strohbüschel aufsammeln.
    5. Wagen und Hänger wenden und zum Vordereingang fahren.
    6. Die Wannen, Hölzer, Wurstgläser, die Eier und Zwiebeln ins Haus tragen.
    7. Die Schinken und Speckschwarten vom letzten Mal, die mit dem großen blauen L markierten, hinausschleppen und einladen. Auch die Mettwurst. Lily achtet drauf, daß nichts vergessen geht.

Da hat man sie nun bei ihrer Geburt beobachtet, sie vorm Zerquetschtwerden bewahrt, infrarotgewärmt, gefüttert ausgemistet eingefangen kastriert beringt, Mann, haben die mich dabei an die Buchtenwände geknallt!! ins Kleegras gebracht getränkt gefüttert eingefangen gepflegt getreten gehaßt für ihren Lärm, gewogen und nicht für zu leicht befunden, hierhergebracht, na!

S. bietet Bier und Zigarette an. Sie stehen in der gekachelten, obenhin grüngestrichenen Diele. Rechts eine niedrige Holzbank, die nie benutzt wird, links Tischplatten, Wannen, fahrbare Gestelle, wo die Würste, Mettwürste etc. aufgehängt werden können. Darunter Plastikfässer mit Salz, Traubenzucker, Konservierungsmitteln. Noch hatte er die Auseinandersetzung um den Salzgehalt nicht überwunden.

"Weißt du, ihr habt ja gute Schweine, schönes Fleisch. Ich würde euch sooo ne Wurst draus machen! Aber ich darf ja nicht!"

"Mhm"

"Wieviele sind noch nach?"

"Ich glaube...-"

Guidi zählt innerlich nach, sieht dabei die Buchten und den Futtergang, die Molkeeimer, den Kartoffelkocher (der eine alte Waschmaschine ist), den schwärzlich gesprenkelten Boden und die frischen Flecken grünen Kleegrases vor sich...

"22, nein, noch 23, ja."

Ein paar Minuten geht das Gespräch so dahin, von S. mit lauter, herausfordernder Poltrigkeit geführt, Guidi wie oft zögernd, horchend, ablenkend. Ihm wird der unterschied von Brühwurst, Kochwurst, Rotwurst erklärt. Er fragt nach den Einflüssen von Klima und Landschaft auf die Reifung des Schinkens? Der von San Daniele zum Beispiel?. Jahhh, der sei luftgetrocknet! Zutaten und Abschmeckungen, alles recht flüchtig, während Lily räumt und rumort.

Und nach fünfhundert Jahren fliegt er in die Wälder des Libanon und füllt seine Flügel mit Gewürzen.

Daß sich von all den Sonnabendmorgenfahrten just die eine heraushob, lag an einer Bewegung von Guidis linker Hand, die in die Tasche des Blaumannes fuhr und mit einem ziemlich schmierigen und zerfalteten Zettel wieder herauskam. Guidis Eingebung, an der Hauswand lehnend, den Rauch seiner Zigarette einziehend zu lesen und wahrzunehmen, bewirkte, daß diese Geschichte ihren Lauf nahm. Wieviele andere unerzählt bleiben, wer es wüßte!

Auf dem entfalteten Papierchen las er 1984, 1256, 728, AJJUMKU, Ullaiqa. Daneben, und das erkannte er wieder, hatte er selbst hingeschrieben: Halo, tkg erkundigen, Raiffeisen.

Wie seltsam. Guidi glaubte nicht an Zufall, ging aber gerne Zufällen nach. So begann diese Geschichte.


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