Ein Wimpernschlag
Jetzt ist es auch egal. Am Dienstag bin
ich hier raus und bisher hatte mich das gegruselt, aber jetzt wo
Karlchen nicht mehr hier ist...Wie sehr hatte ich mich gefürchtet
vor diesem Tag. Wochen im Vorraus schon und viel zu schnell war er
da.
„12 Wochen – ein ganzes Leben.“ Das sind die Worte
unserer Oberärztin/Therapeutin. So siehts aus. Hier wird ein
Leben auf 12 Wochen komprimiert. "Ein Wimpernschlag." Seine Worte. Das ein Mensch nach dieser kurzen
Zeit solche Spuren zu hinterlassen vermag...
Du warst der Erste, den ich hier gesehen hab. Und so schnell warst du derjenige mit dem mich am meisten verband. Es war so einfach mit dir zusammen zu sein. Und so kompliziert. Wie oft musste ich mit meinem inneren Giftzwerg verhandeln, um dir zu vertrauen. Und ich würde es immer wieder so machen. Genau so.
Dass du mich gefragt hast, ob ich mit zum Auto komme... Das hat mir so viel bedeutet. Wie du mich verabschiedet hast und all deine lieben Worte...
„Es ist nicht in Ordnung, ok. Aber mehr ist es doch nicht, oder?“
Ich hätte dir auf diese Frage so viele Antworten geben können. „Doch, ich will hier nicht ohne dich sein! Ich will jeden Tag schon vorher wissen, wann du um die Ecke biegst, weil deine Schuhe durchs ganze Haus quietschen! Ich will hinter dir laufen, einfach um an dir Schnuppern zu können! Ich will dir gegenübersitzen und dein schiefes Grinsen sehen! Und vor allem, ganz unbedingt, will ich jeden Abend mit dir Stundenlang in der Kälte sitzen, rauchen und über alles und nichts und die Welt reden können!“
Nachdem du weg warst habe ich den ganzen Tag nur noch geheult. Am nächsten Tag nur noch hin und wieder. Heute hat mich die Lethargie eingeholt. Die Leere hat mich wieder.
„Ihr Gehirn funktioniert super!“ Das zumindest meint mein Therapeut. Schön. Ich mag ihn. Wirklich! Aber dieses eine Mal muss ich ihm widersprechen. Mag sein, dass, würde sich mein üblicher Abwehrmechanismus hier nicht einklinken, einige Schmerzen mich erwarten würden. Aber dieser Schmerz ist geboren aus Zuneigung und ich bin mir sicher, dass ich damit umgehen könnte. Ich würde das sogar sehr gern. Aber mein Hirn ist da wohl anderer Meinung...
Drei Tage, dann bin ich wieder zuhaus. Trotz all der Angst, welche mein künftiges Leben bereithält, ich freue mich, dann wieder in deiner Nähe zu sein. Ich hoffe, du hast bald Zeit für mich. Und wenn nicht, dann sehen wir uns spätestens auf dem Olymp! ;)


