indalo

25.07.2011 um 19:05 Uhr

Grünes Licht

von: indalo

Die Reise geht weiter, jeden Tag. Die Eindrücke überrennen mich, manches vergesse ich schon eh ich zu Stift und Papier greifen kann. Viele Sätze beginnen mit: „Ich möchte festhalten, dass…“ Denn es sind keine Berichte mehr, keine Erzählungen, nein, im Grunde halte ich fast stichpunktartig meine Erfahrungen fest. Mehr Zeit hab ich nicht, und ich hab viel Zeit im Zug. Doch es sind eben noch mehr Eindrücke als ich Zeit habe.

So stand ich heute Morgen um drei Uhr morgens irgendwo auf einem Bahnhof. Ein paar Menschen des Landes liefen rum, keiner einer Fremdsprache mächtig, ja nicht einmal Zeichensprache halt weiter. Womit ich nicht Gebärdensprache meine, sondern auf die Uhr tippen und sonstiges gestikulieren. Nichts half. Warum ich mir überhaupt die Mühe machte? Ich stieg abends in einen Zug, der mich an mein Ziel bringen sollte. Der werte Schaffner, der mein Ziel auf der Fahrkarte lesen konnte, informierte mich jedoch nicht darüber, dass ich im falschen Waggon saß. Der Zug wurde irgendwo unterwegs geteilt, mein Waggon fuhr woanders hin. Wäre es nicht seine Aufgabe gewesen, mich darauf hinzuweisen? Zumal er mich noch mal bestätigen ließ, ob dies die Strecke ist, die ich fahren möchte. Nun denn, durch vieles Nachfragen erfuhr ich davon und setzte mich um. Nein, ich war nicht deswegen in diesem Nirgendwo gestrandet. Denn ich war gestrandet. Außer mir waren noch eine handvoll anderer Leute da und unser Waggon. Das war’s. Kein weiterer Waggon, keine Lokomotive, nichts. Wir wurden abgekoppelt. Es ist schon ein schräger Moment, wenn man sich umdreht und plötzlich auf Schienen guckt. So standen wir da, eine Stunde, zwei Stunden, vielleicht waren es sogar drei Stunden. Keiner weiß das so genau. Oder doch, wir einigten uns am Ende darauf, dass es drei Stunden waren. Im Nirgendwo. Und ich kann festhalten (da ist es wieder), dass ich einer der entspanntesten Menschen bin, die ich kenne. Denn das störte mich alles so gar nicht. Vielleicht hängt es mit meinem Schutzengel zusammen? Mit dem Schicksal, dass über mich wacht? Mit meinem Dasein als Glückskind?

Am Tag zuvor versuchte ich einen Bus zu kriegen – Züge gab es komischerweise gar nicht mehr. Andere Länder, andere Sitten. Ich war viel zu früh am Bahnhof, musste jedoch feststellen, dass mir das überhaupt nichts nutzte. Der Bus ist voll, hieß es. Am nächsten Tag zur selben Zeit fährt der nächste. Nein! Das kann nicht sein. Ich blieb geduldig stehen, wartete, bis alle eine Fahrkarte hatten. Dann wurden Plätze versteigert. Leute, die hinter mir in der Reihe standen, wurden vorgezogen. Immer noch nichts von Panik zu merken. Als ich dann dran war, bzw. schon längst vorher, machte ich meinem Landsmann klar, dass ich auch auf dem Boden sitze. Ich wollte einfach nur noch raus aus dem Land. Er textete also den Mann zu, ich habe keine Ahnung was er sagte, aber auf einmal drehte er sich grinsend zu mir und meinte: „You are in.“ Ich spürte nicht einmal große Erleichterung, aber ein großes Grinsen machte sich schon breit. Ich hatte den Platz neben dem Busfahrer ergattert. Ein Platz, der in Deutschland nicht vergeben wird. Andere Länder, andere Sitten.
Und ich habe es nur der letzten Ampel zu verdanken, dass wir vor der Person hinter mir in der Schlange standen. Nur dieser einen Ampel, die wir magisch auf grün wechseln ließen.

Grünes Licht, ich reise weiter. Endlich wieder gen Norden, wo die Tage nicht mehr so schweißtreibend sein dürften. Endlich wieder – so hoffe ich – ein bisschen mehr Hoffnung auf Verständigung. Denn manche Menschen stellen sich wohl absichtlich doof. Nunja.

21.07.2011 um 19:41 Uhr

Es ist sein Geburtstag

von: indalo

…und ich hatte keine Ahnung. Noch gestern überlegte ich, ob gestern oder heute irgendwas ist. Aber mir fiel nichts ein. Und damit könnt es auch nicht zusammenhängen, denn ich wusste nie, wann sein Geburtstag ist.

Heute Morgen hieß es: „Wir können uns mit ihr zum Kaffee treffen.“ Was? Wie? Wo? Sie ist in der Stadt? Aber sicher. Okay, ich weiß von nichts. Und dann stand sie plötzlich vor mir. Eine Frau, die ich vor vielen Jahren kennen gelernt habe und seit dem nicht mehr gesprochen habe. Genau wie ihn. Doch, warte, mit ihm hab ich einmal zwischendurch telefoniert. Ansonsten gab’s die ein oder andere Email, nicht oft, nicht viel. Meist wusste ich gar nicht wo er war und er wusste im Grunde nie, wo ich mich gerade rumtrieb. Wir hielten uns gewiss nicht auf dem Laufenden. Doch dann sahen wir uns um ein Uhr morgens mitten in dieser riesigen Stadt und es tauchte dieses Lächeln auf. Ich liebe sein Lächeln. Wie damals sehe ich aus, sagte er. Na, aber verändert hat er sich auch nicht, höchstens gewachsen könnte er sein. Doch das trifft in dem Alter eigentlich nicht mehr zu. Nein, nein, er ist noch genauso umwerfend wie damals. Und dieses Lächeln :-)

So trabten wir heute durch die ganze Stadt. Zu Fuß. Juhu, noch jemand, der nicht ständig Bus fährt. Es war herrlich, auch wenn es viiiel zu heiß für mich war. Wir quatschten einfach drauf los, der totale Sprachmix. Wir können jeder nur ne handvoll Wörter aus der Sprachen des anderen, dafür sprechen wir aber mindestens zwei gleiche Fremdsprachen. Wenn auch keineswegs gut, so kann man sich aber trotzdem mit vielem helfen. Es ist schön, so natürlich miteinander umzugehen. Ich fühle mich wohl, jede Sekunde des Tages.

Doch welch Zufall ist es, dass ich von den vielen Tagen im Jahr gerade an seinem Geburtstag bei ihm vor der Tür stehe? Einfach so?

20.07.2011 um 18:36 Uhr

Sprachloses Treiben

von: indalo

Unter Sternenhimmel liegen und der Trommelmusik lauschen ist ein wahrer Genuss. Genauso wie der Sonnenuntergang auf offener See, oder der Aufgang über dem Berg. Ich weiß gar nicht, was der schönste Moment der letzten Nacht gewesen ist, ich weiß nur, dass ich so viele Glücksgefühle wie möglich aufgesaugt habe.

Auf meiner Reise habe ich schon so viel gelernt, dass ich fürchte, fortwährend irgendwas zu vergessen. Ich habe der Musik der verschiedensten Nationen gelauscht, mir berühmte Orte Europas angesehen und sehr interessante Menschen getroffen. Oftmals habe ich erlebt, wie Musik schön machen kann. Mit jedem weiteren Lied gewann die Person neben mir an Schönheit, mit jedem betrunkenen Gegröle verlor manch einer aber auch an dieser.

Ich lass mich treiben, nicht nur auf dem Wasser. Von Stadt zu Stadt, von Ort zu Ort. Nicht so spontan wie das jetzt klingen mag, aber doch hat es was von treiben lassen. Mir wurde unterwegs von bestimmten Orten abgeraten, doch ich entschied, trotzdem hinzufahren und mir eine eigene Meinung zu bilden. Ich solle aufpassen, hieß es. Kein Problem, das tue ich doch immer. Doch wenn mir der einzige Einwohner jener Stadt vor dem Verlassen des Hauses erklärt, wie ich mich im richtigen Dialekt zur Wehr setzen kann, frage ich mich doch, was an den Gerüchten dran ist. Mulmig war mir zu keinem Moment, doch ich war wachsamer als in anderen Straßen. Sicher ist sicher. Und eins hab ich ganz sicher im Stiefel gelernt: Wenn du eine Straße überqueren willst, musst du vehement drauf loslaufen. Sonst hat man weder bei Zebrastreifen, noch bei ner Ampel eine Chance. Und wenn du dein Auto liebst, fahre damit nie nach Italien!

So genieße ich jeden Tag, schlage mich mal in dieser, mal in jener Sprache durch. Treffe mich mal mit Mann, mal mit Frau, und letztlich alles mit bis zu vierzig Jahren Unterschied. Ich bin flexibel und offen, nicht einmal eine gemeinsame Sprache müssen wir beherrschen. Die Sprache der Gastfreundschaft und Offenheit reicht schon aus.

17.07.2011 um 19:58 Uhr

Meine letzte Woche

von: indalo

Letztes Wochenende hab ich gelernt, wie man aus ner Bierdose und ein paar Olivenkernen ne Rassel herstellt, Montag bin ich in den Fluss einer Hauptstadt gespungen und hab mich treiben lassen, Dienstag gab's Schoggi-Fondue in der Naehe des Loewendenkmals, Mittwoch stand ich vor dem bisher beeindruckendsten Dom, den ich gesehen habe, und habe festgestellt, dass es wirklich Menschen mit sechs Zehen gibt, Donnerstag war ich in der orangesten Stadt, die mir begegnet ist, Freitag gondelte man unter mir durch die Gegend, gestern sah ich ne Hochzeit auf nem Berg, auf der die Leute mit Jeans rumliefen und sich niemand sicher war, wer denn eigentlich der Braeutigam ist und heute hab ich mir die Fuesse in der naechsten Hauptstadt wundgelaufen. Ich glaube man kann sagen, dass ich eine sehr aufregende Zeit hinter mir habe und bin mir sicher, dass es so weitergeht. Das einzig bloede ist, dass ich mir heute nen Sonnenbrand zugezogen habe. Einen, der nicht am naechsten Tag verschwunden ist, aber wenigstens auch keinen, der schmerzt.

Ich geniesse jeden Tag auf seine Art. Schlafe mal eine, mal zwei Naechte an einem Ort und geniesse die Spontaneitaet meines Alltags. Wenn ich meinem neuesten Gastgeber oder seinen Freunden aufzaehlen soll, wo ich schon ueberall gewesen bin, vergesse ich den ein oder anderen Ort gelegentlich. Ich habe schon so viel gesehen, dass ich mir langsam doch Gedanken darueber mache, am Ende nicht mehr zu wissen, wann ich wo mit wem gewesen bin. Aufregend ist jeder Augenblick, kein Tag ist wie ein anderer. Und schon jetzt sieht es schwer danach aus, dass ich nach meiner Reise erst einmal Urlaub brauche. (Fast) Jeden Tag in einer anderen Stadt, meist sogar in einem anderen Land aufzuwachen ist anstrengend, doch interessanterweise wundere ich mich nie darueber, wo ich bin. Es ist okay und normal, woanders zu sein.

Und wenn man bedenkt, wieviel Geld ich bisher ausgegeben habe, dann ist das hier alles echt geschenkt. Wieder einmal heisst es: Ich bin ein verdammt gluecklicher Mensch.

09.07.2011 um 01:40 Uhr

homo verfolgt mich - oder ich verfolge homo?

von: indalo

In meinem Leben hab ich schon viel erlebt. Ich weiß aber auch, dass ich ne ganze Menge noch nicht erlebt habe. Von dieser Menge wiederum kenn ich einige Dinge, die ich noch nicht erlebt habe und vielleicht auch nie tun werde, aber es gibt sicherlich auch hier einen Teil, den ich mir gar nicht vorstellen kann. Auf meiner aktuellen Reise war mir klar, dass mir Dinge begegnen werden, die ich bisher nicht kannte, womöglich sogar Dinge, an die ich gar nicht dachte. Aber eins weiß ich: Ich ging in meinen kühnsten Träumen nicht davon aus, am zweiten Abend von ner Frau geküsst zu werden.

Als ich gestern aufbrach und in Amsterdam ankam, überforderte mich die Regenbogenflagge, die ich an der ersten Ecke sah. Es war nicht die einzige, nein, es ging so weiter. Himmel ist diese Stadt homo. Die Leute, die mir entgegen kamen versuchten nicht einmal, das zu verstecken. Ich war… fasziniert. Schön und gut, das ist also Amsterdam. Ob Cora deswegen singen „Komm, wir fahr’n nach Amsterdam“? Möglich. Dass ich aber in der zweiten Stadt meiner Wahl von der größten Sehenswürdigkeit in eine der vielen Seitenstraßen biege und mir fünf Regenbogenfahnen entgegen wehen, brachte mein Weltkonzept dann doch durcheinander. Wo bin ich hier gelandet? Und warum ist das in Deutschland so anders?
Auch hier ließ ich es mir nicht nehmen, einen der werten Herren über die allgemeine Gemütslage zu interviewen. Er zeigte sich schon etwas zurückhaltender als der Mann aus Amsterdam. Hier scheint es eher ein Viertel zu sein. Dennoch.

Soweit versuchte ich also meine Eindrücke zu verarbeiten und schlenderte weiter. Mein lieber Gastgeber für die Nacht entführte mich zu den wilden Gänsen, wo ich auf Kosten von Levi’s aß und trank. Es war ne gesellige Runde, nur irgendwie wollen die Leute immer auf die Tanzfläche. Ist ja nicht so meins. Drei Herren versagten dabei, mich zu überreden, die Frau gewann mit ihrer Zugkraft. Und plötzlich küsste sie mich. Nicht einmal, nicht kurz, nein, mehrmals lang. Danach erzählte sie mir, sie sei verheiratet. Natürlich mit nem Mann. Öhm, okay. Ich möchte festhalten, dass ich das vorher weder wusste noch ahnte und gewiss nicht mit ihr geflirtet habe.

“You are a good kisser.“ Versicherten mir wenige Minuten später zwei Herren in nem Taxi. Aha, und woher wollt ihr das wissen? “Das konnt man sehen.”

07.07.2011 um 20:25 Uhr

Amsterdam, der erste Halt

von: indalo

Morgens halb zehn in Deutschland, ich breche auf. Mein Rucksack ist voll gepackt, ich hab bestimmt irgendwas vergessen, aber immerhin hab ich Kühlschrank und Gefrierbox vom Strom genommen. Das macht schon was aus. Ansonsten denke ich einfach nicht weiter darüber nach. Unsere Welt ist so komisch, so klein, so groß, dass ich wenige Stunden später in einem anderen Land bin und es kaum merke. Im Zug sitzend passierte ich die Grenze und merkte dies erst, als ausländisches Personal herumlief. Also, inländisches, aber eben nicht mehr deutsches.

Vor etwas mehr als nem halben Jahr wurde der Gedanke geboren, diesen Sommer durch Europa zu reisen. Vor einigen Wochen wurde der Zeitraum festgesetzt und heute bin ich losgefahren. Meine Gedanken sind nicht richtig bei der Sache gewesen, es war alles so weit weg. Jetzt ist es das immer noch, doch eigentlich bin ich weg. Der Gedanke, dass ich nächste Woche in Italien bin, irritiert mich womöglich mehr als meine Umgebung. Für mich ist das neu, auch wenn es scih so alt anfühlt. So gewohnt, so normal.

Auf den Schienen bin ich zu Hause, zumindest für die nächsten Wochen. Und es geht mir gut dabei. Immer mal wieder war ich ein wenig gespannt, und irgendwo bin ich es immer noch, doch schon jetzt, nach nicht mal zwölf Stunden, hat sich die Fahrt gelohnt. Ich bin hier in einer Stadt, in der ich mich wohl fühle. Heute Morgen hatte ich noch keine Ahnung, wo ich die Nacht verbringen würde und nun sitze ich auf einer Couch in Amsterdam.

Wo genau ich eigentlich bin, das weiß ich wahrlich nicht. Doch das ist nicht wichtig. Weder die Adresse, noch der Stadtteil. Wichtig ist, dass ich heute auf den Pflastersteinen einer Brücke gesessen habe und die Luft um mich herum einatmete. Es war herrlich, es war so ruhig und doch so nah dem Zentrum. Ich fühlte mich wohl dort, nicht einmal die gelegentlichen Regentropfen konnten etwas daran ändern. Besonders amüsiert haben mich die Leute, die sich über mich amüsierten und womöglich darüber nachdachten, was ich da eigentlich tue. „Nichts“ wäre meine spontane Antwort. Doch das stimmt nicht, denn ich tat etwas. Sitzen. Denken. Genießen.

Und so soll’s jetzt weitergehen, ganz entspannt. Der Anfang ist gemacht.
Soweit also mein erster Eindruck, auch wenn noch so vieles fehlt.

04.07.2011 um 20:26 Uhr

Ich nehm alles (mit)

von: indalo

Heute war wieder einer dieser Tage. So verwunderlich und doch bin ich nicht verwundert.

Vor mir stand ein vierzehnjähriger Junge mit ner Flasche Wodka in der Hand. Was soll man dazu sagen? Was soll ich zu diesem Tag insgesamt sagen? Ich bin sprachlos. Mal mehr, mal weniger. Ich rege mich auf. Mal mehr, mal weniger. Doch diesmal erschüttert es mich nicht in den Grundfesten. Nicht wie letztes Mal, als ich völlig gelähmt da saß, als die Kinder um mich herum mit Messern spielten. Nein, diesmal war ich nicht so geschockt, nicht so gelähmt, nicht so… überfordert. Diesmal handelte ich. Oh ja. Diesmal folgen direkte Konsequenzen. Zeitnah. Sofort. Der Vater war keine zehn Minuten später auf dem Weg dorthin.

Als ich heute Morgen aufwachte, gingen mir tausend Dinge durch den Kopf. Ich träumte davon zu verschlafen, ich träumte davon, nachmittags zu spät zu kommen, ich träumte von zu vielen realen Personen. Ich drückte auf die Schlummertaste, habe sie scheinbar nicht richtig erwischt und bin noch mal eingeschlafen um viel zu spät aufzuwachen. Trotzdem schaffte ich es pünktlich. Was der Tag mit sich bringen sollte, was mir eigentlich bewusst, aber an den Alkohol hatte ich nicht einmal im Traum gedacht. Es ist wie es ist, ich nehme es hin und handele. Doch ab und zu, ganz gelegentlich, frage ich mich, wieso immer ich? Wieso passiert mir ständig so was? Wieso stehen Kollegen neben mir und meinen „Das hab ich in meinem ganzen Berufsleben noch nicht erlebt.“? „Da möchte ich doch einfach mal fragen, wie viele Jahre dieses Berufsleben umfasst. Nur so grob, mich würde interessieren, mit welchem Maßstab ich mich hier messen muss.“ – „Na, so fünfzehn Jahre.“ Aha? Ich erlebe etwas in weniger als fünf Monaten, was anderen nicht einmal in fünfzehn Jahren begegnet? Und das ist nur ein ganz kleiner Teil. Das ist nur heute, genau genommen heute Vormittag. Von meiner nachmittäglichen Beschäftigung wollen wir gar nicht reden, da hätten wir nur ein weiteres Beispiel für etwas, das andere in vielen Berufsjahren noch nicht mitgemacht haben, ich aber schon jetzt machen muss. Ich weiß nicht, wieso, ich weiß nur, dass es so ist. Ich nehme einfach alles mit. Ich lasse nichts aus. Ich bin überall dabei. Und bei vielen Dingen ist es nicht meine Entscheidung gewesen. Es ist einfach so. Ich bin so. Und wenn ich mir überlege, wie der Vormittag verlief, dann ist es kein Zufall, dann liegt es wirklich an mir.

“Die benehmen sich wie auf Droge.“ – „Meinst du?“ – „Ja, guck dir das doch mal an.“ – „Stimmt, hast Recht.“ – „Naja, ich hab mir mal sagen lassen, dass man rote Augen kriegt, wenn man auf Drogen ist.“ – „Von Alkohol gibt es keine roten Augen.“ – „Ich weiß, das wollte ich damit sagen. Wenn, dann haben wir es nicht mit Drogen im härteren Sinne, sondern mit Alkohol zu tun.“ – „Genau.“
Nach einer ernsten Unterhaltung mit diesem Inhalt gibt es für mich nur eine logische Konsequenz: Die zu beobachten. Man hat einen Verdacht geäußert, man ist sich darüber einig, man sagt es nicht im Spaß. Dann ist es doch wohl die Aufgabe eines normalen Bürgers, diese minderjährigen Kinder zu beobachten und dafür zu sorgen, dass sie nicht noch mehr Dummheiten machen. Doch was tun andere? Wegschauen. Denn das ist es, was mein Gesprächspartner tat. Ich hingegen beobachtete und so kam es dazu, dass sie überführt werden konnten und somit auch Konsequenzen folgten. Doch wieso tun das andere nicht? Wegschauen… welch Unsitte.

“Hey, ich hab gehört, du hast jemanden mit Alkohol erwischt.“ hieß es ein paar Stunden später. Nein, nicht in meine Richtung. Stattdessen reagierte jener Kollege, der nicht in der Lage war zu beobachten, mit stolz geschwellter Brust. Immerhin behielt er den Namen des Überführten für sich, trotz neugieriger Nachfragen. Das rechne ich ihm an, aber ansonsten gilt diese Bewunderung mir. Denn ich habe dafür gesorgt, dass er erkennt, dass er was falsches macht. Dass er weiß, dass er nicht allein ist und man sich mit ihm beschäftigt. Ich bin es gewesen. Mal wieder.