indalo

31.10.2012 um 16:31 Uhr

The golden boy

von: indalo

Gestern fühlte ich mich wie der Goldjunge. Im Deutschen klingt das aber nicht nach dem, was ich damit assoziiere. Oder vielleicht doch. Jedenfalls ging mir immer wieder der Satz „I’m the golden boy“ durch den Kopf. Ja, ich fühl mich gut und fliege ein paar Meter über dem Boden.

Alles ist toll. Und was nicht toll ist, geht unter. So einfach. Mein Leben läuft rund. Mein Job macht mir immer noch wahnsinnig Spaß und ich werde immer zufriedener mit mir selbst. Ich glaube, dass ich gut für diesen Beruf bin, es gab aber noch viel Verbesserungspotential. Es gibt immer noch Verbesserungspotential, das wird es auch immer geben, aber ich komme dem näher, womit ich mich wirklich gut fühle. Vor allem in Kombination mit meinem Privatleben. Ich fange an, meinen Schreibtisch als Schreibtisch nutzen. Ich schaffe es, aus dem Bett zu fallen und mich an den Schreibtisch zu setzen, statt erst den PC anzuschalten und online zu gehen, bis ich sowieso wieder hängen bleibe und erst loslege, wenn ich wirklich muss. Ja, all das wird besser und ich fühle mich gut damit. Auch wenn ich gerade feststellte, dass es mich auch erschöpft. Denn alles läuft rund, ich schaffe alles was ich will und mehr, doch sobald ich ein wenig Pause habe und mein Körper runterfahren kann, tut er das auch. Ich bin nicht überarbeitet, nur gut gefordert.

Warum also golden boy? Weil da irgendwie ein Konzept in meinem Kopf ist, dass den golden boy als mehr als nur ein Glückskind beschreibt. Denn Glückskind trifft wohl auch zu, doch da ist noch mehr. Ein Strahlen. Heute morgen ging ich über den Hof und begann vor mich hin zu strahlen, weil ich jemanden sah und an den gestrigen Tag denken musste. (Ich habe jemanden vor Freude zu Tränen gerührt *dahinschmelz*) Plötzlich klopfte es an einem Fenster und man grinste mich auf Grund meines Gesichtsausdruckes an. Ja, ich bin glücklich. Einfach so. So sehr, dass ich noch im Dunkeln durch die Gegend schleiche und einfach lächeln muss. So richtig. Tagträumerei nannte man es. Doch ich träumte ja nicht, ich erinnerte mich an die Realität. Meine Realität.

Doch weder das noch der geschenkte, superschöne und superleckere Muffin brachten mich zum golden boy Gedanken. Nein, es war die empfundene Freude eines Freundes. Er renoviert gerade sein Haus, also, das neu gekaufte Haus, welches dringender Renovierung Bedarf und seit einiger Zeit schon die reinste Baustelle ist. Letztes Wochenende gab es die Notrufmail, dass dringend alle Tapeten von der Decke müssen, im gesamten Obergeschoss. Prompt stand ich Montag vor der Tür und ackerte alleine vor mich hin. War das anstrengend! Doch ich hatte noch andere Termine und musste los, versprach aber, wiederzukommen. Und so war ich gestern wieder da. Stand im Flur vor den fünf Zimmertüren und wusste nicht so recht, womit ich eigentlich anfangen soll. Er arbeitete unten vor sich hin, ich oben. Nach einiger Zeit stellte ich fest, dass ich das schaffen kann. Also gab ich von mir, dass ich nicht eher gehen werde, eh alle Tapeten von der Decke gekommen sind. Er wollte es nicht recht glauben. Und so arbeitete ich fröhlich vor mich hin, meine Finger nahmen stündlich an Umfang zu und ich hatte Freude. Diese schlichte (nicht einfache!) körperliche Arbeit machte mir Freude. Ich dachte daran, wie ich zu Ostern dieses alte Haus auf einer Insel ausräumte und dabei tagelang bis zur körperlichen Ermüdung arbeitete. Auch das tat mir gut. Ich fiel abends tot ins Bett und schleppte mich nächsten Tag wieder hin. Ich bekam Essen vorgesetzt, wenn die Uhr es vorschrieb und ansonsten wühlte ich zwischen Fledermäusen und zig Insektenleichen auf dem Dachboden rum. Es ging mir richtig gut. Und das macht es für mich aus. Dass ich nicht nur meinen Job liebe, nicht nur mit dem Geiste und dem Gefühl arbeiten kann, sondern mich auch an der körperlichen Arbeit erfreuen kann. Dass ich all das genießen kann, dass mir die Möglichkeit geboten wird, es zu genießen, und dass ich in meinem Leben den Freiraum dafür schaffen kann, jemandem zu helfen, wenn er in Not ist. Auch wenn ich dafür morgens früher aufstehe, abends tot ins Bett falle und trotzdem noch meinem Job mehr als gerecht werde.
Dass ich gesegnet bin mit diesen Fähigkeiten und Fertigkeiten. Mit diesem Leben.

28.10.2012 um 22:08 Uhr

Die Geschichte mit dem Hammer

von: indalo

Ein Mann will ein Bild aufhängen. Den Nagel hat er, nicht aber den Hammer. Der Nachbar hat einen. Also beschließt unser Mann, hinüberzugehen und ihn auszuborgen. Doch da kommt ihm ein Zweifel: Was, wenn der Nachbar mir den Hammer nicht leihen will? Gestern schon grüßte er mich nur so flüchtig. Vielleicht war er in Eile. Aber vielleicht war die Eile nur vorgeschützt, und er hat etwas gegen mich. Und was? Ich habe ihm nichts angetan; der bildet sich da etwas ein. Wenn jemand von mir ein Werkzeug borgen wollte, ich gäbe es ihm sofort. Und warum er nicht? Wie kann man einem Mitmenschen einen so einfachen Gefallen abschlagen? Leute wie dieser Kerl vergiften einem das Leben. Und dann bildet er sich noch ein, ich sei auf ihn angewiesen. Bloß weil er einen Hammer hat. Jetzt reicht´s mir wirklich. - Und so stürmt er hinüber, läutet, der Nachbar öffnet, doch bevor er "Guten Tag" sagen kann, schreit ihn unser Mann an: "Behalten Sie sich Ihren Hammer, Sie Rüpel!"

Paul Watzlawick, "Anleitung zum Unglücklich Sein"

27.10.2012 um 21:42 Uhr

Immer weiter, Schritt für Schritt

von: indalo

So langsam könnten die Arbeitseinträge nervig werden. Sei’s drum. Mein Job ist gerade das, was mich am Meisten beschäftigt. Alles andere ist in den Hintergrund geraten, und das vor laaanger Zeit. Immer mal wieder wollte mein Privatleben in den Vordergrund, zeitweise hat es das auch geschafft, doch auch die letzte Hochzeit ist schon wieder einige Zeit her. Und abgesehen davon habe ich ja auch ein Privatleben. Und der Umstand, dass es darüber so wenig zu grübeln gibt, zeigt mir, wie normal es geworden ist. Und wie schön es ist, dass es zum Alltag gehört.

Das wollte ich aber alles gar nicht schreiben. Ich wollte mich mal wieder über meine Fortschritte in meinem Arbeitsleben freuen. Darüber, dass ich diese Woche zum ersten Mal meinen Schreibtisch als Schreibtisch genutzt habe. Vor vielen, vielen Jahren zog ich aus und nahm den Schreibtisch meines Bruders mit. Keine Ahnung, wieso. Ich glaub, den hab ich schon länger bei mir gehabt. Jedenfalls zog ich damit aus, von Wohnung zu Wohnung zu Garage zu Wohnung... von Stadt zu Stadt. Bisher war es immer nur eine Ablagemöglichkeit für mich. Ich kann mich nicht einmal daran erinnern, wann ich das letzte Mal am Schreibtisch saß und arbeitete. Es ist viel zu lange her. Meine Freunde haben mich ausgelacht, meine Kollegen mich nicht verstanden. Ja, ich habe ein Arbeitszimmer. Ja, ich habe einen Schreibtisch und zig Regale. Nein, ich arbeite dort nicht. Aber jetzt. Ich hatte es vor, als ich hierher zog. Als mein Leben begann. Ich suchte mir eine Wohnung mit einem Arbeitszimmer mit Tür. Ein ganzes Zimmer nur für meinen Beruf. Ich dachte mir, jetzt oder nie. Und so räumte ich die Kisten ins Zimmer, packte sie nach und nach aus, besorgte Regale, baute sie auf und stopfte sie voll. Das zog sich über ein paar Wochen, und dann kamen die Wochen, in denen ich das Zimmer nicht einmal betrat. Neulich betrat ich es und fragte mich, ob ich dieses Zimmer je zweckmäßig nutze. Nicht nur als Abstellkammer. Und dann kam diese Woche. Ich hatte genug davon auf dem Boden zu sitzen und zu arbeiten. Ich hatte genug von meinem Teppich, und so stand ich auf und nahm meine Sachen mit in mein Arbeitszimmer. Ich setzte mich und arbeitete. Direkt nachdem ich mir erst eine Freifläche auf dem Schreibtisch organisierte. Und am nächsten Tag ging ich wieder ins Arbeitszimmer. Und heute schon wieder. Ich bin begeistert. Selbst am Wochenende finde ich meinen Weg hierher und arbeite am Schreibtisch. Ja, ich bin auf dem richtigen Weg. Und dass ich mich heute auch noch ganz spontan mit Excel beschäftigte, zeigte mir, dass ich nicht nur einen Schritt vorankam, sondern jeden Tag ein bisschen weiter komme. Schritt für Schritt.

26.10.2012 um 20:43 Uhr

Gefährlich

von: indalo

Manchmal empfinde ich meinen Job auch als gefährlich. Also nicht lebensbedrohlich – den Teil ignorier ich gekonnt – aber irgendwie gefährlich. Nicht der Job selbst, aber manche Tage, manche Begebenheiten. Ich merke, dass ich regelmäßig etwas riskiere. Und es ist nicht nur mein Job, es ist einfach die Arbeitswelt. Aber heute ging ich eben jene Risiken ein. Teils bewusst, teils unbewusst.

Doch was setze ich eigentlich aufs Spiel?
Ich stelle oft klar, dass ich meinen Job nicht mache um beliebt zu sein. Wirklich nicht. Aber ich kann mich auch nicht davon frei sprechen, zu genießen, beliebt zu sein. Und an Tagen wie heute, da mach ich mich unbeliebt. Nicht in dem Moment, in dem ich die Regeln anspreche und durchsetze. Auch das tue ich ohne Wenn und Aber. Viel mehr in dem Moment, in dem ich meine Einschätzung preisgebe. Ich habe diese Einschätzung ohnehin, und weil ich der Meinung bin, dass Menschen Fehler machen, möchte ich mit denjenigen, die ich einschätze, darüber reden. Ihnen die Chance geben, sich dazu zu äußern. Dies tat ich heute. Und es kam nicht gut an. Bei einzelnen schon, es gibt auch immer wieder positiv überraschte Menschen. Aber das sind nicht die, die einem in Erinnerung bleiben. Das sind auch nicht die, die einen das fortwährend wissen lassen. Nein, das tun nur die Unzufriedenen. Und so bekam ich heute die geballte Ladung der Unzufriedenheit. Schön ist das nicht. Doch ich merkte, wie ich standhaft und ruhig vermittelte, was mir wichtig war. Wie ich deutlich machte, was ich sehe und weshalb ich über diese Einschätzung zu reden bereit bin. Ich bin nicht gerade auf viel Verständnis gestoßen und wünsche mir jetzt, dass das Wochenende Gelegenheit gibt, wieder runterzukommen.

Es war mal wieder eine Erfahrung. Eine sehr anstrengende. Denn obwohl die Nacht lang genug war, war ich schon am Nachmittag vollkommen erschöpft. Und schon seit einigen Stunden häng ich hier nur rum und suche mir Beschäftigungen, die mich keine Energie kosten. Ja, es war anstrengend. Doch ich bin auch zuversichtlicher, da ich merke, wie ich selbstsicherer werde. Manches überrascht mich noch, doch ich stelle fest, dass ich auch vertreten kann, was ich meine. Dass ich es ruhig und gelassen rüberbringen kann. Dass ich es nicht persönlich nehme. Zwar nehme ich es mit nach Hause, mit ins Wochenende und auch in meine Nachtruhe, doch trotzdem glaube ich, eine gewisse Distanz zu wahren. Vielleicht nur imaginär, aber ich habe das Gefühl, auf dem richtigen Weg in ein gesundes Arbeitsleben zu sein. Ich bin noch nicht da, das dauert noch, aber ich bin auf dem richtigen Weg.

25.10.2012 um 09:53 Uhr

Die Geschichte vom Fischer

von: indalo

In einem kleinen mexikanischen Dorf stand ein Investmentbanker am Pier und beobachtete, wie ein Fischerboot dort anlegte. Es hatte einige riesige Thunfische geladen.

Der Banker gratulierte dem Fischer zu dem prächtigen Fang und fragte, wie lange er dazu gebraucht habe.

Der Mexikaner antwortete: Ein paar Stunden nur. Nicht lange.

Daraufhin fragte der Banker, warum er denn nicht länger auf See geblieben ist, um noch mehr zu fangen.

Der Mexikaner sagte: Die Fische reichen mir, um meine Familie die nächsten Tage zu versorgen.

Der Banker fragte weiter, was er mit dem Rest des Tages tue.

Der mexikanische Fischer erklärte: Ich schlafe morgens aus, gehe ein bisschen fischen, spiele mit meinen Kindern, mache mit meiner Frau Maria nach dem Mittagessen eine Siesta, gehe in das Dorf spazieren, trinke dort ein Gläschen Wein und spiele Gitarre mit meinen Freunden.
Sie sehen, ich habe ein ausgefülltes Leben.

Der Banker erklärte: Ich bin ein Harvard-Absolvent und könnte Ihnen ein klein wenig helfen. Sie sollten mehr Zeit mit dem Fischen verbringen und vom Erlös ein größeres Boot kaufen. Mit dem Erlös hiervon wiederum könnten sie mehrere Boote kaufen, bis sie eine ganze Flotte haben. Statt den Fang an einen Händler zu verkaufen, könnten sie direkt in eine Fischfabrik liefern. Und schließlich könnten sie eine eigene Fischverarbeitungsfabrik eröffnen. Sie könnten Produktion, Verarbeitung und Vertrieb selbst kontrollieren. Im Anschluss könnten sie dann dieses kleine Fischerdorf verlassen und nach Mexiko City oder Los Angeles, vielleicht sogar nach New York umziehen, von wo aus sie dann ihr florierendes Unternehmen leiten.

Der Mexikaner fragte: Und wie lange wird das dauern?

Der Banker antwortete: So etwa 15 bis 20 Jahre.

Der Mexikaner fragte: Und was dann?

Der Banker lachte und sagte: Dann kommt das Beste. Wenn die Zeit reif ist, könnten sie mit ihrem Unternehmen an die Börse gehen, ihre Unternehmensteile verkaufen und sehr reich werden. Sie könnten Millionen verdienen.

Der Mexikaner fragte: Millionen, und dann?

Der Banker sagte: Dann können sie aufhören zu arbeiten. Sie könnten in ein kleines Fischerdorf an der Küste ziehen, morgens lange ausschlafen, ein bisschen fischen gehen, mit ihren Kindern spielen, eine Siesta mit ihrer Frau machen, in das Dorf spazieren gehen, am Abend ein Gläschen Wein genießen und mit Ihren Freunden Gitarre spielen.




Eine Quelle hab ich leider nicht. Aber da ich sie in diesem Monat schon zwei mal aus gegebenem Anlass erzählte, gehört sie auch hierhin.

24.10.2012 um 07:39 Uhr

Laub

von: indalo

Die ganze Woche schon nehm ich Umwege in Kauf um durch die Laubansammlungen auf meinem Arbeitsweg zu schlurfen. Ich liebe Laub. Das Rascheln, die Farben... es ist toll. Und ich freue mich auch schon die letzten beiden Tage darüber, dass es trocken ist. Der Himmel ist zwar grau, aber das Laub bleibt trocken. Denn die Feuchtigkeit macht aus meinem geliebten Laub nur allzu schnell wenig erfreuenden Matsch. Besonders für Fahrradfahrer gefährlich.
So verließ ich heute früh das Haus, der Tag begrüßte mich tiefdunkel und mit hoher Luftfeuchtigkeit. Ich bangte um das Laub, merkte ich doch die Feuchtigkeit im Gesicht. Doch die erste Laubspur belehrte mich eines besseren, es raschelte und flog in die Lüfte. Ja, ich mag den Herbst.

22.10.2012 um 19:47 Uhr

Reichtum

von: indalo

Seit ein paar Tagen drehen sich meine Gedanken nur um Geld. Wie lächerlich. Doch irgendwie… kann ich es nicht abschalten. Das Positive ist, dass ich mir keine Sorgen mache, im Gegenteil. Ich fühle mich so reich wie noch nie. Sicherlich bin ich auch so reich wie noch nie, doch erschreckenderweise bin ich jetzt schon reicher als ich es für möglich hielt. Ich bin so reich, dass ich in Erwägung ziehe, mir eine Ferienwohnung zu kaufen. Das ist utopisch, und doch machbar. Faszinierend… wirklich faszinierend. Und wenn ich dann darüber nachdenke, dass andere schon seit so viel längerer Zeit so viel mehr verdienen, warum hab ich von denen nie gehört, dass sie sich reich fühlen? Mannomann, ich bin reich. Ich besitze Geld.

Vor ein paar Monaten hab ich noch herzhaft darüber gelacht, dass ich diese komische Grenze für Freistellungsaufträge doch nicht einmal ansatzweise erreiche. Doch auf einmal mach ich mir Gedanken darüber, was passiert, wenn ich sie überschreite. Ich informiere mich über finanzielle Dinge und gewinne so langsam den Durchblick. Ja, so langsam wird es wirklich Zeit, dass ich meine Schulden abbezahlen darf, damit ich endlich damit abschließen kann. Mich nicht mehr bremsen muss um zu sagen, dass ein Großteil meines Reichtums gar nicht mir gehört. Reich… ich bin reich. Und das mal nicht nur an Erfahrungen oder Träumen.

21.10.2012 um 18:43 Uhr

Dir sei nicht verziehen

von: indalo

Heute bin ich bei dir vorbei gegangen. An dem Ort, an dem du jetzt wohnst. Zumindest hab ich das über Ecken gehört. Ich weiß nicht einmal, ob es stimmt. Doch ich ging heute daran vorbei – nachdem ich die letzten Monate schon fast täglich daran vorbei ging. Nur heute sah ich das Gebäude selbst, vorher nur die Straße, in der es war. Die Bushaltestelle, die nach diesem Gebäude benannt ist. Im Grunde laufe ich täglich vorbei, nicht ein einziges Mal dachte ich dabei darüber nach, abzubiegen, in die Straße selbst zu gehen. Nur später irgendwann, als jemand wieder davon redete, dass du nun dort lebst, fragte ich mich, ob ich da doch mal vorbei gehen sollte. Dich suchen sollte. Vor dir stehen sollte. Ich hab es nicht getan. Dabei wäre es so leicht.

Heute daran vorbei zu gehen und zu sagen, dass du dort lebst, war normal. Doch zu Hause anzukommen und darüber nachzudenken, löste in mir nur den Gedanken aus, dass es einen Grund hat, dass ich es nicht tue. Denn ich wüsste nicht, was ich mit dir anfangen soll. Ein Teil von mir würde sich gerne an die schönen Zeiten erinnern, an die ich mich erinnern könnte. Doch ein anderer Teil möchte dich anschreien, dich schütteln, dich… keine Ahnung, was ich mit dir machen möchte. Es ist auch kein aktiver Wunsch, es beschäftigt mich in meinem Leben nicht, doch mir scheint, ich verzeihe dir nicht. Ich kann dir nicht verzeihen, was du ihr angetan hast. Einerseits, weil du mich auch nie darum gebeten hast oder wirst. Andererseits, weil ich nicht der Mensch bin, der es verzeihen dürfte. Ich weiß nicht, ob sie dir je verziehen hat. Ich weiß nicht einmal, wie sie dich je wieder ansehen konnte, wie sie in deinem Hause sein konnte, wie sie dich berühren konnte oder wie sie dich in ihrem eigenen Haus aufnehmen konnte. Ich verstehe es nicht, und ich verstehe es doch.

20.10.2012 um 20:36 Uhr

Mein Revier

von: indalo

Das hier, das ist mein Revier. Hier bin ich zu Hause. Hier bin ich… ja, hier wurde ich auch geboren. Nicht nur, weil es auf meiner Geburtsurkunde steht, sondern auch, weil ich Jahre später mich neu entdeckte. Hier. In diesem Teil der Welt.

Eigentlich weiß ich es schon lange. Ich wusste es damals, als ich anfing, alles bewusster wahrzunehmen. Als ich mir meine Schule aussuchte, den Ort, an dem ich erwachsen wurde. Ich hatte die Wahl, und ich habe ganz eindeutig die richtige getroffen. Aus einem Bauchgefühl heraus. Beim Anblick des Gebäudes. Und noch heute besitzt es die Magie. Demnächst werde ich wieder durch die Schulflure streifen und mich verzaubern lassen. Mich zurückversetzen lassen in der Zeit, mich auf eine Reise der Erinnerungen entführen lassen und mich dem hingeben. Es ist mein Revier, und es hat nie aufgehört, es zu sein.

Doch nicht nur die Schule, nicht nur der Stadtteil, mittlerweile auch die Stadt. Dafür ist sie verantwortlich. Denn früher wusste ich nicht einmal, wie ich die wichtigsten Sehenswürdigkeiten finde – noch heute habe ich mit vielem meine Schwierigkeiten. Diese Stadt zu kennen und zu lieben bedeutet für mich nicht, die Sehenswürdigkeiten gesehen zu haben. Sondern die Details. Den kleinen Park, den ich als Kind liebte und später nicht wusste, dass es der Ort war, von dem alle immer reden. Das glitzernde Wasser mit den beleuchteten Häusern drumherum, welches erst seit ihr eine Bedeutung für mich hat. Die Paraden, die ich schon besuchte, die Offenheit, die mir dort entgegen gebracht wurde. Das sind für mich die Dinge, die diese Stadt ausmachen. Und heute stellte ich fest, wie ich damit prahlte. Wie ich jemandem, der vor kurzem erst hierherzog (ein paar Wochen länger hier wohnt als ich), die Vorzüge aufzählte, die (für mich und mein Umfeld) wichtigen Punkte nannte und einfach schwärmte. Ich stellte fest, dass ich die Stadt doch mehr kenne als ich dachte. Und wahrlich liebe.

15.10.2012 um 21:57 Uhr

Elendige und immer wiederkehrende Diskussionen

von: indalo

Eigentlich wollte ich gerade wieder schreiben, wie sehr ich diesen Job genieße. Eigentlich, denn jetzt kamen mir sofort andere Gedanken. Über elendige und absolut überflüssige, leider jedoch immer wiederkehrende Diskussionen. Über meinen Job. Nicht über meine Tätigkeiten selbst, sondern über die Bezahlung, den Stand oder was auch immer. Es nervt mich. Ich bin eigentlich nicht genervt, aber dieses ständige sich-rechtfertigen-müssen, das nervt. Ich möchte mich nicht rechtfertigen, und eigentlich tue ich das auch nicht. Eigentlich. Aber wenn selbst mein Vater mir immer wieder an Kopf werfen muss, dass andere Leute vierzig Stunden arbeiten, weiß ich nicht weiter. Und in meinem übermüdeten Zustand von gestern, geh ich auch noch drauf ein und versuche, die Situation zu erklären. Ich weiß nicht, ob er sie nicht versteht, oder nicht verstehen will. Ich weiß nur, dass der nächste Mensch, der mir erzählen möchte, ich würde weniger arbeiten als andere, zu gut bezahlt werden, oder was weiß ich, ein großes Problem mit mir kommt. Unter anderem hab ich da nämlich einen Freund, der mir seit kurzem bei jeder Begegnung erzählt, dass er ja früher aus dem Haus geht und später nach Hause kommt als ich und nur einen Bruchteil meines Gehaltes bekommt. Erstens hat er einen Arbeitsweg von circa drei Stunden am Tag, ich hingegen habe mir einen Job gesucht und bin dann dahin gezogen. Dass sein Fahrtweg so viel länger ist als meiner, ist sein Problem, nicht meins. Zweitens ist es auch nicht mein Problem, dass er nach vielen Jahren sein Studium in Sand gesetzt hat und nun eine Ausbildung angefangen hat. Drittens hätte er sich gerne für die gleiche Laufbahn entscheiden können – er darf auch gerne mal einen einzigen meiner Arbeitstage übernehmen und dann wird er schon sehen, dass das kein Zuckerschlecken ist. Und viertens sitze ich gerade um kurz vor zehn am Schreibtisch (wenn auch momentan noch im übertragenen Sinne) und arbeite – etwas, das ihm nie passieren wird, wenn er bei seinem Job bleibt. Ich möchte das nicht jedes Mal aufs Neue erklären müssen, ich möchte mich nicht für all das rechtfertigen, was ich in meinem Alltag mache. Sie hatten doch die Wahl, sie hätten doch den gleichen Job wählen können wie ich. Seufz. Es ist anstrengend, es ist wirklich anstrengend. Nicht nur gegen die Gesellschaft anzukommen, sondern auch gegen seine Freunde und Familie. Und das immer und immer wieder. Ich hasse es, wenn Menschen eine Sache nicht ruhen lassen können. Man kann es ein-, zwei- oder auch dreimal diskutieren, aber doch nicht jedes Mal. Nein, dazu habe ich keine Lust. Und der nächste Mensch, der mich darauf anspricht, wird eine sehr unschöne Seite von mir erleben. Denn meine Geduld ist aufgebraucht.

Auf der anderen Seite frage ich mich, ob die Dinge, die ich sage, wirklich so negativ klingen. Ich beschwere mich nicht über meinen Beruf, ich liebe ihn. Doch deswegen muss ich doch nicht jeden Tag hochmotiviert zur Arbeit rennen. Ich habe auch Tage, an denen ich mich einfach nicht aufraffen kann. Einige Tage, an denen ich mir denke, dass ich mir einen simplen Bürojob hätte suchen sollen. Doch ich weiß, das wäre nichts für mich. Ich brauche diesen Job, die Abwechslung, die Herausforderung, die Anstrengung. Ich bin damit glücklich. Und mich wundert, dass andere meinen, ich würde jammern. Interpretieren die anderen jetzt zu viel in meine Schilderungen, oder äußere ich mich auf so undeutliche, bzw. negativ ausgerichtete Art?
Vielleicht sollte ich einfach aufhören, mit bestimmten Menschen über meinen Beruf zu reden…

14.10.2012 um 20:30 Uhr

Wie schön euch zusammen zu sehen

von: indalo

Ich war weg. Und doch war ich nicht weg, ich war da. Bei mir. Auch wenn es jetzt schon wieder ganz weit weg ist, so hoffe ich, dass ich weiter bei mir bleibe. Ich habe sie so sehr genossen, diese Zeit. Eine Reise, und doch waren es zwei, oder mehr. Denn ich war an vielen Orten. So Flugzeuge sind schon komisch. Man kann so schnell so weit kommen. Immer mal wieder faszinierend.

Doch wieso bin ich nicht schon früher auf die Idee gekommen, Pilot zu werden? Da hat man ja IMMER Sonnenschein. Das ist mir bei all den Flügen meines Lebens noch nicht aufgefallen. Sicherlich sah ich die Sonne, und ich bin auch schon bei Nacht geflogen, doch mir ist nicht aufgefallen, dass es für Piloten kein schlechtes Wetter gibt. Entweder sieht man einen wunderschönen Sternenhimmel, der sich zudem noch mit zurückgelegter Entfernung verändert, oder man hat strahlend blauen Himmel. Was will man mehr?


So, ich war also unterwegs. Nicht nur im Flugzeug, auch im Auto. Ganz schön lange. Und es hat mich überhaupt nicht gestört. Es war schön. Es war einfach nur angenehm und schön.
Ich hab jemanden besucht, den ich schon ein paar Jahre nicht gesehen habe und mit dem ich im Grunde seit acht Jahren kein richtiges Gespräch mehr geführt habe. Es gab das ein oder andere Telefonat in den ersten Jahren, man hat sich einmal im Jahr für nen Tag oder zwei gesehen und dann jetzt gar nichts mehr voneinander gehört. Doch dann beschloss ich, meine Koffer zu packen und hinzufliegen. Weil es mal wieder Zeit war und ich endlich die Zeit hatte – auch wenn ich jetzt eigentlich gar keine Zeit mehr habe. Das Leben, ein Widerspruch. Und so gab es in den letzten Jahren die Frage, ob ich dem Wort Freund Unrecht tue, wenn ich sage, dass wir befreundet sind. Denn eigentlich wusste ich doch nichts mehr aus ihrem Leben und sie noch weniger aus meinem. Gar nichts. Es fehlten nicht nur Fakten, es fehlte alles. Und doch ging es mir gut damit. Und jetzt, als wir so viele Tage rund um die Uhr gemeinsam hatten, ging es mir auch unglaublich gut damit. Es gab keine Anwärmphase oder sonstige komische Momente. Es passte einfach alles, auch wenn man sich in mancherlei Hinsicht neu kennenlernte. Es passte. Denn trotz allem kennen wir uns, unsere Wesen, das, was uns ausmacht, und eben auch das, was sich nie verändert. Sodass Sätze wie „Das widerspricht allem, was du bist.“ auch nach all den Jahren nicht fehl am Platz oder falsch sind. Sie hat Recht damit und ich fühle, dass auch ich sie weiterhin genauso gut einschätzen kann. Auch wenn ich mir in den Jahren gelegentlich die Frage stellte, ob ich sie vielleicht doch nicht so gut kenne, so weiß ich jetzt, dass ich sie so gut kannte. So viel besser als sie sich selbst.

Und jetzt noch von jemandem, den ich seit fast nem Jahrzehnt weder gesehen, noch gehört habe, zu hören, wie schön es ist, uns zusammen zu sehen, berührt mich tief. Es weckt mein Interesse an der Person, die eben jenes von sich gab. Und es schmeichelt unserer Freundschaft, dass jemand so etwas über uns sagt. Es schmeichelt mir, anderen auf diese Art eine Freude zu machen. Ich fühle mich wohl, ich fühle mich akzeptiert und weiß, wo ich hingehöre. Ich weiß wo ich bin, wer ich bin und was ich möchte im Leben. Und ich weiß, dass ich mich nicht mit weniger zufrieden geben möchte.