indalo

13.02.2013 um 15:32 Uhr

Nehmen und (weiter-)geben

von: indalo

Eigentlich hab ich keine Zeit. Uneigentlich hab ich keine Energie und definitiv keine Zeit. Meine Tage sind lang und gefüllt. Alles, was ich auf die lange Bank schieben kann, schiebe ich. Alles. Sogar klärende Gespräche mit Freunden. Es wird ignoriert und zur Seite geschoben. Gestern fragte ich, ob wir das jetzt klären müssen oder uns wann anders Zeit nehmen. Ich weiß, dass ich mich sehr geärgert habe und dieser Ärger auch bei der richtigen Person landen muss, aber ich weiß auch, dass ich keine Energie dafür habe. Da ist nichts. Es passiert gerade regelmäßig, dass ich einfach nur dasitz und denke "Da geht nichts mehr." Aus und vorbei. Ich bin an meinen Grenzen angelangt, das spüre ich. Dabei geht es mir nicht schlecht, es ist nur anstrengend. Und ich betone das so sehr und so oft, weil mein langfristiger Gast mich täglich bemitleidend anguckt. Ich brauche kein Mitleid, ich will kein Mitleid und es ist einfach nicht angebracht. Ich habe mir diesen Job ausgesucht und bin damit glücklich, all das jetzt, das gehört dazu. Dafür gibt es andere Phasen in denen ich wunderbare Zeiten habe, Zeiten, die wie Urlaub sind, Zeiten, die den Ausgleich für diesen Stress darstellen. Und auch wenn ich meine Grenzen so deutlich fühlen kann, so nehme ich immer mal wieder etwas mit. Und das ist der Grund für diesen Eintrag. Meine Chefin, die mir mit der Hand übern Rücken streicht wenn sie an mir vorbeigeht und noch halb entschuldigend sagt "Ich streichel dich jetzt immer, wenn ich an dir vorbeigehe." Das war der Auslöser dafür, dass ich mich an den Computer setzte und zu schreiben begann. Und jetzt fallen mir diese großen, braunen Augen meiner Praktikantin ein, die mich täglich dankend und bewundernd anschaut. Sie ist ein großer Teil der Belastung dieser Zeit und doch bereichert es mich auch sehr. Ich reflektiere mich und mein Verhalten, mein Selbstbild und das Bild anderer von mir. Ich merke, dass ich viele Komplimente nicht annehmen kann, dass ich sie runterspiele und fast schon verwerfe. Und doch freue ich mich in einem Moment der Besinnung wie diesem, dass sie ausgesprochen wurden. Dass ich gar nicht so schlecht bin, wie ich manchmal denke. Und dass ich helfen kann. Und helfe. Dass ich jemandem etwas mit auf den Weg geben darf. Das ist mein Leben. Und mein Ziel. Nehmen und weitergeben. Und von meiner Chefin nehme ich, denn sie weiß zu geben. Und seien es Streicheleinheiten und Kekse.