indalo

31.07.2013 um 18:29 Uhr

Sie hat's geschafft

von: indalo

…sie ist gestorben. Vor zwei Wochen. Endlich. Ein langer, harter Kampf. Offensichtlich war es so schwer, zu sterben.

Vorgestern Abend sah ich meinen Vater, er hat es mir nicht gesagt. Doch es gab einen Moment, in dem ich es geahnt habe. Er war sich unschlüssig, so schien es jedenfalls. Doch ich habe mich damit nicht weiter beschäftigt, es war nicht weiter wichtig. Gestern Abend hab ich’s dann doch erfahren. Es wurde mir nicht gesagt, nein, man erzählte mir nur von Diskussionen darüber, ob man es mir sagen sollte. Nicht für den Fall, dass sie stirbt, sondern eben schon zu dem Zeitpunkt als sie gestorben ist. Es war also gar nicht die Info selbst, es war nur ein Nebensatz. Etwas, das ich heraushören konnte. Man erzählte mir von der Beerdigung, von dem Familientreffen, wo alle gewesen sind. Alle, außer mir. Doch gesagt wurde mir nicht, dass sie gestorben ist. Ich entnahm es dem Kontext. Dann wurde aufgelegt.

Das war gestern Abend. Eben telefonierte ich und wurde gefragt, wie ich es finde, dass man mir nicht Bescheid gesagt hat. Keine Ahnung, ich warte noch auf die Erleichterung, dass sie nun endlich aus dem Leben gegangen ist. Ich habe nicht das Gefühl, dass es irgendwas ändert. Doch das drumherum, das schmerzt. Ihre Worte zu hören, dass sie bis zum Ende keinen Frieden schließen konnte. „Immer wenn ich sie angefasst habe, hat sie die Hand weggezogen. Wenn ich geredet habe, war ihr Gesicht ganz zerknittert. Sie konnte nicht loslassen. Ich sah Vorwürfe in ihrem Blick. Sie hat keinen Frieden mit mir gefunden.“ Und ich bin mir nicht sicher, ob auch der Wortlaut „Sie hat mir nie verziehen.“ gekommen ist. Aber er schwang mit. Er hing in der Luft und das ist es, was so unglaublich traurig ist. Nicht, weil sie ihr etwas nicht verziehen hat. Sondern weil das, worum es hier geht, nichts ist, was man verzeihen muss. Das ist total verquer, denn sie hat ihr in jungen Jahren etwas vorgeworfen, was sie sich selbst nicht vorwerfen konnte. Was ist das doch für eine bescheuerte Geschichte, oh, wäre es doch nur eine Geschichte. Und ich höre in ihren Worten das Gefühl, von ihrer eigenen Mutter bis zum Ende nicht geliebt worden zu sein. Ungeliebt auf dieser Erde zu leben und nicht zu wissen, wohin mit sich selbst. Ja, ich habe großes Mitgefühl mit ihr, doch der Wunsch, niemals so zu sein, so zu leben, ist der vorherrschende Gedanke. Bitte, lass es nie dazu kommen. Bitte.

29.07.2013 um 17:48 Uhr

Letzte Nacht

von: indalo

...weiß ich genau, wo ich war. Und es wurde eine Nacht, die ich so nie erwartet hätte.

Da war ich nun auf dieser “Versammlung“ und als erstes begegnete mir dieser Typ. Wer ist nun dieser Typ? Er ist berühmt, bekannt. Ja, auch weltbekannt. Doch trotzdem glaube ich, dass hier niemand etwas mit seinem Namen anfangen kann. Ich kenne... was heißt kennen? Ich habe vor Jahren zum ersten Mal mit ihm geredet. Er war mir sofort sympathisch, und ich wusste beim besten Willen nicht, wer er war. Wir unterhielten uns kurz, doch Leute wie er werden ständig von jemandem angesprochen. Ich wollte schon damals mehr über ihn erfahren. Von ihm. Stattdessen wurde ich von anderen über ihn aufgeklärt. Ich suchte nie wieder seine Nähe, ich wollte kein Groupie sein.

Da kam er also des Weges und setzte sich zu mir. Seit der ersten Begegnung ist viel Zeit vergangen und mittlerweile kennen wir uns. Und so saßen wir ne ganze Weile da und ständig grüßte ihn jemand und manch einer hielt für einen kurzen Plausch. Doch alle gingen sie wieder und er blieb. Er bot mir an, meine Sachen in sein Zelt zu packen. Erst beim zweiten Mal nahm ich an, immerhin war ich mit jemand anderem sozusagen verabredet. Jedenfalls spazierten wir so übers Gelände und trotz all seiner Bekannten wich er mir stundenlang nicht von der Seite. Letztlich tauschte ich seine Gesellschaft gegen die eines anderen. Als ich ihm später nochmal übern Weg lief, fragte ich ihn, ob es ihm was ausmachen würde, wenn ich die Nacht in seinem Zelt verbringen würde. Er verneinte. So war die Sache geregelt und ich verbrachte meinen Abend mit den anderen. Irgendwann ging ich ins Bett und stellte fest, wie klein sein Zelt war. Von außen sah es größer aus. Ich überlegte, ob ich mich aufgedrängt hatte. Doch er hätte problemlos vorschlagen können, dass ich bei dem anderen schlafen könne. Ich blieb also im kleinen Zwei-Mann-Zelt mit all dem Gepäck, räumte rum und legte mich schlafen.
Einige Stunden später tauchte er auf und erzählte mir von diesem grandiosen Tag an dem er so viele tolle Menschen wieder gesehen hat. (Es freut mich, die erste dieser Personen gewesen zu sein.) Und so unterhielten wir uns noch ne ganze Weile. Endlich erfuhr ich von ihm etwas über ihn. Er stellte mir Fragen, über die er schon lange nachgedacht hat, die er aber bisher noch niemandem gestellt hat. Es war ein kleiner, geschützter Raum voller Nähe. Nach langer Zeit drehte ich mich auf den Bauch und er sprang auf, als hätte er die ganze Zeit darauf gewartet. Noch ehe ich mich fragen konnte, was er vorhat, spürte ich seine Hände über meinen Rücken wandern. Womit ich das wohl verdient hatte...

Am nächsten Morgen quatschten wir schon ne Weile als er meinte “Hey, du kannst sagen, dass du neben nem Promi geschlafen hast.“ Und so unterhielten wir uns noch ne Weile bis er fragte, ob er Crêpes holen solle, die wir dann im Bett frühstücken. Noch ehe ich meinen Satz, dass das wunderbar klingt, beendet hatte, fragte er schon, was ich drauf haben möchte. Wenige Minuten später kam ein Crêpes ins Zelt geflogen. Und womit hatte ich nun auch noch das verdient? Er legte sich wieder zu mir und so brachten wir die Zeit rum, bis ich doch mal losmusste. Als ich also zu nem Rundgang übers Gelände aufbrach, begab er sich doch mal zu seinen Freunden. Als ich zurück war und Sachen packte, kam er wieder um sich zu verabschieden. Dabei wollte ich doch zu ihm gehen und ihm für diese wundervolle Nacht danken *g* Dann meinte er, wir sollten uns auch so mal treffen und bat mich um meine Telefonnummer, nachdem er mir seine geben wollte und ich zögerte. Was geht hier gerade vor sich?
Seine Freunde beobachteten das Ganze und er lud mich für die nächste Veranstaltung dieser Art zu deren VIP-area ein.

...und ich bin mir nicht einmal sicher, ob er überhaupt weiß, wie ich heiße *lach*


28.07.2013 um 22:33 Uhr

Auf dem Rückweg

von: indalo

Seit ein paar Tagen befinde ich mich auf dem Rückweg. Bei der ersten Etappe war es komisch, auf den Bus zu warten. Überhaupt, warten... ich habe seit Wochen nicht mehr gewartet. Wann immer ich wollte, setzte ich mich in Bewegung, aß oder ging ich ins Bett. Ganz nach meinem Belieben.
Ich fuhr also zu einer meiner Etappen und begegnete direkt Freunden. So konnte ich doch tatsächlich noch mein Kompliment loswerden. Dreißig Jahre verheiratet und wie frisch verliebt. Das muss man erst mal hinkriegen.

Dann machte ich mich weiter auf den Rückweg. Ich wollte lesen im Bus, oder schlafen. Doch stattdessen setzte sich ein junger Mann neben mich. Wir unterhielten uns. Stundenlang. Das war gut, er gefällt mir. Es fühlte sich gut an und half auch irgendwie. Zum Abschied umarmte er mich und so konnte ich nach dem Umsteigen loslassen. Ich starrte vor mich hin. Die Augen begannen zu brennen, sie wurden feucht und ich fühlte ganz entspannt der Träne nach, die die Wange entlang zum Hals runterkroch. Meine mich anstarrende Sitznachbarin störte mich nicht, ich war glücklich.

Und so kam ich viele, viele Stunden später lange vor Sonnenaufgang bei meiner nächsten Zwischenetappe an. Ich taumelte schlaftrunken durch die Straßen und legte mich dort angekommen erst einmal vor die Tür. Ich bin wieder auf so einer europäischen Versammlung und genieße einfach nur die Atmosphäre.
Als ich eben zu meinem Schlafplatz wankte, überkam mich wieder so ein Wohlgefühl. Es hat etwas bezauberndes, unter seines gleichen zu sein und sich vertrauensvoll durch den Tag zu begeben. Ich war jetzt einige Wochen unterwegs und sorgte mich nicht. Ich trug weder meine finanziellen Mittel bei mir, noch nahm ich das Handy mit zum Duschen. Ich ließ alles vertrauensvoll irgendwo liegen. Und so ist es auch hier. Ich habe Vertrauen zu mir wildfremden Menschen. Nur weil uns eine Sache verbindet - eine bedeutungsvolle Sache?

Morgen werde ich den letzten Schritt des Rückweges antreten. Doch kehre ich dann von meinem Weg zurück, oder von diesem Ort? ...der ja automatisch Teil meines (Rück-) Weges ist...

08.07.2013 um 14:33 Uhr

Hoffnung auf Gefühl

von: indalo

Vielleicht, vielleicht bin ich auf dem Weg um zu lernen, dass es weitergeht, dass es wiederkommen kann, dieses Gefühl. Damals, als ich ging, starb etwas in mir. Es ging einfach kaputt und ich bin mir bis heute nicht sicher, ob ich es überwunden habe. Ich wusste, dass es vorbei war, für immer. Es ist nicht das erste Mal, dass ich ging, nur konnte ich die anderen Male zurückkommen. Diesmal nicht. Noch heute kehre ich an zumindest zwei dieser Orte regelmäßig zurück. Doch bis heute habe ich es nicht geschafft, DORThin zurück zu kehren. Es hätte keinen Zweck. Und jetzt? Dieser Abend neulich, auch zu dem kann ich nicht zurück. Es war ein Zeitpunkt, ein Moment, ein Gefühl. Alles vergänglich. Doch es gibt mir Hoffnung darauf, dass ich so etwas nochmal fühlen kann.

02.07.2013 um 20:38 Uhr

Auf dem Weg

von: indalo

Auf dem Weg denke ich nach. Über den nächsten Schritt, den letzten Abend oder mein Leben. Über genaugenommen alles.

Ich hatte nicht viele Vorstellungen als ich mich auf den Weg machte. Höchstens vom Weg selbst, also dem Untergrund. Doch wieder einmal muss ich feststellen, dass ich absolut positiv überrascht bin. Schon vor über einer Woche hab ich mich von meinen ersten Jakobsfreunden verabschiedet. Das war komisch... Ich kann überhaupt nicht sagen, wie es war, es war einfach komisch. Und gestern? Gestern war gar nicht komisch, gestern war grandios. Es war so viel. Vanillekipferl, Mandelhörnchen und ganz viele tolle Gefühle. Es fiel mir heute morgen unheimlich schwer mich zu trennen. Unheimlich schwer. Und als ich mir ein Herz fasste und mich endlich aufraffte, wurde mein Herz doch tatsächlich schwer. Ich ging schnellen Schrittes davon nachdem es Küsschen und Umarmungen gab. Im nächsten Ort setzte ich mich auf eine Bank und verharrte Schokolade in mich stopfend. Ich wartete bis mich zumindest die Erste einholte. Zumindest einen Teil wollte ich nochmal wiedersehen. Wie affig, dachte ich bei mir. Doch so war's. Unterwegs dachte ich noch an diese wunderschöne Zeit damals, die ich in der Kiste verschlossen halte. Es ist so, wie manch einer sagt: Ich liebe dich so sehr, dass es weh tut. So ist es mit mir und dieser Erinnerung. Es ist so schön, dass es wehtut. Und der gestrige Nachmittag bis Abend fällt in die gleiche Kategorie. Es ist albern, sagt der Verstand. Es ist Liebe, sagt das Gefühl.