indalo

29.08.2013 um 19:32 Uhr

Ein Tag, den niemand braucht.

von: indalo

Seit vielen Stunden habe ich Feierabend, doch jetzt hab ich zum ersten Mal etwas gegessen. Ich saß noch eine ganze Weile mit ner Kollegin am Tisch und trat Probleme breit. Sicherlich wird das Problem immer breiter, je mehr man darauf rumtritt, doch was kann man an einem sinkenden Schiff noch retten?
Die Prognosen stehen schlecht. Wenn sie eintreffen, sitze ich in wenigen Monaten allein auf dem Meeresgrund und versuche Probleme auszubaden, für die ich nichts kann. Und zwar richtige Probleme, die ich faktisch gar nicht lösen kann. Doch ich bekam schon nach wenigen Monaten den Grad des Dienstältesten – schon da hätte mir klar sein sollen, dass wir sinken.

Doch darum sitze ich nicht hier und schreibe. Das ist ein alter Schuh, der immer mehr zerfleddert. Warum ich trotz noch anstehender Arbeit zu einer Worddatei gegriffen habe, lässt sich nicht in wenigen Worten sagen. In meinem Kopf geistern Sätze umher wie „ich bin auch nur ein Mensch“ und „mich beschäftigt so etwas mehr als es sollte“. Sicherlich habe ich auch einen Hang zur Dramatik, doch heute ist wieder einer dieser Tage, die niemand braucht. Und die Summe macht’s. Jede einzelne Erfahrung des heutigen Tages hätte gereicht um den Tag als „gelaufen“ zu bezeichnen, doch das bestimmt fünf mal zu denken, hat zur Konsequenz, dass der Tag wirklich gelaufen ist. Eins weiß ich mit Sicherheit: An Tagen wie heute möchte ich jeden anderen Job haben, nur nicht meinen.

Es begann mit einem tränenreichen Abgang einer jungen Frau, der Selbstverletzung kein Fremdwort ist. Ich fühle mich nach wie vor hilflos, doch finde, dass ich für mich persönlich damit umgehen kann. Das nehme ich nur selten mit nach Hause. Doch der – wenn auch kleine – Schrank, der Türsteher von Beruf ist und mir damit droht, dass seine Leute die Angelegenheit klären, wenn ich das nicht gebacken kriege, gibt mir mehr zu denken. Ich führte nicht nur eins, ich führte mehrere Gespräche mit ihm und merkte erst, als ich nach dem zweiten einmal zum Luftholen nach nebenan ging, dass er mir eine Last aufgeladen hat, die nicht auf meine Schultern gehört. Ich ging auf Klo, weil ich nicht wusste, wohin. Ich war da, und wusste nicht, was ich da wollte. Wozu? Ich hatte doch eine andere Aufgabe. Das war zu viel. Tief durchatmen, mich sammeln und wieder weiter. Nein, meinen Praktikantinnen bin ich heute weiß der Himmel nicht gerecht geworden, und ich bin ihnen einfach nur dankbar, dass sie selbstständig genug sind um kein wirklich schlechtes Gewissen zu haben. So stand ich zwischen Schrank und verpeiltem Deppen und hoffte, dass niemand dem anderen eine runterhaut. Es ging alles gut, doch wenn ich da schon dachte, es reicht, so ahnte ich nicht, dass schon eine Nachricht auf mich wartete, die mir mitteilte, dass einer meiner Jungs gestern auf dem Heimweg zusammenbrach und vom Krankenwagen ins Krankenhaus gebracht werden musste. Um Anruf wurde dringend gebeten. Auch das noch? Okay, was noch? Ach, der Krankenwagen, der den nächsten Ohnmächtigen abholt. Der Tag war doch schon zwei Aktionen früher gelaufen, musste das jetzt noch sein? Und dann diese Kinder, die wissen wollten, was mit ihm jetzt passiert, und meine Ohnmacht, sie zu beruhigen. Das innere Bedürfnis, sie einfach nur in Arm zu nehmen und zu sagen, dass schon alles gut wird, aber gleichzeitig selbst nicht zu wissen, was los ist. Und die große Schwester zu kennen und sich um sie zu sorgen. Ich vergaß das Schwein, das sich nackt an Kindern aufgeilt. Auch das war Teil meines heutigen Tages – wenn auch nur als Bedrohung, die gerade akut ist. Genauso wie der silberfarbene BMW, der Drogen dealt. Kommt heute noch jemand mit der versteckten Kamera? Das war doch nicht nur ein Tag – oder doch?

Vorbei ist er trotzdem noch nicht. Ich tätigte einen Anruf um irgendwem erzählen zu können, womit der Tag mich konfrontierte. Ein kurzer Spaziergang und dann ein Anruf. Meine Mutter möchte dringend – sofort – mit mir besprechen, was ich in ihrem Todesfall zu tun habe. Klar, passend zum Tag. Ich wünschte, sie würde mitbekommen, dass heute kein Tag dafür ist. Ich wünschte, sie würde Grenzen akzeptieren und gerade nicht den Film schieben, jeden Moment tot umzufallen. Sie ist nervös, verängstigt und hilflos, kein Wunder, bei all den Menschen, die hier gerade gestorben sind. Aber das sind doch auch meine Menschen. Und habe ich nicht noch einen älteren Bruder, dem sie solche Dinge erzählen kann? Muss er denn nie Verantwortung übernehmen? Und wird sie je aufhören, mir weiß machen zu wollen, dass ich schon vor über zwanzig Jahren sein Leben versaut habe? Muss sie das am heutigen Tag wieder versuchen? Sie meint es nicht so, sagt sie. Und doch sagt sie es immer wieder.

Ja, ich bin auch nur ein Mensch. Nein, ich weiß mit einem Großteil dieser Dinge nicht umzugehen und möchte von ihr dann nicht auch noch gefragt werden, wie ich denn den letzten Todesfall verarbeitet habe. „Gar nicht“ war die simple Antwort. Und ich werde es auch nicht mehr tun. Ich möchte morgen auch nicht unbedingt zur Arbeit gehen, denn ich muss Gespräche führen, Dinge klären und weiß selbst nicht, wie ich damit umgehen soll. Mensch, der ich bin, werde ich deutlich zeigen, dass ich selbst keinen Plan A habe, doch dass das niemanden davon abhalten sollte, mich um Rat zu fragen. Denn das ist zumindest in dem Fall mein Job. Nicht? Doch. Und wenn es nur der selbst erklärte ist, denn übrig bleibt die Frage: Wer hilft, wenn nicht ich?

27.08.2013 um 21:32 Uhr

Mit der Verantwortung wächst das Verständnis

von: indalo

Gerade erhielt ich eine Email bezüglich des morgigen Tages. (Wie hat die Welt bloß früher, so ohne Technik funktioniert?) Jemand traf eine Entscheidung über die Köpfe vieler Kollegen hinweg, da er einen Anruf bekommen hat. Einen, wie ich mir gut vorstellen kann, bzw. annehme, verzweifelten Anruf. Ich grinse über die sich erklärende Email. Ich feixe, weil ich mir diese Telefonat sehr lebhaft vorstellen kann. Ich freue mich, weil mir das zeigt, dass ich meine Kollegen kenne und einschätzen kann. Ich bin angekommen, und das nach nur einem Jahr.

Wie man sieht, nehme ich vieles mit Humor. Wie ich ansonsten zu dieser Entscheidung, die auch ohne, nichtsdestotrotz aber über mich getroffen wurde, stehe, weiß ich nicht. Es tut auch nichts zur Sache, die Entscheidung steht, ich mach mit. Basta. Ja, es gehört auch viel guter Wille dazu, dass alles so funktioniert, wie es das tut. Von allen Seiten.

Und so komme ich zu der Erkenntnis, dass mein Plan aufgegangen ist. Viele meiner mir freiwillig aufgebürdeten Überstunden und Zusatzaufgaben mache ich, weil ich besser verstehen will, was um mich herum passiert. Auch wenn ich angekommen bin, so fehlt mir viel Erfahrung. Und die sammele ich gerade im Schnellverfahren. Oder besser gesagt im Intensivkurs. Ich mache das, um zu verstehen. Um den Weitblick zu bekommen, der mir dann die Nahsicht mit Nachsicht verleiht. Und es funktioniert. Auf Grund all der Entscheidungen, die ich in meinen verantwortungsvollen Aufgaben fällen muss, hab ich so viel mehr Verständnis für das Chaos, was um mich herum herrscht. Nicht auf alles und jeden bezogen, meine Windmühle steht nach wie vor im selben Licht, aber doch auf vieles, was geschieht.
Und was meine Windmühle angeht, so macht sie gar keinen Wind mehr, den mache nur ich. Und so langsam muss ich bremsen, bevor ich da jemanden überfahre. Denn momentan liegt mir dieser Jemand zu Füßen. Ich brauche nur Luft zu holen und schon kommen die besänftigen Worte, die mir meinen Willen erlauben. Womöglich auch, weil ich an manchen Stellen gerade den Weg des geringsten Widerstandes wähle, doch das ist eine Entscheidung, die ich bewusst getroffen habe. Aus gutem Grund. Sozusagen eine pädagogische Entscheidung.

26.08.2013 um 22:08 Uhr

Weltverbesserer

von: indalo

Gerade las ich den ersten Satz eines Blogeintrags, der da war: „Urlaub, die schönsten Tage eines Jahres.“ und dachte bei mir: „Und was, wenn nicht?“ Was, wenn der Urlaub nicht mehr die schönsten Tage des Jahres sind? Was, wenn die Arbeit noch viel mehr Spaß macht?

Mein letzter Urlaub war grandios, und der davor auch. Ich mag meine Urlaube, ich mache etwas aus ihnen und erlebe etwas. Ich erfülle mir meine Wünsche und Träume, und manches Mal passiert noch mehr als ich mir vorstellen konnte. Doch mein Leben, mein Alltag, meine Arbeit, die macht mich so unheimlich glücklich, dass ich gar nicht sagen kann, dass der Urlaub das Schönste im Jahr ist.

Gerade heute kam ich erst abends um neun nach Hause. Doch ich bin beflügelt, begeistert und euphorisch. Woher ich all die Energie nehme? Aus Schokolade und jeder Menge Zucker. Ich brauche die Schokolade nicht um glücklich zu sein, sondern um mein Energielevel zu halten – denn glücklich sein ist auch anstrengend. Ich frage mich regelmäßig, ob ich meine Kollegen damit nerve, so vernarrt in meinen Beruf zu sein. Meine Freunde halten mich ohnehin für verrückt und meine Familie verstand mich noch nie. Ich wünschte, allen könnte es so gehen. Ich wünschte jeder könnte so sehr in seinem Beruf aufgehen.

Ich bin jemand, ich bin toll und ich liebe, was ich erschaffe. Ich bekomme gerade auch so viele positive Rückmeldungen, dass ich mich gelegentlich frage, ob ich die negativen nur nicht wahrnehme. Doch da sitzen Menschen vor mir und strahlen mich an.

Letzte Woche wurde ich gewählt, als Vertreter der Kollegen. Als Sprachrohr, als Weiterentwickler, als Richtungsweiser. Ich habe nicht nur die Bestätigung der Chefin, toll zu sein, auch meine Kollegen setzen Hoffnungen in mich. Ich bin so richtig gut. Und all das ohne Vitamin B. Die Welt liegt mir zu Füßen, meine Welt. Und vielleicht kann ich ja doch etwas verändern, nicht nur in meiner Welt, sondern in der großen, weiten Welt da draußen. Vielleicht hab ich Chancen, sie zu verbessern. Lebenswerter zu machen, bei all dem, was tagtäglich schief läuft. Denn das tut es trotz meiner Begeisterung. Zu viel muss ich sehen und mir anhören. Doch ich glaube, manches aufzufangen und zu mildern.

Welt, hier komme ich. Voller Tatendrang. Ich nutze meinen Urlaub, um dich besser kennen zu lernen und meine Arbeit, um dich zu verbessern.

21.08.2013 um 18:07 Uhr

Was soll das?

von: indalo

So viele Jahre sind nun schon vergangen. Ohne ein Wort. Doch ich kann nicht aufhören, daran zu glauben. Ich kann nicht akzeptieren, was andere schon längst zu wissen meinen. Ich kann es nicht hinnehmen, nicht so. Es macht keinen Sinn für mich.

Sicherlich fällt es mir auch grundsätzlich schwer, loszulassen. Meine Wohnung ist der sich türmende Beweis. Doch das hier ist noch anders. Ich… jemand liest. Wann immer ich eine Nachricht in die große, weite Welt hinausschicke, wird sie gelesen. Die Technik verrät es mir. Deswegen schreibe ich auch heute noch, nach all den Jahren ohne ein Lebenszeichen.
Wieso passiert das?

20.08.2013 um 23:41 Uhr

Ein Toter zu viel

von: indalo

Mich lässt vieles kalt, manches möchte ich nicht wahrhaben, doch das trifft mich gerade absolut unvorbereitet. Aber so was von unvorbereitet.

Im Frühjahr stellte jemand die Theorie auf, dass immer drei Menschen sterben, die man irgendwie kennt. Es passte damals. Drei Bekannte starben innerhalb kürzester Zeit. Auch da schon Menschen, die für mich nicht so weit waren. Überraschend, und das nicht nur für mich.

Jetzt hörte ich erst von der Beerdigung des einen Menschen. Dann rief mich ne Freundin an, der Opa ist gestorben, sie wird zur Beerdigung fahren. Der totale Wahnsinn. Dann denke ich gerade an die Oma eines Freundes und fragte mich, ob ich erfahren würde, wenn sie nicht mehr sei. Stattdessen bekomm ich nächsten Tag die Information, dass die Oma einer Freundin verstorben ist. Ich grübelte auf dem Weg zur Arbeit, ob ich meinen Freund nun kontaktieren solle oder nicht. Ich entschied mich dagegen, bis ich kurz darauf feststellte, dass es ja nun auch drei innerhalb eines Monats gewesen sind. Ich war beruhigt.

Doch jetzt nichtsahnend online zu gehen, einfach so auf einen Link zu klicken und plötzlich diese Worte zu lesen, sie zu begreifen, sie zu überprüfen. Das haut mich um. Das ist nicht wahr.

Ich war euphorisch die letzten beiden Tage. Seit über fünfzig Stunden habe ich das Gefühl durchgängig zu arbeiten. Wie auf Droge kam ich mir vor und als ich den Abend aufhörte, fühlte ich mich auf Entzug. Ich war in einer anderen Welt, parallel zu dem hier, doch ich wurde gerade sehr vehement auf den Boden zurück geholt.

Liebe Schattenfax, in Gedanken trauere ich mit dir.

14.08.2013 um 22:13 Uhr

Das glückliche Kind in mir

von: indalo

Eigentlich müsste ich anderes tun. Oder schlafen. Denn meine Augen nehmen nur mit Mühe wahr, was sich auf dem Bildschirm abspielt. Es fällt mir schwer, Zettel zu lesen. Ich bin wirklich erschöpft. Doch ich muss all das festhalten, was mich glücklich macht. Was mich dazu bringt, diesen meinen Job so zu lieben. Ich möchte in Erinnerung behalten, wie es ist, so zu arbeiten. So darin aufzugehen. Ich möchte immer eine Antwort parat haben, wenn jemand sehr nachdenklich fragt: „Lohnt sich das überhaupt?“ Und ich möchte nicht sagen, dass ich mich das auch manchmal frage – was ich sicherlich gelgentlich tue – sondern ich möchte wie meine Chefin voller Überzeugung bejahen. Ohne zu zögern. Direkt sagen „klar!“, und auch direkt eine passende Anekdote haben, wie ein Kind durch den Wald geht und sagt „Das ist ja so ruhig hier.“ und es genießt. Dafür lohnt sich all das, für so winzige Momente, die im Alltag kläglich untergehen.

Ach, ich möchte nicht nur ein Buch über all die Horrorgeschichten schreiben, sondern über diese kleinen Dinge, die das Herz erwärmen. Und doch kommt der Skeptiker in mir und sagt: „Das will niemand lesen.“ Es stimmt, das will niemand lesen. Oder doch?
Ich will es schreiben. Für mich. Für meine Erinnerung, für meine Glückseligkeit.

Und so begeistert mich diese Zehnjährige, die einfach so dasteht und sagt: „Ich wollte sagen, dass es mir heute richtig Spaß gemacht hat.“ Ich möchte dabei nicht über die Überraschung stolpern, sondern mich einfach freuen können. Kein Aber in meinem Kopf hören, sondern einfach Danke sagen.

Und meine Kollegin, die des Nachmittags zu mir meinte: „Es war süß, dich so zu sehen. Man sah, dass das Kind in dir…“ und sie sprach nicht weiter, selten beendet irgendwer seinen Satz. Aber „…glücklich ist.“ passte zu ihrem Gesichtsausdruck und der Gestik. Ja, sie sah, dass das Kind in mir glücklich ist und ich möchte vor ihr auf die Knie gehen, weil sie so etwas sieht. Weil sie mehr sieht, als mir bewusst ist und sie es auf den Punkt bringen konnte. Das Kind in mir, dem ging’s richtig gut.

Ja, ich werde weiter durch den Tag schweben. Mit meiner Tiefenentspannung, denn die konnte ich mir weiterhin erhalten. Immer mehr bin Teil des Ganzen und damit auch ein steuernder Faktor. Ich kann Dinge verändern, daran arbeiten. Ich kann etwas bewegen, und es macht mich glücklich und stolz zugleich.

Euphorisch, das bin ich.

11.08.2013 um 16:48 Uhr

...und dann kam ich

von: indalo

Seit einiger Zeit suche ich verzweifelt einen Eintrag. Leider kann ich zeitlich eher schlecht einordnen und bin auch schon bei dem Gedanken, nie einen Eintrag dazu verfasst zu haben. Sicher bin ich mir also nicht mehr. Dabei würde ich ihn so gerne noch einmal lesen, diesen Beitrag zu dem Geschehnis, als ich mich aus den Augen einer mir fremden Person betrachtete. Als ich eine Begegnung in einem großen Hörsaal hatte und ich mir vorkam wie die unbekannte Hauptperson einer Teenie Geschichte.

Darum soll es jetzt gar nicht gehen. Wohl aber darum, ein entscheidender Jemand im Leben eines nahezu Fremden zu sein. Denn kennen wir das nicht alle? Geschichten, die wir erzählen können, in denen jemand eine ganz besondere Rolle spielt und dieser Jemand davon vermutlich nicht einmal weiß? Häufig sind Lehrer diese Personen, da sie einen doch viele Jahre beim Erwachsenwerden begleiten. Selten wissen sie um ihre Rolle, noch seltener akzeptieren sie sie. So kann ich bestimmt mehrere Geschichten zum Besten geben, in denen irgendein Lehrer etwas bei mir losgetreten hat. Doch auch darum soll es nicht gehen.

In den letzten Wochen bin ich ja nun viel unterwegs gewesen. Es stimmt wohl, manche Menschen begegnen einem immer wieder und so traf ich eine Frau, die mich noch länger begleiten sollte. Beim besten Willen kann ich nicht sagen, ob es Tage oder Wochen waren. Ich kann den Zeitrahmen zwar nachschauen, aber nicht nachempfinden.
Schon der erste gemeinsame Abend hatte eine immense Bedeutung, wodurch auch sie Bedeutung bekam. Dann begleiteten wir einander, zumindest die Abende. Wir haben uns nie verabredet, ganz im Gegenteil, wir verabschiedeten uns beim ins Bett gehen mit dem Wissen, dass wir am nächsten Tag unterschiedliche Ziele hatten und zu unterschiedlichen Zeiten aufbrechen würden. Ach, meistens verabschiedeten wir uns gar nicht. Es war einfach so. Wir gehörten nicht zusammen, wir suchten einander nicht, aber wir fanden uns immer wieder. Und so kam es, dass ich durch ein verlassenes Dorf ging und sie plötzlich auf meinen Weg zuschritt. Später erzählte sie mir, dass sie kurz vorher zu der Erkenntnis kam, dass sie an dem Tag nicht weit kommen würde. Doch dann kam ich. Ich beflügelte sie und nahm sie mit auf meinen Weg, und damit auch ihren. Das gab mir zu denken. Vor allem da sie später auch formulierte, dass es so sein sollte, dass man mich ihr geschickt hat. Doch es ist komisch, geschickt worden zu sein. Ich bin doch einfach nur meines Weges gegangen. Hatte selbst aus ganz anderen Gründen kurz zuvor eine ungeplante Pause eingelegt, die letztlich dazu führte, dass wir uns genau in dem Moment trafen. Ein paar Minuten früher oder später, und wir wären uns womöglich nie mehr begegnet.

Einen oder zwei Tage später holte ich sie morgens ein. Sie humpelte. Ich begleitete sie in ihrem humpelndem Tempo, da ich sie nicht allein lassen wollte. Sie begrüßte es ohne Worte. Bei der nächsten Apotheke ließ ich sie dann zurück mit dem Gedanken, dass wir uns irgendwann wieder sehen. Irgendwann, doch keineswegs so schnell wie es dazu kam. Mir ging es schlecht, so schlecht, dass ich mich fragte, wie weit ich wohl kommen würde. Doch plötzlich stand sie vor mir und diesmal nahmen wir uns einander an. So richtig fit war sie nämlich auch noch nicht. Zum ersten Mal seit Wochen ging ich ganz bewusst mit jemandem. Wollte die Gesellschaft, suchte sie und fand sie. Ja, da wurde sie mir geschickt. Es folgten die schlimmsten paar Kilometer unserer gesamten Strecke, darüber waren wir uns einig. Und das, obwohl wir so gute Gesellschaft hatten.

Das, und viele andere Begegnungen, brachten mich immer wieder dazu darüber nachzudenken, warum ich wann welche Entscheidung treffe. Denn auch das wann spielt eine große Rolle. Denn jede Entscheidung, jedes Hinauszögern einer Entscheidung, bestimmt über die weiteren Begegnungen. Wir treffen Entscheidungen von denen wir keine Ahnung haben, weil wir nie wissen können, was die Konsequenzen sein würden.

10.08.2013 um 17:08 Uhr

Ich mache dich unglücklich

von: indalo

Gestern schon wollte ich etwas dazu schreiben. Doch ich war zu müde. Zu müde, um den Rechner einzuschalten. Zu erschöpft, um mich gedanklich weiter damit zu beschäftigen.

Jetzt, einfach so, kommt mir der Gedanke, dass ich dich unglücklich mache. Immer mal wieder. Doch sollte ich deswegen gehen? Überwiegt das Glück oder das Unglück, welches ich dir beschere? Es soll deine Entscheidung bleiben, wann du gehst. Und doch muss immer wieder auch ich entscheiden. Zensieren. Und gestern war ich zu baff und fand die Geschichte zu belanglos, um zu zensieren. Also erzählte ich und wurde direkt mit den verletzten Worten „Das scheint dich ja sehr zu beschäftigen.“ gestraft. Nein, es hat mich nicht sehr beschäftigt, es war eher eine lustige Anekdote, die ich zum Besten geben wollte. Der mit den Worten „ich drück dich jetzt“ angekündigte Knutsch auf die Wange. Es hat keine Bedeutung, auch wenn ich es jetzt niederschreibe. Es bekam Bedeutung, als ich deine Worte hörte. Also wechselte ich schnell das Thema, erzählte von den anderen Geschehnissen des Tages, bis ich mir den nächsten Satz, welcher mit den Worten „Vielleicht war es einfach nur…“ begann, anhören durfte. Ich mag es nicht, wenn ich von solchen Momenten erzähle, in denen ich die… Anspannung, Irritation, Gedanken, oder was auch immer, meiner Gesprächspartner oder Gesprächszuhörer fühlen kann, und mir jemand zu verstehen gibt, dass ich das alles überbewerte. Oft hab ich mir das auch gesagt, bestimmt habe ich auch das ein oder andere überbewertet, doch das ist Jahre her. Seit langer Zeit weiß ich, dass ich nicht überbewerte. Ich werte mittlerweile so wenig, dass das, was ich werte, Wertung würdig ist. Und meist bekomme ich die Bestätigung kurz darauf. Ich weiß noch, dass ich vor einigen Jahren dazu auch einen Beitrag verfasste. Dass es mich damals vor den Kopf stieß, als jemand mich nicht ernst nahm mit meinen Interpretationen. Daran musste ich schon gestern denken. Und ich mag das nicht. Ich werde sofort bockig und der Gedanke „dann erzähl ich dir so was einfach nicht mehr“ taucht direkt auf. Dann halt nicht.
…doch ich ahne, wo das herkam. Ich habe dich verletzt, mal wieder. Dabei wollte ich das gar nicht. Du versuchst, so locker zu sein, doch es gelingt dir nicht. Ich merke jedes Mal diese Anspannung, wenn du mir eine scheinbar belanglose Frage stellst. Den Mut, den es dich kostet, einen frechen Scherz zu machen. Bei jeder dieser Situationen tue ich dir weh. Doch verrate mir, was kann ich dagegen tun?

06.08.2013 um 20:16 Uhr

Nur ein einziger AugenBlick

von: indalo

Gerade las ich meinen Eintrag aus dem letzten Jahr zum spontanen Kabarett. Es ist wunderschön, sich wieder an diese Dinge zu erinnern. Es ist hilft dabei, davon zu lesen. Die Geschehnisse sind geordnet und man wird durch seine Gedanken geführt. Langsam, aber sicher. Und so möchte ich jetzt doch noch etwas aus der letzten Woche festhalten. Es hat mich keineswegs innerlich so berührt, doch es tut trotzdem gut zu wissen, dass da noch mehr Menschen sind, mit denen ich mich wortlos verstehe. Wortlos und auch ohne Gestik oder Mimik. Doch man hat immer eine Mimik, wird jetzt jemand behaupten. Die hat man. Doch es gibt Momente, da sieht man sich nur in die Augen, man nimmt nicht einmal die Augen wahr, man sieht viel tiefer. Da zählt keine Mimik, da zählt nur, was man innerlich sieht und nicht mehr auszusprechen braucht.

Besagte Situation fand bei der Arbeit statt. Es war eine Sitzung verschiedener Personen mit einer Gemeinsamkeit, die nicht weiter wichtig ist. Eine Kollegin, die ich seit einem Jahr kenne, spielt dabei die entscheidende Rolle. Wir sind uns womöglich sympathisch, doch sie wird nie meine Freundin werden. Wir sind Kollegen, mehr nicht. Und auch wenn wir uns schon wortlos verständigt haben, wusste ich nicht, dass unsere Beziehung so tief geht.
Sie stellte interessierte Nachfragen an eine neue Kollegin. Ich wusste schon da, worauf es hinausläuft, doch sie ahnte noch nicht, dass ich mir darüber im Klaren bin. Dann trafen sich unsere Blicke. Es ist schwer zu sagen, für wie lange, denn einerseits kommunizierten wir dabei so viel, dass es Stunden dauern würde, jemand anderem zu erklären, was da gerade passierte. Andererseits geschieht so etwas in einem Augenblick. Ja, einem einzigen Blick in die Augen, dem AugenBlick.
Als wir unsere Augen voneinander lösten, forderte sie mich zum Sprechen auf. Ich tat dies. Nicht, um deutlich zu machen, was ich dachte, zumindest nicht für sie. Sondern für die anderen. Denn nur weil wir uns auf diese Art verständigen können, hilft das den anderen nicht weiter. Als ich mich geäußert hatte, grinste sie und meinte nur „Ich dachte mir, dass du so reagierst.“ Jetzt bin ich nicht sicher, ob sie die gleiche Tiefe und Sicherheit bei unserem AugenBlick spürte, wie ich es tat. Doch macht es einen Unterschied?

05.08.2013 um 20:36 Uhr

Fassungslos - die Krönung

von: indalo

Fassungslos, ich bin wirklich fassungslos. Etwas, das ich unter anderem daran erkenne, dass ich die Fassung verloren habe und nur mühsam den Schein wahren konnte.

Warum in aller Welt verliere ich bloß so schnell die Fassung, wenn mich eine Ungerechtigkeit auf die Palme bringt? Das ist etwas, das ich gerne noch ändern würde.

Nichts ahnend und voller Vorfreude, wenn auch in mancherlei Hinsicht leicht zurückhaltend, da unvorbereitet, startete ich in den Tag. Ich war ne gute halbe Stunde früher da um noch alles für den Start vorzubereiten und stand am Kopierer, als ne Kollegin mir mitteilte, dass ich einen erkrankten Kollegen vertreten soll. Ich verneinte dies spontan. Sie sah mich sichtlich verwirrt an, weshalb ich ihr erläuterte, dass ich selbst Termine habe, die mich ganz offensichtlich daran hindern, jemand anderen zu vertreten. Ratlos wie sie war, begleitete ich sie zur Chefetage. Ihre Aussage wurde dort bestätigt, was mich nun äußerst ratlos dreinschauen ließ. Ich überprüfte die Sache am Plan und nun wurde ich fuchsteufelswild. Ich vertrete jemand anderen, damit man mich vertritt? Wo ich doch da bin um meinen ganz normalen Job, auf den ich eingestellt bin, zu machen. Erkläre mir einer den Sinn. Ich also zurück zur Chefetage, wohl wissend, dass man mir mancherlei Gefühlsregung, wie etwa das völlige Unverständnis gepaart mit Wut, direkt ansieht. So stand ich da und fragte, nicht unbedingt ruhig, was es damit auf sich hat. Auch nicht unhöflich, aber sehr deutlich machend, dass ich davon nicht begeistert bin. Ich verstehe es schlichtweg nicht. Kann die Person, die mich vertritt, nicht einfach die erkrankte Person vertreten? Als Reaktion bekam ich, dass ich das mit ihr klären soll. Ich fühlte mich vorn Kopf gehauen. Warum ist auch DAS wieder MEINE Aufgabe? In letzter Zeit habe ich den Satz „Das ist nicht meine Aufgabe.“ zu oft aus dem Munde eines Vorgesetzten, der genau für DIESEN Job eingestellt ist, gehört. Ich war sprachlos und wusste mir nicht zu helfen. Stapfte also zur mich vertretenden Person, die auch nur fadenscheinige Begründungen vor sich hinstotterte. Nein, das ist wahrlich keine Begründung, und jedem Menschen, dem ich das bisher en detail erzählte, erschien das Ganze ähnlich idiotisch wie mir. Auf hundertachtzig machte ich also Kehrtwendung, denn eine sinnvolle Klärung war nicht abzusehen. So erledigte ich meine neu gewonnene Aufgabe halbherzig und doch so gut wie möglich – was können denn auch die anderen dafür? Ich ignorierte meine Gefühlslage, was mir durchaus gelungen ist, bis mir der Personalrat übern Weg lief. Dem schilderte ich farbenfroh und in voller Lautstärke umgeben von sämtlichen Kollegen, dass ich stocksauer bin und das Gefühl habe, manch ein Kollege wird bevorzugt. Ich sehe absolut keinen Sinn in dieser Veränderung und lasse mir nicht noch erzählen, ich hänge in meinem Job hinterher. Wie bitte was? Man hat mich gerade heute morgen daran gehindert, meinen Job zu erledigen. All das, was ich letzte Nacht erarbeitet habe und heute morgen kopierte, hätte ich mir auch einfach sparen können. Stattdessen sollte ich jemanden vertreten um dann auch noch vertreten zu werden. Nein, das will in meinen Kopf nicht rein. Und DAS ist die Krönung.

Seit einem Jahr gibt es viele Dinge, die mich aufregen. Die mich sprach- und gelegentlich auch fassungslos machen. Doch damit habe ich mich abgefunden. So vieles nehme ich lächelnd hin, wohl wissend, dass ich daran noch arbeiten werde und bis ich Erfolge erzielt habe, stoisch und ruhig meine Arbeit weiterverfolge. Monatelang kämpfte ich gegen eine Windmühle, bis ich jetzt sagen kann, dass ich zumindest diesen einen, aussichtslos erscheinenden Kampf gewonnen habe. All das regte mich auf, kostete mich Nächte und Lebenszeit, doch nichts davon löste in mir das momentan vorhandene Gefühl aus. Der Mann, meine Windmühle, ist einfach unfähig. Doch das jetzt, das hat nichts mit Unfähigkeit zu tun. Ich fühle mich hintergangen und verarscht.