indalo

28.11.2013 um 20:25 Uhr

Setze Prioritäten

von: indalo

Ich halte mal wieder fest, dass ich meinen Job mag und von Zeit zu Zeit wirklich meinen Frieden damit gefunden habe. Gerade heute machte ich diese Feststellung, als ich entspannt nach Hause ging, entspannt zu Hause saß und dann jemandem Einzelheiten aus meinem Tag erzählte. Von sich ritzenden Zwölfjähirgen über weinende Kinder, die wohl einem pädophilem Exhibitionisten übern Weg liefen bis hin zu neun Erwachsenen in einem Raum, die ne knappe Stunde lang toternst Zettelchen mit Namen darauf hin und her geschoben haben um die verzwickten Freundschaftskonstellationen von fünf Zwölfjährigen nachzustellen, war alles dabei. An einem Tag mit wenig Stunden. Und ich merke es nicht. Nein, ich bin nicht abstumpft, nein, ich stehe nicht über den Dingen, aber ich habe meine Distanz dazu. Das weinende, mir vollkommen fremde Kind brachte mich kurzfristig doch etwas aus der Ruhe, sodass ich nur sagen konnte, dass man in unserer Welt echt nicht leben mag, aber mir als Mensch geht’s ganz gut damit. Ich nehm’s gelassen, denn momentan bin ich in der Phase in der ich erkannt habe, dass ich nicht jedes Mal in Panik ausbrechen kann, wenn so etwas passiert.

Vorgestern war die Polizei im Haus und trank gemütlich Kaffee, obwohl sie gerufen wurden um die Schlägerei draußen zu verhindern. Wenn die drei Herrschaften lieber im Warmen sitzen, warum soll ich es dann nicht gelassen nehmen. Und den Feueralarm ignorieren wir auch gekonnt – was soll’s? Ja, da stand ich über den Dingen und ging nur mit den Worten „Ich geh lieber nach Hause, eh hier noch was abbrennt.“

Nein, ich sag das nicht mit Sarkasmus. Womit genau, weiß ich nicht, aber ich bin entspannt dabei. Ich spiegele sehr ruhig meinem Gegenüber, dass er mir gerade droht und rede seelenruhig weiter. Was sonst soll ich tun? Und es geht mir gut damit, auch – oder gerade wenn – ich einer Freundin bei einer ähnlichen Situationsbeschreibung zuhöre und merke, dass ich das aus der Distanz betrachte.

Ich bin mir sicher, nicht abgestumpft zu sein. Denn wie sagte ein Jugendlicher gestern zu mir? „Ich bringe Sie zum Nachdenken.“ Ja, das tut er. Mit einfachen Aussagen. Ehrlichen Aussagen, die ihn beschäftigen. Und die er einfach so sagt. Nicht als Vorwurf, nicht als Unterstellung, sondern als Tatsache. Und dann möchte ich ihm sagen, dass ich anders denke und es mir Leid tut, wenn es so rüber kommt. Dann möchte ich ihm noch deutlicher sagen, was ich von ihm und seinen Freunden halte. Dass ich begeistert bin und er mir glauben sollte. Er nahm dieses große Kompliment an, auch wenn wir uns sonst des öfteren nicht verstehen.
Es geht mir gut mit der Jugendlichen, die zu mir meint, dass sie genau weiß, wie sie meine Blicke zu nehmen hat. „Wenn sie gucken, weiß man genau, was los ist.“ und wenn ich mal meckern möchte, heißt es: „Sie können dabei einfach nicht ernst bleiben, sie grinsen schon wieder.“ Ja, das tue ich. Denn ich glaube, ich werde auch so verstanden. Dort, an dieser Stelle. Nicht oft und schon gar nicht überall, aber genau da. „Ich muss lachen, wenn Sie lachen.“ – „Und ich muss lachen, wenn du lachst.“ war ein normales Gespräch, welches ein Dritter mit den Worten „Oha, beste Freunde, was?“ kommentierte. Nicht zu mir, wohl aber zu ihr. Und sie grinste nur. Denn es wär ihr nicht peinlich. Ich glaube, sie sagte sogar „Können wir ja werden.“ Und ich fühl mich gebauchpinselt. Ich fühl mich wohl.

„Sie sollten ein Buch schreiben.“ Ja, das sollte ich. Doch wohl nur für mich.

Jeder ist in einer anderen Phase, jeder denkt anders, jeder nimmt anders wahr. Und so konnte ich letzte Woche eine junge Kollegin nur mit folgenden Worten ins Wochenende schicken: „Ich hätte vor einem Jahr jeden verflucht der mir gesagt hätte, was ich dir jetzt sagen möchte. Darum werde ich dir nur eins sagen: Such dir eine Baustelle aus und arbeite daran. Mach dich nicht kaputt, setze Prioritäten. Eine Priorität.“

19.11.2013 um 21:23 Uhr

schlechtes Gewissen

von: indalo

Warum habe ich eigentlich n schlechtes Gewissen, wenn ich des nachts die Polizei anrufe um eine Ruhestörung zu melden? Ich hatte zuvor dreimal bei den Nachbarn geklingelt und für den Fall, dass das zu hohe Töne sind, dumpf gegen die Tür gehämmert. Und das auch erst nachdem ich eine dreiviertel Stunde lang versuchte mich davon zu überzeugen, dass es jeden Moment vorbei sein wird.

Und sag mal, hat er n schlechtes Gewissen, oder warum setzte er seinen Satz „und weißt du, was das schlimmste ist?“ erst am Abend per Mail fort statt in Anwesenheit von, Mutter, Frau und Tochter? Ist das wirklich etwas beunruhigendes, ja gar schlimmes für ihn?
Wenn dem so ist, sollte es mich womöglich auch beunruhigen. So finde ich das ganze eher amüsant und messe dem keine Bedeutung bei.

18.11.2013 um 22:35 Uhr

Ein Junge

von: indalo

Das waren die Worte einer glücklichen werdenden Mutter. „Da ging er zwischen die Beine und man sah den Hodensack und den kleinen Penis.“ Ein Junge. Es wird ein kleiner Junge werden, obwohl alle meinten, es würde ein Mädchen. Nein, ein Junge. Ich freu mich darüber, nun auch einen kleinen Jungen zum Spielen zu bekommen. Noch muss ich mich ein paar Monate gedulden, aber ich bin schon jetzt voller Vorfreude, genau wie die Eltern.

Nur blöd, dass der werdende Vater Angst davor hat, der Kleine würde Fußball mögen. Ich weiß ja nicht, ob Ballett so viel besser wär. Aber die werden das schon machen. Hauptsache gesund, denn glücklich kommt danach.

08.11.2013 um 19:29 Uhr

drei Geburtstage an einem Tag

von: indalo

Da ist wieder was im Busch, ganz viel ist in Bewegung, aber nichts, was ich richtig greifen könnte. Es hat viel mit gestern zu tun. Und heute. Denn gestern habe ich viele Gespräche geführt. Wir haben viele Gespräche geführt, mein Kollege und ich. Das heißt, ich habe ihn besser kennen gelernt. Und lieben gelernt. Noch mehr als vorher. Wir passen gut zusammen und das hätte ich so gut nie erwartet. Ich habe auch nichts befürchtet, aber ich bin definitiv positiv überrascht. Auch die Gespräche gestern haben mich positiv überrascht. Sie taten gut, auch wenn sie gewiss nicht alle schön waren. Wir haben Menschen die Zukunft genommen und anderen gegeben. Es war gefühlvoll, doch ohne Tränen. Aber dieser tiefe Blick in die Augen, das Schweigen und dann das Danke. Das bewegte etwas. Ich kann es nicht annehmen, diesen Dank. Ich sagte Bitte, doch für mich kann ich ihn nicht annehmen. Ich sagte wohl noch, es sei mein Job. Und es kamen sehr nachdrückliche Worte, dass das nicht jeder täte. Ich sei geduldig. Mein Kollege kommentierte lachend, dass ich es ja auch täglich mit ihm aushalten müsse, da werde man geduldig. Ich schwieg. Ich war immer noch verwirrt von diesem intensiven Dankeschön. Sie betonte es noch einmal und ich meinte nur, dass ich eben mein Bestes tue, und mein Kollege auch, denn er ist gar nicht so schlimm, wie er gerade tut.

So ging ich gestern spät abends im Dunkeln nach Hause. Bewegt und definitiv zufrieden. Wir telefonierten und du fragtest mich, was ich von einem gemütlichen Frühstück hielte. Mit ihr. Mit jemandem aus meiner Vergangenheit. Einer Vergangenheit mit der du überhaupt nichts zu tun hast. Du kannst mich das nicht fragen. Nein, nicht du. Nicht in Bezug auf sie. Das geht überhaupt nicht. Du weißt nicht viel über mich in Bezug auf sie, vielleicht kannst du es dir denken, vielleicht hast du die Puzzleteile zusammen bekommen, doch ich kann dir sehr deutlich sagen, dass ich darüber mit dir nicht reden möchte. Und ich weiß nicht, ob ich mit euch beiden etwas zusammen machen möchte. Nein, du bist was sie sein sollte. Das geht nicht, das passt nicht. Auch nach neulich nicht, als wir gemeinsam da standen. Mit dieser lauten live Musik und ich so viel fühlte und nicht hinterher kam. Sie spielt immer noch eine immense Rolle in meinem Leben und das dies nun Verbindungen zu dir erhält, das geht nicht. Damit komme ich nur schwer zurecht. Und ich möchte auch nicht darüber reden. Mit niemandem.

So brachte mich das des nachts sehr durcheinander. Denn wieso redet ihr beide über mich? Gut, ich nahm dies offensichtlich in meine Nacht und träumte Kuriositäten mit meinem lockigen Kollegen. Ein absolut sympathischer Kerl, der mir von der ersten Minute an gefiel und sich immer besser macht. Er kuschelte sich an mich, immer mehr. Lief da was? Ich weiß es nicht. Doch wieso in aller Welt träume ich davon?

Dann ging der heutige Tag dort weiter, wo der gestrige endete. Alles problemlos. Es fühlt sich gut an, zu arbeiten. Ich fühle mich gut. Dann lud ich meinem Vater mit seiner Freundin zum Essen ein und erschlug sie mit der Info, dass meine Mutter sich scheiden lässt. Sie waren absolut perplex und ich fragte mich (und sie) ob ich sie darauf hätte sanfter vorbereiten sollen. Sie waren schockiert. Doch bei all der Neutralität, die wir in Bezug auf meine Mutter an den Tag legen, hat sie bei weitem nicht das Recht zu sagen: „Wenn man drei nette Männer verliert, sollte man sich doch Gedanken darüber machen, woran das liegen könnte.“ Nein, sie hat nicht das Recht dazu. Auch nicht das Recht auf Weihnachten. Basta.
Doch so stellte ich spontan meinem Vater eben doch die Frage, ob sie ihn je aggressiv machte. Er bejahte, ohne zu zögern. Er zeigte mir eine einander schüttelnde Bewegung. Das saß. Das war nie in meinem Kopf. Wie muss ein Mensch sein, der so viel Aggressivität in anderen auslöst? Was ist da noch alles vorgefallen, das ich noch nicht weiß? Und ich weiß schon zu viel.

Doch ich dachte nicht weiter, es bewegt sich nur im Hintergrund in mir. Als ich zahlte, kam mein geburtstaghabender Kollege an den Tisch mit seiner kleinen Tochter. Nein, er kam nicht nur an den Tisch, er setzt mir die Kleine vor die Nase und drehte sich wieder weg. Was für ein Vertrauen hat dieser Mann in mich? Wir sind keine Freunde, wir ecken oft an und er überlässt mir seine Tochter. Da ich gerade im Begriff war zu zahlen, setzte ich mir die Kleine auf den Schoß und zog damit irritierte Blicke der Mutter auf mich. Was muss sie auch denken, dass eine wildfremde Person im Restaurant plötzlich ihre Tochter auf dem Schoß hat. Das war auch rührend. Ich hatte mal wieder ein kleines Kind auf dem Schoß, das mich anstrahlte. Vertrauensselig. Danke.

Und als ich nach Hause kam und ein fünfzehnminütiges Video amerikanischer Kinder sah, musste ich es meiner mom schicken. Cause it moved me. Und als Reaktion erzählt sie mir, dass ihre Mutter heute achtundneunzig ist. Ich saß sprachlos vor dieser Mail. Im nächsten oder übernächsten Jahr muss ich wohl im November hinfliegen. Da sein, wenn sie noch älter wird. Ihr zeigen, was sie mir bedeutet. Denn das tut sie, ganz viel.

Ich bin bewegt von all diesen Dingen. Mal positives, mal negatives. Und statt mich in mir zu bewegen, werde ich mich auf mein Fahrrad werfen und raus in die Nacht fahren. Im Dunkeln den laaangen Berg erklimmen um ihm zu seinem Geburtstag zu gratulieren. Dem dritten, und eigentlich ersten Menschen, für den dieser Tag ein besonderer ist. Und ich werde zu spät kommen.