indalo

24.03.2014 um 21:27 Uhr

Mannomann, bin ich deutsch

von: indalo

Diese Nacht wird die erste Nacht in über eine Woche, die ich allein verbringe. Auf Grund der geringen Zeit wird deutlich, dass dies das Besondere ist. Also nicht etwa, das Alleinschlafen, sondern das vorher-nicht-allein-schlafen. Es ist auch gar nicht so besonders, doch besonders war, dass die Gäste in meiner Wohnung keineswegs Bekannte waren. Eher Fremde, sehr Fremde. Menschen, die ich zum ersten Mal sah, als ich ihnen die Tür öffnete. Menschen mit unterschiedlicher Herkunft, genau genommen schaffe ich es auf vier Gäste von drei Kontinenten und vier verschiedenen Ländern. Keins davon war Deutschland. Ach warte, der Typ der Woche davor erhöht jede Zahl um eins. Fünf Gäste aus fünf Ländern von vier verschiedenen Kontinenten.

Wieso, weshalb, warum? Ich gehöre zu jenen Verrückten, die sich im Internet Übernachtungsmöglichkeiten suchen und eben auch eine bieten. Das habe ich schon vor einigen Jahren gemacht, doch irgendwie hatte ich letztes Jahr so gar keine Lust dazu. Mir fehlte die Zeit. Und außerdem hatte ich über drei Monate ohnehin einen Mitbewohner. Das reichte. Mein Sozialkontaktspuffer war aufgebraucht. Auf Grund diverser Veränderungswünsche oder –bereitschaften hab ich mich mal wieder damit beschäftigt. Und es war gut. Ich habe wieder viel gelernt. Allem voran immer über mich. Aber auch über andere, über Unterschiede, über Gemeinsamkeiten, über Vorstellungen und Ideale, über Kulturen und ihre Besonderheiten. In vielem fühlte ich mich bestätigt und manch einer konnte meinen, ich hätte nur gemeckert. Doch das stimmt nicht, ich war von vielem wirklich fasziniert. Ich mein: Was machen zwei Personen innerhalb von zwölf Stunden mit einer ganzen Rolle Klopapier? Es ist mir ein Rätsel. Andere Dinge konnte ich nur mit einem Schmunzeln beobachten. Wieso brennen doch gleich Lampen in Zimmern, in denen niemand ist und auch niemand vorhat in nächster Zeit zu sein? Und so ein Wasserhahn ist beweglich, damit man ihn gelegentlich auch schließt. Ach, und das Konzept des Wäsche auswringen nach dem Waschen, das war mir lange bekannt bevor ich von Hand wusch.

Ach ja, das ist nur ein Stück aus meiner Welt als Couchsurfer. Eine Momentaufnahme die viel mit mangelndem Schlaf und einer guten Portion verschiedener Kulturen zusammenhängt. Und eins kann ich erneut festhalten: Ich bin so was von deutsch, dass ich mich dafür schämen möchte. Man kann so viel Offenheit und Andersartigkeit an den Tag legen, man hat einfach keine Ahnung, was damit gemeint ist, bevor man nicht die Welt bereist hat. Und das werde ich bestimmt noch öfter ausführen, da ich es demnächst dann irgendwann wieder aus erster Hand erfahre. Doch jetzt brauche ich wieder Ruhe. Meine Wohnung für mich allein. Meinen Zeitplan, meine Unabhängigkeit und Spontaneität. Zeit für mich, Zeit zum Schlafen und zum Verarbeiten all dieser bunten Eindrücke.

11.03.2014 um 22:45 Uhr

Mich hat ein Baby geküsst

von: indalo

Das Telefon klingelte und ich hob ab. Noch bevor sie dazu kam, mir zu sagen, warum sie anrief, warf ich nur „Spazieren?“ ein und sie bejahte. Denn das wollte sie. Spazieren gehen. So trafen wir uns auf halber Strecke und drehten eine neue Runde. Wie eh und je. Doch mittlerweile ist die Kleine ein Jahr alt und braucht mehr Aufmerksamkeit unterwegs, sodass Gespräche noch unmöglicher sind als sie es bisher schon waren. Aber dank unseres letzten nächtlichen Treffens inklusive tief greifendem Gespräch, macht das überhaupt nichts.

Die Kleine wurde quengelig und wir brachten sie nach Hause. Doch fairerweise wollten wir uns auch auf halbem Wege verabschieden, also wollte Mama mich noch ein Stück begleiten. Papa passt auf. Und als Papa das Kind auf dem Arm hatte, kam Mama auf sie zu und fragte „Gibst du mir noch einen Kuss?“ Erst hielt sie ihr überzeugt den Schopf hin, doch dann gab’s noch nen Schmatzer auf die Lippen. Ich wusste nicht recht, wie und ob ich mich verabschieden soll. Ich möchte der Kleinen nicht zu nahe treten, sie kennt mich nicht. Ja, ich war im ersten halben Jahr viel dort, doch im letzten halben Jahr haben wir uns entfernt. Und mittlerweile hat sie einen eigenen Kopf, sodass ich sie nicht einfach knuddele ohne ihre Erlaubnis zu haben. Doch eh ich mich für eine Form der Verabschiedung entscheiden konnte, lehnte sie sich mir entgegen und fiel dabei fast aus Papas Armen. „Will sie mir jetzt auch einen Kuss geben?“ Mama: „Sieht so aus.“ Papa: „ Aber mit Zunge!“ und so schmatzten ihre feuchten Lippen auf meinen. Papa: „Da war Zunge dabei, nicht wahr? Das weiß ich doch genau.“ und ich ging nur grinsend aus der Tür.

10.03.2014 um 20:54 Uhr

Ich warte seit Jahren auf dich

von: indalo

Das sagtest heute zu mir unter Tränen. Ich weiß. Ich weiß, dass du das tust. Ich weiß auch, dass du nichts dagegen tun kannst, egal was ich sage. Doch ich weiß beim besten Willen nicht, was ich dafür kann. Ich möchte das nicht, und das weißt du. Du möchtest das auch nicht mehr, so denke ich. So denkst du. Doch stimmt das?

Seit Jahren… seit vielen, vielen Jahren. Und dann haust du mir auch noch meinen Engel um die Ohren. Ich würde darüber nicht reden wollen, du weißt nicht, ob du mich etwas dazu fragen darfst. Darfst du. Doch… es gibt nichts zu reden. Weder mit dir, noch mit sonst irgendwem. Und wenn ich bedenke, dass mein Engel vor fünf Jahren das letzte Mal Thema war, dann gruselt mir, was du noch mit dir herumschleppst und nicht erwähnst. Das ist verdammte fünf Jahre her. Und bitte, eins musst du lernen, und das auch schon seit mehr als fünf Jahren. Wenn ich etwas nicht erzähle, dann liegt es nicht daran, dass ich es dir nicht erzählen möchte, sondern einfach daran, dass ich nicht erzählen möchte. Egal wem. Und solange du das nicht verstehst, solange du das nicht akzeptierst, werden wir keinen grünen Zweig erreichen können. Und ich muss noch eins drauf setzen: Solange du mich dafür strafst, dass ich so bin, solange du meinst, rechnen zu müssen, mir nur vergleichbares zu dem zu erzählen, was ich erzähle, werden wir weiterkämpfen. Dass das seit geraumer Zeit der Fall ist, entsetzte mich zutiefst. Sind wir noch an dem Punkt unserer Freundschaft? An einem Punkt, den ich mit meiner größten Rivalin nach viel kürzerer Zeit überwunden hatte? Mit ihr und mir entwickelte sich alles erst nach dem Punkt, an dem sie verstand, dass ich keinen Deut mehr erzählen werde, nur weil sie aufhört mit mir zu reden. Erst als sie verstand, dass rechnen sich nicht lohnt, funktionierten wir. Und du hast es bis heute nicht verstanden? Nicht akzeptiert? Allenfalls über weite Strecken toleriert? Das ist traurig.

Ja, was bin ich bloß für ein Monster in deinen Augen, dass du mir keine einfachen Fragen stellen kannst? Was hab ich dir bloß getan, dass du Angst davor hast? Wieso vertraust nicht mehr auf uns? Auf mich? Wann hab ich dich fallengelassen?

06.03.2014 um 10:55 Uhr

Andere haben Geburtstag und ich feier

von: indalo

Heute hatte ich so viel vor, bzw. hab ich so viel gemacht wie in diesem ganzen Jahr noch nicht.

Um halb acht klingelte der Wecker, ich zog mir die Laufsachen an und lief ne Runde um Block. Währenddessen fuhr mein Computer hoch, sodass ich die Mail des netten, wie ich annehme jungen Mannes in Ruhe beantworten konnte und bei der Gelegenheit mal schnell meinen zweiwöchigen Sommerurlaub buchte. Schön. Geduscht und zum Bus. In der Innenstadt noch schnell Shampoo schenken lassen und Seife gekauft. Nette Frau. Bunte Frau.
Dann ging's weiter zur ersten richtigen Verabredung. Mein Vater hat ohne die Anwesenheit seiner Freundin so viel geredet wie ewig nicht. Es gab leckeres Essen und n nettes Spiel, bis ich zur nächsten Verabredung musste. Ein blind Date mit offenen Augen, zwei verschiedenen Sprachen und ohne Hintergedanken. Die Zeit verflog und ich hab ein neues Wort gelernt. Sede. Sogar angewendet hab ich's noch.
Und schon ging's weiter zum dritten und letzten Date mit der bald einjährigen Mutter. Drei Stunden Offenheit und Ehrlichkeit. Drei Stunden Gefühle, und ganz viel über mich. Danke. Mich und mein momentanes Chaos, mein Wunsch nach Veränderung. Das tat gut. Sogar zum Thema Umarmungen sind wir gekommen. Ich hab einfach drauf los geredet. Erschreckend, wenn auch nicht überraschend, dass ihre erste Überlegung zu dem Thema ist, dass sie mich anders umarmt, weil ich auf Frauen steh'. Wie gut ich sie kenne. Ja, ich sah den Gedanken in ihrem Kopf, auch wenn sie ihn nicht aussprach.
Doch mit genauso einer Sicherheit wie ich wusste, was sie dachte, kann ich sagen, dass dem nicht so ist. Ich weiß es einfach. Und trotzdem: In was für einer Welt lebe ich eigentlich?

Wie auch immer. Ich muss noch zwei lang ersehnte Zugeständnisse festhalten. Einmal: “Jetzt sagst du wieder, du bist wie Familie. Das weiß ich. Eigentlich bist du das auch. Ach, eigentlich ist ein blödes Wort.“ Sie sieht mich als Teil ihrer Familie. Ich fall um.
Und als zweites fragte ich, ob sie immer noch meint, dass niemand weiß, was in zehn Jahren ist. „Nein, ich finde ihr bleibt für immer.“ Endlich, nach all den Jahren hab ich sie überzeugt. Ich bleibe, sie bleibt. Für immer. Es hat ja nur ein Jahrzehnt gedauert, bis sie sich meiner Meinung anschließt.

Und dann gingen wir spazieren. Einmal die ganze Strasse rauf und wieder runter. Oder eher andersherum. Und es ging nur um mich. Halleluja.

Zu Hause angekommen checkte ich meine Mails und es stieg ein Wohlgefühl in mir auf, als ich las, dass ich Ende Mai ein Rendez-vous am Frankfurter Hauptbahnhof habe. Manche Dinge müssen einfach so sein wie sie sind. Es war ein schöner Tag mit vielen Ereignissen. Ein guter Tag um für ein paar Tage die Stadt zu verlassen. Wasser, ich komme!

04.03.2014 um 16:24 Uhr

Das Affenexperiment

von: indalo

Wissenschaftler sperrten in einen Käfig fünf Affen, Schimpansen um genau zu sein. Dann lehnten sie eine Leiter an einen Baumstamm, und auf das obere Ende legten sie einige Bananen. Es dauerte nicht lange, da versuchte einer der Affen die Leiter zu erklimmen, um die Bananen zu holen.
Die Wissenschaftler hatten hier eine Schikane in ihr Experiment eingebaut:
Sowie der Affe die Leiter berührte, besprühten sie alle Affen mit kaltem Wasser. Der Affe an der Leiter, wie auch die anderen suchten das Weite.

Nach einer Weile versuchte ein anderer Affe auf die Leiter zu steigen. Wieder hieß es „Wasser marsch.“ Und wieder ließ der zweite Affe von seinem Vorhaben ab.

Nun begann Teil 2 des Experiments.
Die Wissenschaftler würden diesmal nicht sprühen, selbst wenn ein neuer Versuch seitens der Affen gestartet würde. Sie mussten nicht allzu lange darauf warten. Ein Schimpanse machte sich auf zur Leiter. Mit einem Kreischen zogen ihn die anderen von der Leiter weg, obwohl gar nicht gesprüht wurde.

Sie nahmen nun einen Affen aus dem Käfig und ersetzten diesen mit einem neuen. Der Neue sah die Banane und versuchte sofort auf die Leiter zu kommen. Zu seinem Horror wurde er von den anderen angegriffen. Er versuchte es nochmals, aber die restlichen Schimpansen waren wachsam. Um nicht verhauen zu werden, versuchte er es nicht mehr.

Nun wechselten die Wissenschaftler erneut einen „Alten“ mit einem „Neuen“ aus.

Auch dieser ging zur Leiter und wurde sofort attackiert. Auch der zuletzt eingewechselte Neuling nahm enthusiastisch an der Attacke teil. Die Keilerei wurde immer härter.

Das Auswechselspiel ging weiter. Nun verprügelten bereits zwei eingewechselte den Neuankömmling, obwohl sie überhaupt nicht wussten, warum.
Nun tauschen sie auch noch die beiden letzten der anfangs besprühten Affen aus. Keiner der eingewechselten Schimpansen kannte die Anfangsgeschichte. Trotzdem versucht keiner der Affen je wieder, die Leiter zu erklimmen.

Warum nicht?
Die Antwort ist einfach:

WEIL WIR DAS HIER SCHON
IMMER SO GEMACHT HABEN!

02.03.2014 um 20:25 Uhr

die Suche und der Wunsch

von: indalo

Am Wochenende hatte ich Besuch aus Russland. Ziemlich spontan, so wie alles, was wir machten. Einfach so gingen wir laufen, über Feldwege, vorbei an Flugplätzen und Seen, Hunden ausweichend und erzählend. Wieder zu Hause setzte ich mich um abzukühlen und wir redeten weiter. Ziemlich unvermittelt kam die Aussage, dass ich meinen Job wohl sehr mag. Ich konnte nur schmunzeln. Wie kam er so schnell zu dieser Aussage? Aber ja, ich liebe ihn. Es gibt Tage, an denen das anders ist, aber im Großen und Ganzen ist das alles schon in Ordnung so.

Das bringt mich weiter zu dem Freund, der heute Vormittag vier verschiedene Sachen gebacken hat, die er morgen mit zur Arbeit nimmt. Leckere Sachen, auf die ich durchaus Appetit habe. Und so fragte ich: „Warum arbeiten wir doch gleich nicht zusammen?“ und er entgegnete, dass er eben nicht von Beruf ist, was ich bin. Zu Hause stellte ich fest, wie spannend es doch ist, dass er nicht sagt, dass ich nicht von Beruf bin, was er ist, vor Ort brummelte ich mir nur ein „Wirst du noch.“ in den Bart. Er reagierte nicht – ob er es gehört hat?

Doch noch wichtiger als diese Dinge, so glaube ich zumindest, ist die Tatsache, dass ich heute einen Winzling auf dem Arm hatte. Noch keine zwei Kilo wiegt er und sein Vater steht neben mir und meint: „Hebst du ihn mal eben hoch?“ Und ich guckte zur Mutter „Darf ich denn?“ Sie zögerte, doch ich durfte. Ein Fliegengewicht. So zerbrechlich, so zart.
Als wir los wollten meinte Mama ganz überrascht: „Jetzt hab ich gar nicht gefragt, ob du ihn mal halten möchtest.“ – „Sehr gerne.“ und sie legte ihn mir in den Arm. Oh wie leicht, und so dünne Beinchen. So ein kleiner Hintern, und die gleichen süßen Fältchen wie die größeren Babys. Einfach zauberhaft.
Papa gab ihm einen Abschiedskuss und Mama trat zur Seite „Möchtest du dich noch verabschieden?“ Ich schaute zum Vater und fragte: „Darf ich ihn denn küssen, ohne dass ihr Angst habt, ich würde ihn mit irgendwas anstecken?“ Er zögerte und meinte: „Du weißt ja, wenn er was hat, wissen wir, wer Schuld ist.“ Und er ließ es geschehen.

Im Auto fragte sie mich dann, ob mir das jetzt Angst gemacht hat, all die Schläuche, Kabel und Sonden. Nein, überhaupt nicht. Er macht mir keine Angst, ich bin da auch ziemlich entspannt, was die Maschinen angeht, das einzige was mir Sorgen macht sind die Eltern und der fortwährende Gedanke, ich könnte etwas falsch machen. Ich habe keine Angst vor Fehlern, ich habe nur Angst davor, dass sie nicht angemerkt werden oder es keine zweite Chance gibt. Insbesondere wenn ihr gerade in dem Moment, in dem er in meinem Arm liegt, einfällt mir zu sagen, dass ihr Beschützerinstinkt viel stärker geworden ist. Sie sagt, es hätte nichts mit mir zu tun, und doch sagt das Unterbewusstsein genau in dem Moment etwas.

Ich merke, ich suche mich gerade wieder selbst. Ich stelle auf die Probe, was ich zu glauben habe und versuche daraus zu stricken, was ich habe und was ich haben möchte. Ich kämpfe. Ich fühle mich wie ein kleines Kind, das seine Grenzen sucht. Ich stoße manch einen vor den Kopf um mich zu finden, meinen Weg. Und frischgebackenen Eltern dabei zu zuhören, wie sie sich mit der Krankenschwester darüber unterhalten, dass sie das vorher nie gedacht hätten, sich jetzt aber ganz anders fühlen, andere Menschen sind, tut nicht gut. Das macht mir Angst. Kinder sind etwas wunderbares, ich liebe sie von Herzen, doch jetzt wünsche ich mir, dass sie mir nicht nehmen, was ich bzw. wir in den letzten Jahren erschaffen haben.
Und um dem Ganzen Zeit zu geben, suche ich mir einen Ausgleich, ein anderes, eigenes Leben. In der Hoffnung, bei Zeiten wieder zu bekommen, worauf mein Leben all die Jahre gebaut war. Denn so wenig sie es auch tun, so sehr glaube ich an das Wasser in unseren Adern.