indalo

19.10.2014 um 22:59 Uhr

Waveboard

von: indalo

Ein Zusammentreffen vor der Haustür. Achtundvierzig Stunden an nichts denken. Nicht auf die Uhr gucken müssen, nicht kochen müssen, nicht aufstehen müssen, nicht rechtzeitig ins Bett müssen. Einfach nichts müssen. Das Frühstück überbrückte einen Zeitraum von vier Stunden - da kommt man schon vorbei. Wenn es Zeit fürs Abendbrot ist, wird sich schon jemand melden. Wenn irgendwas anderes zeitlich näher rückt, wird sich auch jemand melden. Da sind so viele andere, dass niemandem etwas entgeht. Ich fühle mich unheimlich wohl auf diesen Treffen. Ich schlafe nicht immer gut, bin total kaputt, wenn ich nach Hause komme, doch sitze ich auch weit nach Mitternacht noch und es geht mir gut. Ich fühl mich nicht müde, es gibt zu viel zu sehen, zu erleben, zu fühlen. Diesmal lief nicht alles rund, ich war zwischendurch ziemlich angefressen. So angefressen, dass ich in der Pause die Show verließ und auf den zweiten Teil verzichten wollte. Doch ich verzichtete letztlich nicht, mein Zeltsteller von vor zwei Jahren schleuste mich in den VIP Bereich. Ich wollte es gar nicht, doch er stand auf und sagte nur „Follow me“. And I did. 

Mein Fazit? Ich komme wieder. Immer wieder. Ich liebe diese Welt. Auch da gibt es rücksichtslos Menschen, Ärgernisse und manch andere Schwierigkeit. Doch insgesamt gesehen läuft es runder als der Rest der Gesellschaft. Ich habe vertrauen. Ich lasse überall meine Sachen liegen und bisher ist nichts weggekommen. Weder das Handy, noch das Portemonnaie oder andere Wertgegenstände. Und das ist bei dem zusammengewürfelten Haufen fremder Menschen doch ein schöner Umstand. 

Und ich habe wieder etwas neues gelernt. Vor dreieinhalb Jahren sah ich zum ersten Mal ein Waveboard und habe mich verliebt. Gänzlich unfähig damit zufahren, ließ ich mich von einem Mann mit warmen Händen durch den Raum schieben. Wieder zu Hause hörte ich nicht auf, daran zu denken und ersteigerte mir mein ganz eigenes Waveboard. Seither übe ich von Zeit zu Zeit, doch seit gestern kann ich sagen: Ja, ich kann damit fahren. Es sieht ziemlich abgehakt aus, aber ich komm voran, mal schneller, mal langsamer. Und irgendwann gleite ich dann durch die Gegend. Irgendwann eben. 

06.10.2014 um 21:39 Uhr

Was sagt dein Chef, wenn du weit mehr als eine Stunde zu spät kommst?

von: indalo

5h35 - ich werde wach. In einer Stunde klingelt der Wecker, das lohnt sich noch. Und so drehe ich mich von einer Seite auf die andere, wundere mich, warum es schon so hell ist. Aber der Wecker klingelt nicht. Irgendwann denk ich mir, dass das ne ganz schöne lange Stunde ist und guck auf mein Handy. 8h11. Wie jetzt? Und kein verpasster Anruf. Geht mein Handy falsch? Draußen ist es hell. Sehr hell. Es könnte 8h sein. Ich steh auf und geh ins Bad. Ich hab doch nicht schon wieder verschlafen. Was ist das denn? Ich nehme es mit Humor. Und Entspannung. Wenn mich bisher niemand vermisst hat, dann kann ich diesmal auch Brote schmieren. Und das tue ich dann auch. Alles in den Rucksack geworfen und ausm Haus. Zu Fuß oder mit Rad? Eigentlich egal, ich bin so viel zu spät, dass ich auch zu Fuß gehen kann. Doch auf der Hälfte der Treppe entscheide ich mich wieder um und hol das Rad aus dem Keller. Gerade als ich im Vorbeifahren den Müll in die Tonne werfe, höre ich mein Handy klingeln. Ich hatte direkt nach dem Aufstehen den Ton angemacht, falls man mich auf Arbeit doch noch vermissen würde. Jetzt brauchste auch nicht mehr ranzugehen. Jetzt biste schnell genug da. An der Bushaltestelle winkt ein Kollege „Du wirst sehnsüchtig erwartet.“ - „Ich weiß“ seufze ich zurück. Die Empfangsdame schaut mich entsetzt an „Ist alles in Ordnung?“ - „Ja, leider.“ Eine Kollegin beobachtet mich verwirrt. „Ich wünschte schon, es wäre was passiert, damit ich wenigstens nen guten Grund hätte. Aber ich habe keinen guten Grund. Ich habe schlicht verschlafen.“ Dann beginne ich mit meiner chaotischen Arbeit und der Chef, der versuchte mich zu erreichen, öffnet die Tür, sieht mich, grinst, umarmt mich und geht weiter. Hätte man mich gestern gefragt, hätte ich steif und fest behauptet, dass er und ich NIE Körperkontakt haben werden. Nie. Auch nicht in zig Jahren. Und da umarmt er mich einfach so. Ich dachte mir nichts dabei, wirklich nichts. Erst einige Zeit später geh ich in sein Büro: „Deiner Begrüßung entnehme ich, dass du dir im Klaren darüber bist, dass das heute morgen nicht geplant war.“ - „Nee, schon in Ordnung.“ lachte er vor sich hin. 

Von den 365 Tagen im Jahr ist heute der blödeste Tag für mich, um zu spät zu kommen. Wirklich, der allerblödeste, beruflich zumindest. Und da sagte der gute Mann auch nur: „Wenn, dann heute. Das sagten wir vorhin schon. Wenn dir das passiert, dann muss es ausgerechnet heute sein.“ Und er grinst von einem Ohr zum anderen. Der muss auch n gutes drei-Tage-Wochenende gehabt haben. 

Bei einer Erzählung vorhin überlegte ich, ob die Umarmung Ausdruck von Erleichterung gewesen sei. Während ich das hier niederschreibe, kommt mir der Gedanke, dass es ein Zeichen von „du bist ja doch menschlich und machst Fehler“ sein könnte. Doch ich möchte gar nicht weiter darüber nachdenken. Ich kann das auch einfach so hinnehmen. 

Ein Kollege frotzelt zur Begrüßung „Hast du gut geschlafen?“

Stunden später steht er käsebrotkauend vor mir, hält es mir hin und fragt „Möchtest du Käsebrot?“ Ich schüttle mit dem Kopf. Und wieder einmal: Hätte man mich gestern gefragt, wär ich mir sicher gewesen, dass ich mit KEINEM meiner Kollegen mal vom gleichen Brot abbeißen würde. Hab ich auch nicht, aber er hat’s mir ernsthaft angeboten. Das war kein Scherz. Und gegen vier Uhr nachmittags guckt er mich an: „Hast du bis jetzt nichts gegessen?“ - „Öhm, doch. Ich hatte noch Möhren eingesteckt, die ich mir geschält habe.“ Und er machte sich wirklich Gedanken. Nur die Verabschiedung passte wieder zur Begrüßung: „Dann schlaf mal gut.“

Während des Tages laufe ich oft am Büro meiner Chefin vorbei. Ein paar Mal möchte ich eintreten um mich offiziell auch bei meiner Chefin für die Verspätung zu entschuldigen. Doch sie extra deswegen bei der Arbeit stören wollte ich nicht. Sie geht auch mehrmals an mir vorbei. Ich würde sie in einer ruhigen Minute drauf ansprechen, dessen war ich mir sicher. Und dann geht sie grinsend an mir vorbei. Als ich hochgucke, lehnt sie sich zu mir rüber „Verschlafen“ und grinste. „Ja, und ich wollte schon den ganzen Vormittag bei dir vorbeischauen um mich bei meiner Chefin zu entschuldigen.“ Da lacht sie nur „Wir sind alle nur Menschen, das passiert.“ Und ich erkläre ihr noch, wie schön es ist, dass meine Kollegen einstimmig der Meinung waren, dass mir etwas passiert sein muss. Niemand kam auch nur ansatzweise auf die Idee, dass ich geplant so spät komme. Es hätte bzw. hat mir ein paar stressige Stunden erspart. Doch es war keine Absicht.

Mir persönlich gruselt ein wenig, wie gelassen ich damit umgehen kann. Nicht, dass ich mich noch daran gewöhne. Zweimal in weniger als einer Woche, genau genommen in nur drei Arbeitstagen, ist Rekord. Zumal ich in meinem ganzen Leben nur dreimal zu spät aufgestanden bin. Einmal im Studium, und jetzt gleich zweimal hintereinander. 

Als letztes aber noch ein Gespräch am Endes des Tages mit einem bedeutenden Kollegen:

„Wie hat dir der Anfang gefallen?“ - „Mein Part gefiel mir nicht so, aber ihr habt das alles gut gemacht.“ - „Wieso dein Part nicht?“ - „Ist dir nicht aufgefallen, dass ich viel zu spät hier war?“ - „Nein.“ - „Okay, ich kam erst hier an, als alles schon lief. Und ja, es lief, weil ihr alle so gut gearbeitet habt. Anscheinend fiel wirklich nicht auf, dass ich nicht da war. Ihr brauchtet mich gar nicht.“ - „Wenn wir alle wussten, was wir zu tun haben, dann hast du alles richtig gemacht.“

Auf dem Heimweg denke ich mir mit Fahrtwind im Gesicht: „Ich bleibe. Was ich heute erlebt habe, ist Gold wert. Ich weiß nicht, ob ich das anderswo wiederfinden würde. So ein Zusammenhalt, so viele Menschen, die vorwurfsfrei meinen Job erledigen, wenn ich nicht vor Ort bin, finde ich so schnell nicht wieder. Von wirklich niemandem angemotzt zu werden, nur Unterstützung zu erfahren, obwohl ich nicht zu bedauern bin, fühlt sich gut an. Ich habe mir einen Ruf erarbeitet, der nicht durch einzelne Fehler kaputt geht. Ich bleibe, weil es Höhen und Tiefen gibt, und diese Höhe das letzte Tief überschattet.“

03.10.2014 um 10:57 Uhr

und gestern war für die Seele

von: indalo

Manchmal entsteht der Eindruck ich würde meine Seele verkaufen. „Ich funktioniere“ könnte diesen Eindruck unterstützen. Denn wir sind keine Maschinen, wir sind Menschen. Und ich möchte kein Arbeitstier sein, ich möchte leben. Erleben. Ich möchte genießen. Ich möchte mich nicht gängeln lassen, ich möchte nicht mit Scheuklappen durchs Leben gehen. Ich möchte mich umsehen können, alles wahrnehmen. Den Weg vor mir, die Landschaft zur Rechten und das Meer zur Linken. Aber auch den Weg hinter mir. Ich möchte ihn beschreiben können ohne mich umdrehen zu müssen. Ich möchte verinnerlichen, was ich erlebe und nicht nur etwas vorbei ziehen lassen. 

Deswegen gab es Dienstag trotz Müdigkeit und Schlafmangel den Entschluss, Mittwoch und Donnerstag bei Freunden zu verbringen. Egal wie wenig Schlaf ich bekommen würde. Der Mittwochmorgen zeigte, dass dieser Entschluss dringend umgesetzt werden muss. Und dies tat ich. So gab es Mittwoch ein Baby und gestern ein Kleinkind. Doch nicht nur dieses Kleinkind war für die Seele, sondern diese Familie zu erleben. Auf dem Boden zu sitzen, meiner Freundin beim Gitarre spielen zu lauschen und dabei die Kleine zu beobachten. Mama singen zu hören, obwohl sie vor einigen Monaten noch erzählte, dass sie nur für ihren Mann und ihre Tochter singt. Einfach da zu sitzen und die Liebe zu spüren. Es tat so gut. 

Und die Kleine, sie ist wunderbar. Sie lenkt den Buggy zwar nur mit Mühe, der Gipsarm schränkt sie eben doch ein, doch sie läuft unentwegt weiter. Wenn gruselige Gestalten sich nähern, läuft sie zu mir und klammert sich an meine Beine. Wenn es dunkel wird und nur noch Schatten auf sie zukommen, möchte sie auf den Arm. Sie kuschelt sich an, drückt ihre Wange an meine, und das auch, wenn ich sie zuvor zum Weinen brachte, weil ich ihr etwas verboten habe. Sie weint, wenn sie ein Verbot nicht möchte. Sie versteht genau, was gesagt wird, und dann heult sie los. Mit Tränen in den Augen guckt sie einen an und schreit. Doch dann ist es wieder vorüber und sie möchte immer, dass ich sie begleite. Den ganzen Nachmittag und Abend ruft sie meinen Namen, streckt ihre kleine Hand nach mir aus und hat ein seliges Vertrauen in mich. Ich habe ihr beigebracht, Fensterscheiben anzuhauchen und Muster zu malen. Und abends, als ich gehe bevor Papa sie ins Bett bringt, umarmt sie mich. Sie läuft zu mir rüber und drückt sich an mich. Ich wusste nicht, dass Kinder das in dem Alter schon tun. Denn sie wollte nicht auf den Arm, sie hat mich einfach umarmt. Wie wir Großen das tun. Und als sie Papa zur Begrüßung küsste, zeigt sie auf seinen Mund und sagte meinen Namen. Sie wusste ja, dass Mama den Papa auch küssen würde, also sollte ich das auch tun. Und Papa freute sich diebisch „Ich liebe meine Tochter.“ - „Ja, die hast du gut erzogen.“

01.10.2014 um 23:40 Uhr

Mein heutiger Tag hinterlässt Spuren

von: indalo

Heute morgen um 7h klingelte mein Wecker. Kurzzeitig überlegte ich, die Schlummertaste zu bedienen. Ich entschied mich dagegen und setzte mich auf. 7h. Moment, da stimmt was nicht. Ich müsste schon auf Arbeit sein, jetzt, in diesem Moment. Warum bin ich noch zu Hause? Ach, dann kann ich mich auch wieder hinlegen, zu spät bin ich eh. Nein, das machst du nicht. Geh erstmal auf Klo. Dort angekommen wird mir klar, wie bescheuert die Frage ist. Als ob ich dann nicht losrennen würde. Also Kopf unter Wasser halten und in der Küche im Kreis drehen. Essen? Was? Wo? Nichts? Je länger du überlegst, desto später kommst, also geh einfach los. Und so schnapp ich meinen Rucksack, laufe in den Keller und hol mein Rad. Aufgesetzt und in die Pedale getreten. Im Sprint. 7h15 startet meine Arbeit. „Sie sind zu spät.“ - „Ich weiß.“ - „Sie sind zu spät.“ - „Ich weiß, und ich werde es gleich einmal für alle erklären.“ Und dann entschuldigte ich mich und erklärte, dass ich meinen Wecker einfach falsch gestellt habe. Ich habe niemanden vergessen, ich schrieb doch gerade hier noch des nachts, dass ich heute früher hinmuss. Doch die zehn Meter bis zum Bett waren zu lang, und deswegen stellte ich meinen Wecker falsch. Dumm gelaufen.

So begann mein Tag. Ohne Frühstück, ohne alles. Keine Aufwachphase. Den ganzen Tag bin ich müde. Und gähne. Das tue ich sonst nicht, auch bei nur drei Stunden Schlaf. Ich bin erschöpft. Kurz darauf klagen die nächsten und ich gehe zur obersten Chefetage um anderen die Möglichkeit zu bieten, sich über die mittlere Etage zu beschweren. Ganz ehrlich? Was mach ich da? Ich möchte sagen „Ich würde nie auf die Idee kommen, so etwas zu tun.“ Doch ganz offensichtlich bin ich auf die Idee gekommen und habe sie sogar umgesetzt. Und ebenso erstaunlich: Warum macht die oberste Etage da mit? Was war das heute für eine Aktion? Wo bin ich da eigentlich? Und wer? Also wer bin ich?

Dann führe ich vierzig Minuten ein Gespräch mit einem weinenden Menschen. Beruhigen kann ich da niemanden. Darauf folgt ein Gang zum Nächsthöheren, der mir dann in einem neunzigminütigen Gespräch Dinge erzählt, die auf keine Kuhhaut gehen. Ich weiß zu viel. Ich stecke zu tief in diesem System drin. Und nicht nur in dem großen System, sondern in diesem kleinen, ja doch, dörflichen System. Da haben sich zwei Chefs über all ihre Angestellten hinweggesetzt, über ihre eigenen Chefs und haben ihren „Ermessensspielraum so weit gedehnt wie nur möglich“. Das sagte man mir so. Ich würde sagen, da wurden Gesetze gebrochen, aber ich hab kein Jura studiert. 

Dieses Gespräch hinterlässt Spuren. Gute Spuren. Dinge, die in mir arbeiten müssen. Womöglich gerade an diesem, heutigen Tag. Und es hallt noch ein Satz einer Kollegin nach, den sie gestern zu einer anderen Kollegin sagte: „DU musst wissen, was DU willst. Was erwartest du von deinem Job? Und kann es dir hier gegeben werden?“ Es passt zu den Spuren. Zu dem, was mein ehemaliger Chef neulich am Telefon zu mir sagte. „Du musst für dich wissen, ob du passt. Es geht dabei nicht um gut oder schlecht, richtig oder falsch, sondern um passen. Ein System mag gut sein, aber wenn es für dich nicht passt, dann passt es nicht. Und das musst du dich fragen. Passt du dazu?“ Es traf mich am Boden liegend. Seine Worte vor einigen Wochen. Jetzt hallen die anderen Worte nach, wenn ich mich weiter fortbewege. Und das Gespräch heute begleitet mich auf meinem Weg. Es muss wirken, es muss durchdacht werden. Was will ich? Und wollen wir - so sehr wir auch gegeneinander kämpfen - das gleiche? „Ich glaube, was die Kleinen angeht sind wir uns gar nicht so uneinig.“ sagte er. Und es rebellierte nicht in mir. Es kam an, ich nahm es auf. 

Mittlerweile war es 15h30. Ich hatte einen Doppelkeks und einen Marsverschnitt gegessen. Beides von Kollegen angeboten. Das war’s. Ich wollte essen. Leben. Ich machte mich auf den Heimweg und telefonierte mit einer Freundin. Ich wollte hinfahren. Kurz vor der Haustür, als ich sagte, dass ich mich dann jetzt auf mein Rad schwinge, fällt mir auf, dass mein Rad bei der Arbeit steht. Also gehe ich wieder zurück. Schon wieder auf Arbeit. Was für ein Tag. Aufs Rad, Essen kaufen und vorm Laden noch mit ner Freundin reden. Als wir uns verabschieden, stelle ich fest, dass mein großer Joghurteimer kaputt ist. „Scheiße… hat du ne Plastiktüte.“ Kopfschütteln. Sie war schon ein paar Meter weiter, zwischen uns eine Passantin. „Nee, aber ich.“ Eine ältere Frau mit Tüten in der Hand kramte in ihrer Handtasche und hielt mir eine Plastiktüte hin. „Danke, das rettet mich gerade.“ Ich gucke sie nicht einmal richtig an, so schnell geht das alles. Wer immer sie war, sie warf ein Stück Kohle auf das Feuer, welches in mir brennt und das Gute im Menschen symbolisiert. Danke.

Dann schäker ich mit nem Baby rum. Das tut gut. Und jetzt hat er sich auch vor meinen Augen gedreht. Und das erste Mal vor Mama’s Augen. Und es ist so schön zu beobachten, wie die Eltern ihn anstrahlen. Es passt so schön zu meiner Lieblingsserie. In einer der Folgen hieß es gestern: „Wenn sie Zeit mit dir verbringt, dann möchte sie, dass du dich daran erinnerst.“ - „Und ich erinnere mich immer.“ - „Genau wie ich. Als die Rakete startete und mein Grinsen von einem Ohr zum anderen ging, ganz Amerika sah auf den Bildschirm, und ich erinnere mich daran, dass meine Mutter MICH ansah.“

Auf dem Heimweg telefonierte ich mit einer anderen Freundin. Sie fragte vor über einer Woche, wie es mir geht. Ich habe nicht geantwortet. Ich habe keine Antwort. Das erklärte ich ihr heute. Ich dachte mir, wenn ich ihr von meinem Tag erzähle, findet sie darin vielleicht eine Antwort. Denn ich könnte nur sagen „Ich funktioniere“. Doch für sie bedeuten diese Worte etwas anderes als für mich. Denn es geht mir nicht schlecht, ich fühle mich nicht schlecht. Ich funktioniere einfach. Seit Wochen. Doch spätestens heute kann ich klar sagen „Ich funktioniere mit Gefühlen“. Wobei ich auch nicht funktioniere. Denn irgendwas läuft heute schief. Ganz gewaltig.

Zu Hause angekommen ist es dunkel. Ich fülle den Joghurt in eine Dose und setze mich vor den Rechner. Eine Email bezüglich der Hochzeit übermorgen. Die Technik, die wir brauchen, wird es nicht geben. Und das erfahr ich heute. Heute Abend. Morgen ist noch ein Tag, EIN Tag, dann ist Feiertag. Reicht der heutige Tag nicht? Gab es nicht genug? Muss das noch sein? Also muss ich mich auch darum kümmern. Gut, dass ich morgen während meiner Arbeitszeit fünf Kilometer laufen darf. Ich brauche das zum Stressabbau. Ich brauche das um halbwegs zurechnungsfähig zu bleiben. Und dann besuch ich das Kleinkind mit dem Gipsarm. Und dann fahre ich abends im Dunkeln nach Hause und schlafe. Dringend. Denn auch jetzt kann ich noch nicht schlafen. Jetzt muss ich noch arbeiten. Auch morgen wird ein müder Tag.