indalo

30.11.2014 um 19:30 Uhr

Es ist so unheimlich schwierig in dieser Gesellschaft so zu sein, wie man ist.

von: indalo

Es ist so unheimlich schwierig in dieser Gesellschaft so zu sein, wie man ist. 


Das sollte der Titel sein. Doch der ist ganz schön lang, nicht wahr?

Heute lag ich ne Stunde in der Badewanne. Einerseits frier ich seit zwei Tagen ständig und andererseits musste ich mal wieder ein Buch in die Hand nehmen. Einfach was anderes. Nicht diese grausame Welt, die sich mir ständig bietet. Ich weiß gar nicht genau, was alles so negativ macht. Es waren wieder schöne Momente dabei - doch die vergehen so schnell. In meinem Kopf rotiert dieser Mistkerl, der sich den Kindern nähert. Da rotieren Ansprüche an junge Menschen, die nichts mit Leben zu tun haben. Oder diese verdammte Ungerechtigkeit, dass es überall Vorwürfe gibt und niemand versteht, was eigentlich mit diesem Beruf zusammenhängt. Ja, hauptsächlich zerrt mein Beruf gerade an mir. Doch auch das werde ich überwinden. Denn ich denke das ganze Wochenende: Jedes Jahr gab es eine Sache, an der ich wachsen musste. Und gewachsen bin. Man hört sicherlich nie auf zu wachsen, aber ich möchte gerade nicht mehr wachsen. Ich möchte so sein, wie ich bin. Ich möchte, dass das reicht. 

Unausgesprochen springt das alles durch meinen Kopf. In dem Buch, welches ich las, gab es Übungen. Es geht darum herauszufinden, was man will im Leben. Wirklich will. Ich las den Titel, das Inhaltsverzeichnis und ein paar Zeilen. Dann beschloss ich, es aus dem Bücherregal meiner Freundin zu entwenden und mal zu lesen. Vielleicht auch nur quer. Denn ich weiß ja, was ich will. So meine ich. 

Jedenfalls gingen diese Übungen darum, was für Ansprüche Familie an einen gestellt hat. Jeder erwartet etwas von uns, von klein an. Doch was wir selbst wollen, das finden wir nur schwer heraus. Irgendwie stimmt das. Ich nahm mir nicht die Zeit für die Übungen, ich lag in der Badewanne. Ich las einfach nur weiter, doch in meinem Kopf ist der Gedanke, dass ich frei gewählt habe, was ich werden wollte. Meine Eltern wollten nichts für mich. Es gibt keine Firma, die ich übernehmen sollte, keiner von beiden möchte, dass ich deren Job nehme, nein, ich habe nicht einmal das Gefühl, dass sie wollten, dass ich was besseres aus meinem Leben. Ich erinnere mich an keine Erwartungen von außen. Nicht mal unbedingt von innen. Aber vielleicht nahm ich all das nur nicht wahr. 

Tja, und während all diese Dinge in mir arbeiten und ich seit heute morgen um acht Uhr am Schreibtisch sitze (bis auf die Badewannenpause), schreibt meine Mutter mir eine SMS, dass ihr neuester Lebensgefährte heute Geburtstag hat. Die ganze Woche denk ich dran, heute bisher noch nicht. Ich arbeite weiter und schreibe ihr irgendwann eine Nachricht, dass sie ihm alles Liebe von mir wünschen möge, ich hab auch gestern schon dran gedacht. Alles, was ich als Antwort bekomme, ist: „Kannst du nicht anrufen?“
Es ist eine simple Frage. Doch es geht nicht. Das haut mich um. Es ist bestimmt nicht böse gemeint, aber ich kann damit nicht umgehen. Ich muss zurückschreiben: „Soll ich nicht so sein, wie ich bin?“ Und schreibe noch, dass ich nur sie oder vielleicht noch meinen Vater zum Geburtstag anrufe. Sonst niemanden. Doch damit hat es sich nicht. Es beschäftigt mich weiter. Während ich mir meinen Tee koche, denk ich: „Es ist so unheimlich schwierig in dieser Gesellschaft so zu sein, wie man ist.“ Ständig gibt es Erwartungen. Wegen allem. Ich mag Weihnachten nicht, auch keine Geburtstage. Es sind alles Erwartungen. Ich kann nicht tun, was ich möchte, weil ich mich im ersten Schritt nur dagegen wehre, irgendwie sein zu müssen. Ich könnte einfach anrufen und gratulieren. So schwer kann das doch nicht sein, nicht wahr? Und doch ist es so schwer. Ich bring es nicht fertig. Ich fühle mich unwohl bei solchen Gesprächen. Auch wenn ich Geburtstag habe. Ich würde ihn sonst nie anrufen - ich kenne ihn doch kaum. Warum sollte ich anrufen, weil der Kalender es vorschreibt?

Sie will doch nur, dass er sich akzeptiert fühlt. Doch verdammt, ich akzeptiere ihn ohne das. Ich rede mit ihm, tausche mich aus und verbringe Zeit mit ihm. Man merkt doch, dass ich ihn akzeptiere. Genauso habe ich alle anderen davor akzeptiert. Ja, sogar gemocht. Und ihn mag ich auch. Jeden auf seine Art. Aber deswegen muss ich nicht anrufen. 

26.11.2014 um 21:49 Uhr

Was für die Seele

von: indalo

Seit einigen Stunden sitze ich zu Hause in meinem Arbeitszimmer. Die Musik läuft und ich… ja, was tue ich? Denn ich kann formulieren: „Ich habe in den letzten Stunden nichts gemacht.“ Doch das habe ich. Dauerhaft. Irgendwie auch gearbeitet. Aber morgen ist nicht vorbereitet und auch sonst fehlt viel. Zu viel. Doch meine Gedanken sind überall, oft bei der Arbeit. Manches liegt mir gerade auf der Seele. Der Satz „Das wissen nicht einmal seine Eltern.“ spukt mir durch den Kopf. Genau wie „Das musst du so hinnehmen.“ Beides wurde gestern gesagt. Heute sprach ich den Kollegen an, nachdem ich gestern immer wieder dachte „Nein, ich muss das nicht hinnehmen. Ich habe diesen Beruf nicht ergriffen, um so etwas hinzunehmen. Ich bin selbstständig und treffe meine eigenen Entscheidungen. Ich habe diesen Beruf, um mir nicht täglich reinpfuschen zu lassen.“ Wir klärten, dass es nicht so gemeint war, dass es so gemeint war, wie ich vermutete. Damit kann ich umgehen. Zumindest weiß ich, dass ich damit umgehen muss und möchte. Dass das das Ziel ist. Die Distanz zu wahren. Doch es bleibt in der Luft hängen. Da ist irgendwas und ich möchte helfen. Doch ich kann nicht. Das ist nicht mein Job. Ich weiß. Doch ich muss darauf reagieren. Auf ein großes, graues Nichts. Und ich weiß nicht, wie ich auf etwas reagieren soll, von dem ich nicht weiß, was es ist. 

Oh je, das beschäftigt mich noch mehr, als ich schon ahnte. Erstaunlich. Vermutlich auch einfach explosiv mit der Kombination, dass mir schon wieder diese zwei Tage bevorstehen, an denen ich einem guten Schwung Heranwachsender die Perspektive nehmen muss. An denen ich ihr Ego stärken, aber sie in eine andere Richtung schieben soll, als die, in die sie gerade gehen. Das wird harte Arbeit. Stunden über Stunden. Und ich habe mich erst jetzt intensiv damit beschäftigt, wen ein solch dramatisches Gespräch erwartet. Ich kann gar nicht überblicken, wer ebenso verletzt und enttäuscht sein wird, weil seine Ziele einfach andere waren. Daran mag ich noch gar nicht denken. 

Doch das inspirierte mich nicht zu diesem Titel. Denn ich wollte etwas für die Seele schreiben. Zum Erinnern, zum Guttun. Ich las nämlich gestern, dass das von mir gemochte Ich auch anderen gefällt. Es war schön zu lesen, es war eine schöne Zeit. Und trotz dessen, was mir da bevorsteht und mich sonst so umtreibt, ist das hier gerade auch eine schöne Zeit. Da gibt es Dinge für die Seele, Dinge, die berühren. So wie letzten Freitag, als ich bis vier Uhr morgens bei ner Freundin auf der Couch saß und wir uns einfach unterhielten. Total ungeplant, und einfach grandios. Neben mir schlief ne andere Freundin und es war perfekt. Tolle Gespräche, tolle Themen, tolle Gefühle. Toller Alltag, weil es letztlich nichts besonderes war. Und dann unterstützte ich Sonntag eine Freundin bei der Arbeit indem ich sie einfach dabei beaufsichtigte, nachdem ich Samstag ganz viel Zeit mit einem kleinen Kind verbrachte. Die Eltern legten sie zum Mittagsschlaf hin und als sie aufwachte, nahm ich sie in Empfang. Ich fand die Eltern mutig. Doch die Kleine machte das mit, obwohl ich sie seit einiger Zeit nicht mehr gesehen hatte - bzw. sie mich nicht. Das war schön zu erleben. 

Tja, und Montag? Da gab’s das Superlob. Schon neulich schmeichelte mir meine Chefin mit der gewohnten Perfektion. Jetzt sagte sie nochmal, dass der Gedanke, dass ich nächstes Jahr nicht da bin, unschön ist. Doch von einer Kollegin bekomme ich gerade Emails, die ich nur kommentarlos weiterleiten kann. Für sie bin ich ein Held. So sehr, dass sie heute einige Stunden früher auf Arbeit war um mich dabei zu erleben. So sehr, dass sie zu Hause nach Sachen kramt, weil sie mir etwas zurückgeben möchte. (Mich stimmt ein wenig traurig, wie viel Aufwand sie betreiben muss, eh ihre Botschaft tatsächlich bei mir ankommt.) Ich bin fasziniert von ihrer Faszination mir gegenüber. Und als dann heute eine Freundin anruft, weil ihr der Schreck in die Glieder fährt und sie mit jemandem reden muss, der sie gut kennt, kann ich mich nur setzen. Ich bleibe für sie, wer ich bin. Immer wieder. Die Jahre ziehen vorbei, die Menschen in ihrem Leben kommen und gehen, es kommen mehr als gehen, und doch stürmt sie aus der Vorlesung und wählt meine Nummer. Atemlos. Ich höre ihre Panik, ihre Sorge, ihre Angst. Ich fühle mich hilflos, weil sie mich damit total überrumpelt hat. Aber als wir auflegen, höre ich weder Angst noch Sorge, ich höre nur eine gedankenvolle Stimme. Und das ist gut. 

Und all diese schönen Dinge stehen im starken Kontrast zu der Aussage „Sie ist am Abend vorher von zu Hause weggelaufen.“ Oder den Emails, die mir gerade in viel zu kurzen Abständen berichten, dass irgendso ein Mistkerl sich Kindern nähert. Auf dem selben Gelände, auf dem ich arbeite. Die erste Email nahm ich hin, die zweite führte zu Irritation, aber bei der dritten innerhalb von drei Wochen gehen mir die Reaktionen aus. Gänzlich. 

20.11.2014 um 18:15 Uhr

Mein Vater und seine Schwester

von: indalo

Irgendwie bin ich im Chaos aufgewachsen, im familiären Chaos. Nicht immer fühlt es sich so an, aber manch ein Gespräch verdeutlicht es mir. Doch die Fronten waren immer klar. Ich wusste, wer wie wozu stand. Jetzt wurde ich verwirrt.

Seit ich denken kann hat meine Mutter Schwierigkeiten mit ihrer Familie. Jahrelang sprach sie kein Wort mit ihrer Schwester. Genauso wenig wie mit ihrer Mutter. Als Kind wurden mir Geschichten dazu erzählt, die ich selbst nicht verstand. Dann war wieder Frieden eingekehrt für einige Zeit, bis es abrupt endete. Der Frieden sah aber nicht nur friedlich aus, nein, sie machten ganz viel zusammen. Ich erinnere mich noch daran, dass meine Mutter bei ihrer Schwester übernachtete, ja, sie waren Freunde. Und dann war vorbei. Komplett. Mindestens sechs Jahre kein Wort. Dann starb ihre Mutter. Seither sind sie wieder beste Freunde, sind schon wieder in den Urlaub gefahren und all die hässlichen Dinge, die vorgefallen sind und gesagt wurden, sind vergessen. Sie sehen sich mindestens einmal die Woche, die Welt ist wunderbar und es ist, als wär nie etwas anders gewesen. 

Mein Vater hingegen hatte immer eine gute Beziehung zu seiner Schwester. Seit ich denken kann. Sie telefonierten ne zeitlang täglich, wie ich herausfand. Vermutlich über Jahre hinweg. Er ist immer wieder hingefahren, hat uns Kinder mitgenommen und konnte nie verstehen, wie meine Mutter mit ihrer Familie umgeht. Familie ging für meinen Vater über alles - so dachte er. Ich persönlich meine, dass da durchaus Grenzen waren, aber für mich war immer klar: Mein Vater ist seiner Familie treu. Treudoof sogar. Und jetzt herrscht kaum noch Kommunikation. Auf einmal ist diese so starke Bindung kaputt. Das geht seit mehr als einem Jahr so und ich glaube, mit dem herannahenden Weihnachten, wird mir so langsam bewusst, dass da etwas kaputt gegangen ist. Etwas, das für mich wichtig war. Wichtiger als ich ahnte. Erst heute wird mir bewusst, dass mir das wichtig war. Es war immer so, es war nie anders, es gab nie einen Zweifel, weshalb ich darüber nie nachdenken musste. Und jetzt stelle ich fest, dass das, was immer da war, weg ist. Gab es etwa doch noch klare Dinge, doch noch etwas unchaotisches, was ich nur nie wahrnahm? …offensichtlich. 

Verkehrte Welt. Meiner Mutter und ihre Schwester, ein Herz und eine Seele. Jetzt. Mein Vater und seine Schwester, ein Herz und eine Seele. In der Vergangenheit. Jetzt könnte man meinen, es sei doch nicht so dramatisch, jetzt sind halt nur die Rollen getauscht. Doch für mich ist es dramatisch. Denn manche Dinge, die kaputt gehen, können nicht repariert werden. Und das, was meine Mutter mit ihrer Schwester hat, ist alles, nur nicht erstrebenswert. Geschweige denn stabil. 

Es muss nicht alles bleiben, wie es war. Aber das mit meinem Vater und seiner Schwester, das hätte bleiben sollen. Es tut weh, dass es weg ist. Es tut weh zu erkennen, dass es nicht wiederkommen wird. Sechzig Jahre gingen zu Bruch. 

12.11.2014 um 22:44 Uhr

Gebildete Leute werden eingerahmt.

von: indalo

Was der Titel mit meinen Gedanken und Emotionen zu tun hat, vermag ich nicht zu sagen. Es ist etwas, das mir heute vorgelesen wurde. Das Zitat eines Kindes, eines unbekannten Kindes. Doch ein Zitat, bei dem ich innehielt. Es wurden mir einige vorgelesen, doch das hier, das würde ich mir merken. Das wusste ich. Denn wie sehr wird da doch mit Sprache gespielt? Und spontan dachte ich: Will ich gebildet sein? Will ich in ein Rahmen passen? Will ich eingerahmt werden, um dann zu verstauben?

Wenn ich abends ins Bett gehe, lese ich noch ein paar Blogeinträge. Dabei las ich gerade wieder diejenigen, die davon handelten, dass ich das eine Mal womöglich überstürzt das Land verließ. Nicht überstürzt, aber vielleicht nicht ganz gewollt. Das beschäftigt mich noch von Zeit zu Zeit - warum mache ich was? Mein nächster großer bis sehr großer Auslandsaufenthalt steht an. Seit August möchte ich die Planung in Angriff nehmen. Mittlerweile ist November und ich habe nichts getan. 

Meine Chefin sprach mich letzte Woche darauf an. Sagte mir, sie könne das ablasen. Es war keine Drohung, vielmehr eine Bitte. Es stoppte mich in meinem Handeln, in meinem Tun. Mit welcher Intention sagte sie das? Und wieso so ernst? Ich reagierte, spontan wie ich bin. Und für mich ist ganz klar, was mich traurig stimmt an der Sache. Ich gebe damit freiwillig etwas auf, das immer mehr an Bedeutung gewinnt. Ja, ich werde die kleinen Kinder in meiner Umgebung ein Jahr nicht wachsen sehen. Womöglich wird ein weiteres Kind geboren, welches ich dann später kennenlernen werde. Das ist alles okay. Das wäre in jedem anderen Jahr auch so. Doch jobtechnisch verpasse ich eine Entwicklung, das Ende einer Ära von ganz bestimmten Menschen. Und das tut weh. Ich kann es ihnen nicht sagen. Ich bring es nicht fertig. Und ich bin auch nicht stark genug, um Witze oder Vorwürfe auszuhalten. Deswegen weiß es auch kein Kollege. Meinen Freunden habe ich das gesagt, in diesem Sommer. Die wissen das. Ein paar waren schockiert, ein paar müssen es wohl noch realisieren. Doch bei meinen Kollegen weiß ich auch gar nicht, wie. Letzte Woche machte jemand einen Scherz, sagte, ich würde mich vom Acker machen. Ein anderer fragte bestürzt „Jetzt ehrlich?“ Ich holte Luft, wusste aber nicht, was ich sagen würde, als der scherzende Kollege meinte „Ach Quatsch.“ Und ich blieb zurück mit meinem Gedankenkarussell. 

Heute dachte ich wieder sehr intensiv darüber nach, was das alles bedeuten würde für mich. Doch ich muss feststellen: Für mich beruflich. Und dann kam mir heute Abend die grandiose Idee, morgen nun endlich wieder das Reisebüro aufzusuchen. Total dämlich, dass ich darauf nicht vorher gekommen bin. Und während ich also überlege, was ich denn alles an Informationen mit hinnehmen kann, stöbere ich im Internet. Dabei stieß ich auf eine Seite, die die blödesten Ausreden gegen das Reisen auflistet. Ich denke mir, ich bin gefeit gegen diesen Mist. Geld ist nur eine Ausrede, kein Grund. Allein sein stört mich nicht, Karriere will ich nicht und der richtige Zeitpunkt kommt ohnehin nie. Das weiß ich alles. Und doch ziehe ich gerade in Erwägung (ernsthaft?!) zu verschieben. Später zu reisen. Doch das ist der Fehler. Später kommt nicht. Jetzt lebe ich. Und ja, jetzt möchte ich auch genau das machen, was mir so schwer fällt nicht tun zu können, wenn ich auf Reisen gehe. Doch halt stopp, denk nach, du Idiot. Du musstest schon einmal beruflich etwas zurücklassen, was dir unheimlich schwer fiel. Du empfandet das als etwas Besonderes. Und siehe da, du bist wieder an dem gleichen Punkt. Auch jetzt, nein, gerade jetzt denke ich, dass ich nie wieder so etwas haben werde. Vermutlich stimmt das. Doch egal, mein Job, mein Beruf, meine Berufung, so schön das alles auch ist, sollte nicht mein Leben steuern. Sondern andersherum. Und ich möchte auf Reisen gehen. Ich möchte unterwegs sein. Ich möchte raus aus diesem Irrenhaus. Denn die Stimmungsschwankungen gefallen mir nicht. Es sind Phasen, die kommen und gehen. Doch ich möchte keineswegs mit wehenden Fahnen (danke für den Kommentar dazu) ins Verderben laufen. Ich möchte die Fahnen wehen lassen und mich vom selben Wind treiben lassen. Und deswegen ist es gut. Ich kann doch nicht ernsthaft in Erwägung ziehen, das sein zu lassen. Dann tappe ich doch in mehrere Fallen gleichzeitig. Nein, es ist gut, wenn ich gehe. Ich kann nur manchmal nicht darauf warten, dass es losgeht. Ich muss unterwegs sein um frei zu sein. Hier sind meine Gedanken gefangen. Gefangen in einer Welt voller Unheil. Eingeschränkt von schlechten Nachrichten. 

Und da komme ich zurück zu der Bildung und den Rahmen. Leben in Freiheit, nicht eingerahmt sein, nicht gebildet sein, sondern erfahren. Und ich kann nur erfahren, wenn ich erlebe, ich erlebe nur, wenn ich reise. Und das werde ich tun. Um die Welt. 

10.11.2014 um 22:10 Uhr

in gewohnter Perfektion

von: indalo

Vor zwei Wochen verschickte meine Chefin eine Email. Es gab viele Anweisungen, die zu befolgen sind und nebenbei ein dickes Lob für mich. Seither möchte ich das festhalten. Immer wieder geistert es durch meinen Kopf. Immer sehr positiv, umso blöder, dass ich es jetzt in einem negativen Zusammenhang aufgreife. 

Sie schrieb, man möge mich informieren, damit ich in gewohnter Perfektion alles planen kann. Ja, ich kann planen. Das kann ich gut. Es kostet Kraft, aber es macht auch Spaß. Mir jedenfalls. Je mehr Leute an der Planung beteiligt sind, desto anstrengender wird das Ganze. Und ich arbeite da leider mit einer sehr großen und vielfältigen Gruppe zusammen. Und ich war so platt beim letzten Mal, dass ich verschlafen habe. Das war der Gipfel. Und trotzdem spricht sie von gewohnter Perfektion. Das tut mir gut.

Wie gesagt spukt es im Positiven durch meine Gedanken. Ich möchte es niederschreiben um es wieder lesen zu können. Ich tat es in den letzten vierzehn Tagen nicht. Ich hatte keine Zeit. Und genau hier beginnt der negative Zusammenhang. Ich sehe nicht, wie ich die gewohnte Perfektion aufrecht erhalten kann. Ich arbeite und arbeite, doch ich sehe kein Land. Der letzte Urlaub war nicht nur erholsam, er war auch erfolgreich, arbeitstechnisch. Doch auch wenn er noch nicht lange her ist, so brauche ich wieder Urlaub. Ich war noch nicht fertig und jetzt häufen sich die Dinge auf dem wackeligen Untergrund. Und schon gestern kippte es, wortwörtlich. Meine zwischen Regal und Wand gelagerten Briefumschläge und Päckchen stürzten zu Boden. Gerade als ich das Zimmer verließ. Es ist einfach viel. Ich halte mich noch senkrecht. Noch. Doch es kann nicht gut sein, ohne Unterlass zu arbeiten (zehn Stunden am Tag sind ein Witz, ich geh locker auf die vierzehn Stunden zu). 

Heute schrieb ich eine to do Liste, da ich Schwierigkeiten hatte, mit der Arbeit zu beginnen, als ich zu Hause ankam. Jedes Mal, wenn ich etwas anfing, fiel mir ein, was ich noch machen muss. Zu viel. Also schrieb ich. Die DIN A 4 Seite wurde in Windeseile gefüllt. Das erschrak mich. Also markierte ich mit Farben, was ich unbedingt als erstes und was als zweites erledigen muss. Gucken wir, was morgen bringt. Die Punkte müssen irgendwann einmal abgearbeitet werden. Dann kann ich vielleicht auch wieder eine Liste schreiben, wann ich mich um welche sozialen Kontakte kümmere. 

Meine Freundin hatte Recht, als sie sagte: „Ich bin der Meinung, du wirst mir so schnell niemanden an deiner Seite vorstellen.“

09.11.2014 um 20:31 Uhr

Die Mücke an meiner Wand

von: indalo

Gefühlt habe ich seit Monaten eine Mücke zu Hause. Das ganze letzte Jahr hatte ich nie Besuch von Mücken. Gar nicht. Doch jetzt, als ich aus Urlaub kam, da waren Mücken. Also seit einigen Wochen. Ein paar hab ich kurzerhand erledigt, doch die eine, die flog halt lustig um mich herum, setzte sich an die Wand neben mich und schaute mit mir zusammen Filme oder Serien. Ganz entspannt. Soll sie doch bleiben, wen kümmert’s? So dachte ich. Wochenlang. Und ich fragte mich, wann sie das Zeitliche segnen würde. Irgendwann sterben die doch auch mal. An manchen Tagen sah ich sie, an anderen nicht. Gehört habe ich sie nie. Vermutlich ne männliche Mücke, immerhin war sie so gar nicht aggressiv.


Dann zog ich vor zwei Wochen ins Arbeitszimmer. Völlig problemlos. Vor drei Tagen attackierte mich dann eine Mücke. Sie surrte wie bekloppt in meinen Ohren. Gesehen habe ich sie nicht, aber gehört. Ich setzte mir ne Kapuze auf und arbeitete weiter. Nichts passiert. Nächsten Tag das gleiche Spiel. Es surrte ohne dass ich etwas sehen konnte. Die Kapuze half, sonst machte ich mir auch wirklich keine Gedanken, ich war dick angezogen.
Doch dann begann mein Fuß zu jucken. Man ahnt jetzt schon, was passiert ist. Ich zu dem Zeitpunkt noch nicht. Ich schubberte also die Füße aneinander und fragte mich, ob die Socken zu eng (am Vortag trug ich andere Socken…). Dann überlegte ich, ob’s Winter wird und ich mir womöglich die Knöchel eincremen sollte. Also stand ich nach einigem Schubbern auf und erkannte beim Eincremen was passiert ist. Sieben verdammte Mückenstücke. Alle von dem Tag. Dieses Mistvieh. Da heuchelt es wochenlang traute Gemeinsamkeit vor, und dann sowas. Das hat mich jetzt zwei Nächte Schlaf gekostet, weil es so gejuckt hat. Da störte selbst der Lärm der Nachbarn nicht. Übermüdet war ich ohnehin in dieser Woche. Aber nicht müde genug um die Signale meines Körpers zu ignorieren. Es juckte und juckte.

Gestern erzählte ich davon auf einem Geburtstag: „Du redest davon, als wäre es dein Haustier?“ - „Ja, so fühlte es sich auch an.“ - „Ich könnte dir mein Haustier leihen, damit es sich um dein Haustier kümmert.“ - „Nee danke, die Art Haustier hab ich auch, doch geholfen hat’s nicht.“

Heute dachte ich dann bei mir: „Ja, ich rede von dieser Mücke wie von einem Haustier. Immerhin gibt es offensichtlich doch ein Haustier - bzw. Hausinsekt - das ich ohne Aufwand beim Leben halten kann.“