indalo

31.12.2014 um 16:54 Uhr

Die Kerze brennt

von: indalo

Es ist etwas mehr als zwei Wochen her, dass du gestorben bist. Seit vier Tagen liegst du unter der Erde. Ich bin nicht da gewesen, um Erde auf dein Grab zu werfen. Ich habe nicht einmal von mir hören lassen. Du bist weg, für immer.

Vor fünf Tagen erzählte ich jemandem davon und spürte wieder diesen Kloß im Hals. Es tut immer noch weh. Jetzt sitze ich am Schreibtisch und hab wieder die Kerze angezündet, die ich dir gewidmet habe. Es wird nicht das letzte Mal sein, dass sie für dich brennt. Und auch ohne sie, werde ich an dich denken. Werd mich erinnern an die Bilder, die du in meinem Herzen hinterlassen hast und an die Hoffnung, die du geweckt hast. 

25.12.2014 um 22:43 Uhr

Ich gehör hier nicht her

von: indalo

Das waren gestern die ersten Worte, die mir entgegen flogen, als ich des Nachts eine Freundin zurückrief. Ich kam irgendwie zwischen halb elf und elf nach Hause und hatte den zwar nicht erwarteten jedoch schon traditionellen weihnachtlichen Anruf einer Freundin verpasst. Es ging dabei nicht darum, mir ein schönes Fest zu wünschen. Nein, sie brauchte jemanden, der ihr zuhört, der sie wahrnimmt und sie versteht. 

Scheißblödes Familiengehabe. Die Kinder müssen Weihnachten nach Hause kommen, aber man interessiert sich ja doch nicht für sie. Nur für die Nachbarn säh es blöd aus, wenn sie nicht kämen. Deswegen müssen sie ja kommen. Wie furchtbar. 

„Du wirst nächstes Jahr dreißig und hast noch keinen Mann, bist nicht verheiratet und hast keine Kinder.“ Na danke. Das wollte sie bestimmt hören. Und das, wenn der kleine Bruder gerade verkündet, dass seine Freundin schwanger ist. Manche Menschen sind innerhalb ihrer Familie die Versager. Und manche Familien lassen einen so richtig spüren, dass man das schwarze Schaf ist. „Hier interessiert sich niemand für mich. Die sehen mich nicht. Die nehmen mich nicht ernst.“ hörte ich gestern mehrmals in dieser oder ähnlicher Kombination. Es tut mir in der Seele weh, das zu hören. Und doch denkt ein Teil von mir „und warum tust du dir das an?“ Leider… leider habe ich Freunde, die es auch nach über einem Jahrzehnt der Volljährigkeit nicht schaffen, sich von ihren Familien zu trennen - und das obwohl sie unsagbar leiden. Immer und immer wieder. Da bin ich doch lieber familienverachtend - auch wenn das ein anderes Thema ist, welches ich bisher noch nicht in einem Eintrag zusammenfasste. 

Ich für meinen Teil verabschiedete mich Heiligabend mit den Worten: „Es ist schön zu sehen, dass Heiligabend auch ohne Stress ablaufen kann.“ Es wurde gelacht, doch ich glaube, sie haben mich verstanden. Denn ich hatte einen schönen Nachmittag bzw. Abend. Und auch heute war im Rahmen der Möglichkeiten sogar schön. Ich hätte gedacht, dass auch ich den Tag unter dem Titel „Ich gehör hier nicht her“ abstempeln kann. Doch irgendwie gehör ich dahin, und sei es als Streitschlichter. Denn so ein wenig glättete ich die Wogen zwischen Mutter und Sohn. Ich selbst hielt mich viel zurück und fuhr mit der Frage, wie lange dieser Mann wohl bei ihr bleibt und welche Veränderung er in der Zeit durchläuft. Ja, es ist soweit, dass ich auf das Ende warte. Nicht ungeduldig, nein, ich sehne es auch keineswegs herbei. Aber nach den Erfahrungen der letzten Jahre fehlt mir das Vorstellungsvermögen für eine Beziehung bis zum Tod. Möge ich eines besseren belehrt werden. 

Und dann war da noch dieses Thema, welches mich nachts um drei wach hielt. Glaube ich.

„Ich habe gehört, dass du gesagt haben sollst „Ich zu viel gegessen, ich glaub ich spuck das wieder aus“. Was hast du mir dazu zu sagen?“ - „Meinen Zähnen geht es gut.“ Stille. Mit DER Antwort hab ich nicht gerechnet. Ich suchte nach Reaktionsmöglichkeiten. „Na, falls du dir darüber Gedanken machst.“ - „Falls mich das beruhigen soll, kann ich dir sagen, dass das nach hinten losgegangen ist. Das beunruhigt mich nur noch mehr.“ - „Wieso?“ - „Weil es mir zeigt, wie intensiv du dich damit auseinandersetzt. Dass du überhaupt weiß, dass du vom regelmäßigen Übergeben schlechte Zähne bekommst, ist für mich ein Alarmsignal.“ Und es ging hin und her. Warum? Wieso? Weshalb? Nein, keine dieser Fragen habe ich gestellt. Wozu auch? „Es sagt ja auch niemand was dazu, dass ich gerade innerhalb kürzester Zeit acht Kilo abgenommen habe.“ steht im klaren Widerspruch zu „Das ist kein Aufmerksamkeitsding. Von meinen Freunden werde ich gesehen.“ Offensichtlich nicht. Ich sehe sowas nicht. So leid es mir tut, ich sehe es wirklich nicht. Das ist mein blinder Fleck, oder einer davon. 

Ja, du gehörst da nicht hin. Und dieses Thema zu besprechen, während du da bist, ist auch nicht gerade die beste Idee. „Ey, gleich werd ich trotzig.“ - „Und dann?“ - „Wie und dann?“ - „Was passiert, wenn du trotzig wirst?“ Nachdenkpause. „Nichts. Das ist nur ein Gefühl. Es ist nicht so, dass ich dann gar nichts mehr esse. Das könnt ich auch tun, aber das ist es nicht. Trotz ist nur ein starkes Gefühl, und ich mag es nicht. Und das hast du auch nicht verdient.“ Aha. Was hab ich denn dann verdient? Mir darüber Sorgen zu machen, wie du mit dir umgehst? Nichts tun zu können und dir dabei machtlos zu sehen müssen, wie du dich misshandelst? Auf so viele Arten, dass ich sie nicht auf einmal aufzählen könnte? DAS hab ich verdient?

Nein, hab ich nicht. Ich bin auch nicht aufgebracht deswegen. Ich hatte schon viele Jahre um zu lernen, damit umzugehen. Die meiste Zeit funktioniert das auch. Irgendwie. Glücklich bin ich damit nicht. Aber offensichtlich reicht es um dich am Leben zu halten, unsere Freundschaft funktionsfähig zu nennen und selbst trotz dessen glücklich sein zu können. Zumindest mein Leben betrachtend.

Ich wünsche dir fürs nächste Jahr, dass du Weihnachten von Menschen umgeben bist, die dich sehen und schätzen. Denn wir werden im nächsten Jahr um diese Zeit vermutlich nicht telefonieren können… und dafür möchte ich mich schon jetzt entschuldigen.

20.12.2014 um 21:27 Uhr

Ich bin die ganze Zeit wütend

von: indalo

Das ist gerade so ein großes Thema, das ich mir nur schwer Gesprächspartner dazu suchen kann. Ich möchte gehört werden, mit allem. Es ist nicht nur eine Geschichte, eine Anekdote, es ist so viel mehr als das. Ich lerne gerade so viel über mich, über mein Empfinden, über mein Sein. 

Gestern erzählte ich einer Freundin davon. Ich fing einfach an zu reden, und sie hörte zu. Sie sagte nicht viel, aber ich merkte, dass sie fühlte. Ich hab ganz viel bei ihr angestoßen. Sie arbeitet gegen Vorurteile, und ich erzählte ihr davon, dass ich so wütend bin, dass ich jedem Menschen mit dem gleichen kulturellen Hintergrund ins Gesicht springen möchte. Sie erschrak. Denn genau das ist ihr Job, gegen so etwas anzugehen. Und sie sagte es nach all meinen Ausführungen noch einmal ruhig. Einfach weil sie das muss, weil es ihr Job ist, nicht zu zulassen, dass solche Vorurteile in unseren Köpfen sind. Und ich erklärte ihr, dass ich das weiß, sie weiß auch, dass ich nicht so bin, und doch ist da dieses Gefühl. Und ich überlegte, denn ich handele ja nicht. Doch ist nicht schon das Gefühl das Problem? Und ich dachte weiter nach, denn es geht mir dabei nicht um den Menschen der mir in der Bahn gegenübersitzt, sondern dieser Mensch erinnert mich gerade einfach an diese ganze Geschichte. Also ist es eher die Erinnerung, die dieses Gefühl auslöst. Damit konnten wir beide besser leben. Und auch sie arbeitet gerade daran, das zu trennen. 

Und dann überlege ich, ob ich neue Definitionen schaffe. Womöglich beginne ich jetzt die Adjektive wütend und sauer gut trennen zu können. Denn ich kann sauer werden, gut sogar, und sehr sauer. Das Gefühl kenne ich. Ich geh gefühlt durch die Decke und lasse andere daran teilhaben. Gerade beruflich, hauptsächlich beruflich. Doch Wut ist noch etwas anderes. Denn ich beginne gerade zu verstehen, was andere meinen, wenn sie sagen „Und ich bin die ganze Zeit wütend.“ Denn das bin ich. Das beeinflusst meinen Alltag nicht, das verändert mein Verhalten überhaupt nicht, aber da ist etwas in mir, und das ist Wut. Ja, ich bin gerade die ganze Zeit wütend. Nicht verletzt, denn auch daraus kann Wut entstehen, nein, ich bin einfach wütend. Nicht machtlos, nicht hilflos, nicht ängstlich. Einfach wütend. 

Aber ich bin auch genauso total abgeklärt. Ich habe nicht unbedingt das Bedürfnis, darüber zu reden. Es kann nicht schaden, aber es ist kein Bedürfnis. Ich halte es interessanterweise von allen Kollegen fern, was ich da mache. Ich kann nicht sagen warum, mir fiel nur gestern auf, dass ich es tue. Ich gebe es nicht ab, ich kümmere mich einfach darum. Und ich trenne es. Ich begegne diesem Kind im Alltag wie eh und je - denn ich werfe mir wahrlich nicht vor, genervt von ihr gewesen zu sein. Nur in den wenigen Momenten, in denen ich mit ihr darüber spreche, bin ich ganz anders. Und sie auch. Auch sie kann wunderbar trennen. So wie sie gestern einfach so fragte: „Wissen Sie, was gemein ist?“ - „Ja, ich.“ und sie schwieg grinsend. Ich: „Oder noch was anderes?“ - „Nein, Sie haben das schon ziemlich gut zusammengefasst.“ Und das geht. Sie fühlt sich nicht abhängig von mir, hat nicht den Wunsch, mir alles recht zu machen, nur weil ich ihr helfe. Und das fühlt sich gut an. Es fühlt sich gut an, dass all diese jungen Menschen so auf mich reagieren, intuitiv, unbewusst. Genauso wie der Halbwaise, der seit unserem Gespräch über den Tod seiner Mutter sich wieder dem Alltag stellen kann und mit Problemen zu mir kommt. Auch er provoziert mich auf charmante Art den lieben langen Tag. Und es geht ihm gut damit.

Als ich gestern mit meiner Freundin telefonierte, erzählte ich ihr ein wenig aus den letzten Monaten. Ich redete und redete, und erst nach drei Stunden Telefonat fiel mir auf, was für eine Liste an Problemen ich ihr da gerade erstellte. Und dann fiel mir noch eins ein. Unterhalt kürzen, weil man einen Adventskalender schenkt. Das ist nicht meine Welt. Also doch, es ist meine Realität, aber ich find sie zu absurd um sie als mein bezeichnen zu können. 

19.12.2014 um 18:25 Uhr

Warum feiern Sie kein Weihnachten?

von: indalo

„Warum feiern Sie kein Weihnachten?“ - „Da möchte ich dir eine Gegenfrage stellen: Warum feierst DU Weihnachten?“ Kommentar von der Seite: „Wegen der Geschenke.“

„Ich weiß auch nicht. Ich will das gar nicht, aber meine Eltern wollen das feiern.“ - „Siehst du, und ich bin alt genug um nicht mehr machen zu müssen, was meine Eltern wollen.“ - „Oh, ja, stimmt. [guckt nachenklich] Das mach ich dann auch.“ Frage von einer anderen Seite: „Warum feiert man Weihnachten? Wurde da nicht irgendwer geboren?“ und ein Rätselraten begann. 

18.12.2014 um 14:21 Uhr

Das Reh will davon springen

von: indalo

Eigentlich wollte ich letzte Woche wieder mit ihr reden. Doch es kam nicht dazu. Dafür heute. Genau zwei Wochen später. Und es ist gut, dass diese zwei Wochen vergangen sind. Es berührt mich immer noch sehr, aber ich kann damit umgehen. 

„Meinen Sie, ich kann das schaffen?“, „Ich hab solche Angst.“ und „Manchmal sitze ich zu Hause und stelle mir vor, wie es ist, nicht mehr dort zu wohnen.“ sind wohl die Schlüsselsätze des heutigen Gesprächs. Es war ein ruhiges Gespräch, ein zukunftsweisendes. Es wurde über Optionen gesprochen und über das Jugendamt. Jetzt muss es nicht mehr ganz weit weg sein, aber weit weg. Die Stadt soll noch verlassen werden. Etwas, das es mir doch sehr schwer macht. Irgendwie… habe ich das Gefühl, sie nicht gehen lassen zu können. Total verrückt, da sie mir überhaupt nicht nahe ist. 

Vor knapp zwei Wochen sagte jemand zu mir: „Bei ihr kann man durch die Augen in die Seele sehen.“ Ich habe darauf nicht reagiert. Ich war sauer. Denn… kann man das? Ich kann das nicht. Ich sehe ihre Seele nicht, ich weiß nicht einmal, ob ich sie überhaupt sehe. Wäre ich nicht live dabei gewesen bei dem Gespräch und würde das Ganze nicht von mir ausgehen, wäre ich mir nicht sicher, ob das alles so stimmt, was sie sagt. Auch jetzt bin ich mir noch nicht sicher. Und deswegen nein, ich kann ihr nicht in die Seele sehen. Ich leide mit ihr mit und unterstütze sie, doch ich kann nicht sagen, dass ich das mache, weil ich ihr das ansah. Auch jetzt fällt es mir schwer, das bei ihrem Grinsen und Lachen zu sehen. Es gibt Momente in denen ich mich verarscht fühle - ist das alles nur ein Trick? Und warum ich sauer war? Weil ich glaube, dass der Mann, der diese Aussage tätigte, nicht die leiseste Ahnung hat, was in ihrem Leben gerade los ist. Er meint, ihre Seele zu sehen und sieht nichts. Darüber ärgerte ich mich in dem Moment. Und dann war’s vergessen, denn was kümmert er mich?

Ich legte ihr kommentarlos einen Zettel mit Öffnungszeiten auf den Tisch. Das nahm sie an und fragte sogleich, ob sie morgen früh dahin könne. Ja, das kann sie. 

Sie möchte ausziehen, und zwar jetzt. Nur Mut.

„Danke. Ohne Sie könnte ich das nicht.“

16.12.2014 um 19:21 Uhr

Ich bestehe auf mein Recht, mich zu enthalten

von: indalo

Gestern oder vorgestern Abend las ich im Bett von Tizo. Es ist schon eine ganze Weile her, dass es nötig war, ihm einen Namen zu geben. Dann hatte er ihn, doch ich benutzte ihn nicht. Jetzt schon. Hoffentlich zusammenhangslos. Denn ich wollte mich keineswegs künstlich aufreiben. Ich komme so schon nicht hinterher, ich habe keine Energie für unnötige Dinge. Und das heute war irgendwie unnötig. Meine Anwesenheit war unnötig. 

Doch womöglich war sie nötig, vielleicht sogar dringend. Es gab eine total banale Abstimmung. Es ging um einen albernen Zettel. Total banal, ehrlich. Und da ich mit diesem Zettel persönlich nichts am Hut habe, hab ich mich enthalten. Seit ich dort arbeite, hab ich zu allem eine Meinung und äußere diese. Ständig und fortwährend, auch, wenn sie kritisch ist. Doch in den letzten Wochen habe ich mich zweimal enthalten. Vor ein paar Wochen schon, weshalb ich mir ne verbale Ohrfeige einfing. Eine, für die sich am nächsten Tag entschuldigt wurde. Zu recht, wie ich finde. Und heute habe ich mich zum zweiten Mal enthalten. Ständig enthalten sich Leute. Das ist okay, das ist auch richtig, wenn man mit den Auswirkungen der Entscheidung nichts zu tun hat oder es einen sonst wie nicht interessiert. Doch als ich mich enthielt und die Stimmenverteilung drei zu drei zu eins mit drei Enthaltungen war, hieß es plötzlich aus der oberen Ebene: „Es darf sich nicht enthalten werden.“ Also wurde zusammengefasst, dass wir jetzt über die beiden Versionen mit den drei Stimmen abstimmen und sich niemand enthält. Da war vorbei. Es gab nicht einmal die Frage in mir, ob ich mich zurückhalten sollte oder wollte, nein, ich äußerte mich direkt: „Ich bestehe auf mein Recht mich enthalten zu dürfen. Das Ganze hier hat mit mir nichts zu tun, ich sitze hier in einer Funktion die davon überhaupt nicht berührt wird. Eine andere Funktion, die ich innehabe wird davon berührt, aber die sollte nicht abstimmen, da sie nicht anwesend wäre. Und wenn ihr meine ganz persönliche Meinung wollt, fragt danach. Aber ich bestehe darauf, mich enthalten zu dürfen. Und falls ich das nicht darf, warte ich den ersten Durchgang ab und stimme dann so, dass unentschieden ist und wir können von vorne anfangen.“ Keine Reaktion. Die Abstimmung begann und die gleichen drei Personen enthielten sich. Kommentarlos. Es gab ein Ergebnis, die Sache ist durch.

Doch für mich ist sie nicht durch. Ich finde es unerhört, dass man mir sagt, ich dürfe mich nicht enthalten. Es fehlte nicht viel und es wäre eine Dienstanweisung geworden. Hallo?! Ganz im Ernst, es gibt Dinge, die dulde ich nicht. Dann gehe ich. Und ja, da bin ich radikal. Auch davon las ich in den letzten Tagen. 

Und wenn wir schon bei Dingen sind, die ich nicht dulde, muss ich davon berichten, dass ich heute um ein Gespräch bat, indem ich meine Vorgesetzte als Mobberin betitelte und ihr das Wort Kontrolle zuordnete. Vermutlich war auch das ein Vergehen meinerseits, doch das Risiko geh ich ein. Wenn ich erlebe, wie eine Kollegin vor meinen Augen und dazu auch noch vor Publikum nieder gemacht wird, dann riskiere ich im Kampf dagegen viel. Denn wo sind wir hier? Im dritten Reich? Alle gucken zu, keiner findet’s toll und trotzdem bleibt’s dabei? Ja, diese Assoziation kam mir heute. Denn auch ich handelte nicht in dem Moment. Ich war zu überrumpelt. Und die Ausmaße der Aktion, bzw. die Vorgeschichte wurde mir auch erst so richtig deutlich, als das Opfer mit Tränen in den Augen neben mir stand. Machtlos, das bin ich nicht. Ich werde dagegen etwas unternehmen. Doch manchmal ist es besser in dem Moment zu schweigen und das Feld von hinten aufzuräumen. Und das tue ich jetzt. 

„Ich weiß das sehr zu schätzen, dass du mir das erzählst. Ich danke dir.“

15.12.2014 um 20:19 Uhr

Und wer ist Nummer Drei?

von: indalo

Letzten Freitag hatte ich einen Anruf auf dem Handy. Als ich zurückrief, war es laut um mich und es hieß, ich solle später noch einmal anrufen, wenn ich zu Hause bin. „Später gibt es nicht, ich werde nur zwei Minuten zu Hause sein.“ - „Das reicht.“ Also rief ich in den zwei Minuten an, in denen ich meinen Rucksack umpackte. Man wollte mir was erzählen, doch ich solle mich setzen. Für sowas hatte ich keine Nerven, also entgegnete ich leicht genervt: „Dazu hab ich keine Zeit, es ist ja niemand gestorben.“ Stille. Oh… vielleicht ist doch jemand gestorben. Aber dazu klang mein Gesprächspartner zu erfreut. Ich war verwirrt. Doch dann erzählte man mir, dass meine langjährige Klassenlehrerin am Vortag verstorben ist. Da konnte ich nur sagen „Mein Beileid.“ - „Nicht für mich.“ Und wir sprachen kurz darüber, wie sie davon erfuhr und was diese Info mit anderen macht. Dann erklärte ich ihr, dass das Beileid sehr wohl in ihre Richtung geht, denn für sie macht es einen Unterschied, in ihrem Leben ist es eine Veränderung, nicht in meinem. 

Ja, ich erinnere mich sehr wohl an die letzten Worte, die wir gewechselt haben. Letztes Jahr im September. Sie sprach mich an, mit ganz viel Gefühl. Als ihrs bezeichnete sie mich. Ich bin in ihrem Leben eine besondere Geschichte, und sie sicherlich auch in meinem. Aber ihr Tod ändert mein Leben nicht. Ich habe mir auch nichts vorzuwerfen, ich sprach letztes Jahr gesittet mit ihr und hatte auch sonst nichts mit ihr zu klären. Fertig, aus, Ende. 

Für ihre Tochter tut es mir Leid, die eines Tages an der Bushaltestelle neben mir stand und das Gespräch auf sie lenkte. Ja, für diese mittlerweile junge Frau tut es mir Leid. Aber nicht für mich. Wie soll man auch reagieren? Ja, es ist irgendwie komisch, das so zeitnah zu erfahren, aber auch andere Lehrer sterben irgendwann. Das gehört zum Leben dazu. 

Und heute morgen hatte ich eine Email. Grandma died. Ich las diese Email und antwortete, ich reagierte einfach ohne emotional zu reagieren. Und so verging der Tag bis mittags irgendwer von Mutter redete und ich nur sagte: „Ruf deine Mutter an.“ - „Wieso?“ - „Das sagte man mir heute morgen.“ - „?“ - „Ich bekam eine Email, die Mutter meiner mom ist verstorben und deswegen soll ich jetzt meine Mutter anrufen. Das kannst du ja auch machen.“ Meine Chefin hörte einen Teil des Gesprächs, weshalb sie sehr gefühlvoll aus ihrem Büro heraus fragte: „Indalo, wer ist gestorben?“ - „Meine amerikanische Oma.“ Und sie zog ein Gesicht, dass es  mir irgendwie bewusst wurde. Ich drehte mich weg und meinte nur „Nein, nicht so gucken. Das kann ich grad nicht.“ Und damit war’s erledigt. 

Eben erzählte man mir, wie andere auf den Tod meiner Klassenlehrerin reagierten. Und während wir das so thematisierten (und ich wieder einmal versuchte ihr deutlich zu machen, was es bedeutet, fünfzehn Jahre am gleichen Ort zu arbeiten), kam mir nur die Frage: „Und wer ist Nummer Drei?“ Letztes Jahr erzählte man mir, dass Menschen immer in Dreierpacks sterben. Das stimmte dann auch im Herbst, als drei Großeltern von Freunden (oh, und von mir, fällt mir nach Abschicken des Eintrages auf…) starben. Jetzt sind zwei Menschen, die in meinem Leben eine große Rolle spielten, gestorben. Völlig unabhängig voneinander. Also fragte ich am Telefon, ob ich noch eine makabre Frage stellen darf. und so stellte ich sie und erklärte im Folgenden, wer denn Nummer Zwei ist (für mich definitiv die Nummer Eins). Stille. Beklemmung. So langsam werde ich traurig, so langsam tut es weh. Nur wie soll ich mit dem Schmerz umgehen?

Es wird meinen Alltag nicht verändern, aber es tut trotzdem weh. Ich wollte im November zu ihrem neunundneunzigsten Geburtstag hinfliegen. Einfach, weil mir die Idee kam. Es wurde verhindert, ich nehme an, es war schon da eine Frage der Zeit. Und seitdem überlege ich, wie ich ihren hundertsten Geburtstag in meiner Weltreise unterbringen kann. Dies hat sich nun erübrigt. 

Sollte es mir Leid tun? Sollte mir Leid tun, dass der Tod dieser Frau mir viel näher geht als der Tod meiner eigenen Großmutter? Ich denke nicht, denn Blut ist nicht dicker als Wasser. 

Grandma, you’ll always be in my heart. And seeing you waving your fanny at me, running away with your walker or just sitting next to me while we talk is something I will picture for the rest of my life. Thanks for giving me hope, thanks for making me believe that life is worthwhile even though you get older. 

07.12.2014 um 22:37 Uhr

Der Tag des toten Rehs

von: indalo

…ist nun drei Tage her. Und doch hängt er in der Luft. Manche Sätze bleiben, manche Bilder auch. Und ich muss sie danieder schreiben. Es ist eine andere Form der Verarbeitung. Es bietet mir die Möglichkeit, darauf zurückzublicken und zu sehen, ob ich es verarbeitet habe, ob es Vergangenheit wurde, oder ob ich es weiterhin mit mir herumtrage.

Das Reh hat nicht unbedingt etwas mit dem Tag zu tun. Es war nur das i-Tüpfelchen, das zuerst gesetzt wurde. Denn morgens auf dem Weg zur Arbeit schleiche ich an einer Straße entlang, die an einem Waldrand gelegen ist. Und an diesem Donnerstagmorgen ging ich nichtsahnend meines Weges, als ich zu meiner rechten ins Gras blickte und ein totes Reh sah. Das war gar nicht schön. Ich ging weiter, ich musste ja arbeiten, aber ich griff zum Telefon, um meinen Schock mitzuteilen. Man nahm mich nicht ernst, denn das traf mich schon. Ich mag Rehe, die können doch nicht einfach tot auf dem Gehweg liegen. 

Als ich zu arbeiten begann, war das alles schon wieder vergessen. Nicht, weil es nichtig war, sondern weil dann andere Dinge präsenter sind. Und so bat ich in einer Pause um ein Gespräch mit einem Kind. Sie fragte verunsichert, worum es ginge, woraufhin ich nur meinte, dass ich nach unserem Gespräch letzte Woche mit ihrer Mutter und Schwester das Bedürfnis hatte, noch einmal allein mit ihr zu reden. Es ließ mich nicht los, doch ich war mir auch nicht im Klaren, wie sehr es mich festhielt. Und sie meinte „Das dachte ich mir.“

Sie folgte mir nervös vor sich hinplappernd zu einem leeren Raum. Wir setzten uns und sie erzählte. Schon auf dem Weg dahin erzählte sie. Ich wollte nicht zuhören, ich wollte irgendwo ankommen, wo niemand uns hören kann. Und sie sprach weiter, sie wollte mir schon davon erzählen, aber es war ihr peinlich. (Strike one.) Und so erzählte sie mir, was sie nach Meinung ihrer Familie falsch gemacht hat. Denn der Satz der Schwester „Wenn Sie wüssten, was sie gemacht hat, würden sie genauso reagieren.“ ging mir nicht aus den Ohren. (Strike two.) Nun weiß ich - zumindest wenn ich glaube, was sie sagt - was sie getan hat. Und ich hatte mittlerweile einige Tage Zeit, darüber nachzudenken. Wirklich gedacht habe ich nur an dem Tag selbst, dafür aber viele, viele Stunden. Und mein Fazit bleibt: Es ist mir vollkommen egal, was sie gemacht hat. Wirklich, vollkommen. Nichts würde mich dazu bringen so zu reagieren, wie ihre Familie das tut. Und der Satz ihrer Schwester erbost mich so noch mehr. Wie dem auch sei, wir sprachen. Sie weinte. Und ich kämpfte. Ich weiß gar nicht, wo das herkam, aber ich kämpfte so sehr mit den Tränen, dass ich mir nicht einmal sicher bin, dass sie nichts davon bemerkte. Das ging mir so nah, das brachte mich so sehr zur Verzweiflung, dass meine Arbeit danach echt litt. Ihre auch, was ich vollkommen entspannt hinnahm. Doch noch mehr zu dem Gespräch. Denn eins fehlt noch. Ich fragte sie, ob ausziehen eine Option ist. Erst wies sie das entschieden von sich. Dann - vollkommen ohne mein Zutun - sagte sie: „Sie können sich nicht vorstellen, wie oft ich darüber schon nachgedacht habe.“ (Strike three.) Doch, das kann ich mir vorstellen. Viel zu gut. Schon da drehte sich mein inneres Karussell, meine eigene Kindheit holte mich ein, ohne dass ich es greifen konnte. Doch am Nachmittag knallte man mir dann „und du bist selbst nicht ausgezogen“ an den Kopf. Und es passt, denn auch ich bin für meinen Geschmack viel zu spät ausgezogen. Wie auch immer, wir wälzten das problematische Thema des Ausziehens und sie sagte „Aber wenn, dann ganz weit weg.“ Strike four.

Meine Beherrschung habe ich zwar nicht verloren, aber ich war nichtsdestotrotz am Ende meiner Weisheit. Ich beendete das Gespräch (wir waren beide schon zu spät für unsere Pflichten) mit den Worten „Lass es sacken und wir reden nächste Woche noch einmal.“

Dann arbeitete ich weiter. Ich hatte später noch mehr Pause und ein paar Kollegen brachten mich auf hundertachtzig, sodass ich meinen Chef ziemlich ungehalten gegenüber trat. Das ist ein anderes Thema, aber es gehört dazu, da es die Gemütskurve vermutlich verstärkte. Nachdem also mein Chef kleinlaut alles machte, was ich von ihm erwartete, saß ich am Computer und schrieb irgendeine Email. Ich hatte noch zehn Minuten und legte den Kopf auf den Tisch um die Augen auszuruhen. Zu meiner Linken fragte jemand „Alles in Ordnung?“ - „Ja“ sagte ich, dieses Ja auch meinend. Zu meiner Rechten saß eine Kollegin, die das Kind zu dem Pausengespräch kannte. Ich sah sie an und überlegte, ob ich sie ansprechen soll. Denn ich war schon wieder verloren in diesem Gefühl der Hilflosigkeit. Aus mir nicht ersichtlichen Gründen sprach ich sie an. Wir unterhielten in wenigen Sätzen, ich aß um mich abzulenken. Doch es nutzte nichts. Ich merkte, wie sie mich ansah und konnte die Tränen nicht mehr zurückhalten. Sie rutschte näher und legte mir ihre Hand aufs Bein. Sie war weniger irritiert, aber ebenso hilflos wie ich mich fühlte. Eine andere Kollegin stand auf und meinte: „Ich muss dich mal drücken, mir ging es vor zwei Tagen ganz genauso.“ Ich sprach weiter mit der ersten Kollegin, die zweite hörte unauffällig zu. Wir sind beide eher genervt von diesem Kind gewesen, doch haben jetzt unendliches Verständnis und Mitgefühl. Offensichtlich. Und so sagte sie zu mir „und mach dir keine Vorwürfe, dass du vorher so genervt von ihr warst“. Damit irritierte sie mich. Ich mache mir da überhaupt keine Vorwürfe. Meine Verzweiflung hängt keineswegs mit Vorwürfen mir gegenüber zusammen. Und es ist schön, dass dank ihrer Aussage überhaupt erst zu bemerken. Dann starrte mich die zweite Kollegin eine lange Zeit an, als ich versuchte, schon wieder fit zu sein für die weiteren Arbeitsstunden, und sagte nachdenklich: „Das stimmt gar nicht. Ich bin vor zwei Tagen wegen der Arbeitsbelastung hier zusammengebrochen, nicht wegen… sowas…“ Und sie sagte es mit so viel Gefühl, dass ich schon wieder hätte weinen können. Ich entschied mich, auf und ab zu laufen, als ne dritte Kollegin meinte „Hast du geweint?“ - „Nein!“ sagte ich in ironischem Ton, da sie die ganze Zeit neben mir saß und ich diese Frage ziemlich albern fand. „Dann ist ja gut, du hast nur rote Augen, ich dachte schon.“ Hilfe! Madame ich-stecke-meine-Nase-in-alle-Angelegenheiten hat das nicht mitbekommen?! Ich guckte sie nur schief an. Ich glaube bis zum Ende hat sie das nicht richtig verarbeitet, auch wenn sie den Rest des Tages versuchte, mir jede Arbeit abzunehmen. Mein Chef lief an mir vorbei und blieb kurz irritiert stehen, als er mich ansah. Er entschied jedoch, weiter zu gehen. Mich stört jetzt nur, dass er denken könnte, dass ich seinetwegen in Tränen ausbrach. Das hatte damit nämlich überhaupt nichts zu tun. Wenn er so einen Mist baut, werde ich nur sauer. Ja, es gibt auch Tränen der Wut, auch bei mir, aber da muss es eine Wut sein, die schon aus Verzweiflung entsteht. Und an ihm verzweifel ich nicht. Noch nicht. 

Ich faselte noch etwas davon, dass ich einfach nicht weiß, wie ich mit dem Kind reden soll, ohne in Tränen auszubrechen und bekam nur zu hören „Warum denn nicht?“ - „Weil ihr das auch nicht weiterhilft.“ - „Was meinst du, was es ihr gibt, wenn sie sieht, wie jemand darauf reagiert?“ Keine Ahnung. Denn ich glaube nach wie vor, dass es ihr nicht weiterhilft. Es ist ihr ohnehin schon peinlich, wie sollen ihr dann meine Tränen helfen? 

Und so schleppte ich mich den ganzen Tag an der Grenze der Verzweiflung weiter. Ich fuhr zu einem auswärtigen Termin und saß die meiste Zeit heulend in der S-Bahn. Welch wunderbares Bild (und die Melodie zu „irgendwie schon besser im taxi zu weinen als im hvv-bus, oder nicht?“ erklang in meinem Kopf). Ich konnte dagegen überhaupt nichts tun. Ich konnte daran nicht denken ohne zu weinen, und fragte mich, ob das je aufhören würde. Abends telefonierte ich noch, was mich eher wütend machte, weshalb ich wenigstens mit dem Weinen aufhören konnte. Doch während des Telefonats wurde ich mir noch einer Sache bewusst. Denn es hieß, leider ziemlich genervt: „Ey, da musst du nicht alleine durch. Dafür gibt es Beratungsstellen.“ Wieder fühlte ich Irritation. Ich habe überhaupt nicht das Gefühl, damit allein zu sein. Gar nicht. Höchstens danach den Eindruck, allein mit diesen Tränen zu sein. Denn irgendwie wurde ich nicht verstanden. Nur von Kollegen, die am nächsten Tag nicht wussten, wie sie mich begrüßen sollten. Immerhin war der nächste Tag besser, aber ich fühle mich auch jetzt noch ein wenig benommen davon. Und trotzdem konnte ich meinem Ex-Chef zustimmen, als er mich gestern eine Weile ansah um dann zu sagen „Aber du strahlst wieder.“ Ja, das tue ich. Denn auch wenn mich diese Geschichte ganz viel Nerven, Kraft und Tränen kostete und weiterhin kosten wird, ist es eine ganz andere Belastung als in jener Situation, in der er mir zuletzt gegenüberstand. Damals (es ist immerhin schon ein paar Monate her) zog ich zum ersten Mal in Erwägung, den Job zu wechseln. Nicht den Job als solches, aber die Arbeitsstelle. Darüber bin ich momentan hinweg, und das Problem vor dem ich jetzt stehe, das ist nichts, wovor ich weglaufen kann. Das mag es woanders nicht geben, doch dieses Problem nehme ich an und bin bereit, es zu lösen. Mit all meiner Energie und all meinem Sein. 

 

 

 

Achso, ein ganz entscheidender Teil fehlt ja noch. Sie erzählte mir, wann sie ihren Fauxpas begangen hat, und mit wem. Und in meinem Kopf schrillte ein Alarm. Eben jenes andere Kind hat seit genau der Zeit ein Problem. Ein Problem, weshalb er sich Beratung holt und was er mir gegenüber als „ich werde bedroht“ umriss. Die Alarmglocken machten mich schon taub, denn wenn diese zwei Geschichten zusammenhängen, wächst mir das definitiv über den Kopf. Dann entsteht - insbesondere mit ihrer Aussage zu Strike four - ein Gefühl der Angst, eine Assoziation der Mafia. Denn das sagte sie nicht leichtfällig, das sagte sie aus einer Not heraus, die ich überhaupt nicht kenne und somit absolut nicht einschätzen kann. Und ich frage mich, ab wann ich mir Gedanken um mich machen sollte. Insbesondere wenn ich den Stein ins Rollen bringe. Und wenn ich den Vorschlag einer Kollegin, ich solle ihr doch einen Brief schreiben, wenn ich nicht mit ihr reden kann, nur intuitiv mit den Worten: „Nein, ich würde gerade einen Teufel tun, irgendwas zu verfassen, was ihre Familie finden könnte.“ abschmettern kann. Ja, dann steck ich schon in der Mühle drin. 

02.12.2014 um 19:11 Uhr

Heiligabend

von: indalo

Heute saß ich auf Arbeit und checkte kurz meine Emails. Ich bekam eine Mail mit dem Betreff „Weihnachten“. Ich sah den Absender und ahnte, was darin stehen würde.

Gestern war ich mit einer Freundin essen. Einfach so. Sie erwähnte neulich, dass sie ein bestimmtes Restaurant nicht kennen würde und dann sind wir gemeinsam losgezogen. Das war schön. Und auf dem Heimweg sprachen wir über Weihnachten - oder auf dem Hinweg? Ich weiß es nicht mehr, es war in der Bahn. Und sie fragte nach Weihnachtsplänen. Ich glaube, einfach so. Doch mir fiel schon auf, dass sie noch einmal ganz konkret nachfragte, was ich denn Heiligabend mache. „Nichts“ war die Antwort. Vielleicht bin ich weg, vielleicht auch nicht. Und es ging um die letzten Jahre. Letztes Jahr verbrachte ich Heiligabend im Krankenhaus, irgendwann davor bei nem befreundeten Ehepaar. Und sonst die meisten Heiligabende der letzten Jahre allein zu Haus. Es ist und bleibt ein Tag wie jeder andere auch. Ihr Interesse fiel mir auf, aber ich deutete es nicht.

Die Email jedoch erinnerte mich direkt daran und ich sollte recht behalten. Ich bekam eine Einladung für Heiligabend. Herzerwärmend. Ich finde es schön, wie sie diesen Gedanken hat, doch so sehr eine Einheit mit ihrem Mann bildet, dass sie erst mit ihm darüber redet, eh sie irgendwelche Andeutungen oder Hinweise von sich gibt. Und dann beginnt sie diese Email mit den Worten „hab schon wieder Sehnsucht :-)“

So schön das auch ist, so herzerwärmend das auch ist, so sehr bringt es mich doch in einen Zwiespalt. Das ist keine Beschwerde, auch kein Jammern, aber der vollständigkeithalber gehört es dazu. Denn was  jetzt? Sie hat wirklich total ungezwungen geschrieben. Ich soll es mir durch den Kopf gehen lassen, und wenn ich im Lande bin, würden sie sich freuen. Mein Kopf fragt mich, warum sie mich einläd. Will sie mich da haben? Will sie, dass ich nicht allein bin? Will sie es für mich, oder für sich? Denn für mich muss das nicht sein. Wenn sie das wirklich für sich will, warum nicht? Ich würde auch jeder anderen Einladung zum Essen folgen - warum also nicht auch an diesem Tag?

Mal sehen, was mein Kopf - oder mein Gefühl - entscheiden wird.