indalo

30.04.2015 um 14:50 Uhr

der Monat der komischen SMS

von: indalo

Optimistisch, dass es sich nur auf diesen Monat begrenzt, wählte ich diesen Titel. Denn irgendwie häufen sich gerade komische SMS. Zwei wahrlich komische und zwei, die an sich nicht merkwürdig sind, aber merkwürdige Zusammenhänge haben. 

 

In der ersten Stand der Wunsch, dass ich jemanden zur Scheidung begleite. In der zweiten wurde von jemand anderem die Bitte formuliert, dass ich mich doch um ihren Mann kümmern möge, wenn ihr bei der anstehenden Operation (in zwei Wochen) etwas geschehen sollte oder sie gehandicapt sei. Allein der Umstand eine solche Nachricht zu bekommen, ist schon sehr irritierend. Sie dann auch noch von jemandem zu bekommen, mit dem ich seit Monaten kaum bis gar nicht rede, wir uns neutral begegnen, aber da definitiv ungeklärte Dinge zwischen uns sind, macht das alles noch komischer. Natürlich heißt es in einer weiteren SMS, dass sie weiß, dass er mir wichtig ist. Den Beigeschmack, dass sie mir irgendwas über ihre Wichtigkeit in meinem Leben sagen möchte, werde ich nicht los. Aber ich ignoriere ihn. Offensichtlich schiebt sie gerade Panik. Warum auch immer. Also ich mein, von anderen weiß ich von der Operation, aber ich wage zu bezweifeln, dass man deswegen dermaßen aufgewühlt sein muss. Es ist eine, die mehr oder weniger Routine ist. Also nichts ungewöhnliches. Eine gemeinsame Freundin hatte sie schon vor Jahren hinter sich gebracht und ich erinnere mich da nicht an ähnliche Gespräche. 

 

Und gestern kommt ne SMS mit dem Inhalt „Melde dich mal wenn du Zeit hast“. Aha. Ruf doch einfach an. Tz. Naja, darauf folgte ein bzw. zwei Gespräche, die in Summe auf knapp zweieinhalb Stunden kommen und nur durch die Handyvorgabe der Maximallänge von zweistündigen Telefonaten unterbrochen wurden. Der gute Mann möchte in ein Auto ziehen und dort leben. Legal oder illegal, wen stört das schon. Und er braucht Startkapital. Na mal sehen, was daraus wird. Offensichtlich meint er es ernst. Immerhin hat er gestern die Kündigung eingeworfen. Ich halte dann wohl mal Geld für ihn bereit. 

 

Tja, und heute hieß es von meinem Konto, dass ich Geld erhalten habe. Außer der Reihe. Das verwirrte mich. Ich musste sofort nachgucken und sah auf dem Konto eine Gutschrift vom Marathon. Wie jetzt? Nur weil ich so langsam war und zwischendurch Sanitäter aufsuchte, bekomm ich Geld überwiesen? Das ist ja heiß. Aber es ergibt überhaupt keinen Sinn. Also warf ich die Suchmaschine an und kam sofort auf den richtigen Link. Es ist eine Werbeaktion. Menschen mit meinem Geburtsjahr aus meinem Postleitzahlenbereich bekommen die Startgebühr erstattet. Das nenn ich doch mal eine Überraschung. 

 

Ich werde das Gefühl nicht los, dass irgendetwas es unheimlich gut mit mir meint. 

28.04.2015 um 21:39 Uhr

über den Klee gelobt

von: indalo

Heute hatte ich mal wieder einen Termin bei einem meiner Chefs. Chefs sind bekanntermaßen Vorgesetzte, die einem von irgendwem vorgesetzt werden. Manches Mal erscheint mir das irrsinnig, aber meistens akzeptiere ich das. Vielleicht bin ich ja doch gefügiger als manch einer denkt… Wie auch immer. Ich kam von der Toilette, ging nickend an ihm vorbei und er folgte mir. Er hatte es nicht vergessen. Und so setzten wir uns in seinem Büro, nachdem er einen Kollegen fortjagte. Plötzlich saß ein anderer Mann vor mir. Wir kennen uns jetzt eine ganze Weile, wir haben auch schon einmal ein solches Gespräch geführt, und doch merkte ich die ganz klare Rollenverteilung in dem Moment. Es gab Tage, da wütete ich in seinem Büro und fragte mich, wieso er mir das durch gehen ließ. An anderen Tagen gab er mir zu verstehen, wer bei ihm zu Hause die Hosen anhatte und grinste dabei wie ein kleiner Schuljunge. Es gab so viele unprofessionelle Momente zwischen uns, dass es mich erstaunt, wie professionell ihm das heutige Gespräch von der Hand ging. Sicherlich war es von Vorteil, dass er mir nur gutes zu sagen hatte. Sehr gutes. Aber auch das muss man angemessen rüberbringen können. 


Er lobte mich über den Klee. Er sagte mir deutlich, dass auch wenn er nicht weiß, was meine Pläne sind, er an seine Chefs weitergeben wird, dass er mich - in wie vielen Jahren auch immer - in der Chefetage sieht. Dennoch bin ich mir ziemlich sicher, dass die Broschüre des letzten Jahres nicht von ihm war. Also haben da manche wirklich etwas mit mir vor. Faszinierend. Doch ein wenig erschreckend, dass er dabei ganz klar sagt, welche Gruppe Kollegen er nicht dort oben sieht. Er zieht eine klare Abgrenzung, die für mich nicht so deutlich ist. Andererseits bestätigt er, was für mich offensichtlich ist: „Das kannst du oftmals besser als wir.“ Und damit meint er den Überblick behalten, und mit wir meint er die Gesamtheit meiner Chefs. Unumwunden sagt er das. Nicht ganz ohne… hmm… ohne was? Jedenfalls nicht mit Trotz, nicht mit Missgunst, sondern ganz einfach so wie es ist. 

 

Eben noch einmal zu lesen, was wir in unserem Gespräch, welches er mit den Worten „Ich hab nur noch auf dich gewartet, ich muss nämlich nach Hause.“ einleitete, gemeinsam durchgingen, löst in mir den Gedanken „Ich bin schon ziemlich genial.“ aus. Er traf manch einen Nerv mit seinen Worten. Beim letzten Gespräch war zwar nichts doof, aber auch nicht alles perfekt. Jetzt wirke ich wie die Perfektion in Person. Er ersparte uns beiden Arbeit, da er so viel Gutes über mich hört, aus allen Ecken. Von der kleinen Abteilung werde ich gelobt, von der großen, von der Chefin höchstpersönlich. Es wirkt, als könne er sich gar nicht davor retten. Und er erwähnte, was mir selbst am Wichtigsten ist: „Du wirst überall gegrüßt. Sie laufen dir hinterher, du bist beliebt.“ Ja, und er muss es nicht sagen. Denn all das passiert trotz meiner Strenge und Konsequenz. Oder wie ich es zu betrachten bevorzuge: Genau deswegen. Er weiß, und er kommentiert es nicht einmal mehr, dass man mit Komplimenten und Geschenken bei mir nichts gewinnen kann. Und das ist mir wichtig. Sehr sogar. 

 

Andererseits beschämt mich der Kommentar eines Mädchens von gestern: „Sie müssen Komplimente auch einfach mal als das hinnehmen was sie sind. Hören Sie auf zu widersprechen oder sich rauszureden. Ich sage Ihnen, dass es niemand besseren gibt. Sie sagen Danke, ich sage Bitte, fertig. Das war’s, Ende der Diskussion. Das müssen Sie wirklich noch lernen.“ Und damit drehte sie sich weg und arbeitete weiter. 

22.04.2015 um 14:56 Uhr

Ein einschneidendes Erlebnis jagt das nächste

von: indalo

Manchmal überschlagen sich die Ereignisse. Montag legt ne Kollegin ihr Amt nieder, was für mich einen der sprachlosesten Momente seit geraumer Zeit darstellte. Wir kennen uns nicht gut, aber gerade was dieses Amt angeht, hatten wir schon ein paar Begegnungen, und obwohl ich das für eine gewisse Zeit in Betracht zog, also dass sie es wieder hinwirft, bin ich nun platt, da ich es nach der Vorstellung vor aller Welt nicht mehr in Betracht zog. 

 

Am selben Tag noch schrieb mich jemand wegen meiner Wohnung an, sodass am Dienstag Besuch anstand. Ein sehr angenehmer Mieter, dem ich meine Wohnung gerne überlasse. Also war ich gestern damit beschäftigt, mir zu wünschen, dass auch er sich für meine Wohnung entscheidet. Nebenbei war ich im Netz auf der Suche nach nem günstigen Fahrrad, schrieb ne Nachricht in die große weite Welt hinaus und plötzlich war es soweit: Meine sehr geschätzte und oft verteidigte Anonymität im Internet löste sich in Luft auf. Ich traf online auf einen unserer Klienten und verabredete mich dann mal für heute mit ihm zum Kauf des Fahrrades. So zog auch dieser Schriftverkehr sich zum nächsten Tag, sodass ich heute dann vor ihm stand und nur fragte: „Findest du das eigentlich genauso schräg wie ich?“ Und er laut loslachte. Himmelherrje, der Tag war also gekommen. Es ist überhaupt nichts schlimmes, aber etwas erinnerungswürdiges. Handeln kam für mich nicht mehr in Frage, ich bezahlte den vollen Preis und er freute sich. Ich hätte bei unserer ungleichen Situation sonst ein schlechtes Gewissen bekommen. 

 

Noch bevor ich ihn traf, bekam ich die SMS, die mich nicht sprachlos machte, sondern zu dem lauten Ausruf „Bitte was?“ brachte. Ein Kollege marschierte irritiert an mir vorbei und ich meinte nur: „Ich bekomm komische SMS… „Kannst du morgen mit zur Scheidung kommen?““ Er ging kopfschüttelnd weiter und ich stand verwirrt da. Ich wohne Hochzeiten in regelmäßigen Abständen bei - aber Scheidungen? „Ich brauch Unterstützung“ hieß es. Ja mei… einmal fungierte ich schon als Schutzschild, da kann es mir doch auch nicht weiter schaden, es nochmal zu tun, nicht wahr? 

 

Und zu Hause angekommen hatte ich die Email mit dem wunderbaren Inhalt, dass meine Wohnung sehr gut angekommen ist und der Frage, wie wir nun weitermachen um den Vertrag zu unterschreiben. Genial. So gefällt mir mein Leben. In genau neunzig Tagen sitz ich im Flieger und habe pünktlich vorher jemanden für meine Wohnung gefunden. 

Jetzt muss ich nur noch einen englischsprachigen Vertrag finden und dann können wir das alles fertig machen.

 

Achso, und am Kopierer stehend erfuhr ich dann noch von einer Kollegin, dass sie schwanger ist. Das ist doch was schönes. Und sagte ihr nur: „Du findest mich mutig? Ich finde das viel mutiger. Meine Entscheidung habe ich für ein Jahr getroffen, du legst dich gerade für die nächsten zwanzig fest.“ Und sie nickte. „Ich find mich auch mutig.“

19.04.2015 um 22:23 Uhr

Plan A

von: indalo

Wenn ich darüber ein Buch schreibe, wird das der Titel. Zumindest wird es im Titel auftauchen. Plan A. Ich brauche keinen Plan B, es gibt keinen Plan B. Es gibt nur die A-Version. Auch wenn das kein Konstrukt unserer Sprache ist, so geht es trotzdem nur um Plan A. 

 

Ist schon mal jemandem aufgefallen, dass die sechs Kontinente unseres Planeten mit A beginnen - der auf dem wir leben auch, nur weigern sich die Europäer ein Teil von Asien zu sein. Aber mal im Ernst, wenn man sich ne Weltkarte anguckt, was ist dann schon Europa? Ein kleiner Fleck in der Mitte. Nicht der Rede wert. Durchaus viel Wasser drumherum, aber eindeutig kleiner als das LAND Australien. Wobei ich auch nicht weiß, wo in Russland die Grenze zwischen Europa und Asien zu ziehen ist…

 

In weniger als hundert Tagen zieh ich los. Rum um die Kugel. Es gibt Momente, da ist das ganz aufregend. In anderen ist es anstrengend und nervenaufreibend, und oftmals ist es gar nicht vorhanden. Zu viele Sachen kommen vorher. Zu viele Pläne, zu viele Gedanken, die einfach rein gar nichts mit Plan A zu tun haben. Sondern mit dem Alltag, dem Leben nebenbei. Oder auch der Hauptrolle meines Lebens. Arbeit, Freunde, Wissen. Ich glaube, darum dreht es sich gerade. Nicht Erfahrungen, aber Wissen sammel ich gerade an. Und Gedanken bahnen sich ihre Spuren. Doch dazu möchte ich gar nicht mehr schreiben. Um Plan A sollte es gehen. Bald wird es das Hintergrundszenario meines Lebens sein. Und ich habe vermutlich nicht die leiseste Ahnung davon, was mich erwartet. 

14.04.2015 um 19:27 Uhr

mein Beileid

von: indalo

Das Telefon klingelt, meine Mutter erzählt mir, dass sie die roten Zuckerstangen gefunden hat. Sie fragte mich irgendwas, und während ich antworte kommt nur ihr abwesendes „hmm, hmm“. Oh, wie es mich nervt. Dann frag mich doch nichts, wenn du eh nicht zuhören möchtest. Und es waren gerade mal zwei Sätze. Noch bevor ich Luft holen konnte hieß es „Peter ist gestorben.“ Ich schweige. Peter… Peter… mein Onkel Peter? Also sagt sie „Peter Schmidt.“ Ja, mein Onkel Peter. Der Kaffeeklatsch des Tages, oder was? „Ja, der war doch krank.“ - „Ich weiß von nichts.“ - „Doch, vor kurzem die Diagnose Knochenkrebs.“ Zwei bis sechs Wochen gab man ihm. Wie viel er davon erlebt hat, weiß ich nicht. Minder relevant. Es tut mir auch nicht Leid um meinen Onkel. Ich kannte ihn nicht. Da sind wage Erinnerungen aus ferner Kindheit. Und dann neulich, als ich ihn beim Spazieren traf. Seither denke ich jedes Mal daran, wenn ich an der Stelle vorbei laufe. Vielleicht begegnet er mir ja noch einmal. Jetzt nicht mehr. Genauso wenig wie meine im Herbst verstorbene Lehrerin, die ich auch immer mal wieder in der Einkaufsstraße erwarte. Und ich dachte in den letzten Wochen immer wieder „Oh wie schön, dass er in seinem Alter fit genug ist um allein spazieren zu gehen. Und dass er überhaupt spazieren geht.“ Und jetzt das. Der Schein trügt. Tada, verlass dich auf nichts. 

 

Wie auch immer, es geht nicht um meinen Onkel, zu dem ich nie eine Beziehung hatte. Es geht um meine Cousine, meine kleine Cousine. Und die bloße Vorstellung, dass mein Vater sterben könnte, treibt mir Tränen in die Augen. Und für sie ist es Realität. Das tut mir Leid, sehr sogar. Und so schrieb ich ihr eine Email, einfach, weil es mich bewegt. Weil es offensichtlich eine Bedeutung hat. Womöglich so sehr, weil es der erste aus der Generation ist. So schnell kann es gehen. 

09.04.2015 um 13:46 Uhr

Geschmäcker ändern sich

von: indalo

Da laufen ich seit Jahrzehnten durch die Welt und habe ein paar Dinge in mein Hirn gespeichert. Ich mag keinen Reis. Milchreis ist in Ordnung, aber Reis hat mich nie überzeugt. Irgendwann entschärfte ich die Aussage und spezifizierte, dass ich Reis nur mit viel Soße mag. Das Problem war immer, dass das Essen zu trocken war, wenn es mal irgendwo Reis gab. So weit, so gut. Dann mochte ich Kokos nicht. Diese blau-weißen süßen Riegel waren einfach furchtbar. Nur daher kannte ich Kokos, so meine ich. Und das war wirklich fest in mein Hirn programmiert, bis ich seit ein paar Wochen jeden Tag Kokos zu mir nehme. Hauptsächlich das Öl, aber dies in verschiedensten Verbindungen. Ob als Schokolade, zum Braten oder als Deo, ich find’s toll. Vor allem riecht es gut. Aber nur weil etwas gut riecht, schmeckt es nicht unbedingt gut. So wie Kaffee, ich mag den Geruch von Kaffee, aber ich weigere mich weiterhin, ihn zu trinken. Oder Pilze. Ich mag den Geruch frischer Pilze, womöglich esse ich sie auch frisch, aber Pilze im Essen? Nein, auch nach erneutem Test bleibe ich dabei: Ich mag keine Pilze.

 

Doch die neueste Entdeckung brachte mich zu der Frage, wieso zum Henker ich mich seit Jahren von Haferflocken fern halte. Einerseits erzählte man mir ständig, wie grausig doch Haferschleim sei, aber andererseits probierte ich Haferflocken in mehreren Ausführungen und esse es höchstens im Müsli. Einfach, weil es drin ist. Doch meine Entdeckungstour geht weiter, ich will wissen, was worin ist und wieso. Mein Hirn schlägt Purzelbäume und ich bringe vieles durcheinander. Es ist dabei, manches abzuspeichern, aber erst nach erfolgreichem Geschmackstest. Und seit Mitternacht, als ich mein Brot zusammen mixte, weiß ich, dass ich den Geruch von Haferflocken einfach liebe. Die riechen schon so lecker, dass ich den rohen Teig probierte. War gut. Doch dann heute morgen das Brot in den Ofen zu schieben und zu backen bis es durch ist, brachte weitere Geruchsglücksmomente. Es dann aber auch noch zu probieren, war wirklich eine Geschmacksexplosion. Ich liebe das Brot, und ich mag die Haferflocken darin. Ich finde sie sogar sehr lecker. 

Wieso ging ich jahrelang durchs Leben mit dem Gedanken, dass Haferflocken langweilig sind oder auch einfach nicht schmecken? Es ist mir ein Rätsel. Ab sofort gehören sie in meine Küchenschränke. Genauso wie diverse Samen, die dort eingezogen sind. Ich koche und backe, probiere alles mögliche aus und esse dabei angeblich nur gesunden Kram. Doch auch gesundes wird ungesund, wenn man zu viel davon ist. Also muss ich mich bremsen - was bei meiner Ungeduld echt eine Herausforderung ist. 

06.04.2015 um 09:31 Uhr

Ich bin ...

von: indalo

Neulich Nacht lag ich im Bett und dachte so über die Veränderungen des Lebens nach. Ernährungstechnisch geht hier gerade die Post ab und ich finde es höchst amüsant, wie unterschiedlich wir uns da entwickeln. Ich finde es aber auch wirklich beeindruckend, wie sehr wie jeder unseren eigenen Weg dabei gehen und den anderen auch seinen Weg gehen lassen. Du gehst über vegetarisch zu vegan und ich probier einfach alles aus, was mir über den Weg läuft. Während ich so darüber nachdenke, fällt mir ein, dass man mich fragte, ob du Vegetarier bist. „Nein“ sagte ich lachend. Noch nicht. Vielleicht wirst du das ja noch. Vorgestern erklärtest du mir, dass du einen himmelweiten Unterschied zwischen „Vegetarier sein“ und „sich vegetarisch ernähren“ siehst. Mag sein. Doch unabhängig davon stellte ich mir die Frage, was ich eigentlich bin. Was kann ich über mich sagen. Schubladen mag ich nicht, und doch überlegte ich, welche passen würde. 

Ein Freund sagt immer wieder, wenn er über einen bestimmten Freunde redet „Er ist Marathonläufer.“ Und ich frage mich jedes Mal, was ihn denn zum Marathonläufer macht. Ist man Marathonläufer, weil man einmal den Marathon gelaufen ist? Oder zweimal? Dreimal? Wie oft muss man gelaufen sein, um Marathonläufer zu sein? Oder ist es womöglich die Herangehensweise? Denn das macht für mich den Unterschied. Ja, ich bin einmal den Marathon gelaufen und werde es wieder tun - aber ich würde im Leben nicht auf die Idee kommen, mich als Marathonläufer zu bezeichnen, und hätte auch ein Problem damit, wenn jemand anders mich so betitelt. 

Hab ich also einfach ein Problem mit Titeln? Drücke mich lieber in Verben aus? Möglich. Denn ich lehne viele Bezeichnungen ab, die auf mich zutreffen könnten. Sehr viele. Menschen sagen, ich sei Weltenbummler. Ich reise für mein Leben gern, aber ich könnte mich nicht so bezeichnen. Denn es gibt viel zu viele, auf die das besser zutrifft. Bin ich Deutscher? Naja… rechtlich gesehen, ja, aber vom Herzen? Dann doch eher Europäer - aber was bedeutet das schon? Ich bin das Kind meiner Eltern, aber wahrlich nicht familiär genug um das in einem Satz mit aller Vehemenz zu sagen. Und während ich so manch einen Satz in meinem Kopf ausprobierte, stolperte ich über den einen. Der passte. Der fühlte sich richtig an. Ich überlegte weiter, jetzt, da ich einen Vergleichswert hatte. Jetzt, da ich wusste, dass es nicht ein grundsätzliches Problem mit Titeln ist. Alles mögliche probierte ich aus, doch nichts kann ich mit derselben Überzeugung sagen oder vertreten, wie meinen Beruf. Das bin ich. Mit all meinem Sein. 

 

Ich bin mein Beruf.

 

Und du? Was bist du?

02.04.2015 um 12:48 Uhr

Ein Freund, der bleibt

von: indalo

Deine Email lesend beginne ich erst zu lachen, dann kommen die Tränen und letztlich bleibt nur der Gedanke „Ich weiß, warum du mein bester Freund bist.“ Du bist grandios. Du fehlst mir oft, deine Frau macht mein Leben momentan nicht gerade einfach, doch du bleibst wer du bist. In meinem Herzen. Ja, sie haben uns die Bücherhalle genommen, aber sie können uns nicht das Wir nehmen. Anscheinend kann das niemand. 

 

Die Einladungen zum Fest für meine Freunde verteilte ich schon vor einigen Wochen. Daraufhin bekam ich einige Zusagen per Mail, andere persönlich oder per Telefon. Von dir kam ein „ich weiß nicht, ob ich pünktlich komme“. Kein Problem, ich hatte nicht einmal eine Uhrzeit in die Einladung geschrieben. Der fehlende Ort wurde gar nicht bemerkt, man ging selbstverständlich davon aus, dass es bei mir zu Hause sein würde. Aber nein, gestern - und irgendwie schön, dass du gar nicht in Erwägung ziehst, dass es ein Aprilscherz ist - erwähnte ich dann die genaue Zeit und den Ort. Ganz absichtlich wollte ich den Ort erst bekannt geben, wenn alle reagiert haben, richtig reagiert haben. Denn der Ort sollte niemanden dazu motivieren, zu kommen. Außer vielleicht eine Person. Und deine Reaktion zeigt mir, dass mein Gefühl richtig war. 

 

„Ich sehe, die Freundefeier bekommt einen festliche, ja gar formalen Charakter. Immerhin sind wir im Hochzeitssaallokal. Vermutlich aber eher im kleinen Saal nebenan, in dem die Omis ihren 70sten feiern. Und das meine ich jetzt nicht abwertend, sondern anerkennend. Immerhin hast du Leute eingeladen, die die Veranstaltung schon nicht zu einem 70sten werden lassen, da bin ich mir sicher.

 

Jedenfalls bringt mich das dazu, dass ich es einrichten werde, pünktlich zu sein.“

 

Ja, schon deine erste Mail mit dem Wortlaut „das Konzept der Freundefeier anstelle einer Geburtstags- oder Abschiedsfeier ist innovativ. Ich bin gespannt, was dabei rauskommt. Wenn es Papiereinladungen gibt, erwarte ich einfach mal Großes ;-)“ war schön. Doch dich trotz der Erwartungshaltung weiterhin zu überraschen, erfreut mich. Und auch, dass du daraufhin deine anderen Pläne über Bord wirfst.

Schon gestern kam die Frage auf, ob Abendgarderobe erwünscht ist. Doch du triffst es auf den Punkt: „Ich hätte es mir denken können: Wer gefaltete Einladungskarten austeilt, der wird sich auch eine Bluse bügeln und eine Rede halten. Okay, die Bluse nehme ich zurück. Aber eine Rede erwarte ich jetzt, ist immerhin im ALH. Und die werde ich natürlich nicht verpassen.“

 

Wir werden sehen. Du motivierst mich dazu, es durchzuziehen. Doch ob ich es tue? Ich würde völlig aufgelöst dastehen und hätte keine Gelegenheit, danach unterzutauchen. Immerhin habe ich eingeladen und würde im Fokus bleiben. Oh man. 

 

Doch ich frage mich, ob ich die Erwartungen wieder runter holen muss. Immerhin geht es in gar keinen Saal, sondern in den Keller. Und ich möchte das Wort Enttäuschung keinesfalls mit diesem Tag in Verbindung bringen. 

 

Mein Freund, danke, dass es dich gibt.