indalo

28.09.2015 um 16:08 Uhr

Nevado de Toluca

von: indalo

Eigentlich wollte ich zum Popocatépetl, dem berühmten großen Vulkan nahe der Hauptstadt, doch da er noch aktiv ist und momentan wohl sehr aktiv, ist er leider gesperrt. Doch dank guter Kontakte bot man mir den vierthöchsten Berg und passiven Vulkan Nevado de Toluca an. Man sagte mir jedoch nicht, dass wir auf die Spitze steigen (machen das die Touristen beim Popo eigentlich auch?!) und dass das ganz schön haarig wird. Das erinnerte mich stark an den Tag als ich mit kurzen Hosen loszog und plötzlich beim Tongariro Crossing im Schnee stand. 

 

Wir fuhren also mit Auto den halben Berg hoch (keine Ahnung, auf welche Höhe genau) und machten uns dann zu Fuß auf den Weg. Nach wenigen Metern steilen Feldes atmete ich schneller als ich vorhersehen konnte. Ach warte, da war was mit dünner Luft auf nem Berg, nicht wahr? Auf welcher Höhe sind wir doch gleich? Irgendwas um die 4000m. Ich hatte bis gestern wenig Vorstellung davon, was das bedeutet. Jetzt weiß ich, dass es unheimliche Anstrengung für den Körper bedeutet, insbesondere fürs Herz. Das klopfte nämlich ständig so laut, dass ich meine Umgebung zwar wahrnahm, aber die Stimmen, die oben vom Berg kamen, nicht hören konnte. Ich erinnere mich womöglich an einen Moment als mein Herz mal so laut klopfte, doch ich möchte trotzdem sagen, dass gestern lauter war, allemal länger. Denn es dauerte ungefähr vier Stunden bis ich oben ankam. Und die Herren waren so nett regelmäßig auf mich zu warten. 

 

Ich bewegte mich langsamer fort als je zuvor. Der Sauerstoff muss echt knapp gewesen sein. Denn auch nach nem Marathon war ich schneller unterwegs als gestern. Meine Güte. Doch nicht nur das, ich spürte die Erschöpfung im ganzen Körper. Es war unheimlich anstrengend die Arme zu heben, zu reden, und die Vorstellung, etwas zu essen, bei dem ich viel kauen muss, ging auch gar nicht. Denn kauen kostet mehr Energie als ich dachte. Auch hier erinnere ich mich an einen Umzug vor knapp zwanzig Jahren, nachdem ich mich ähnlich kaputt fühlte. Da lag es nicht am mangelnden Sauerstoff, aber ich erinnere mich daran, wie jede Bewegung anstrengend war und ich vollkommen erschöpft auf dem Bett lag. 

 

In regelmäßigen Abständen wurde ich gefragt, ob ich Kopfschmerzen habe oder mir schwindelig/schlecht wäre. Ich verneinte das tapfer, aber begründete meine Pausen damit. Denn darauf hatte ich wenig Lust. Ich wollte auf meinen Körper hören, und wenn der wie blöde arbeitet um an Sauerstoff zu kommen, dann muss man ihm auch Pausen können. Da meine Geduld in der letzten Zeit auf unterschiedlichen Ebenen wirklich strapaziert wird, ärgerte mich auch, dass einer wirklich abwechselnd meinte „mach langsam“ und „komm, weiter, animier dich“. Ich hätte aber nicht viel Energie um mich wirklich zu ärgern, sodass ich das nur am Rande mitbekam. Leider erwischte mich dann doch die Übelkeit als ich das Ziel sah. Wenige Meter vor der Bergspitze. (Das ist ein bekanntes Phänomen, nicht wahr?) Und so reiste ich wieder in die Vergangenheit, als ich mit meinem Vater im Auto durch die USA reiste und auf nem Berg ausstieg und mir aus damals unerklärlichen Gründen unheimlich übel war. Der fehlende Sauerstoff, wie mein Vater mir erklärte. Das versprach schnelle Heilung, sobald ich vom Berg runter war. Und so auch gestern - sobald es bergab ging, wurde alles wieder gut. Und bergab hielt ich locker Schritt mit den Herren. Den Abstieg genoss ich sehr, insbesondere den Teil, den wir Hacken voran runterglitten. Ein Fuß vor den anderen setzen und dabei jedes Mal bestimmt nen halben Meter rutschen. Das macht Spaß. Erst sollte ich es seitlich machen (dass andere auch immer meinen, wie man’s besser macht), da das den guten Mann ans Skifahren erinnert, doch irgendwann machte ich es frontal und dachte dabei viel eher ans Snowboarden. Und dieser Abstieg gab mir dann auch das Vertrauen in die Leistungen meines Körpers wieder. Auch wenn es hieß, ich soll meine Knie mehr beugen (noch so etwas, das mir regelmäßig erzählt wird und mich diesmal ans Tischtennis spielen erinnerte), kam ich auf meine Art am Besten voran. Jeder Mensch ist anders, und im Gegensatz zu den Herren, die sich immer mal wieder versehentlich setzten oder stolperten, kam ich unbeschadet unten an. Sodass ich glaube, dass meine Art eben gut für mich ist. 

 

Nach nur zwei Stunden kamen wir am Auto an und machten uns auf den Heimweg. Wir stoppten noch um gemütlich zu essen. Schon den ganzen Tag wurde mir von dieser Pilzsuppe vorgeschwärmt, die ich letzten Endes auch aß. (Da staunt ihr, was?) Ehrlich gesagt kann ich nicht sagen, wie sie schmeckte. Ich war zu erschöpft um über Essen nachzudenken. Ich aß es einfach und nahm womöglich wenig wahr, was ich da aß. Ich hielt es lediglich für vernünftig, nach so einer Anstrengung (warme) Nahrung zu mir zu nehmen. Und so palaverten wir viel über Kulturen, Länder und sonstiges. Sie fuhren mich noch nahe an mein aktuelles zu Hause (nicht vor die Tür, da man hier wohl nicht darüber redet, wo man wohnt - doch das ist ein anderes Thema), ich duschte um mich aufzuwärmen und fiel vollkommen erschöpft ins Bett. 

 

 

Es war ein Tag der bisher größten Anstrengung in meinem Leben, aber auch ein Tag der vielen Erinnerungen an die unterschiedlichsten Situationen meiner Vergangenheit. Und wenn mein Herz nicht so laut geklopft hätte, hätte ich die Ruhe auf dem Berg noch mehr genossen. 

25.09.2015 um 06:05 Uhr

der Herr im Haus ist zurück

von: indalo

Über eine Woche war er fort. Etwa genauso lange wie ich hier bin. Und ich muss sagen, ich bin unheimlich gespannt darauf, zu erleben, was sich jetzt ändert. Denn nach all den Unterhaltungen der letzten Zeit scheint es das zu sein. Er ist der Herr im Haus und hat alle klassischer Weise damit einhergehenden Verantwortungen und Vorteile. Er bringt ihr das Geld. Nicht nur symbolisch, nein, er bringt es ihr in bar. Sie macht ihm Essen, egal wann er kommt. Sie macht sich sogar extra hübsch für ihn. So hergemacht wie heute hab ich sie sonst nicht gesehen. Und meine Güte, es macht einen Unterschied. (Doch ich bleibe dabei, wer mich nicht so mag wie ich bin, der hat mich hübsch gemacht nicht verdient. So.)

 

Heute ist sein Geburtstag, wie passend. Und so kam Besuch, sodass sie alle bediente. Nicht nur ihn, auch seinen Besuch. Das mag ja in Ordnung sein, aber ich wette, dass es umgekehrt nicht der Fall ist. Und dann ist es wieder nicht in Ordnung, wie ich finde. 

 

Er darf für eine Woche verreisen, aber sie darf das Haus nicht verlassen ohne mindestens ein Kind mitzunehmen. Reine Schikane, wenn man mich fragt. Denn es geht nicht einmal um Urlaub, es geht nur darum eine Kaffee mit ner Freundin zu trinken. 


Vieles, was ich mir erzählen ließ, passt nicht zusammen. Denn auch wenn alles bisher Geschriebene einfach so ist, so bestimmt sie manche Dinge ganz klar. Sie sieht sich selbst als Frau im Haus, oder eben Hausfrau, die zu seinen Diensten steht. Aber andererseits stellt sie klare Regeln auf, die er dann auch befolgt. 

 

Als ich ansprach, dass ich sie doch als starke Frau wahrnehme und daher manche Aussagen ihrerseits (in meinen Augen) nicht zusammenpassen, schien sie das Kompliment nicht einmal wahrzunehmen. Stattdessen erklärte mir ihre Mutter, wie der Hase läuft. Doch ich werde wohl auch bis zum Ende nicht verstehen, was hier wodurch bedingt ist. Denn vieles ist und bleibt Kultur. Und ich würde nen Teufel tun mir manches verbieten zu lassen, was sie hinnimmt. Es scheint auch kein Kompromiss zu sein, sondern bloßes Akzeptieren seines Machtwortes. Und so würde ich nicht leben wollen. Ich bin doch mein eigener Herr. 

22.09.2015 um 06:29 Uhr

die Ruhe bewahrt

von: indalo

Auch wenn ich gelegentlich die Wände hochgehe, halte ich mich für einen ruhigen Menschen. Ich schreie und wüte nicht, ich ärgere mich nur. Darin bin ich (leider) gut. Ich kann mich über manche Dinge tierisch aufregen. Unheimlich. Für mich zumindest. 

Doch auf der anderen Seite bin ich dermaßen gelassen, dass es ebenso unheimlich ist. 

 

Als ich vor ner knappen Woche im nächsten Land versuchte am Flughafen an Geld zu kommen, schien dies unmöglich. Ich stapfte zwei Stunden lang mit meinem Gepäck von einem Ende zum andren und suchte weitere Geldautomaten. Kein Automat gab mir auch nur einen Cent. Ich verstand das überhaupt nicht. Als dann auch das Bezahlen im Geschäft von beiden Kreditkarten verweigert wurde, hätte ich in Panik ausbrechen sollen. Bin ich nicht. Ich war erstaunlich ruhig, auch wenn mir klar war, dass ich einfach nur versuche, Ruhe zu bewahren. 

So eine Ladenkette, die für Kaffee berühmt ist, akzeptierte dann immerhin eine meiner Kreditkarten, sodass ich dank eines netten Landsmannes endlich Bargeld im Wert eines Kaffees hatte, um den Flughafen verlassen zu können. Ich machte mich auf den Weg zu meinen Gastgebern, schilderte ein wenig die Geschichte und ließ mich von da an treiben. Achso, ich schickte noch eine Email an meine Bank, die mir später versicherte, dass meine Kreditkarte nicht gesperrt ist und sie von ihrer Seite keinen Fehler entdecken können. Ich möge es doch später noch einmal probieren. 

 

Erst vier Tage später suchte ich wieder einen Geldautomaten auf. Kein Geld. Ich wollte wieder zahlen, beide Karten wurden verweigert. Erst an der nächsten Kasse wurde eine akzeptiert. Also das gleiche Spiel wie am Flughafen. Wieder nach Hause und die nächste Mail an die Bank schreiben. 

 

Und ich war immer noch die Ruhe in Person. In den vier Tagen habe ich nicht einmal einen Gedanken daran verschwendet, dass ich bargeldlos in Lateinamerika umherirre und das womöglich auch so weitergeht. 


Erst am nächsten Tag erhielt ich die Info, dass meine Kreditkarte gesperrt ist, auf nimmer Wiedersehen, und so weiter und so fort. Da dachte ich dann, ich werd nicht mehr. Und erst als ich begriff, dass meine Bank absichtlich meine Kreditkarte gesperrt hat und das nicht nur ein blöder Fehler ist, verließ mich die Ruhe. Die spinnen ja wohl. Und während ich also den Ärger spürte, stellte ich fest, wie gelassen ich vorher gewesen bin. 

 

Mich kriegt nach wie vor nichts außer Ungerechtigkeit, überflüssige Idiotien und menschliches Versagen klein. Alles andere nehme ich mit einer Ruhe und Gelassenheit hin, die mich selbst erstaunt. 

20.09.2015 um 04:54 Uhr

vier Jahre

von: indalo

Jetzt hat mein praktisches Armband vier Jahre durchgehalten, während die Geschwister nach kurzer Zeit die Handgelenke meiner Freunde verließen. Vier Jahre. Und nun wurde es von einem Mädchen zerstört, dass noch keine vier Jahre alt ist. Ironie des Schicksals?

 

Es riss und ich war entsetzt. Es kann doch nicht plötzlich reißen, nachdem schon so viele Kinder so viel daran rumgedreht und rumgezogen haben. Aber dieses Kind hatte das Ziel es zu zerreißen und noch eh ich reagieren konnte, gab es den Geist auf. 

Schade ist nicht das richtige Wort, aber es ist irgendwas-in-die-Richtung. Es ist kein Weltungergang, da das Armband selbst keine große Bedeutung hatte. Aber ich fühle mich doch irgendwie nackt ohne. Einen Ersatz zu finden wird nicht leicht. Immerhin halte ich seit Jahren an Ständen um nach weiteren Armbändern Ausschau zu halten, ohne Erfolg. 

 

Nun denn, eine Ära endet. Adieu.

18.09.2015 um 06:44 Uhr

vom Tellerrand gesprungen

von: indalo

So viele Leute frag(t)en mich, ob ich nach Indien möchte. Manchmal erklären sie die Hintergründe ihrer Frage, manchmal nicht. Meist hat es mit der dort zu erlebenden Armut zu tun. Sie fragen auch, ob ich bereit dafür bin. Naiv wie ich bin, halte ich mich bereit für alles. Ich reise nicht nur um schöne Dinge zu sehen, ja, das macht das Lächeln und Strahlen einfacher, aber ich reise doch auch, um zu verstehen, um zu kennen, um zu entdecken. Das Leben hat weit mehr Facetten als wir uns vorstellen können. Und ich möchte mehr als nur meinen Teller kennen, ich möchte darüber hinaussehen, und eben nicht nur in Nachbarländer fahren, mich nicht nur in der westlichen Welt bewegen. 

 

Nach acht Wochen habe ich es endlich aus der westlichen Welt heraus geschafft. Es waren schöne acht Wochen, es war gemütlich, es war einfach, es war Urlaub. Und dann kam ich hier an und landete in einem Film. Die Szenen verändern sich und mein Umfeld bekommt nicht einmal mit, was da alles auf mich herein prasselt. Ich werde wieder einmal darin bestätigt, dass hören und sehen nichts mit erleben zu tun haben. Was interessiert mich das Fernsehen? Ich will spüren, wie es ist. Ich möchte mit den Menschen im Land reden, und ohne es vorher zu wissen, wurde mir dieser Wunsch hier in Mexiko direkt erfüllt. 

 

Warum hat mich vorher niemand gefragt, ob ich auf Mexiko vorbereitet bin?

 

Ich habe die letzten drei Tage mit einer mexikanischen Familie verbracht und sie so richtig erlebt. Mal abgesehen von den äußeren Umständen, die ich noch zu begreifen und verinnerlichen versuche, bekam ich an den letzten beiden Abenden Lebensgeschichten erzählt. Die eigenen und die der weit gefassten Familie. Und was ich dazu hören bekomme, erschüttert mich. Ich möchte gar nicht mehr von meinem Leben erzählen, denn sie betrachten es mit solch anderen Augen, dass sie es nicht verstehen. Ich umreiße Geschehnisse, doch ich bin an sehr erzählfreudige Exemplare geraten, sodass ich immer weiter bombardiert werde mit Geschichten. 

 

Hier werden Kinder verkauft, oder eingetauscht. Sie werden weggeben. Und zu hören, dass die Frau, die mir als erste die Tür öffnete, mit sieben oder acht Jahren verschenkt wurde um in einer anderen Familie zu putzen, schockiert mich zutiefst. Einige Zeit später, im selben Gespräch, stellt sich heraus, dass ihre Mutter sie verschenkt hat, um sie vor ihrem eigenen Schicksal zu bewahren. Was kann schlimmer sein, als von der eigenen Mutter verschenkt zu werden? Einen Vater bzw. Großvater zu haben, der mit einem selbst Kinder haben möchte. Denn Vater und Großvater sind in diesem Fall ein und die selbe Person, sodass die Mutter auch die Schwester ist. 

Die nächste erzählt mir von einer Zwangsheirat, die sie später auflöste um doch den Mann zu heiraten, den ihre Eltern nicht mögen. Ich bin ja froh, dass erst nach der Begegnung mit der Mutter zu erfahren, denn ich hätte sie mit anderen Augen angesehen. Dennoch irgendwie schön, sie gar nicht erst ins Herz geschlossen zu haben, weil sie mir einfach nicht sympathisch war. 

Dann gab es noch diverse Geschichten von gewollten und doch nicht durchgezogenen Scheidungen, vom Fremdgehen und zurückkommen, vom Überfallen werden und stundenlang geknebelt und gefesselt auf dem Boden auf Rettung zu warten. Ich hab vieles in meinem Leben nicht erlebt, und ich hoffe, vieles davon auch nie erleben zu müssen. 

15.09.2015 um 09:19 Uhr

Der Typ an der Bushaltestelle

von: indalo

Es gibt noch so viele Dinge im Leben, die ich noch nicht erlebt habe. Und heute wurde diese Liste um einen weiteren Punkt verkürzt. Denn DAS ist mir noch nie passiert. Und ich möchte laut loslachen, doch das würde meine Mitmenschen am Flughafen in L.A. ziemlich verstören. Also bemühe ich mich, das Lachen leise zu gestalten und mich nur innerlich wegzuschmeißen. Faszinierend. Vielleicht sollte ich das auch mal machen. Aber ich wage zu bezweifeln, dass ich so viele Worte finden könnte um jemanden zu komplimentieren. 

 

Vor einigen Stunden stand ich an einer Bushaltestelle auf ner Insel im Westen Kanadas. Nichts weiter spektakuläres. Ich unterhielt mich mit nem Herren, der da rumstand, als jemand direkten Schrittes auf mich zukommt und fragt „Are you single?“ Dann kam noch ein hingeworfenes „I don’t know where you are going…“ und mehr erinnere ich nicht. Er drückte mir einen Zettel in die Hand und verschwand genauso schnell wie er gekommen war. Mein Gesprächspartner und ich schüttelten beide mit dem Kopf. Ich brachte nur ein „That’s a first“ raus und er meinte irgendwas in der Richtung, dass er nichts bekommen hat. Wir tippten beide auf etwas religiöses, die e-mail Adresse tendiert auch in die Richtung, doch wer weiß.

 

Ich bin von Natur aus neugierig, weshalb ich am letzten Flughafen eine simple Mail schickte mit der Frage, warum ich den Zettel bekam. Achja, er sagte wohl so etwas wie „…contact me and I’ll explain it to you.“ Und nun lese ich eine Mail, die versucht mich zu interpretieren und mir unheimlich schmeicheln soll. Meine Persönlichkeit bzw. meine Ausstrahlung wird ausführlich beschrieben, ebenso wie Teile des Erscheinungsbildes. Ich muss wirklich lachen, he went out of his way for this. Und er beschreibt sein Zittern, seine Nervosität und dann mein klares Auftreten. Ich bin wirklich versucht, diese Mail hier rein zu kopieren. Meine Güte. 

 

Nun werde ich also mit einem Grinsen ins nächste Flugzeug steigen und hoffentlich selig schlafen. Man soll ja nicht Nein sagen zu Komplimenten. 

 

Und ob da noch was religiöses dahinter steckt, wird man sehen. Ich werde höchstwahrscheinlich antworten, wie ich mich kenne. Und mich an die Frage nach meinem Beziehungsstatus erinnernd, halte ich die Sektenzugehörigkeit für weniger wahrscheinlich. Oder womöglich sollte ich das genaue Gegenteil tun?

Ich bin müde und steige jetzt lieber ins Flugzeug…

 

 

…und von der Dame am Gate werde ich mit den Worten „around here, babe“ begrüßt. Die Länder hier haben schon ihren eigenen Charme. 

10.09.2015 um 08:11 Uhr

Ich, das Geschenk

von: indalo

Zu reisen ist eine der schönsten Formen des Lebens. Ich genieße es mit jeder Faser meines Seins. Es ist nicht immer nur das, was gerade passiert, es ist auch das, was sein könnte. Am Strand zu sitzen, eine schöne Frau zu sehen und zu überlegen „ich könnte mich jetzt einfach zu ihr setzen und sie ansprechen“. Auch das macht mich schon glücklich. Sie setzte sich einen Baumstamm weiter an den Strand und begann zu zeichnen. Ich überlegte, ob ich mich zu ihr setzen sollte. Es ist nicht so, dass ich mich dagegen entschieden hätte, aber ich hab mich auch nie dafür entschieden. Also ist es nicht passiert, glücklich war ich dennoch. Ungeschummelt.

 

Zu reisen bedeutet auch, sich selbst zu entdecken. Ich lerne neues über mich, ich stöbere in meiner Vergangenheit und ich definiere mich. Immer mehr. Ich überlegte vor ein paar Jahren, dass man sich auch jedes Mal neu definieren kann, wenn man so oft neue Menschen trifft, die auch nie etwas miteinander zu tun haben werden. Grundsätzlich definiert man sich ohnehin in jeder Situation neu, doch sind es eher die Feinheiten. Ich habe nicht vor, mich umzudefinieren, dazu mag ich mich und mein Leben viel zu sehr. Aber ich merke, dass ich mich besser kennen lerne und damit eben auch besser definieren kann. Jede Situation ist anders, sodass es weiterhin Millionen von Wörter benötigen würde, um eine Definition meiner Person zu schreiben. Das ist gar nicht mein Anliegen, aber es ist trotzdem schön, diese Person, die ich bin, kennen zu lernen. 

 

Meine Art des Reisens beinhaltet auch Bewertungen. Denn ich reise (hauptsächlich) über zwei Portale, die von gegenseitigen Referenzen leben. (Nicht die Portale untereinander, sondern Referenzen von Gast zu Gastgeber und umgekehrt.) Und ich muss sagen, diese Referenzen gehören neben meinen eigenen Blogeinträgen zu den von mir am Häufigsten gelesenen Worten überhaupt. Es ist herzerwärmend, was andere über mich schreiben. Es ist wundervoll, manchmal in nur sehr kurzer Zeit jemandem so nahe zu kommen, dass man gemeinsame Urlaube plant. Es ist wie es schon in Island war. Man begegnet sich und am nächsten Tag mietet man gemeinsam ein Auto und reist umher. Jetzt treffe ich jemanden, schlafe in seiner oder ihrer Behausung, mal teilen wir uns ein Bett, mal nehme ich die Couch, mal bekomm ich ein eigenes Zimmer, tja, und dann passiert es manchmal, dass ich mir nach nur einer Nacht (ja manchmal nach nur wenigen Stunden) ausmale, wieder zu kommen und gemeinsame Reisen zu unternehmen. Es ist vollkommen irrelevant ob wir bis dahin Nachrichten austauschen oder nicht, ob wir je wieder voneinander hören, die Reise selbst würde trotzdem genial werden. Und es ist auch nicht wichtig für mein Wohlbefinden ob es je dazu kommt, denn genau deswegen führt der Optimist wirklich das glücklichere Leben verglichen mit dem Pessimisten: Die Zeit der Vorfreude oder Vorstellung ist eine glückliche Zeit, die der Pessimist nicht erlebt. 

 

Und so lese ich meine Referenzen und gewinne den Eindruck, dass ich ein wunderbarer Mensch bin, den man einfach kennen lernen muss. Ich möchte gar nicht um einen Schlafplatz bitten (und tue es auch nicht), sondern möchte sagen: Ich komme und bringe ein wunderbares Geschenk. Mich.