indalo

29.12.2015 um 21:20 Uhr

Donnergrollen in der Antarktis

von: indalo

Nachdem ich ohne Stimme aufgewacht bin, konnte ich mich wunderbar jeder Unterhaltung entziehen. Mich persönlich stört das überhaupt nicht, aber ich kann andere auch schlecht davon abhalten, mich dafür zu bemitleiden. Ich lächle einfach nur zurück, denn ich bin lieber ohne Stimme als mit Schmerzen jeglicher Form. 

 

So saß ich also beim Mittag und starrte mal wieder gedankenvoll aus dem Fenster. Der Himmel ist strahlend blau, das Meer spiegelt die eindrucksvolle Landschaft und ich denke darüber nach, dass ich jetzt weiß, was hinter dem Mysterium Antarktis steckt. Im Zodiac zurück zum Schiff sagte jemand „Ich kann jetzt in Eisbergen lesen, ich verstehe sie besser.“, und es stimmt. Ich kann die Farbe deuten, die Maserung, ja, womöglich kann ich sogar die Geschichte des Eisbergs erzählen, wenn ich ihn mir genauer angucke. Doch nicht nur das gefrorene Wasser kenn ich jetzt besser, nein, ich weiß auch, dass es in der Wildnis hier unten Buchten gibt, die ruhiger sind als der stillste See den ich kenne. Ich habe zumindest einmal die Drake Passage überstanden und vermisse schon seit Tagen das Schaukeln des Schiffes, welches in auf der Überfahrt so genossen habe. Und natürlich verstehe ich viele Handlungen der Pinguine jetzt, ich sehe wo sie hinwollen, wie sie dahin kommen und was sie mit nach Hause bringen. Ich weiß, warum Robben schwimmen gehen, auch wenn Wale in der Gegend sind, genauso wie Pinguine vollkommen entspannt an Robben vorbei watscheln. Ich kann Robben oder Seehunde, oder wie immer sie nun im Deutschen heißen, nach wie vor nicht auseinanderhalten, aber ich weiß, dass ein Donnergrollen in der Antarktis nicht mit einem Blitz zusammenhängen muss. Es ist einfach nur ein Schneerutsch, oder Eis, welches sich mit Hintergrundmusik von der Masse verabschiedet und ins Meer gleitet. 

 

Und ich liebe es, bei Sonnenschein auf meinen Gummistiefeln im Schnee zu hocken und der Natur zu lauschen während meine Augen über die Landschaft schweifen. 

28.12.2015 um 18:59 Uhr

Wasser in all seinen Formen

von: indalo

Man könnte meinen, dass man irgendwann genug hat von diesem Element hat. Doch einerseits weiß ich schon lange, dass es mein Favorit ist, andererseits wird es nie langweilig. Wir schippern seit Tagen im Wasser, irgendwann tauchten Eisberge auf, dann veränderten sie ihre Formen und letztlich auch die Konsistenz. So sind die Eisberge mal weiß, mal türkis, mal blau, auch das sogenannte black ice ist uns schon begegnet. Doch reicht all das? Nein, denn als wir übers Wasser fliegen um auf Schnee zu wandern, freue ich mich über die Schneeflocken, die vom Himmel kommen. Rutschigen Schrittes kämpfe ich mich (teils auf allen Vieren) den Weg nach oben und sehe zwar noch die Hand vor Augen, aber die Menschen weiter weg, oder gar das Schiff verschwindet vollkommen aus der Sicht. Es schneit in großen Flocken und wenn der Boden nicht so rutschig wär, würde ich vor Freude hüpfen. Die Pinguine sind nicht von rumliegenden Steinen zu unterscheiden, nur weil man gelegentlich ein Schwänzchen entdeckt, weiß man, dass unter dem Schneeberg ein Pinguin versteckt ist. Es ist wunderschön an diesem Hang zu stehen und den Schnee zu beobachten. Und so wenig ich mich mit Weihnachten beschäftigen möchte, so sehr ist es mit Schnee verbunden. Weiße Weihnacht ist ein festes Konzept in meinem Kopf. Nicht, dass darauf Verlass wär, aber wenn es schneit, denke ich an Weihnachten. 

26.12.2015 um 23:21 Uhr

Die Qual der Wal

von: indalo

Wow. Einfach nur wow. 

Es war Zeit fürs Abendbrot und ich, ungesprächig wie ich bin, setzte mich nicht neben jemanden, sondern ans Fensterbrett. Ich wollte die Aussicht genießen und wie oft hat man schon ein serviertes Abendessen mit vorbeiziehenden Eisbergen? Ja, dieser Urlaub ist einmalig, das kann man nicht anders sagen.

 

Noch während ich meine Vorspeise aß, sprang jemand am anderen Ende des Tisches auf und wollte sehen, warum so viele mit ihren Nasen am Fenster kleben. Ich schaute aus meinem Fenster und sah Wale. Wale. Nicht einen Wal, nicht zwei, sondern Wale, viele Wale. Ich gabelte den Rest des Salates in den Mund und sprang ebenso vom Tisch auf um mich draußen einzufinden. Und da begann die Qual der Wal. Denn wo sollte ich hingehen? Auf meiner Seite bleiben? Nach vorne laufen? Nach oben? Doch zur anderen Seite? Ich blieb erst einmal fasziniert stehen und zückte meine Kamera. Beeindruckend. Dann kraxelte ich doch aufs Dach um zwischen links und rechts wechseln zu können. Doch letztlich passierte das spannendste direkt vorm Bug. Wir können uns nicht einigen, wie viele dieser Ungetüme wir da um uns hatten, aber es waren viele. Und sie machten all die Sachen, die uns vorher in Vorträgen berichtet wurden. Erst kamen die ganzen Luftblasen im Kreis nach oben, dann tauchten die riesigen Mäuler auf und nachdem sie wieder in die Tiefe tauchten, blieben kreisflächige, ruhige Seen zurück. Es war, als hätte jemand den Vortrag in die Realität verfrachtet. Zum Greifen nah.

 

Als ich auf der anderen Seite stand, hieß es hinter mir „Die Suppe wird kalt.“ und als ich mich umdrehte, grinste mich mein Kellner an. „Ja klar, das erzählst du mir nur, damit ich reingehe und du meinen Platz bekommst.“ Und nicht nur er war da, selbst die Köche standen draußen. Essen kann man auch später, jetzt müssen wir beobachten, wovon so viele Wissenschaftler träumen. Und irgendwo springt der Gedanke umher, wie Leid es mir tut, dass jene Menschen nicht dieses Glück haben, doch ich fühle mich nicht schlecht, denn ich kann überhaupt nichts dafür. Ich bin einfach nur hier und bestaune dieses Ereignis. 

 

Irgendwann fürchtete ich, dass mir die Finger abfallen - schließlich bin ich nur vom Abendbrottisch aufgesprungen - sodass ich reinging und die Suppe aß. Doch es zog mich wieder raus, diesmal nach ganz vorn, und die Ansage, dass wir jetzt weiterfahren und uns herzlich beim Kapitän für diese Pause bedanken, ignorierten wir alle - bis auf den Applaus, den gab’s natürlich. Erst die zweite Ansage brachte Menschen dazu wieder in den Speisesaal zu gehen. Und als ich wieder Platz nahm, wurde mir dann auch der Hauptgang serviert und ich starrte weiter fasziniert aus dem Fenster. Wale, überall Wale. 

 

Normalerweise geh ich direkt nach dem Abendbrot ins Bett, doch heute setzte ich mich auf einen Sessel mit Meerblick und schaffte es zwei Stunden lang nicht, mich wieder zu erheben. Ich rutschte nur immer weiter nach vorn und entdeckte mal hier, mal dort einen Wal. Und das ist dann auch meine Spezialität, die ich an Bord bringen würde. Ich bin unheimlich gut darin, Meerestiere an der Wasseroberfläche zu entdecken. Ich erinnere mich da an Delphine am Horizont, Riesenschildkröten und jetzt Wale. Und nachdem die Humpbacks (wenn ich doch nur wüsste, wie die im Deutschen heißen…) uns ein Riesenspektakel boten, entdeckte ich noch einen Orca, der direkt am Fenster vorbei schwamm. Ich gehe glücklich ins Bett.

25.12.2015 um 15:27 Uhr

Antarktis als letztes Abenteuer

von: indalo

Auch auf dieser Reise denke ich mir wieder, wie kritisch ich doch bin. Man hört und liest viel über die Antarktis. Ein magischer Ort - doch würde ich es auch so empfinden? Ist es nicht irgendwie geschummelt, da die Reisen dorthin so extrem teuer sind, dass man begeistert sein muss? Auf jeden Fall hält der Preis Skeptiker ab, denn so viel Geld legt man nur hin, wenn man wirklich in die Antarktis reisen möchte. Das wiederum führt zu einer noch besseren Stimmung an Bord, das stimmt. Wenn man dann noch über Feiertage reist, reißen sich die Leute noch mehr zusammen. So weit die Analyse. Doch spätestens heute sitze ich einfach nur auf meinem drehbaren Sessel und… was tue ich eigentlich? Abwechselnd fassungslos aus dem Fenster starren und völlig überdreht rausrennen um noch schnell ein Foto vom tausendsten Eisberg zu machen. Da ziehen Skulpturen am Fenster vorbei, das ist unbeschreiblich. Ich bin gefesselt, und ich versuche nun verzweifelt, dieses Gefühl in Worte zu hüllen. 

 

Neben mir sitzt eine Dänin älteren Semesters und wir staunen um die Wette. Erst weise ich sie auf die meterlangen Eiszapfen hin, dann entdeckt sie sie und strahlt mich an, ob ich die Eiszapfen denn nicht durch ihr Fernglas sehen möchte. Es ist wundervoll. 

Zu Beginn unserer gemütlichen Reise vorbei an diesen gigantischen Eisblöcken, fragte ich sie, ob sie schon immer in die Antarktis wollte. Ja, denn als Kind lernten sie in der Schule über Grönland, da das ja zu Dänemark gehört. Doch in der Arktis war sie noch nie. Und sie sagt: „Das war’s.“ und es wird deutlich, dass sie nicht mehr in die Arktis reisen wird. Das hier ist ihr letztes großes Abenteuer, und für mich fühlt es sich an wie der Anfang. 

Werde ich je akzeptieren können, irgendetwas zum letzten Mal zu machen? 

Egal wo ich hinkomme, ich werde wiederkommen. Es ist so wundervoll in dieser Welt unterwegs zu sein, dass ich mir nicht vorstellen kann, damit aufzuhören. Ich bin auch noch jung genug um so denken zu können, um bei allem, was ich womöglich verpasst habe, zu sagen: Beim nächsten Mal. Denn auch wenn das Alter niemandem versprochen werden kann, so stehen meine Chancen recht gut.

20.12.2015 um 14:14 Uhr

zwölf Grad

von: indalo

Ich wünschte, ihr könntet sehen, was ich gerade sehe. Ich sitze in einem drehbaren Sessel, die Füße auf einem davor stehenden Hocker ruhend, und genieße die Aussicht aus dem Panorama Fenster meines Hotels. Ja, das hier kann man Hotel nennen. Ich war schon in Unterkünften, die sich Hotel nannten, aber nicht mehr als ein Hostel waren. Aber das hier ist ein richtiges Hotel. Mit zwei Bett Zimmern, Frühstücksbuffet (so viel essen wie ich möchte!) und Schlüsselkarten. Es ist eher außerhalb, was mich gestern noch störte, doch heute ist ein neuer Tag. Heute ist ein guter Tag. 

 

Gestern landete mein Flugzeug am Ende der Welt - zumindest sagt man das so. Wenn die Welt ein Ende hat, dann zwei, und das sind die Pole. Da bin ich nicht gelandet, aber immerhin in der südlichsten Stadt der Welt. Und ich bin unheimlich dankbar dafür, dass mir niemand vorher von den Bergen erzählt hat - so konnte ich fasziniert aus dem Fenster gucken und staunen. Irgendwie hatte ich damit nicht gerechnet, und es ist wunderschön!

Als wir im Landeanflug waren erzählte uns der Pilot von zwölf Grad - und ich machte innerlich Luftsprünge. Kälte im Gesicht, was ist das schön. Ich hab’s gar nicht so sehr vermisst, aber nach diesem Flug (der vermutlich durch die zwei Tage davor beeinflusst wurde) brauchte ich Kälte. Denn auch wenn es nicht der schlimmste Flug war, so war er doch einmalig bisher und ich wünsche mir, dass das so bleibt. 

Ich lief also im T-Shirt rum und freute mich über das Wetter. So kalt war es lange nicht mehr, und ich hab hier auch noch nicht damit gerechnet. Erst als ich meinen Spaziergang durch die Stadt startete, zog ich mir Pullover und Daunenjacke an. 

 

 

Mein größtes Glück ist, das Kleine zu achten und zu schätzen. Und flexibel zu sein. Mich über Wärme zu freuen, und über Kälte. Die Möwen zu bestaunen, mit ihren orange leuchtenden Schnäbeln und rot-gelb-schwarz schillernden Augen. Und mich über so etwas wie ein kuscheliges Bett zu freuen. 

17.12.2015 um 14:13 Uhr

Wie komme ich an eine geringe Summe Bargeld?

von: indalo

Nicht nur überschlagen sich meine Gedanken in Bezug auf Ernährungsfragen und Lebensweisen, nein, auch wenn ich eine Datei öffne um den nächsten Blogeintrag zu schreiben. Da springen sämtliche Erfahrungen von gestern durch meinen Kopf, Gefühle der Dankbarkeit, der Begeisterung, aber auch manchmal der Selbstschelte. Denn manchmal kann ich unheimlich berechnend sein, und so richtig fair ist das nicht. 

 

So wurde ich zum Beispiel gestern (im nächsten Land) vom Busbahnhof abgeholt, mit dem Taxi nach Hause gebracht und dann noch zum Mittag eingeladen - sprich ich brauchte keinen Cent Bargeld und hatte auch noch keins. Dann wanderte ich in die Altstadt, lief umher, genoss das Wetter und die Gegend, verlor meinen Karabinerhaken am Flaschendeckel und fragte mich, wie ich nun an Bargeld im Wert von weniger als einem Euro komme - das bräuchte ich für den Bus am nächsten Tag. Und ich bezweifelte, dass ich einen so kleinen Betrag vom Automaten abheben kann. Es würde überhaupt nicht zu mir (oder meiner Reise) passen, jemanden nach diesem Geld zu fragen. Wie stelle ich das also an?

 

Meiner bisherigen Erfahrung nach geben dir die Menschen sehr bereitwillig Geld, wenn du ihnen einfach von solchen Dingen erzählst - nur eins darfst du nicht, erwarten, dass sie es dir geben. Und in vielen Fällen eben auch nicht danach fragen. 

 

Auf meinem Spaziergang kam ich an einen schönen Platz und setzte mich auf eine Bank neben einen älteren Herren. Ich schielte auf sein Buch und stellte fest, dass es englisch ist. Ein guter Anfang - auch wenn ich gar nichts plante. Ich genoss die Atmosphäre und als der gute Mann nieste, gab’s von mir ein „bless you“. Jaha, hätte ich das tatsächlich geplant, würde ich jetzt sagen, dass damit der Weg geebnet wurde, denn das war Anlass genug für ihn nach einer weiteren halbe Seite im Buch sich doch dafür zu entscheiden, das Gespräch zu suchen. Also unterhielten wir uns mehr als neunzig Minuten eh ich überhaupt wieder an das Geld dachte. Schon ne halbe Stunde vorher wollte er aufbrechen, aber unser Gespräch war einfach zu spannend. Ich weiß auch beim besten Willen nicht mehr, wie ich es „einfädelte“ thematisch bei der Busproblematik zu landen, aber es ist mir „gelungen“ und er sprang total drauf an. Er wollte mir mehr Geld geben, doch ich wollte doch nur mit dem Bus zum Busbahnhof kommen. Da es spät geworden ist und ich schon längst zu Hause sein wollte, gab er mir noch nen Schein, damit ich nicht die Stunde Fußweg wählte, sondern schon mit dem Bus nach Hause fahre. Ich guckte ihn an und meinte, er hätte mir doch schon genug Geld gegeben, worauf er nur konterte „ich bin ein arbeitender Mann“ und „ich will, dass du schnell nach Hause kommst, damit dein Gastgeber sich keine Sorgen machen muss, der rufst sonst noch die Polizei“. Ich grinste. Von ihm, dem reisenden und arbeitenden Mann aus der privilegierten Welt kann ich Geld annehmen. Ich hätte mich schließlich auch zum Essen einladen lassen und das wäre eine höhere Summe gewesen. Denn wir reden hier von kleinen Beträgen, die er mir gab. Dennoch war es besonders komisch, als ein Bettler angeschossen kam, als wir das Geld tauschten und wir beide nicht bereit waren, ihm Geld zu geben. Warum bekomme ich Geld geschenkt? Ich habe es nicht nötig. Ich war in keiner verzweifelten Situation, ich wollte nur nicht unnötig Geld abheben, wenn ich es dann doch eh nicht ausgebe. Es war noch nicht einmal ein Luxusproblem, es war Spielerei. Doch ich „verdiene es“, Geld geschenkt zu bekommen, und so viele andere nicht? Ich bin versucht zu sagen, dass da irgendwas falsch läuft, aber das wäre ein Urteil, und ich möchte darüber nicht urteilen. Ich konzentriere mich auf mich, gehe schmunzelnd weiter und freue mich darüber, wie viele Menschen mir auf dieser Reise (nicht nur finanziell) geholfen haben. 

 

Und das war nur ein Teil von gestern. Es fehlt die Beschreibung vom Meer, von meinen Füßen im Meer, von meiner Vorfreude auf die letzten zwei Wochen des Jahres, vom Vogelschiss auf meinem Schuh, vom Restaurant Bulebar, dem vegetarischen Burger (kein Soja, kein Tofu, Linsen!), meinem dermaßen faulen Gastgeber, dass er überall das gleiche bestellt wie ich (auch Entscheidungen kosten Kraft), der Dinge, die ich für ihn empfinde, der unterschiedlichen Herangehensweisen ans Couchsurfen, von Kinostarts in verschiedenen Ländern, von ausgefallener Sommerzeit, von nicht vorhandenem Salz auf dem Restauranttisch und noch vielem mehr. 

13.12.2015 um 03:33 Uhr

Magst du ...das Leben?

von: indalo

Mir fehlen nicht die Worte um zu beschreiben, was geschieht und womöglich auch, was das in mir auslöst. Und doch fühle ich mich so machtlos, so unfähig zu beschreiben, was es bedeutet. Wie tief es mich berührt, wie magisch es wirkt und wie sehr es mich fasziniert. Es, dieses Leben, diese Welt, das alles. Meine Gedanken springen von einem zum nächsten, meine Gefühle wissen gar nicht, was sie zuerst empfinden sollen. Ich möchte es aufnehmen, doch ist da noch Platz? Bin ich nicht schon voll? Nicht voll an Informationen oder Begegnungen, auch ist meine Wissbegierde nicht gestillt, doch irgendwie bin ich randvoll gefüllt von magischen Momenten, von tiefer Faszination. Selbst unter einem wunderschönen Sternenhimmel zu stehen, ja, mich sogar zu setzen (zum Hinlegen war es leider zu nass), lässt mich nicht die Atmosphäre aufsaugen. Ich brauche keine Energie mehr, meine Tanks sind gefüllt. Und ich möchte wieder geben, weitergeben, was ich bekommen habe, teilen, was ich erleben durfte. 

 

Diese Reise ist eine Aneinanderreihung der wundersamsten Dinge und ich weiß, wie viele Menschen denken „Das erlebt man nur auf Reisen.“ Ich selbst bin versucht zu sagen, dass man Reisen muss um so viel wunderbares zu erleben. Doch schon neulich kam der Gedanke „Nein, das stimmt so nicht.“ Da war ich beeindruckt davon, dass es plötzlich hieß „Wollen wir surfen gehen?“ Und wir taten es, noch am selben Tag. Schon zweimal. Das war auf dieser Reise. Doch es gab da eine Nacht im Winter, in einer (von hier aus) fernen Stadt, als ich nach Mitternacht das Haus verließ um das Schneegestöber zu genießen und mir plötzlich ein Snowboard angeboten wurde. Da bin ich keine fünf Minuten von zu Hause weg gewesen. Fußminuten. Ich musste also nicht reisen, um das zu erleben. 

Und gestern, die Vorspeise im Dunkeln, das war zauberhaft. Heute folgte ein großer Tisch mit Kerzenlicht und Bedienung. Keine engagierten Kellner sondern die Besitzer dieses Geländes. Muss man dafür reisen? Vielleicht ein wenig, aber genau das ist mir ebenso vor vielen Jahren begegnet. Vor wirklich vielen. In Deutschland, unweit von meinem Lebensmittelpunkt. Also geht es auch in Deutschland, denn auch damals schäumte ich über vor Glück. In beiden Situationen. 

 

Während unseres Kerzenlicht-drei-Gänge-Menus wurde ich gefragt „Magst du …das Leben?“ Ja, ja und nochmal ja. Das Leben, mein Leben, all das, was unsere Welt zu bieten hat. Und nein, ich vergesse nicht die Kriege, die Gefahren, die Hungersnot. Aber ich bin es schon seit vielen Jahren Leid, dass immer nur darauf geachtet wird. Noch heute benenne ich das als Grund dafür, dass ich kein Fernsehen habe. Unsere Welt hat viele Gesichter, und wir entscheiden, welchem wir uns stellen wollen. 

12.12.2015 um 02:23 Uhr

Das werde ich ja sehen

von: indalo

Die Sonne ging langsam unter und ich wusste, das läutet das Wochenende ein. Es ist Freitag. Doch es ist nicht irgendein Freitag. Hier, wo ich gerade bin, ist dieser Freitag der Beginn eines Wochenendes zum Englisch lernen. Perfekt. Da kann ich mich wunderbar einbringen und helfen. Also verließ ich trotz untergehender Sonne und damit einhergehender Mückenplage meine Behausung um die Gäste zu grüßen. Erst spielten wir noch ne Runde Tischtennis, dann gab’s auch schon die Begrüßungsrunde. Ich merkte schon, dass ich die Aufmerksamkeit einer Teilnehmerin gewonnen hatte, doch dass sie dies auch zeigt, indem sie mich als erstes auswählt, brachte mich dann doch zu einem leicht verlegenen Schmunzeln. Das nenn ich mal direkt. 

 

Das war alles ganz nett, ich fühlte mich wohl und selbstsicher. Etwas, das den Teilnehmern noch fehlt - denn ein ganzes Wochenende Englisch? Das ist harte Arbeit für sie. Und als die Glocke zu hören war, wurde die Aktivität Essen eingeläutet. Ich wusste nicht, dass es tatsächlich eine Aktivität war, denn nach dem Hände waschen wurden uns die Augen verbunden. Da ich Hunger hatte - was irgendwie immer der Fall ist - stand ich ganz vorn in der Schlange und wurde als erstes in den Essensaal gebracht und an einem Tisch platziert. Wie der Zufall es so will, setzte man besagte Frau mir gegenüber, als zweites. Und so unterhielten wir uns blind über Essen, und ich merkte nicht einmal, dass man einen Teller vor mir platzierte. Um es uns leicht zu machen, gab es nur Fingerfood und wir durften loslegen. Als erstes fand ich ein Mini-Ei. Schmeckt. Dann kam auch schon die Weintraube, meine ich, und eine Erdbeere. Eine Scheibe Kiwi, ach, und vorher noch eine Tomatenspalte. Dann kam etwas nicht zu zuordnendes. Polenta, wie ich lernte. Und das Stück Karamell-Waffel ließ ich für den Schluss. Doch ich fand noch eine Paranuss, einen Cracker mit Pesto und Brokkoli. Und bis auf Polenta konnte ich alles benennen. Das Zeug hätte genauso gut Brie sein können, aber ich war der Meinung, dass es den hier nicht gibt. Vor allem da mir Schmelzkäse als Frischkäse verkauft wird und den Namen von Hüttenkäse trägt. Also wirklich, wasn Chaos. 

 

Ich hatte einen Teller Allerlei im Dunkeln, dann gab’s noch zwei verschiedene Töpfe mit Nudeln - yay, kein Reis! Einmal mit Käsesauce und einmal mit Tomaten. Und zum Nachtisch wieder Maracuja-Mousse. Ich liebe mein Leben. Und ich esse gerne. Und mal wieder so viel, dass mein Gegenüber tatsächlich ausspricht, was sie denkt: „Du liebst Essen, doch warum bist du dann so dünn?“ Reisen ist die Lösung. Tagelang Cracker und Wasser erlauben ein Wochenende des Schlemmens. Außerdem glaube ich, dass wenn man ein wenig Verständnis davon hat, was gesund ist, und genießt, was man isst, dann nimmt der Körper das auch besser auf. So viel passiert in unserem Kopf, und Geist und Körper müssen im Einklang sein. 

 

Wie auch immer, das Essen war deliziös. Und als ich den Heimweg antrat, stand ich plötzlich unter beeindruckendem Sternenhimmel mit dem Geräusch der Natur im Hintergrund, in diesem Fall dem Zirpen. Was bin ich glücklich! 

…nur die handflächengroße Spinne in meinem Zimmer minderte ein wenig mein Rundumwohlgefühl. Aber ich habe sie ganz nett vor die Tür befördert - möge sie dort bleiben. 

 

Und darf ich noch den Wortwitz loswerden? Den ganzen Tag sprang ich durch die Küche und war immer mal wieder in Versuchung die Köchin zu fragen, was es denn zum Essen geben würde. Doch ich fragte nie, sondern dachte jedes Mal: Das werde ich ja sehen *lach*

11.12.2015 um 01:34 Uhr

Ich esse, was mir schmeckt.

von: indalo

Ich esse, was mir schmeckt. Punkt. Das war’s. 

 

Nicht nur wegen der ergiebigen Diskussion zum letzten Beitrag ging mir dieser Satz heute durch den Kopf. Essen scheint wirklich das Thema des Jahres zu sein. Und als ich mir gerade Paranüsse (auch bolivianische Mandeln genannt) gemeinsam mit merengue (kein Tanz, sondern Baiser) in den Mund stopfte, dachte ich genau das. Ich esse, was mir schmeckt. WEIL es mir schmeckt. Es ist mir vollkommen egal - oder ich bin einfach vollkommen ignorant - dass Baiser dermaßen ungesund ist, dass mir direkt die Zähne rausfallen sollen. Denn ich bin in dem Glauben groß geworden, dass Popcorn ungesund ist, ebenso Chips und Pommes. Alles pfui. Dabei ist Popcorn nichts anderes als Mais, und damit Gemüse. Allein die Herstellung entscheidet darüber, wie gut oder schlecht Popcorn ist. Gleiches gilt für Chips und Pommes. Süßkartoffelpommes sind ein Geschmackshighlight, welches ich hoffentlich in den kommenden Tagen noch einmal erleben darf. Heute wurde es von mir zubereitete Tortilla. Denn als ich beim Betreten der Küche die vielen Kartoffeln und Eier sah, musste ich sofort an Tortilla denken. Und heute kam ich endlich dazu, sie zu machen. Ganz vegetarisch, wenn auch nicht vegan ;-)

 

In den letzten Monaten hab ich Dinge gegessen, das ist unglaublich. Nicht nur all die Neuheiten in Sachen Gemüse und Obst, nein, auch einfach der Umstand, dass ich Reis esse, ist schon bemerkenswert. Die Liste der Dinge, die ich nicht mag, ist keineswegs kurz. Und trotzdem esse ich sie - warum? Weil Essen zur Zeit zum Überleben dazu gehört. Zum Annehmen. Mir wird etwas zu essen hingestellt und ich sage Ja. Ich probiere es und ich esse es. Doch werde ich Blumenkohl kaufen, wenn ich wieder in Deutschland bin? Werde ich bei meinen Freunden Pilze essen? 

10.12.2015 um 01:30 Uhr

vegetarisches Fleisch

von: indalo

Liebe Vegetarier,

als alle erstes möchte ich mich dafür entschuldigen, mich als Vegetarier auszugeben. Weder lebe ich vegetarisch, noch ernähre ich mich so. Aber wenn ich gefragt werde, ob ich Fleisch, Hähnchen oder Vegetarisch möchte, wähle ich letzteres. Selbst wenn ich nicht gefragt werde, bestelle ich gelegentlich vegetarisches Essen. 

 

Meine erste Begegnung mit offiziell angekündigtem, vegetarischen Essen in einem Bus endete damit, dass ich das Fleisch aus den Nudeln suchte. Der junge Mann, der das Essen in den Bus lieferte, wollte mich davon überzeugen, dass es kein Fleisch sei. Tofu oder Soja - wo ist da eigentlich der Unterschied? - soll es gewesen sein. Mag ja sein. Aber ich für meinen Teil wähle vegetarisches Essen, weil ich kein Fleisch möchte. Was bringt es mir dann, wenn man mir etwas zu essen bringt, was womöglich kein Fleisch ist, aber genauso aussieht, riecht und schmeckt? Das versteh ich nicht. Ich war ziemlich aufgebracht, zumal ich auch einfach nicht glauben wollte, dass es kein Fleisch ist. 

 

Witzigerweise passierte heute etwas ähnliches. Nun bin ich kein Vegetarier, sodass ich sowohl esse, was mit Fleisch in Berührung kam, als auch Dinge, die Fleisch enthalten. Und vor ein paar Tagen erklärte ich jemandem, der „sozusagen vegan ist“, dass ich noch nie ein Fan von Fleisch war, aber Spaghetti Bolognese durchaus mag. An meinem aktuellen Arbeitsplatz hieß es, sie kochen nur vegetarisch. Umso überraschter war ich, heute Bolognese Sauce vorzufinden, die ich mir auf den Teller tat und genüsslich aß. Als ich kommentierte, dass es hier doch nur vegetarisches Essen gibt, nickte man dies ab. Momentchen mal, was esse ich denn da gerade? Soja. Ach ja. Mich kriegt man damit. Denen glaube ich jetzt schon eher, dass es kein Fleisch war. Letztlich war es für mich unerheblich. 

 

Dennoch bringt mich das zum Nachdenken. Warum is(s)t man vegetarisch? 

Ich bin gerade nicht sicher, ob ich es nicht schon irgendwo schrieb, aber die Vegetarier, die neidisch auf mein Essen starren, waren mir schon immer suspekt. Ich muss mir meine Meinung noch bilden, aber irgendwie gefällt mir dieses Soja/Tofu-Thema nicht. Vor einigen Monaten meinte ich, dass ich entweder Fleisch will oder eben nicht, wozu dann Ersatz essen? Und zur Zeit möchte ich behaupten, dass wer wirklich überzeugt vom Vegetarismus ist, auch keinen Fleischersatz möchte. Das ist ja wie… leider fällt mir kein Vergleich ein, aber womöglich kommt das noch. 

 

…hier bricht einfach wieder meine ganz oder gar nicht Seite durch. 

08.12.2015 um 23:20 Uhr

Spannende Aussichten

von: indalo

Angekommen am neuen Ort, legte ich mich apfelessend in die Hängematte und wartete, bis die für mich zuständige Person auftaucht. Dann gab’s eine kleine Führung und mein eigenes Zimmer, ja sogar Haus. Dort wurde noch schnell geputzt, sodass ich die Zeit nutzte um Papierkram auszufüllen, und dann gingen wir den Zeitplan durch. Alles schick, also entschied ich mich was zu kochen. Im Kühlschrank stand schon gekochtes Gemüse rum und man zeigte mir, wo die Nudeln stehen. Was anderes wollte ich nicht. Einfach nur Nudeln. Endlich wieder Nudeln. Keinen Reis. Mir hätten Nudeln mit Butter gereicht. Was warmes, was sättigendes, was simples. Doch stattdessen entschied ich mich für ne Nudel-Gemüse-Pfanne. Ich machte zum allerersten Mal ein Essen aus den verschiedensten Resten (anderer Menschen). Und ich mochte mein Essen. Ich würde es immer noch nicht kochen nennen, aber ich wurde satt und hatte Freude daran. Und während ich meine zwei Teller verspeiste, war ich einfach nur gespannt. Gespannt auf die Zukunft. Die nächsten Tage, aber auch den nächsten Herbst. Und als ich meine Datei hier öffnete, verfasste ich das folgende Ende zuerst.

 

Ich bin so gespannt darauf, wie ich mich ernähre, wenn ich wiederkomme. Was ich koche, worauf ich wert lege und was für Gerichte ich von der Reise mitgebracht habe. Ich bin so gespannt auf mich. 

08.12.2015 um 01:38 Uhr

wie unfreundlich

von: indalo

Man hat mich heute als negativen Menschen bezeichnet. „Ich kenne dich nicht“, hieß es. Richtig. „Aber ich höre nur Negatives von dir.“ Tschuldigung, aber du kannst nicht mit sehr freundlich formulierter und ebenso freundlich rüber gebrachter Kritik umgehen, die noch nicht einmal gegen dich gerichtet ist? Das ist traurig. Denn ich habe etwas Negatives zur Sprache gebracht, das stimmt wohl, aber dabei war ich keineswegs negativ. Im Gegenteil, ich suchte eine Möglichkeit, wie zukünftige Kunden zufriedener sind. Doch das wurde nicht gesehen. Ich sei eben negativ. 

Auf seinen Kommentar hin, dass alles was er bisher von mir gehört habe, negativ sei, kam von mir sogar die Reaktion: „Und dafür möchte ich mich entschuldigen.“ Doch statt diese Worte zu hören, zeterte er rum, schnitt mir das Wort ab und kam mit diesem wunderbaren Spruch: „Ich bin älter als du, ich weiß wovon ich rede.“ Denn wenn man so negativ ist wie ich, dann reagieren die Leute eben auch negativ. 

Ich guckte ihn an und stellte fest, dass es absolut zwecklos ist, diese „Unterhaltung“ weiterzuführen. Ich entschied mich für die „erwachsene“ Reaktion, das Gespräch zu beenden und es dabei zu belassen. Dabei gibt es so viel, was ich ihm sagen wollte und immer noch möchte. Doch warum möchte ich das überhaupt? Wem bringt es etwas? Er hat schlechte Laune, womöglich nen schlechten Tag und Kopfschmerzen. Ihm werden keine weiteren Worte etwas bringen, und was bringen sie mir?

 

Nun denn, als ich endgültig ging, bat ich ihn, sich für mich bei seinem Angestellten zu verabschieden und zu bedanken, er war wirklich nett und hilfsbereit. Und damit wollte ich gehen. Er meinte noch mich fragen zu müssen, ob ich denn mein Ticket habe - hält er mich jetzt auch noch für blöd? Ich antwortete, dass es irgendwo in meinem Rucksack sei, und verabschiedete mich. Doch leider hab ich mich nicht von der Situation selbst verabschieden können. Im Gegenteil, ich möchte ihm das alles noch schriftlich zukommen lassen. Doch aus welchem Grund? Mit welcher Absicht? 

05.12.2015 um 16:09 Uhr

Mit dem Motorrad über den Friedhof fahren

von: indalo

Als ich kurz online ging, sah ich, dass gerade anderswo in meinem Blog Kommentare gewechselt werden, doch ich habe keine Zeit und Ruhe, sie zu durchdringen, möchte aber dennoch diesen Eintrag verfassen - insbesondere da er mir so gut dazu zu passen scheint.

 

Im Internetcafé las ich zwei Kommentare dazu, dass man Erinnerungen auf der Welt hinterlässt und dabei Dinge in Bewegung setzt, Spuren hinterlässt und wenn man wirklich erinnert werden will, Einstellungen ändern muss. Schöne Gedanken, doch ich wusste nicht, dass sie mir so schnell auf der Straße begegnen würde. Ich stieg in einen Bus, der weit fahren sollte. Doch viel mehr als die Länge der Strecke, war die Zeit, in der wir sie hinter uns bringen sollten. Es gab also mal wieder Essen im Bus. Erst das Abendbrot, und der Mülleinsammler war viel zu schnell. Ich kaute und kaute, doch als er das zweite Mal vorbei kam, war ich noch nicht fertig. Und damit war ich offensichtlich nicht allein, was ich aber erst bemerkte, als die Frau vom Sitz hinter mir, ihren kompletten Plastikmüll bei voller Fahrt aus dem Fenster warf. Ich war geschockt. Ich sprang in meinem Sitz auf, dreht mich nach hinten und schaute sie entsetzt an. Ich wusste gar nichts zu sagen, so fassungslos war ich. Zurück auf meinem Platz schüttelte ich mit dem Kopf, mir entfuhr ein „unglaublich“ und als ich die Situation revue passieren ließ, meinte ich, in ihrem Blick zumindest ein klein wenig Schamgefühl entdeckt zu haben. Zumindest starrte sie nicht unverwandt zurück. Wenigstens das. Ich schloss also die Augen und wollte mich dem Traumland hingeben. Als ich kurz die Augen öffnete, hockte das Kind neben mir über meinem Platz, bereit, eine Plastikflasche (die sie nur meinetwegen hatte *grrr*) aus dem Fenster zu werfen. Ich war gerade noch schnell genug um meine Hand zwischen Fenster und Flasche zu halten und zu ihr zu sagen „das macht man nicht“. Das Kind war völlig in Schock und fiel auf den Platz zurück, die Flasche in der Hand und den Blick zu ihrer Tante auf der andere Seite des Ganges gewandt. Diese war ebenso irritiert und ich zeigte nur auf den Platz vor mir, wo ich einige Zeit vorher meinen Müll in einer Plastiktüte verpackt auf den Sitz legte. Sie brabbelte (irgendwie entschuldigend) was davon, dass die Tüte weg sei und ich legte mich wieder schlafen. 

 

Das Frühstück bestand aus vier Minikeksen, sodass da nichts aus dem Fenster flog. Immerhin. Doch dann kam das Erstaunliche. Zum Mittag gab es ebenso ne Menge Plastik und die Frau hinter mir (ausgerechnet sie!!) stand nach dem Essen auf und suchte einen Plastiksack, mit dem sie durch den Bus ging um von den anderen Passagieren den Müll einzusammeln. Ich war fasziniert. Und stolz. Man war ich stolz. Und ich dachte an die Kommentare und daran, dass ich hier offensichtlich etwas erreicht habe, etwas weiter gegeben habe, womöglich eine Erinnerung hinterlasse, doch ganz ohne Namen, Gesicht oder Geschichte. 

 

Leider wurde ein Großteil davon wieder zunichte gemacht, als dieselbe Frau zwei weitere Plastikreste aus demselben Fenster beförderte, aber nichtsdestotrotz bleibt ein kleiner Erfolg zum Mittag. Dass auch die Busfahrer mit hochgelegten Füßen die Flaschen in hohem Bogen aus dem Fenstern warfen, muss ich nicht erwähnen, nicht wahr?

 

…ich mache mich nicht mehr lustig über die Schilder, auf denen steht „Keinen Müll ins Meer werfen.“ Sie haben ihre Berechtigung, und ich möchte jetzt nur verwandte Schilder in Bussen anbringen. 

 

 

Und achso, warum der Titel? Manche Dinge macht man einfach nicht. Doch in einem Land wo die Friedhofsangestellten mit dem Motorrad über einen (fußläufigen!!) Friedhof fahren, gibt es neben der Müll-aus-dem-Fenster-werfen-Geschichte vermutlich noch viele weitere, die mir zum Glück erspart blieben. 

03.12.2015 um 17:14 Uhr

Und Sie?

von: indalo

Nach all den Monaten der Reise, fühle ich mich erst in den letzten Tagen als richtiger Backpacker. Ich verbringe mehr Nächte in Bussen als in Betten, bewege mich regelmäßig fort und fühle mich sehr verbunden mit meinem Rucksack, den ich eigentlich kaum nutze. Bei all den Nachtfahrten kommt man ja gar nicht dazu, Klamotten zu wechseln oder mal zu duschen. Und so endet eine weitere Nacht im Bus mit einem Grenzübertritt. Ich fühl mich stinkig, doch ignoriere das so gekonnt, dass ich mir trotzdem die Zeit nehme, den anderen Touristen bei ihren Grenzproblemen behilflich zu sein. Es herrscht keine darüber hinaus gehende Kommunikation. Kein Vorstellen, keine Frage wohin, woher oder sonst irgendwas. Wozu auch, wir gehen alle unseren Weg - der auf seine Art doch der gleiche ist.

 

Zwei Tage später begegnen mir die vier Deutschen in der nächsten Stadt wieder. Wir haben unterschiedliche Wege dahin genommen und weil der eine grüßte, blieb ich kurz stehen, sodass wir darüber sprachen. Woher, wohin, achso. Und nachdem ich irgendwas fragte, fragte der andere doch glatt „Und Sie?“

Ich fiel vom Glauben ab. Und Sie? Es schallte in meinen Ohren nach, ich bekam das nicht verarbeitet und konnte auch nicht reagieren. Und Sie?

Nachdem ich vermutlich genauso rot angelaufen bin wie er, brachte ich nur ein „Seh ich wirklich so alt aus?“ raus und eine der Mädels meinte schnell „nein, nein“. Dabei ging es mir in dieser Situation gar nicht ums Alter, sondern um die Gemeinsamkeit. Wir sind alle gleich, nachtsreisende, stinkende und abenteuerlustige Backpacker, und dann haut er diesen Keil dazwischen? Man ey. Darüber kam ich den ganzen Tag nicht hinweg. Es ist viele Monate her, dass mich jemand gesiezt hat. Und ich dachte, es würde noch viel mehr Monate dauern, bis ich das wieder hören würde.