indalo

29.01.2016 um 23:23 Uhr

Der Tag, den es nicht gab

von: indalo

Das dritte und gewiss nicht letzte Kapitel meiner Reise hat begonnen. Ich war schon am Flughafen in Sydney, damals gab’s sogar Fotos von Shelby und dem berühmten Gebäude hier. Doch das habe ich nie als „ich war in Australien“ gezählt. Nein, das hier ist mein erster Besuch. Die Reise war lang, und wenn man Zahlen und Daten vertraut, war sie noch länger. Denn in meinem Reisepass fehlt ein Datum. In den letzten Wochen hab ich zig Stempel gesammelt, jedes Mal gleich zwei zur selben Zeit. Auseise aus einem Land und Einreise ins nächste Land. Beides am gleichen Tag. Jetzt bin ich am Abend des Mittwochs aufgebrochen, wenn auch erst am Abend des Donnerstags in den Flieger gestiegen, der mich nach Sydney brachte. Und hier angekommen ist Samstag, nicht Freitag. Den neunundzwanzigsten Januar des Jahres zweitausendundsechszehn hat es für mich nie gegeben. Ich hätte diesen Flug wahrscheinlich auf den selben Tag einen Monat später legen sollen, dann wäre es nicht so auffällig. Nun fehlt mir ein Tag - doch komme ich am Ende trotzdem auf die vierhundert Reisetage?

28.01.2016 um 23:03 Uhr

home again

von: indalo

Schon als ich das letzte Mal in die USA flog, hatte ich dieses leise Gefühl, zu Hause zu sein. Es hatte nichts mit meinen Gastgebern zu tun, es war ein Gefühl, als ich durch den Supermarkt ging. Ich war zu Hause - dabei war ich noch nie in der Stadt, auch noch nie in einem derartigen Supermarkt. Es waren die Menschen. Nicht einmal der Akzent, sondern ihre Art sich zu bewegen. 

 

Als ich dann noch ein zweites Mal in Mexiko einreiste, freute ich mich, zurück zu sein. Aber es war nicht mein Zuhause, es war lediglich bequem und sicher. Zumindest für mich. Doch jetzt, nach all den Monaten, wieder in den USA zu landen, lässt das Heimatgefühl lauter werden. Wir landen, ich steige aus, ich mache alles wie immer, nutze das Internet ne Weile und steige dann in den Shuttlebus zum anderen Teil des Flughafens. Der gute Mann hinterm Steuer löst dieses Gefühl bei mir aus. Er redet mit mir, einfach so, als würden wir uns kennen. Als wäre nichts wichtig, keine Sprache, kein Aussehen, keine Herkunft. Vielleicht ist es auch das. Doch ich glaube, es hängt wirklich mit dem Land zusammen. Ich fühle mich hier zu Hause.

 

Wenn ich jetzt diese Zeilen schreibe, überlege ich, wie der gute Mann aussah. Welche Hautfarbe hatte er? Denn den Kommentar, dass ich auch weiterhin (sprich nicht mehr in Lateinamerika seiend) äußerlich auffalle, verstand ich erst viel später. Erst, als man mich auf die Hautfarbe der mich umgebenden Menschen aufmerksam machte. Und ich nehme fast an (ich erinnere mich wirklich nicht mehr), dass auch der gute Mann, der dieses wohlige Gefühl in mir anstubste, eine andere Hautfarbe hatte als ich. 

24.01.2016 um 03:14 Uhr

Ich und die Menschen

von: indalo

Schon gestern beendete ich das Buch. Es ist lange her, dass ich in zwei Tagen ein Buch mit so vielen Seiten gelesen habe. Doch es tat gut. Es brachte meine sprachliche Kommunikation total durcheinander, aber das war es wert. Denn ich mochte das Buch. Ich würde nicht durch die Straßen rennen und es jedem empfehlen, aber mir hat’s gefallen. Denn es hielt, was es versprach. Eine positive Sicht auf die Menschheit. Eine Fokussierung auf das Zwischenmenschliche, das Unlogische, die Fürsorge. Im Grunde das selbstlose Handeln. Auch wenn ich weiß, dass wir nichts wirklich selbstlos tun, denn wir gewinnen zumindest das gute Gefühl, jemandem geholfen zu haben. 

 

Ich und die Menschen passt aber auch gut zu meinem heutigen Tag. Denn wieder einmal habe ich mich sehr bewusst von der Gruppe abgesetzt nur um dann jemanden kennen zu lernen, mit dem ich sogar gemeinsam Abendbrot kaufte, kochte und aß. Es war eine kuriose Begegnung, aus der eine Freundschaft entstehen könnte. Die Umarmung am Ende war jedenfalls auffallend eng und lang. Mal sehen, wie sich das entwickelt. Denn in der kurzen Zeit, die wir miteinander verbracht haben, wurde alles und nichts besprochen. 

Zum ersten Mal seit Langem wurde ich wieder älter geschätzt, noch bevor es um Beruf oder sonst irgendwas ging. Namen haben wir nie besprochen, die kamen nur zum Vorschein, weil andere uns nach den Namen fragten. Und abgesehen davon sprangen wir von einem Thema zum Nächsten und haben keins wirklich zu Ende verfolgt. Vielleicht irgendwann. 

Doch als ich sagte, ich brauche keinen neuen Freunde, traf ich auf Empörung. Zu Recht, weshalb ich es zu erklären versuchte und dann Verständnis bekam. Doch dieser Moment der Empörung war auffällig. Er war gut, er gefiel mir. 

 

Das war ich mit einem neuen Menschen. Doch heute, warum auch immer am gleichen Tag, bekam ich einige Emails aus der Heimat. Die eine Freundin meldet sich nach mehreren Wochen und holt die Zeit inhaltlich auf, sodass ich nun in jeglicher Hinsicht auf dem neuesten Stand - und gedanklich ein wenig mehr in Deutschland bin. Zumindest kurzfristig. Und die andere Freundin war ein erstes Mal. Diese Email zu lesen fühlte sich komisch an, denn es war die allererste Mail, die ich von ihr bekommen habe. Nicht nur die wirklich allererste Mail seit meiner Abreise, sondern insgesamt die erste Mail mit Inhalt. Ich hab schon Links weitergeleitet bekommen und (ein paar wenige) Einzeiler als Reaktionen auf Einladungen oder Terminabsprachen. Aber das hier, das ist eine Mail, wie man früher einen Brief geschrieben hätte. Sie ist nicht besonders lang oder informativ, aber sie existiert. Und ich möchte nicht einmal sagen „und nur das zählt“, denn diese Email ist zwar ein Meilenstein, doch für unsere Beziehung vollkommen irrelevant. Denn auch wenn ich wirklich groß im Schreiben bin, so akzeptiere ich, dass sie es nicht ist. Wann immer ich erwähnte, dass ich in all den Monaten nicht ein einziges Lebenszeichen von ihr bekomme habe, wurde ich bemitleidet, was ich für mich vollkommen fehl am Platz hielt. Ich brauchte kein Mitleid, denn ich bin überzeugt davon, dass unser beider Leben - ebenso wie unser gemeinsames - einfach weitergeht, wenn ich wieder im Lande bin. Das ist einfach so, und das ist gut so. 

 

So bin ich und die Menschen mal wieder eins geworden. Mit einer neuen Bekanntschaft, der ich so viel mitgeben wollte und konnte, aber auch mit tief verwurzelten Freundschaften, die ungehindert von Zeit und Raum existieren. Nur ein Mensch entfernt sich heute von mir, und damit nimmt sie all meine Lebenspläne mit ihr mit sich - bis (und falls) wir uns wiedersehen. 


21.01.2016 um 04:07 Uhr

Bücherregale in Hostels

von: indalo

Heute kamen wir nach einigen Nächten campen wieder in die Zivilisation und damit in ein Hostel. Es gab ein Barbecue bei dem die Carnivore die Vegetarier beneideten (zu recht!) und dann wollte ich auch schon ins Bett. Doch durch Zufall sah ich jemanden vor einer Wand stehen, die sich als Bücherregal herausstellte, sodass ich doch mal durchstöberte. Und da ist es wieder passiert. Die Magie hat zugeschlagen. Der erste Titel, den ich las, war deutsch. Und er klang gut. Ich zog das Buch direkt aus dem Schrank und ließ es nicht mehr los. Ich entdeckte noch ein Buch in einer (auch für mich noch) Fremdsprache und freute mich nen Keks darüber. Dann fand ich eine Satire und noch eins in einer fremden Sprache. Und schon hielt ich vier Bücher in den Händen, obwohl ich gar keins transportieren will, geschweige denn sollte. Doch ich las den Buchrücken des deutschen Buches und beschloss, dass es passt. Ich werde es anlesen und vermutlich auch beenden. Denn es spricht zu mir, auch ungelesen und ungeöffnet. 

 

Im Bett liegend lese ich den Buchrücken und entdecke eine Seite mit drei Zitaten. Ich bin begeistert. Und ich griff zur Datei um vor dem Lesen des Buches festzuhalten: Ich bin der Meinung, dass der Mensch nicht von Grund auf schlecht ist. Jaja, Kriege, Ausrottung ganzer Tierarten und co. Aber! Da gibt es ganz viele Abers. Doch ich möchte sie nicht aufzählen, nicht jetzt, nicht hier. Ich möchte das Buch lesen und immer wieder Ja sagen. Wenn es denn hält, was es verspricht. Mal sehen. 

 

Ich und die Menschen.

09.01.2016 um 11:31 Uhr

You are everything I am looking for

von: indalo

Vor einigen Tag kämpfte ich mich mit all meinem Gepäck steile Straßen hoch und entdeckte auf halber Strecke jemanden, der vermutlich das gleiche Ziel hatte. Ich folgte ihr bis zur Unterkunft, wo meine Vermutung bestätigt wurde. Und dann begann etwas, das ich nur allzu gerne eine Liebesgeschichte nennen würde. 

 

Mit Details möchte ich nicht langweilen, aber wir verbrachten einen grandiosen Tag, lachten, wanderten, quatschten, tobten und tollten. Ich liebe diese Tage an denen ich vollkommen ahnungslos aufstehe und total erfüllt ins Bett gehe. Sie ist wundervoll und ich merke mir alles, was sie sagt, alles, was sie tut, denn nur für den Fall, dass ich sie für mich gewinnen sollte, möchte ich den Anfang nicht vergessen. 

 

Doch das Beste an der Geschichte ist, dass es wirklich nur der Anfang war. Tag Null bevor wir gemeinsam in diese abenteuerliche Reise starteten. Wir gingen getrennte Wege den Abend, sie lernte die anderen kennen, ich kochte für mich allein. Und doch wollte sie sich am nächsten Morgen im Truck zu mir setzen, bis sie die Tische entdeckte und lieber Karten spielen wollte, sodass ich allein auf meinen zwei Sitzen zurück blieb. Doch da war keine  Traurigkeit, denn wir würden noch viele Tage miteinander verbringen und schon am Abend stellte sie sich neben mich: „Tent buddies?“ Ich nickte. Und seitdem verbringen wir die Nächte miteinander, jeder brav auf seiner Matte, denn wir sind einfach nur zwei Reisende in einem Zelt. 

 

Die Tage vergehen und mit jedem Tag lerne ich sie besser kennen, erfahre mehr über sie und habe jede Menge Gelegenheit, sie zu bewundern. Sie ist alles, was ich suche, plus die ganzen Extras. Sie ist perfekt. Es gibt nur ein Problem für meine Lebenspläne mit ihr: Sie hat so gar keine mit mir. 

03.01.2016 um 09:40 Uhr

crush on Anna

von: indalo

„If you don’t have a crush on Anna, you are not human.“ ist einer der zentralen Sätze meiner letzten Reise. Chris sagte dies zu Sam, und ich kann mir ungefähr vorstellen, wie das Gespräch zwischen ihnen ablief. 

 

Erst wird geschwärmt, insbesondere von Anna’s Stimme. Dann kommt vermutlich das Geständnis von Sam, vergeben zu sein und wegen dieser Schwärmerei ein schlechtes Gewissen zu haben. Doch Chris rettet Sam mit jenem Satz. Und mich auch. Wobei ich nicht gerettet werden musste, aber es gab mir ein wunderbares Gefühl, einerseits zu wissen, dass ich damit nicht allein bin, und andererseits, dass ich - zumindest in unserer Kabine - das voll ausleben kann. Und so wurden die letzten Tage des Trips begleitet von fortwährenden Schwärmereien. Wir wurden schon echt gut zusammen gewürfelt. Denn am Ende hatten wir alle eine Aufzeichnung ihrer Stimme und ein Video ihres Vortrags. „Das wird deine Gute Nacht Geschichte.“ hieß es, als ich strahlend vor meinem Rechner saß und das Video laufen ließ. 

So weit würde ich nicht gehen, aber ich bin überzeugt, dass dieses Video viel wachrufen wird, wenn ich es mir in naher (und auch ferner) Zukunft wieder angucke. Die Frau hat mich schnell in ihren Bann gezogen, und sie ist umwerfend.

 

Chris sagte doch glatt: „Ich muss zugeben, ich hab versucht ihre e-mail Adresse zu bekommen und hab kläglich versagt.“ Ich war dabei, als dieser Versuch gestartet wurde und wusste nicht, dass je diese Worte gewählt würden um die Situation zu beschreiben. Denn so richtig klar war mir nicht, dass Chris auch von sich aus dermaßen schwärmt. Ich glaube erst da wurde mir wirklich bewusst, was für ein Trio wir waren.