indalo

30.03.2016 um 07:00 Uhr

indalo ne Stunde allein auf nem Scooter

von: indalo

Ich liebe diese Tage an denen ich aufstehe und nicht weiß, was mich erwartet. So stieg ich heute morgen in das Auto meiner Gastgeberin und wir fuhren in die nächste Stadt. Meinereiner hätte klar sagen können, was eine eventuelle Begleitung erwartet wenn ich zum Arbeiten irgendwohin fahre, doch viele Personen können sich nicht klar äußern und ich habe mich gewiss daran gewöhnt, mich dem einfach hinzugeben. Und so erfuhr ich auf der Fahrt, dass sie ne Stunde arbeitet und ich nicht dabei sein darf, aber stattdessen in ihrem Büro sitzen kann. Als wir ankommen, sagt sie, ich könne ihren Scooter fahren and I was intrigued (hier finde ich tatsächlich keine deutsche Entsprechung). Beim Aussteigen drückt sie mir schlicht den Schlüssel in die Hand, zeigt mir noch schnell welcher der dort parkenden ihrer ist und verschwindet dann zur Arbeit. Ich nehme mir also vollkommen selbstsicher den Scooter vor und scheitere schon daran, ihn zu starten. Immerhin kann ich hier mit Hand und Fuß erklären was ich will, sodass ich einen Landsmann anquatsche, der jedoch nicht des Englischen mächtig ist. Seine Freundin, ebenso wortkarg, startet mir dann jedoch den Scooter, sodass ich davon brausen kann. Erst in die eine Richtung, immer schön gerade aus, denn hier sieht für mich alles gleich aus. Dann - oh Schreck - scheint es auf den Highway zu gehen, da bieg ich lieber schnell rechts ab. Wieder gerade aus, denn auch wenn ich mich hier so gar nicht auskenne, habe ich immerhin einen guten Orientierungssinn. Irgendwann biege ich wieder rechts ab und ahnte, dass demnächst das Linksabbiegen auf mich zukommen wird. Aber dank meiner bereits gesammelten Beifahrererfahrung in diesem Land, weiß ich auch wie man das hier macht. So ganz normal finde ich das nämlich nicht. Doch ich meistere auch das und fahre an meinem Startpunkt vorbei um zu gucken, was mich auf der anderen Seite erwartet. Nicht allzu weit, immerhin steht die Tankanzeige seit Beginn auf rot. Aber Scooter brauchen erfahrungsgemäß nicht viel Benzin. Und dann packt mich diese Sucht der nächsten Kurve. Ich habe das öfter am Strand „Lass uns noch bis zu der Kurve gehen, ich möchte sehen, was dahinter ist“, und das nimmt dann irgendwie kein Ende. Und so fahre ich den Berg rauf, und möchte doch noch dies sehen, und was ist das? Oh, ein schöner See zu meiner Rechten. Das war’s Wert, mich auf dieses Abenteuer einzulassen. Selbst wenn ich hier liegen bleibe oder den Scooter nicht gestartet kriege, war es das Wert. Und so schieße ich schnell ein paar Fotos und fahre weiter, denn da ist ja noch eine Biegung die erforscht werden möchte. Und plötzlich bin ich auf der Landstraße und hoffe, dass irgendwann Querstraßen kommen, damit ich umdrehen kann. Ich düse also mit sechzig (und gelegentlich siebzig) im schönen Grün entlang, bis ich lieber in ne Einbuchtung abbiege. Ich weiß nicht, wie viel Zeit vergangen ist, diese Erfahrung war absolut neu und ich war viel zu beschäftigt mit dem Erlebnis selbst, als dass ich auf Zeit hätte achten können. Und ich muss doch meine Gastgeberin abholen um schnell kalte Nudeln zu essen bevor sie wieder ne Stunde arbeiten muss. Also düse ich zurück, immer schön rechts abbiegen, auch wenn das Linksabbiegen wie geschmiert läuft. Hoch die Einfahrt, nochmal schnell im Kreis um engere Kurve zu fahren und dann setz ich mich auf die Treppe um diese xxx festzuhalten. 

29.03.2016 um 14:49 Uhr

mich auf dem Scooter an ihn schmiegen

von: indalo

Nach über zwei Wochen Reisepause machte ich mich auf den Weg. Als ich morgens meinen Rucksack sattelte und das Hostel verließ, war ich nicht nur guter Dinge, sondern excited (positiv aufgeregt, vorfreudig, energiegeladen). Ich spazierte durch den Bahnhof zum Busbahnhof (wieso nicht Bushof?!), holte Bargeld aus dem Automaten und konnte mein Ticket dann doch mit Karte bezahlen. Es ging in die Hauptstadt um von dort weiter in den Süden des Landes zu fahren. Ich wartete keine zehn Minuten auf den Anschlussbus für den ich das Ticket erst noch besorgen musste. Alles lief wie geschmiert, bis ich eine Nachricht von meinem zukünftigen Gastgeber las, dass er einen Freund trifft und erst einige Stunden später anzutreffen sein wird. Das fand ich ziemlich ungünstig, da ich in Absprache mit ihm extra früh los bin um mehr Zeit miteinander zu haben. Nunja. 

Erst einige Zeit später realisierte ich, dass mir dies die wunderbare Gelegenheit gab, allein über den Nachtmarkt zu laufen - und das war besser als gut. Ich bog in die Straße und war überwältigt. Nicht zwangsläufig von dem, was ich da sah, sondern einfach davon, da zu sein. Allein da zu sein. Unterwegs zu sein. Neues zu entdecken, egal was. Ich fühlte wieder die Magie des Reisens, auf die ich in den letzten zwei Wochen absichtlich verzichtet hatte. Es ist wie eine Droge, die ihre Wirkung nicht verfehlt. 

Und so lief ich voller Emotionen über den Nachtmarkt und probierte hier was und da was, bis ich mir tatsächlich das erste richtige Souvenir kaufte. Mehr als Münzen, die Briefmarken  aus der Antarktis oder (die nötige) Hose. Und nicht nur für mich, auch für mein Patenkind. 

Dann spazierte ich weiter durch die dunkle Stadt und fand den ausgemachten Treffpunkt und kurz darauf auch meinen Gastgeber. Wir quatschten, aßen lokales Essen und fuhren auf nen Berg um die Stadt von oben zu betrachten. Ich erzählte ihm von der Bewegung der Sonne und er zeigte mir die Wahrzeichen der Stadt. Es war ein wahrhaftiger Austausch, der die ganze Zeit überdauerte, die ich mit ihm verbrachte. Zwei Nächte, zauberhafte Orte und verschiedene, typische Gerichte. 

Ich überlegte, auf der langen Fahrt zu ihm, dass ich womöglich ein wenig Verständnis dafür entwickele, warum manch einer nicht reist. Der Alltag ist so viel bequemer und ich hatte tatsächlich den Eindruck, mich aufraffen zu müssen um mehr von diesem Land zu sehen als das Hostel in dem ich die letzte Zeit lebte. Werde ich alt? 

Jede Stunde der letzten zwei Tage war es mehr als Wert mich aufgerafft zu haben, doch da ich nie weiß, was als nächstes kommt, bleibt im Hinterkopf der Gedanke, dass es bequem sein wird, wieder ins Hostel zurück zu kehren. Ich weiß genau, was mich dort erwartet. Es ist bekannt, vertraut und berechenbar. Und genau dieses Unberechenbare einer Reise hält viele davon ab, doch während ich hinter ihm auf dem Scooter saß, hatte ich das Bedürfnis ihn zu umarmen, weil er… einfach da war, vertraut wirkte und doch nichtsdestotrotz vollkommen fremd war. Weil ich ohne ihn weder eines dieser Essen probiert hätte, noch einen dieser Orte besucht hätte. Wir spazierten um einen See und er erzählte mir so viel über seine Kultur, über Glaubenssysteme und die Sprache des Landes. Ich erzählte ihm von verschiedenen Ländern, von deutschen Automarken und übte mit ihm Spanisch. Und ich glühte die ganze Zeit. Ich durfte Erfahrungen weitergeben, Wissen vermitteln und habe dabei selbst so viel gelernt und erfahren, dass es wieder für Wochen reicht. Eine einzelne Begegnung kann so viel.

27.03.2016 um 12:16 Uhr

Ich liebe und vermisse dich

von: indalo

Mit diesen Worten schloss eine Email, die ich Anfang der Woche erhielt. Seitdem möchte ich dazu etwas schreiben, doch nebenher geistern noch einige andere ungeschriebene Beiträge durch meinen Kopf, sodass ich gar nichts schreibe. Und während ich hier am Bahnhof sitze und auf eine Zeit warte zu der ich meinen nächsten Gastgeber treffen kann, gehen mir so viele Sachen durch den Kopf. Ich beobachte die Menschen um mich und stöbere parallel im Internet. Es passiert so viel, dass (gefühlt) nichts seinen Weg hierher findet. Und eben kam der Gedanke, dass ich einfach Zeit verstreichen lasse, bis ein Thema so vorherrschend wird, dass es den Weg zu einem Eintrag schafft. Und dann tauchten wieder diese Worte auf, mit denen sie sich verabschiedete in ihrer Mail. Ich möchte meinen, dass es das erste Mal ist, dass ich diese Worte in dieser Kombination gehört bzw. gelesen habe. Sie wirken so nachdrücklich, so untermauert von der sonstigen Stille. Sie hat mir noch nie gesagt, dass sie mich liebt. Noch nie. Und jetzt hängen diese Worte unkommentiert in der Luft. Ohne Gedanken, zumindest nicht auf meiner Seite. Ich fühle ihnen nur nach, und ich fühle mich bestätigt in unserer Nähe, in unserer Verbundenheit, trotz all der Entfernung, trotz all der Funkstille. 

Danke. 

25.03.2016 um 14:39 Uhr

und wo geht's danach hin?

von: indalo

Sicherlich finde ich die Frage „Was hat dir am Besten gefallen?“ ebenso schwierig wie viele andere Reisende, doch das kann ich lächelnd unbeantwortet lassen bzw. mit vielen, vielen Worten beantworten. Die Frage, die ich jedoch nicht leiden kann, lautet: „und wo geht’s danach hin?“

Warum ist das wichtig? Wieso sind alle so verdammt zukunftsorientiert?

Erst dachte ich, nur meine Eltern sind dermaßen versessen darauf zu wissen, welches Land als nächstes kommt. Aber auch meine letzten beiden Gesprächspartner (aus Deutschland) stellten als erstes diese Frage. Niemand fragt wo ich vorher war oder gibt mir Zeit zum Erzählen, nein, es muss immer in Erfahrung gebracht werden, wo es als nächstes hingeht. Und damit sind nicht die Pläne für heute oder morgen gemeint, sondern immer das nächste Land. Es interessiert auch nicht, was ich in diesem Land noch mache - obwohl ich noch zwei Wochen bleibe (was sie sehr wohl wissen). Und das finde ich einerseits sehr schade, aber andererseits auch einfach anstrengend. 

In den ersten Monaten wusste ich auch nicht, wo es als nächstes hinging. Umso schwieriger fand ich die Frage. Mittlerweile habe ich die nächsten Flüge gebucht, aber ich möchte nicht darüber reden, wo es als nächstes hingeht. Das werden sie doch früh genug erfahren. Wenn ich über etwas reden wollen würde, dann über die Gegenwart oder die Vergangenheit  - denn auch wenn der Februar vergangen ist, so wissen sie nicht, was ich alles erlebt habe. 

22.03.2016 um 15:49 Uhr

Angst vor dem Zurückkehren

von: indalo

Während ich gerade meine Nudelbruchstücke mit schönen Holzstäbchen aus der großen Schale fische, schießen mir Gedanken durch den Kopf. Angst vor dem Zurückkehren. Es ist kein Gefühl, ich empfinde in diesem Moment keine Angst. Es ist nur die Überlegung, dass ich mich vor meiner Abreise um nichts sorgte. Ich hatte keine Angst vor dieser Reise, wenn, dann habe ich Angst vor dem Zurückkehren. Davor, wieder so zu sein wie vor meiner Reise. Ich mochte mich auch vor Abflug, das ist nicht das Problem. Es wäre der Rückschritt, den ich vermeiden wollen würde. Denn ich habe doch so viel gelernt, so viel akzeptiert, so viel an- und aufgenommen. Das möchte ich nicht verlieren. Ich möchte diese allumfassende Ruhe behalten, ich möchte mich nicht mehr über Toiletten ohne Toilettenpapier ärgern, ich möchte total ergeben auf dem Fußboden schlafen, ich möchte ziellos durchs Leben wandern und jeden Tag als Abenteuer betrachten - ob ich nun das gleiche tue wie jeden Tag, oder neues entdecke. Es ist viel verlangt, ich weiß, doch unmöglich kann es nicht sein. 

Als ich das erste Mal für lange Zeit das Land verließ, wurde ich mehrfach gewarnt, dass nichts so sein wird wie es war - wenn ich zurückkomme. Ich ging, weil ich gehen musste. Ich wusste nicht, was mich erwarten würde - wenn ich wiederkomme. Nur allzu gerne würde ich sagen, ich hatte damals schon die Überzeugung, dass meine Freunde bleiben würden, aber vielmehr als das hatte ich den Gedanken, dass wer bleibt, ein wahrer Freund war. Und mit dem Gedanken ging ich, mit dem Gedanken kam ich wieder, und es war nicht wichtig, was sein würde, denn unabhängig von den Konsequenzen musste ich gehen. Diesmal ging ich aus freien Stücken. Ich wusste, was ich zurücklassen würde, und ohne darüber nachzudenken, wusste ich, dass ich mir keine Gedanken über meine Freundschaften machte. Jedenfalls nicht im Zusammenhang mit dieser Reise. Und so bin ich auf dieser Reise und lasse jeden machen, was er oder sie möchte. Ob sie nun Kontakt halten oder nicht, das ist ihre Entscheidung. Ich tue mein Bestes, das hinterlassene Loch nicht zu groß werden zu lassen. Doch ganz unabhängig davon, habe ich diese tiefe innere Überzeugung, dass ich in mein altes Leben zurückkehre. Und in Bezug auf meine Freunde und meinen Job finde ich das auch gut. Aber ich möchte nicht die Zeit zurückdrehen, ich möchte die Weiterentwicklung nicht aufhalten, ich möchte in mancherlei Hinsicht da weiter machen, wo ich ging, aber in manch anderer Hinsicht möchte ich keineswegs dort weitermachen, sondern neue Wege beschreiten. 

20.03.2016 um 04:12 Uhr

Ich finde leben anstrengend

von: indalo

Es ist nicht meine erste Auszeit auf dieser Reise, aber die bisher intensivste. Ich hab in den letzten Tagen nichts anderes gemacht als zu schlafen, am Computer zu hängen, gelegentlich zu skypen und dann war da noch die Nahrungsaufnahme. Es ist nicht langweilig, es ist nur etwas, das ich zu Hause genauso täte. Zeiten der Ruhe, der Entspannung, der gemütlichen Kleidung. Zeiten der Besinnung, in diesem Fall der Orientierung gen Heimat, gen Leben in Deutschland, gen meines ehemaligen und zukünftigen Alltags. Immer mal wieder bekomme ich Emails, die mich zurückbefördern. Manch ein Gespräch bei Skype hat eine ebensolche Wirkung, doch jetzt die volle Ladung zu bekommen, lässt mich noch intensiver an dem, was ich mein Leben nenne, teilhaben. Es ist ein gutes Leben, es ist das, was ich mir ausgesucht habe, das, womit ich mich wohl fühle, das, was ich gut kann. Es ist mein Königreich, doch was macht ein Königreich ohne König?

 

Meine Mutter hat das erste Gespräch seit nem Vierteljahr dazu genutzt, mir all ihre Gedanken zu meinem Bruder mitzuteilen. Hauptsächlich Sorgen. Auch das zweite Gespräch drehte sich nur um meinen Bruder, ausschließlich Sorgen. Nicht nur erzählte sie mir von den Selbstmordgedanken meines Vaters - eine absolut neue Information für mich - sie projizierte diese auch auf meinen Bruder. Das läge schließlich in den Genen, samt der jahrelangen Depression. Dass sie diejenige mit der unübersehbaren Depression war, habe ich lieber nicht erwähnt, doppelt aber die Chancen für meinen Bruder, davon ergriffen zu werden. Und die nicht zu verleugnende Kontaktsuche meines Bruders mit dazugehörigen negativen Schwingungen passt so wunderbar ins Bild. Ich kann meinem Bruder nicht helfen. Ich kann ihn finanziell unterstützen - ironischerweise nutzt er meine Hilfe um meinen Eltern Geld zurückzuzahlen - aber ich habe keine Ahnung, wie ich sonst an ihn bzw. das Problem rankommen soll. Und es ist auch nicht meine Aufgabe.

 

Bei all dem kann ich ja nur froh sein, dass meine Freunde größtenteils miteinander harmonieren. Wenn da nur nicht der gesundheitliche Aspekt besorgniserregend wäre. Doch das ist eher etwas schleichendes, das hat Zeit. Darum kann ich mich auch später kümmern. Und du? Du erklärst dich zwar zu einem Gespräch bereit, bist aber kalt und abweisend. Ich ignoriere das, bis ich dich aufgewärmt kriege. Und siehe da, es funktioniert. Wir reden, stundenlang. Über alles mögliche. Nach einem Gespräch, welches länger als ein normaler Arbeitstag dauerte, gehe ich guter Dinge ins Bett. Ich denke nicht an den bitteren Satz von neulich, in dem es hieß „da siehst du mal, was Einsamkeit mit einem macht.“ Auch der Satz des aktuellen Gesprächs, der den Grundtenor bestimmt, beschäftigt mich nicht im Bett liegend. Er hallte nach als du ihn sagtest… „Ich finde leben anstrengend.“ So anstrengend, dass du es nicht tust. Denn du überlebst gerade nur, auch wenn du versuchst, zu leben. Gelingen will es dir nicht. Ich soll wiederkommen und dir leben erleichtern. Doch das nützt alles nichts, weil ich immer wieder klarmache, dass ich wieder gehen werde, nicht wahr? Denn auch als du das sagtest, waren es nicht die Worte, die mir eine Gänsehaut mächten, sondern der Ton und die Verzweiflung in deiner Stimme. 

 

Ganz offensichtlich bin ich unheimlich egoistisch. Doch auch wenn ich all diese Dinge höre, wenn sie mein Leben beeinflussen und ausmachen, ist da diese Mauer. Oder eher eine Glasscheibe. Ich sehe all das, ich höre eure unterschwelligen Vorwürfe und Hilfeschreie, doch sie kommen aus dem Glaskasten, und ich bin hier draußen. Ich lebe in dieser Welt, in meinem Leben, in meinem Glück. Ihr seid mein Leben, ihr seid auch mein Glück, bzw. ein Teil davon, aber ich bin ich, und ich bin hier. Findet euer eigenes Glück - ich leuchte euch gerne den Weg. 

15.03.2016 um 16:18 Uhr

Zwischen Mond und Wasserfall

von: indalo

…liegt ein ganzes Himmelreich. Für mich ein Himmelreich an Erfahrungen und kleinen Geschichten, die sich langsam aber sicher im Nirgendwo verlieren. Da ist viel passiert, dazwischen liegen ein paar Wochen, und zwar keine langweiligen, alltäglich Wochen, nein, Wochen voller Begegnungen und Gespräche, voller Erkenntnisse und Gedanken. Doch Stück für Stück lösen sie sich in Luft auf, verblassen als Erinnerung, weil mich ein neuer Tag aus den Socken haut. 

 

Es ist nicht so, dass mich jeder Tag tief berührt, aber dennoch sind es Erfahrungen, die ich nicht vergessen möchte. Und doch komme ich nicht dazu, sie nieder zu schreiben. Ich möchte nicht nur das Außergewöhnliche mitteilen, sondern auch das Gewöhnliche. Das Erziehen eines Hundes zum Gehen auf den Bürgersteig, den muskulösen Engländer, der überzeugt davon ist, dass Muskeln heutzutage keine Bedeutung haben, oder einfach die Feststellung, dass ich zu viel denke. Für mich, für andere, für jede Situation. Ich plane, alles. In meinem Kopf gibt es mehr Fragen als Antworten, und ich merke, wie ich bei anderen daran scheitere. Ich möchte für sie mitdenken, doch das ist erst hilfreich, wenn man sich ein wenig kennt. Auf dieser Reise verlasse ich einen Ort (samt dazugehöriger Personen) aber immer dann, wenn ich ihn kennen gelernt habe. Das macht es anstrengend, denn jedes Mal muss ich ausloten, an wen ich dieses Mal geraten bin. Und ich stelle mir selbst Herausforderungen oder Tests. Ich nehme Dinge hin, gegen die ich mich sonst so viel gewehrt habe. Toiletten ohne Toilettenpapier erschienen mir immer eine Frechheit, doch auf einmal stört es mich überhaupt nicht. Ich schleppe einen Kilo Matratze mit mir rum, damit ich immer gemütlich schlafe und verbrachte nun die letzten vier Nächte nahezu auf nem nackten Brett. Einfach, weil ich kulturelle Unterschiede annehme und erleben möchte. 

 

Trotz all der Technik, all der Kommunikationsmöglichkeiten, trotz all der Nähe die diese und das Fliegen uns zu anderen Ländern vermitteln, lernen wir so wenig voneinander. Unsere Welt ist so groß und andersartig, aber andererseits auch wieder unheimlich klein, wenn ich bedenke, dass mein Zimmergenosse heute zufällig den gleichen jungen Mann kennenlernte, mit dem ich den gestrigen Abend verbrachte. 

 

Und mich verwundert, wie viel ich in meinem Leben einfach hingenommen habe, wie wenig ich hinterfragte und wie viel kulturell bedingt ist. Pyjama gibt es in manchen Ländern nicht (haben sie dennoch ein Wort in ihrer Sprache dafür?), Winterreifen - davon hat man in den Philippinen noch nie gehört, und nein, damit sind keine Ketten gemeint… - oder womöglich auch Rasenmäher gibt es nur in bestimmten Regionen. Oder auch die Frage, was die Wörter Tisch, Auto, Müll, Montag, Dienstag (bis Sonntag), Januar bis Dezember, Schuhe oder auch Seife gemeinsam haben? Na, wer möchte Tipps abgeben?

 

So viel, und doch noch so wenig.

10.03.2016 um 12:08 Uhr

unter dem Wasserfall

von: indalo

Als ich meine Reise begann, mietete ich unerwarteterweise ein Auto mit jemandem, den ich am Morgen verschlafen im Hostelbett kennenlernte. Gemeinsam fuhren wir für drei Tage durch die Gegend und kamen an einen schönen Wasserfall, an dessen Fluss wir entlang wanderten. Bevor wir abfuhren, wollte ich baden gehen. Unter dem Wasserfall. Zumindest wollte ich dichter ran um zu sehen, zu fühlen, zu erleben, wie viel Kraft hinter dem Wasserfall steckt. Leider war mein Reisepartner so gar nicht davon zu begeistern und ich bin niemand, der seinen Kopf bedingungslos durchsetzt. Also durchnässten meine Klamotten nur von dem Sprühregen des Falls und ich plante in meinem Kopf, genau dorthin mit jemand ganz bestimmten zurück zu kehren, der womöglich mit baden kommt, aber mir auf alle Fälle die Zeit lässt für solche Verrücktheiten. 

 

Heute fuhr ich mit fünf anderen in einem Auto (ja, das macht sechs Personen, nein, das Auto hatte nicht mehr Sitze als der Standard…) um fünf Uhr morgens irgendwohin. Es sollte zu einem Wasserfall gehen, aber mal ehrlich: Wasserfall ist nicht gleich Wasserfall. Und so war ich zwar guter Dinge, aber hatte auch keine Erwartungen. (Wie immer eine gute Kombination.) Dort angekommen war es verhältnismäßig saukalt, sodass ich mit dem Baden und eben auch der Annäherung an den Wasserfall warten wollte, bis es wärmer wird. Spätestens zum Mittag würde das der Fall sein. Kurz vorher spazierten wir noch zur hängenden Brücke und ich entdeckte eine Schaukel aus… Ästen? Lianen? Irgendwas vom Baum hängendes jedenfalls… eine ganz natürliche Schaukel auf der anderen Seite des immer noch kalten Flusses. Da gibt es für mich ja keine zwei Optionen, rein ins Wasser, durch die Strömung kämpfen und auf der anderen Seite die Schaukel nutzen während der Rest mir mit offenem Mund und großen Augen zuguckte und sich nicht bewegte. Ich schaukelte also fröhlich, erklomm einen großen Felsen und fühlte mich pudelwohl auf meinem Ufer. Es hat Chancen, einer meiner Lieblingsorte zu sein. Ich war also euphorisch und definitiv erhitzt genug um baden zu gehen. Also schlitterte ich auf den glitschigen Steinen ins Wasser und schwamm dem Wasserfall entgegen. Keine leichte Übung. Es war kühl (ich hatte ein Ziel, die Temperatur war nur marginal relevant), der Boden unter den Füßen half nicht und die Strömung war beeindruckend. Doch ich schaffte es mich an Felsen festzukrallen und Stück für Stück dem Zentrum des Wasserfalls näher zu kommen. Erst umkreiste ich ihn und schlich mich dann von hinten an. Was für eine Kraft! Das ist die Kraft der Natur, nicht aufzuhalten und absolut bewundernswert. Ich wollte nicht unter durch schwimmen, da mir schon auf dem Weg dahin zu viele, teils scharfe Felsen begegneten. Doch ich ließ mir den Rücken und Kopf massieren, bis ich der Strömung nachgab und mich wegschieben ließ. 

 

Und womöglich muss ich es nicht erwähnen, aber da es mir zumindest am Rande recht deutlich in Erinnerung blieb: Ich war die Attraktion schlechthin. Nicht nur bin ich außergewöhnlich groß für diesen Teil der Erde, ich bin auch noch beeindruckend weiß, sodass ich aus dem Augenwinkel bemerkte, wie eine Reihe Männer am Rande des (natürlichen!!) Beckens standen und mit ihren Handys ohne irgendein Schamgefühl auf mich zielten. Ich ignorierte das gekonnt und genoss das Planschen und Rumtollen im Wasser. Gemeinsam mit dem Sohnemann des Fahrers kämpfte ich mich noch an einen anderen Miniwasserfall, der gefühlt eine Massage mit (behutsamen) Fäusten imitierte. Es war angenehm und erst später merkte ich, wie viel Kraft ich benötigte, um unter dem Fall zu bleiben, statt davon zu treiben. Gut, dass nicht nur Adrenalin, sondern auch Euphorie ungeahnte Kräfte freilässt.