indalo

15.05.2016 um 17:50 Uhr

Es tut unheimlich gut

von: indalo

Vor vielen, vielen Monaten lernte ich ein Paar kennen, welches den selben Zeitraum und eine ähnliche Strecke reisen würde wie ich. Ganz anders, und doch recht ähnlich. Doch weder soll es um die Gemeinsamkeiten noch die Unterschiede gehen, die Verbindung ist das, was zählt. Wir trafen uns bei einem couchsurfer, der von mir ein Sternchen bekommen hat. Eine Art der Bewertung die ich erst auf dieser Reise eingeführt habe, denn nur zwei Orte haben bisher ein Sternchen bekommen. Eine Auszeichnung für ein Erlebnis von dem ich immer und immer wieder berichte. Es geht dabei nicht darum, dass es das beste Erlebnis war, sondern einfach außergewöhnlich. Und so traf ich dort auf dieses Pärchen. Wir waren alle drei noch jung, jung im Reisen. Wir sind schon gereist, doch diese große Reise hatte sowohl für sie als auch für mich gerade erst begonnen. Im Gegensatz zu mir hatten sie schon alles geplant, sodass ich einen Überblick über ihre Stationen hatte. Beinah wären wir uns in Australien begegnet. Doch ich reiste ab bevor sie eintrafen. So wichtig war mir ein Wiedersehen einfach nicht. Die nächste mögliche Begegnung wäre in dieser Gegend, sodass ich schneller auf Mails reagierte um zu sehen, ob wir womöglich in der gleichen Stadt sind. Auf Grund anderer Pläne reiste ich also spontan weiter und schrieb heute morgen eine Email an sie, dass ich mir recht sicher bin, dass sie schon weitergezogen sind, ich aber für alle Fälle erwähne, dass ich gerade in dieser Stadt angekommen bin. 

Weniger als eine Stunde später erhalte ich die Antwort, dass sie noch hier sind und auch noch ein paar Tage bleiben. Wunderbar, dann sehen wir uns wohl heute. Und nach ein paar Komplikationen buchte ich ein Bett im selben Hostel und wir verbrachten den Tag miteinander und werden auch morgen gemeinsam verbringen. Denn: Es tut unheimlich gut. Sie sind keine Freunde. Ich fühle mich nicht auf diese Art mit ihnen verbunden. Womöglich kennen wir uns noch in vielen Jahren - weil wir einander von unseren Reisen berichten. Doch Freundschaft oder ähnliche Gefühle sind es nicht, die mir gerade gut tun. Nein, es geht viel mehr darum, erzählen zu können ohne Neid hervor zu rufen. Ein wenig neidisch sind sie schon, aber ich fühle mich keineswegs schlecht, wenn ich etwas erzähle. Und sie haben ebenso von Abenteuern und Missgeschicken zu berichten. Unsere Kommunikation funktioniert auf einer anderen Ebene, irgendwie. Und es tut gut, manch eine Erinnerung aufleben zu lassen ohne angeberisch zu wirken. So sehr ich auf Einheimische fixiert bin, so sehr genieße ich gerade unter meinesgleichen zu sein. Denn das sind sie. Sie sind wie ich. Sie sind keine Touristen - von denen halte ich mich noch mehr fern - sie sind Reisende. Und genau deswegen bleibe ich noch mindestens eine Nacht. Denn auch wenn ich hier weder etwas über die Kultur lerne, noch irgendwas anderes tue, wofür ich diese Reise antrat, so scheint mir dies genau die Auszeit zu sein, von der ich immer sprach. Einfach nur in einem Zimmer zu sitzen und sich zu unterhalten. Dabei nicht wirklich was neues zu lernen, sondern sich auszutauschen. Verstanden zu werden. Ich fühle mich zum ersten Mal seit Langem mehr oder minder verstanden. Uns trennen immer noch Welten, doch im Vergleich zum Rest des Universums leben wir immerhin im gleichen Sonnensystem. 

Danke für diesen Zufall. Sowohl damals als wir uns begegneten, als auch jetzt, als ich im nächsten Land erwachte und nicht im Geringsten damit rechnete, ihnen heute zu begegnen. Es tut unheimlich gut. So sehr, dass ich es festhalten muss, auch wenn mich gerade die Mücken attackieren. 

10.05.2016 um 09:07 Uhr

fünfzehn, zwanzig und morgen dreißig

von: indalo

Ich erlebe gerade wieder so viel wundervolles, sehe zauberhafte Dinge und möchte… nein, eigentlich möchte ich es nicht teilen, denn ich habe in den letzten drei Tagen zwar darüber nachgedacht, etwas zu schreiben, aber mich nie dafür entscheiden können. Aber ich möchte, das auch andere es genießen können. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass sie daran nicht ebenso viel Freude haben wie ich. 

Seit knapp einer Stunde habe ich meinen Tauchschein und habe keineswegs das Bedürfnis auf und ab zu springen, aber in mir drin, da fühlt es sich groß an. Es gehört einfach mir, doch während ich heute Vormittag um die Korallen schwamm und mindestens genauso von den Fischen beobachtet wurde wie ich sie beobachtete, dachte ich an dich. Ich genieße auch so, was ich tue, doch ich wünschte du könntest es auch erleben. Noch lieber als mit dir wär ich vermutlich ganz allein da unten. Einfach um auf nichts und niemanden achten zu müssen. Nur mich und die Umgebung. 

Doch vielleicht schließe ich wieder zu sehr von mir auf andere? Von mir auf dich? Denn um andere geht es mir gar nicht, nur du tauchst immer wieder in meinem Kopf auf. Das wär voll etwas für dich, doch wie kann ich dich davon überzeugen? ...du musst es einfach mal gemacht haben. 

Und jetzt? Jetzt könnte ich die Reise noch einmal von vorne beginnen und von Tauchspot zu Tauchspot reisen. Ich könnte mich auch darüber ärgern, meinen Tauchschein nicht schon vorher gehabt zu haben, aber ich tue es nicht, denn ich hab so viel anderes erlebt. Die Unterwasserwelt bedarf einer eigenen Reise, vielleicht mit eigenem Boot. Wer weiß. 

Neben den Gedanken an andere, stellte ich gestern fest: Mein Leben lang liebte ich das Wasser. Schwimmen, surfen, Wellen. Alles, was mich dem Wasser näher bringt oder direkt rein, zog mich magisch an. Doch aus einem mir nahezu unerklärlichem Grund kam ich nie auf die Idee zu tauchen. Richtig zu tauchen. Im Schwimmbad, klar, aber so mit Ausrüstung? Das stand nie auf dem Plan. Und genau deswegen ist das hier auch wieder eins dieser Dinge bei denen ich denke „Wieso darf ich dies erleben, während andere jahrelang nur davon träumen?“ Für mich war es nie ein Traum, es war nicht einmal geplant. Also dieser Tauchkurs jetzt schon, darauf warte ich seit nem halben Jahr, aber vor meinem ersten Taucherlebnis habe ich nie den Wunsch verspürt, tauchen zu gehen. Jetzt bin ich gefesselt davon und werde heute Abend direkt noch einen Nachttauchgang dranhängen. 

03.05.2016 um 17:38 Uhr

Buße tun

von: indalo

Ich möchte Buße tun. Ich möchte sagen „Schande auf mein Haupt“, denn ich fühle mich schändlich. 

So sehr wünsche ich mir, frei von Vorurteilen zu sein. So sehr gelingt es mir in vielerlei Hinsicht. Beruflich merke ich immer wieder, dass ich dieses Ziel erreicht habe. Ich urteile nicht vor, manchmal gar nicht. Doch offensichtlich bin ich nicht frei von Vorurteilen. Ich könnte es auf Instinkte zurückführen, doch wenn meine Erwägungen der letzten Tage von Instinkten geleitet worden wären, dann hat mich mein Instinkt in die Irre geführt. Und zwar gewaltig. Worum es hier überhaupt geht? Um Schwarze. Oder womöglich konkreter: Um Afrikaner. Denn mir scheint, da gibt es noch einen Unterschied.

Für eine der nächsten Stationen suchte ich mal wieder einen Schlafplatz und bekam Angebote von Schwarzen. Nicht unbedingt ungewöhnlich, doch weder flog ich in die USA, noch nach Afrika. Also schon auffällig, bzw. war es die Relation, die mir auffiel. Mit einigem hin und her sollte ich nun also auf einen Afrikaner treffen, einen gebürtigen Afrikaner. Es dauerte einige Stunden, bis wir uns am Flughafen trafen, sodass es nicht der beste Anfang war. Doch das sollte nicht Grund genug sein, die ganze Zeit über immer wieder den Gedanken zu haben „was täte ich, würde jetzt dieses oder jenes passieren?“. Es wäre eine Leichtigkeit, es darauf zurückzuführen, dass es (soweit ich mich momentan erinnern kann) der erste Gastgeber ist, dem ich mich rein körperlich wirklich unterlegen fühlte. Doch ich fürchte, dass das nicht alles war. Denn warum gab es überhaupt diese Feststellung?

In seiner Gesellschaft traf ich auf jede Menge weitere Afrikaner der verschiedensten Länder, und ich war irgendwie ständig auf der Hut. Ich wog jede Situation ab. Das hinderte mich offensichtlich nicht daran, am Flughafen in sein Auto zu steigen oder des nachts im gleichen Bett zu schlafen, doch ich tat es nicht so entspannt wie sonst auf dieser Reise. Und es tut mir unheimlich Leid, denn rückblickend kann ich sagen, dass er nichts anderes tat als sich bestens um mich zu kümmern. Ich bin immer mal auf der Hut, wenn ich fremde Menschen ohne Erfahrungen treffe, aber sonst legt sich das. Bei ihm kam die Entspannung erst, als er beim Aufbrechen am letzten Morgen meinte „give me a hug“ und er mich anschließend zum Busbahnhof brachte. Ich habe ihm Unrecht getan, die ganze Zeit. Und das tut mir unendlich Leid. 

Er hat mich mit zum Geburtstagsessen einer Freundin eingeladen, nächsten Morgen mit ihn die Kirche genommen, anschließend auf eine Hochzeit und am nächsten Tag hat er mich zwischen zwei Besuchen in westlichen Restaurants (damit mir das Essen auch schmeckt) zum Busbahnhof gefahren und hat dort Ewigkeiten auf mich gewartet, damit ich für heute das Ticket kaufen kann. Er hat eine Freundin von der Uni abgeholt und zu Hause abgesetzt, ist zu nem anderen Freund und hat ihm Geld gebracht, und was weiß ich, was er noch auf seinen Kurztouren gemacht hat. Er ist einfach ein guter Mensch, und doch ist da der Gedanke, welche Geschäfte hinter dem Überbringen von Geld stecken könnten. 

Wenn nicht einmal ich mich dagegen wehren kann, wie soll ich diese Welt dann verbessern können?