indalo

30.12.2016 um 03:59 Uhr

Sterne funkeln

von: indalo

Da liege ich in meinem kuscheligen Bett mit Blick auf die große Fensterfront. Eingerahmt von einem dunklen Rechteck präsentiert sich mir das Sternenbild Orion in seiner vollen Pracht. Eine Sternschnuppe zieht senkrecht vorbei.  Würde ich nicht um ihre Existenz wissen, würde ich es für eine optische Täuschung halten. Ich bleibe liegen und genieße die Aussicht.  Doch in Erinnerung an den Winter in Südafrika, versuche ich doch noch ein Foto zu schießen. Es gelingt mir nicht.  Ich gehe wieder ins Bett und bewundere die Natur. Sie funkeln, die Sterne. So richtig. Wie funktioniert das?

Von links nähert sich ein rot blinkender Punkt. Es ist nicht Rudolf, wie mir der Weihnachtsmann Anfang letzter Woche weismachen wollte. Es ist ein Flugzeug. Ich bewundere immer noch die Sicht. Es ist halb vier. Ich will gar nicht schlafen. Viel lieber würde ich dich wecken und mit dir auf dem Balkon sitzen. Ich bin mir sicher, dass du es mir nicht übel nehmen würdest. Ich würde mich zu dir ins Bett kuscheln und dir flüsternd vom Sternenhimmel vorschwärmen. Du würdest mit auf den Balkon kommen und vielleicht eine Sternschnuppe entdecken. Ich würde dir von der Bewegung des Himmels erzählen, denn die Sterne folgen der Sonne. Doch davon kann ich dir genauso wenig erzählen wie vom Abendbrot mit Kapern. Dieses Essen wird für immer dein Essen sein.

Ich glaube, es wird besser. Ich glaube, ich werde mich wieder finden. An den wohlriechenden Baumstämmen konnte ich auf der langen Wanderung schnuppern ohne an dich zu denken. Doch diesen Sternenhimmel würde ich dir so gerne zeigen. Egal wie kalt es da draußen auch ist. Eigentlich wären wir zusammen hier. Eigentlich würdest du im Bett neben mir liegen. Doch nun liegt da jemand anders. Wir können lachen, wir haben Spaß. Doch sie ist nicht Du, sie wird es nie sein. Und sie muss es auch nicht. Die Sterne funkeln auch ohne dich. Auch für mich.

28.12.2016 um 20:06 Uhr

Geschmacksexplosion

von: indalo

Man hört es, doch kennt man es? Was ist eine Geschmacksexplosion? 

Seit heute weiß ich, was damit gemeint ist. Ich hab schon gutes Essen gegessen, davon auch nicht zu knapp. Verschiedene Kulturen, verschiedenes Essen. Ob es nun Essen aus Straßenkantinen ist, oder auf nem Luxusschiff, vieles hat super gut geschmeckt, aber eine Geschmacksexplosion war noch nicht dabei. Bis heute, als es sogenannte Paprika-Wraps mit Wildkräutersalat gab. Ein Feuerwerk in meinem Mund, einfach herrlich. Nur schade, dass es nicht mehr davon gab. Oder vielleicht auch gut, sonst würde ich mich überfressen. 

Ist es gesund, ich weiß es nicht. Die Einsortierung Rohkost gaukelt es einem vor, doch ich habe für mich eindeutig beschlossen, mich keinem (bestehenden) Esskult anzuschließen. Sei es vegetarisch, vegan, rohköstlich, basisch oder was es da noch so gibt. Ich lebe meinen eigenen Kult. Und momentan läuft der weiter unter dem Motto „selbst gemacht ist ganz durchdacht“. Seien es die Nudeln oder die Schokolade. Das Prinzip ist, frische Zutaten zu kaufen. Oder solche, in deren Zutatenliste nur eine einzige Zutat steht. Nicht das Salz mit der Rieselhilfe, nicht den Kakao mit Säureregulator, nicht den Muskatnussstreuer mit Salz drin. Nein, die Kakaobutter, den Kakao, den Honig, das Salz und die ungeschälten Mandeln. Fertig sind meine traumhaften Pralinen. Zur Abwechslung mal mit Sonnenblumenkernen und demnächst sicherlich noch anderen Zutaten. Ja, vegetarisch, nein, nicht vegan, ja, rohköstlich, und für mich einfach frohköstlich!

10.12.2016 um 03:04 Uhr

Drei Monate, drei feste Umarmungen und ein Kuss

von: indalo

Es ist nach Mitternacht. Weit nach Mitternacht. Halb drei. Ich schaute heute (in der Zeit seit dem Aufstehen) schon einmal auf die Uhr, nur um festzustellen, dass es halb drei ist. Da war es nachmittags. Ich hatte schon seit drei Stunden Feierabend und war trotzdem nicht zu Hause. Ich hatte außer einem viel zu frühen Frühstück nicht viel gegessen, und doch keinen Hunger. Von Appetit keine Spur. Ich saß beim Bäcker, zum ersten Mal. Mir gegenüber eine Kollegin, die ein paar Stunden zuvor fragte „Bist du durch für heute?“ - „Ja.“ - „Gehen wir einen Kaffee trinken?“ Und ich nickte. Es war eine spontane Entscheidung. Mir wär auch danach gewesen, mich einfach heulend irgendwo hinzusetzen. Oder nach Hause. Denn ihr könnte ich nicht heulend in die Arme fallen, das geht nicht. Und doch stimmte ich dem Kaffee zu. Ich musste raus. Ich musste da weg. Es ging einfach nichts mehr. Gar nichts mehr. Drei Monate. Ich habe drei Monate durchgehalten. Mehr nicht. Und ich kann beim besten Willen gerade nicht sagen, was das größere Problem ist. Ich weiß nur, dass ich gestern schreiben wollte „Danke, dass du mir all die Jahre zugehört hast.“ Denn es ist vorbei. Nicht nur bin ich allein in meinem Kampf, sondern auch allein in meinem Leben. Verdammt, ist das beschissen, anders zu sein. So richtig beschissen gerade. 

Vorgestern verfiel ich in alte Muster, gestern warf ich das Handtuch, erst wütete ich, dann gab ich eine verzweifelte Rede zum Besten und dann warf ich das Handtuch. Und heute? Noch mehr Resignation. Es flog ein weiteres Handtuch. Schicht im Schacht. Gegen halb elf wollte ich zu meinem Chef gehen und fragen, ob ich nach Hause gehen darf. Ich tu heute niemandem mehr etwas Gutes. Ich ging nicht zu meinem Chef, ich arbeitete weiter. Nur um eine Stunde später vor meiner Kollegin zu sitzen, mit ihr zu reden und ihr in die Augen zu schauen, und dabei festzustellen, dass die Fahnenstange erreicht ist. Auf dem Weg nach draußen hör ich hinter mir nur die Worte „weinst du?“

Und dann sitz ich beim Bäcker, die Zeit verfliegt und mir gehen all diese Geschichten durch den Kopf. Ich erzähle sie ihr alle. Vom Selbstmord, von der Polizei, von den Drohungen, sowohl körperlich als auch beruflich, von Todeswünschen und der Feststellung, dass außer meiner Chefin niemand gefragt hat, wie es mir damit eigentlich geht. All diese Dinge, die in so wenigen Jahren passiert sind und die man sich in dieser Häufung nicht vorstellen kann. Ich könnte nicht nur ein Buch schreiben, sondern eine ganze Serie. Und es ist so unfassbar, dass ich es selbst nicht fassen kann. Es war halb drei. Die Logik sagte mir, ich müsse etwas essen, und zu Hause stand noch Spinat von gestern. Also ging ich, nur um einige Stunden später wieder auf Kollegen zu treffen. 

Wenn du fällst, dann geht es immer tiefer. Bis der Boden kommt. Wenn er kommt. Wenn er nicht kommt, dann bleibt nur zu hoffen, dass irgendwo jemand die Arme aufhält. Und so kam es heute, als ich in mich gekehrt vor dieser Tafel stand und die Namen betrachtete. Gescheiterte Menschen, doch die Überschrift lautet „unsere Besten“. Wenn die Besten scheitern, was tun die Guten dann? Und die weniger Guten? Ich betrachtete die Tafel und strich über eine Zahl, eh ich mich weg bewegte. Zwei Kollegen schienen das beobachtet zu haben und sahen mich beide verwundert an. Einer war mehr verwundert als der andere, der andere öffnete seine Arme und kam auf mich zu. Und so standen wir in enger Umarmung da. Der eine stand irritiert daneben. Ein weiterer tauchte auf und im Vorbeigehen trafen sich unsere Augen. Etwas mehr als zwölf Stunden später umarmte dieser Kollege mich länger und sagte „Max durfte auch.“ Und eh ich wusste wie mir geschah, drückte er mir einen Kuss auf die Wange. Seine Freundin war vor einer Stunde gegangen. Ohne körperliche Verabschiedung, auch wenn sie die feste Umarmung meiner Bäckerkollegin zur Kenntnis nahm. „War schön mit dir.“ sagte sie dabei, doch was an all diesen Horrorgeschichten kann man bitte schön nennen?

Meine Bäckerkollegin wird bald nicht mehr meine Kollegin sein, wie ich heute erfuhr. Aber die Männer bleiben. Auch der letzte, der mich auf dem Heimweg begleitete und zur Verabschiedung drückte. Doch der Kuss, der steht im Vordergrund.