indalo

31.07.2017 um 19:26 Uhr

Auf Durchreise

von: indalo

Es begann mit einem Sprint zum Busbahnhof. Die halbe Stunde barfuß auf heißem Asphalt würde sich später in Form einer riesigen Blase rächen - doch davon ahnte ich nichts, als ich mich schwitzend in den Bus setzte. Eine halbe Stunde verfrüht trafen wir in Warschau ein, ein Grund zur Freude? Sicherlich. Aber die halbe Stunde würde ich brauchen, um die richtige Straßenbahn zu finden. Bis einer, der vermutlich auf der Straße lebt, mich auf Polnisch ansprach. Ich warf ihm nur „English?“ entgegen und schaute weiter verwirrt umher. „Direction?“ kam es nach kurzer Überlegung zurück und ich zeigte auf die Straßenbahn und zeigte ihm zwei Mal drei Finger. „Three three?“ Ich nickte zustimmend. Er ging in die Ecke der Betrunkenen und kam kurz darauf zurück um mir die Richtung zu zeigen. Wie nett. Und will er jetzt Geld von mir? Vielleicht, aber falls dem so ist, ignoriere ich das gekonnt. Und als ich später meiner Gastgeberin davon erzählte, fiel mir auf, dass der gute Mann mich vermutlich zu seines Gleichen zählte. Wie ich da stand, einen unförmigen Rucksack auf dem Rücken, barfuß mit verschmutzten Füßen und einer Isomatte im Arm. Ja, man könnte mich für einen Bettler halten. 

Am nächsten Morgen ging’s früh los, man bestätigte mit mehreren Tags und einem Yes, dass ich im richtigen Bus sitze und am Busbahnhof angekommen, ergattere ich einen Platz in der ersten Reihe. So weit, so gut. Wir fahren bis zur nächsten Stadt und machen eine vierzigminütige Pause, da der Verkehr so gut lief. Von mir aus. Genug Zeit, mir Obst fürs nächste Frühstück zu besorgen. Doch als wir auch an der zweiten großen Stadt vorbei sind, hält der Busfahrer auf einer Raststätte. Irgendwas mit Klimaanlage. Aha. Er will sie wohl reparieren. Motor aus, Motor an, kurz warten und dann alle wieder rein. Weiter geht’s. Nicht viel später, immer noch in Polen, halten wir wieder an einer Raststätte. Die polnischen Fahrgäste sind sichtlich erregt, ich verstehe kein Wort, sehe aber, wie drei Herrschaften ihre Koffer aus dem Gepäckraum holen und sie in einem Auto verstauen. Wie ist das so schnell passiert? Mit Hilfe einzelner Fahrgäste kommen die Informationen „Klimaanlage zu schwach“, „Fahrer fühlt sich unsicher“ und „wir warten auf den nächsten Bus aus Warschau“ bei mir an. Ich beschließe also, meinen Gedanken, mir eine Mitfahrgelegenheit zu suchen, in die Tat umzusetzen. Das Glück ist mir hold, der zweite Mann, den ich anquatsche, sagt direkt zu. Also flitze ich zurück zum Bus, gestikuliere wild vor dem Gepäck herum und bekomme so den Busfahrer dazu, mir meinen Rucksack zu geben. Für die Isomatte musste er noch einmal klettern. Dann renne ich voll bepackt über die Tankstelle und er winkt in meine Richtung. Wunderbar. Am Auto angekommen nimmt er meinen Rucksack und ein zweiter Herr begrüßt mich, eh ich ins Auto steige und sie Spanisch sprechen höre. Liebes Universum, du bist toll!

Kaum rollen wir von der Raststätte, stehen wir im Stau. Egal, selbst wenn der Bus irgendwann kommen würde, müsste er genauso in diesem Stau warten. Ungesicherte Unfallstelle zwischen der Grenze und Frankfurt (Oder). Das hieß es auch immer wieder im Radio. Kein Ding, ich werde schon nach Hause kommen. Und sobald es frei wurde, flogen wir mit hundertsechzig über die Autobahn. Einmal gab’s noch einen Fahrerwechsel und dann waren wir auch schon da. Man setzte mich an der nächstbesten S-Bahn Station ab und ich hatte zwar hin und her überlegt, ob ich mich da abholen lasse (die Blase war doch recht unangenehm), doch das bereit gelegte Tagesticket am Automaten sagte mir, dass ich alles richtig gemacht habe. Die S-Bahn rollte ein, als ich die letzten Stufen zum Bahnsteig herabstieg und auch das Umsteigen lief problemlos. 

Zu Hause angekommen machte ich mir Haferbrei, aß von meiner leckeren Schokolade und entschied dann doch, direkt ins Bett zu gehen und am nächsten Morgen zu packen. Also breitete ich die Isomatten aus und bedauerte den toten Käfer im Schlafzimmer. Meine Blume hat meine Abwesenheit auch eher schlecht als recht überlebt, sodass ich sie - ebenso wie mich - gut tränkte eh ich mich schlafen legte. 

Am Morgen machte ich in einer Stunde alles fertig, schnitt noch die Möhren für den Tag und nahm was von meinem selbst gemachten Brot mit. Und dann schlüpfte ich in Socken und Schuhe. Das war komisch. Nach weniger als zehn Stunden verließ ich meine Wohnung wieder, frisch geduscht, mit Socken, Schuhen und Rollkoffer. Das fühlte sich wirklich komisch an. Nicht falsch, nur ungewohnt. Denn mein letzter Urlaub ist irgendwie das komplette Gegenteil vom nächsten. Und so richtig umgeschaltet habe ich auch noch nicht. Der deutsch sprechende Amerikaner im Anzug hat nicht geholfen, mich aber an die Spanier mit der guten deutschen Aussprache erinnert. Das Leben ist schon verrückt. Und ich gleich dazu. Denn während meiner ersten Zwischenlandung buche ich kurzerhand einen Flug für Oktober. Reisen bekommt mir - auch wenn es süchtig macht. Und nach den letzten fünfzig Stunden hab ich sicherlich ne Überdosis genommen, doch eh ich wirklich angekommen bin, vergehen noch mehr als zwanzig weitere. 

29.07.2017 um 17:47 Uhr

Some things are meant to be

von: indalo

Da fliegen einzelne Sätze durch meinen Kopf. Gefühle steigen auf, stolpern übereinander und vereinen sich zu einem riesigen Chaos. Leben. „Now I want to hug you.“ und „Your heart is racing.“ waren die ersten wichtigen Sätze. „Yes.“ Und das musste ich verdauen. „Enjoy.“ und das wollte ich versuchen. Aber das ist alles so surreal. Ich bin übermüdet, körperlich schwer angeschlagen und emotional verworren. Und dann war da diese Show. Erst der nullte Akt: Ein Ball. Dann der erste Akt: Die Zeichensprachlerin. Und es folgten elf weitere. Bestimmt zweimal bekam ich den Mund nicht mehr zu. Es war berauschend. Berauschend genug um zum ersten Mal meine Gedanken zu bündeln. Auf das, was vor mir geschah. Nicht das, was in mir geschieht. Das hat keine Show davor geschafft. Nur die Arbeit hat mich gänzlich zentriert. Und die Arbeit hat so richtig Spaß gemacht. 

Auf dem Heimweg hieß es dann „You are my best friend right now.“ Und… ich war… verwirrt. Überrascht. Irritiert. Es gibt zig Variationen von Freundschaft, das weiß ich wohl, doch dass ich nun die Superlative sein soll, das passt nicht in mein Weltbild. „I always liked you. Even before I knew your name.“ Und da ist wieder die Feststellung, dass ich überzeuge. Einfach so. Und bis heute weiß ich nicht genau, woran es lag, aber mir ging es andersherum genau so. Vor vielen, vielen Jahren. Und damals ahnte ich nicht ansatzweise, was noch folgen würde, was das Leben noch für uns bereit halten würde. 

Der Spaziergang brachte noch weitere Gedanken hervor. Es steht im Raum, dass ich die Patenschaft für den dritten Zwerg übernehmen soll. „It’s not about money or presents, we have a different idea. It’s like asking you to be part of the family.“ Ich fühle mich geehrt. Ein wenig verwirrt, aber geehrt. Immer noch verwirrt. Und es hieß „Is that going to be weird?“ Ich glaub, schon da war es alles zu viel für mich. Das verarbeitet mein kleines Herz nicht so schnell. Nein ist die Antwort, denn das Eine hat mit dem Anderen doch nichts zu tun. Komisch finde ich es schon, aber ganz unabhängig von allem anderen. 

Zu Hause angekommen unterschrieb ich noch eben den Vertrag um dann zum Zähne putzen zu verschwinden. Als ich gefiltertes Wasser gegen kochendes tauschte, hieß es „I asked. The answer is Yes.“ Und auch wenn mein kleines Herz schon vorher viel zu verarbeiten hatte, so war klar, dass es jetzt noch mehr zu tun hat. Wie jetzt? So einfach? So schnell? 

Ich legte mich mit Wärmflasche ins Bett und lauschte meinen Gedanken. Man, war das spannend!

Am Morgen eilte ich in die Halle um mein Busticket zu besorgen, quatschte mit einer vorbei laufenden Bekannten über einige Beobachtungen meinerseits die sie bestätigte und wollte dann zum Frühstücken zurück, als sie Müll sammelnd, vorn über gebeugt auf der Wiese stand. Ich blieb stehen und guckte sie an, als sie auf mich zukam und mich ganz fest umarmte. „Ich habe das also nicht geträumt?“ - „Nein, hast du nicht.“ Also erzählte ich von meinem Aufwachen mitten in der Nacht, als mich die Surrealität des Ganzen wieder traf und ich hoffte, dass es Realität war. „Also ich hab ganz viele Fragen, aber Ja.“ Und ich redete vor mich hin. Es ging irgendwie darum, allein zu sein und es war weniger Skepsis als Bewunderung, hatte ich zumindest den Eindruck. Niemand zweifelt, wie kommt das bloß? „Es braucht ein Dorf. Hast du das?“ - „Ja, das habe ich.“ Und ich redete weiter. Die Themen sprangen, später gab’s Frühstück und bei der Verabschiedung am Nachmittag sagte ich nur „Du hattest so viele Fragen, oder hab ich die womöglich schon beantwortet?“ - „Ich hatte drei große, und die hast du irgendwie schon beantwortet. Über die Details können wir dann noch reden.“ Und ich rauschte davon, sprintete zum Busbahnhof und saß drei Minuten vor Abfahrt im Bus. Nun rauschen Wiesen und Felder an meinem Fenster vorbei, während ich versuche, dieses surreale Erlebnis zu verarbeiten. Zu verinnerlichen. Denn das ist alles unheimlich wichtig. 

 

„Dann hast du noch einen Wunsch frei.“ und kein Wort darüber, dass jetzt die wahren Beweggründe klar wären. Nein, eher noch mehr Bestätigung. „Du bist zu einem Teil der Familie geworden. Er nennt dich Mama.“ Doch das tat er direkt bei unserer ersten Begegnung in ihrem Zuhause. Es waren seine ersten Worte an mich, als er aus dem Mittagsschlaf erwachte. Ja, auch noch am Abend zuvor, als ich ihn auf den Arm nahm und ihm den Mond und einen Stern zeigte. „Stern.“ und mein Herz hüpfte. Er hat Stern gesagt. Was war das schön. Dann sagten wir dem Mond noch gute Nacht, eh ich ihn seiner Mama übergab, die mir ein von Herzen kommendes Danke entgegen flüsterte. Der Abend war zu viel für sie. 

23.07.2017 um 23:12 Uhr

Herzenswunsch

von: indalo

„Du hast uns so viel geholfen in letzter Zeit.“ war der Anfang der kurzen Unterhaltung. In mir passierte viel mehr als die nächsten Sätze ahnen ließen. „Ohne dich wär das hier nicht möglich gewesen.“ - „Doch, ich glaube, das hätte er auch allein geschafft.“ - „Nein, das glaube ich nicht.“ Und es war keine Bescheidenheit, die mich das sagen ließ. Ich bin mir sicher, dass er das auch allein geschafft hätte. Absolut. Aber sie hat genauso Recht, denn das hätte er nicht. Ein Widerspruch? Nein. Denn meine Gedanken waren weiter gefasst als ihre. Sie implizierte, dass er das nicht in dieser kurzen Zeit geschafft hätte. Ich hingegen meinte nur, dass er es grundsätzlich allein geschafft hätte. Ich meinte aber auch, dass er immer einen Weg findet - in diesem Fall bin ich der Weg. Doch wir diskutierten das gar nicht weiter. Sie nannte dieses extremst erfolgreiche Projekt noch Herzenswunsch und „Wenn du einen Herzenswunsch hast, dann bitte Bescheid sagen.“ Und… drei Dinge gingen mir durch den Kopf. Eine Kleinigkeit, die mich aktuell umtreibt. Eine bestimmte Zahnbürste. Eine Großigkeit, eine Reise. Und etwas, das ich wirklich Herzenswunsch nennen kann und für dessen Umsetzung ich jemand anderen brauche. Ersteres ist zu banal, zweiteres können sie mir wohl kaum erfüllen, und letzteres möchte ich keinesfalls im Austausch für etwas. Ich möchte es, ich wünsche es mir von Herzen, aber es muss mir ohne Gegenwert gegeben werden. Und auch da bestätigt sich die These, dass meine Ansprüche verdammt hoch sind. Das weiß ich. Aber es sind nun einmal meine Ansprüche. 

Nun habe ich in diesem Gespräch keins der drei Dinge genannt. Ich habe gar nichts genannt. Sie schulden mir nichts und ich möchte auch nicht, dass sie das Gefühl haben, mir etwas schuldig zu sein. Ich merkte aber, dass dies meine Pläne, sie in den nächsten Tagen etwas zu fragen, ins Straucheln brachte. Denn irgendwie hätte es einen Bezug zueinander, den ich nicht möchte. Auch ohne die letzten Wochen wollte ich diese Frage stellen. Oder diese Bitte formulieren? Nein, als Erstes wird es nur eine Frage sein. Je nach Antwort folgt eine Bitte. 

14.07.2017 um 01:36 Uhr

als einziges

von: indalo

Es fällt mir schwer, mich an alles von heute zu erinnern. Ich weiß nicht mehr, wie oft man mir heute gesagt hat, dass ich der einzige Mensch bin, der... oder mit dem... und ich möchte es nicht glauben. Ich möchte verdammt nochmal nicht so einzigartig sein, ich möchte, dass auch andere meine Ideale vertreten oder eben auch so handeln, wie ich es für richtig halte.

Doch dieser Eintrag sollte keineswegs negativ sein, schließlich ist Einzigartigkeit auch etwas Schönes. Und ich möchte des nachts festhalten, wie gepudert ich mich wieder fühle. Denn es war ein grandioser Tag. Bereits morgens war ich auf Arbeit und saß mit zwei Kollegen zusammen. Ich schilderte die Situation und bekam ganz viel Mitleid, ja, auch Mitgefühl. Dann wurde ich vollends fasziniert, machte ein wenig meinen Job um anschließend mit den gleichen Kollegen auszuwerten, was in der Zwischenzeit geschah. Es hagelte Lob, aha, soso. Und dann betrat ich einen dunklen Raum, in dem ein Tisch für mich hergerichtet wurde. Es stand ein riesiges Blech Kuchen darauf, Schokolade, mit extra viel Schokolade, und mit einem Spruch beschrieben. Einem oft zitierten Satz meinerseits. Doch noch schöner war das Foto, bzw. der fehlerhafte Text auf der Rückseite. Es rührte mich, sodass die im Wasserkocher platzierte, marmorierte Rose fast schon an Beachtung verlor. Doch ich überlege noch, wie ich sie konservieren kann - denn sie ist bedeutend. Sie bedeutet mir sehr viel. Die Geste, nicht die Blume. Denn - und ja, ich weiß wie doof das ist - ich bekomme als Einziges eine solche Verabschiedung. Und ich bin gerührt, ich war es auch vor dieser Info.

Und dann arbeitete ich weiter, naja, oder tat so als ob. Und mir wurde ganz viel... naja, einfach ganz viel entgegen gebracht. War es Sympathie? Ich weiß es nicht. Vielleicht kann ich es auch nur nicht als solches annehmen, aber ich gehe mit sehr viel Begeisterung aus diesem ersten Teil des Tages. Dieser Kuchen, ich hätte ihn gerne behalten. Für immer. Und dann passierten noch viele andere Dinge, bis ich kurz vor Mitternacht von jemandem erst umarmt und dann gelobpreist werde. Nee, also das war viel. Es wurde mehrfach laut und deutlich gesagt, dass nur ich allein die Fairness besaß zwischen Können und Sympathie zu trennen. Ich möchte das nicht glauben, aber ich bade in der Anerkennung, die mir heute aus mehreren Ecken sehr deutlich entgegen gebracht wurde. Es tut mir gut, sehr sogar. Und trotzdem brauche ich jetzt Abstand. Ich fühle, wie sehr das alles an meinen Nerven zerrt. Vielleicht bin ich nach all dem Ärger des vergangenen Jahres nicht mehr daran gewöhnt, mich gut zu fühlen. Wobei immer noch kein einziger Tag vergeht, ohne dass ich bedauernd über diesen Verlust nachdenke. 

08.07.2017 um 13:50 Uhr

Noch ne kurze Nacht

von: indalo

Da hat mich der eine lange Abend diese Woche schon sehr durcheinander gebracht, nun folgte noch eine. Ein gemütlicher Abend auf Arbeit mit Reisebericht und ein Kollege, der ein Gespräch beginnt. Den selben Kollegen bat ich morgens zu einem klärenden Gespräch, sodass die Verknüpfungen mal wieder auffällig sind, aber meiner Meinung nach nicht kausal. Wie das so ist, wurden wir unterbrochen, ich brachte noch etwas weg und als ich den Heimweg antreten wollte, fuhr er gerade mit dem Auto auf mich zu. "Da reden wir, ich will das Gespräch noch beenden und du bist plötzlich weg. Das geht so nicht." schleudert er mir entgegen, als er aus dem Auto springt. Wir setzen uns auf eine Bank, ich werfe ein, dass wir das Gespräch wohl kaum beenden, aber sicherlich fortführen können, und viele Stunden später sitzen wir immer noch da. Erst geht es um Arbeit, doch dann auch ums Leben. Und als ich formuliere, dass mein Leben gerade sehr turbulent ist, dreht er sich gespannt und mit auffordernder Miene zu mir. "Will ich das jetzt wirklich ausbreiten?" Ich entscheide mich für den hektischen und gegen den emotionalen Bereich. Er schreibt seiner Frau, damit sie sich keine Sorgen macht, und ich hoffe, dass zumindest er die Wahrheit schreibt. Ich bin strikt dagegen, wenn jemand Zeit mit mir verbringt und währenddessen seine Frau anlügt. Damit kann ich nicht um. Noch weniger des nachts, wobei das letztlich nichts zur Sache tut. Unser Beisammensein hat doch nichts verbotenes, oder doch? Bzw. bekommt es etwas sehr verruchtes, wenn es mit einer Lüge in Verbindung gebracht wird. Ich lebe keine Lügen, und so gut ich Dinge auch für mich behalten kann, so wenig will ich Geheimnisse leben oder gar eins sein.

 

Des nachts geht's also nach Hause, zum ersten Mal initiiert er eine Umarmung. Ich bin nicht dagegen, aber auch nicht dafür. Es war ein beladener Tag, um zwei Uhr nachts liege ich im Bett, schlafe aber trotz großer Erschöpfung nicht ein. Mein Kopf rotiert, mein Körper will Entspannung. Kurz nach sechs werde ich wach, ich fühle mich geschlaucht. In zwei Wochen beziehe ich mein Zelt, tauche ein in ein anderes Leben. Ich brauche Abstand, und ich werde ihn bekommen.

06.07.2017 um 17:34 Uhr

Das Reh springt hoch, das Reh springt weit

von: indalo

Oh scheiße, scheiße, scheiße. Was…? Nein! Wie? Hmm… Scheiße. Einfach machen. Ja. Aber nicht alles machen. Nicht denken, agieren. Und ich habe Nein gesagt. Ich habe Nein gemeint. Ich habe Nein gewollt. Aber ich wollte auch Ja sagen. Ein Teil von mir wollte so sehr Ja sagen. Aus Neugier, aber auch aus einem Bedürfnis heraus. Ich hätte das gebrauchen können, es hätte mir gut getan, es wäre wichtig gewesen. Aber es war auch wichtig, bei meinem Nein zu bleiben. Scheiße, was ist das bloß? Und was wird daraus. „Du bist es mir Wert.“ Verdammt. Ich nahm die Zärtlichkeit und die Streicheleinheiten, aber mehr nicht. Und es war auch beides nicht relevant für mein Ego. Ich bin doch ein guter Mensch, aber ich bin aus einer anderen Welt, ich gehöre in eine andere Welt. Scheiße. Ja, das ist manchmal einfach nur Scheiße. 

Letztes Wochenende verbrachte ich wieder bei zwei Menschen, die auch nicht in die normale Welt passen. Aber die haben ihre Welt gefunden, sie haben ihre Auszeiten in ihrer Welt, und mir wurde erst kürzlich klar, dass das im Gegensatz zu mir steht. Und es scheint gerade die aktuellste Schlagzeile meines Lebens zu sein: Ich habe meine Welt nicht gefunden. Ich habe mir mein Leben gut eingerichtet, mich in dieser Welt zurecht gefunden, aber es ist nicht meine Welt. Für die einen zu anders, für die anderen zu gleich. Das habe ich schon vor drei Jahren festgehalten. Und es ändert nichts. Es ist so, ich kann versuchen es zu leugnen, aber ich kann es nicht ändern, ich will mich nicht ändern. 

Und nachdem der gestrige Abend sich bis weit nach Mitternacht zog, erwachte ich heute morgen mit der Feststellung, dass ich noch weiße Kleidung brauche. Nach einigem hin und her Gerenne fand ich sie noch, sodass ich voll bepackt zur Arbeit ging. Es war irgendwie mechanisch, es lief, es funktionierte. Und als der eine Pavillon in sich zusammenbrach, machte ich einen Satz und hielt das Dach. Ich weiß nicht, wie es funktioniert, aber es funktioniert immer wieder. Denn als ich gerade meinen Stand sicherte und nach Hilfe Ausschau hielt, stand bereits ein Kollege mit Klebeband neben mir. Ich bin entzückt. Das Essen ist grandios, die Feierlichkeit neigt sich dem Ende und dann möchte sich das Reh von mir verabschieden. Wir sprachen kurz vorher über ihre Zukunft, doch sie wollte mich später zum Abschied unbedingt umarmen. Doch als ich sie gerade im Arm habe, beginnt sie zu schluchzen. Oh weia. Und sie weint immer mehr. Das geht mir nah. So ganz anders als der gestrige Tag. „Sie waren in der schwersten Zeit meines Lebens für mich da.“ und so selbstverständlich ich das auch finde, trotzdem denkt ein Teil von mir „endlich erinnert sich mal jemand an früher“. Denn normalerweise wird immer nur den aktuellen Bezugspersonen gedankt, die Vergangenheit, so wichtig sie auch für die Gegenwart ist, ist eben vergangen. Ich wünsche ihr das Beste, und so sehr wie wir miteinander, aber auch gegeneinander gekämpft haben, kann ich guten Gewissens sagen, dass sie alles meistern kann. Und das freut mich. 

Also wirbele ich weiter durch den Raum, als ich von Mutter und Tochter gebremst werde. Das Kind mit einer Blume in der Hand, die sie - zu meinem Erstaunen - mir überreichen möchte. Beide versichern mir, wie wichtig der Anfang war, dass sie sich so willkommen und aufgenommen fühlte, dass ich den Stein ins Rollen brachte und sie das eben nicht vergessen haben. Hach je. Man muss wirklich nur ein paar Jahre durchhalten. Fünf um genau zu sein. 

Mein Leben ist anstrengend. Auf allen Ebenen stehe ich unter Spannung. Es passieren Dinge, die… ich nicht in meiner Zukunft sah. Es überraschen (und schockieren) mich zeitgleich andere Sachen, die ich nicht für möglich halten möchte. Grausame Welt, anstrengendes Leben und ein strapaziertes Ich. Und trotz allem, wegen allem, mit allem geht es mir gut. Erstaunlich, wie die Contenance kommt und geht. 

05.07.2017 um 20:38 Uhr

Der sterbende Blauwal

von: indalo

Ein ganz normaler Tag. Viele Gespräche, viel Chaos. Es wird gelacht, es wird gemeckert, die Stunden vergehen. Dann sitzen ein paar Kollegen und ich in einem Raum um zu konferieren. Ein ganz normaler Tagespunkt. Alles irgendwie entspannt, bis einer sagt: „Dann möchte ich doch die Gelegenheit nutzen um euch von dem Vorfall von heute zu berichten.“ Starker Drogenkonsum einer Vierzehnjährigen, der im Krankenhaus endete. Die Stimmung ist bedrückt. Ich bin geschockt. Erst Recht als ich den Namen erfahre. Also… irgendwie auch nicht, es passt ins Bild der letzten Wochen. Doch dann kommt der größte Schreck, der irgendwie einschneidend bleibt. Denn das war kein Versehen, das ist das Produkt einer neuen App für Jugendliche, in der ihnen bis zu fünfzig Herausforderungen gestellt werden, von denen die letzte tödlich endet. Und das ist der neueste Trend. Am Puls der Zeit. Wir machen weiter, jeder verdaut die Nachricht so gut es geht. Noch sind ja alle am Leben. Nein, noch besser, die nächste Vierzehnjährige bringt nämlich bald neues Leben. Schwanger, in dem Alter. Das Ultraschallbild ist eindeutig. Aber diesmal ist es nicht meine Nachbarin. Und es geht weiter, wir machen weiter. Denn irgendwie sind wir das schon gewohnt. Verwunderlich oder nicht.

Dann fahre ich nach diesem langen Tag zu meinem Zahnarzt, nachdem ich kurz meine Sachen zu Hause abgeworfen habe. Gestern verbrachte ich schon weit über zwei Stunden in nem Labor und versuchte ihnen zu verdeutlichen, was das Problem mit meinen Zähnen ist. Sie haben mich nicht verstanden, oder sie wollten mich nicht verstehen. Also setzte ich bei ihm erneut an. Schon wieder wurde ich nicht verstanden, dabei bin ich mir sicher, dass ich klare Worte und deutliche Sätze von mir gebe. Ich zeige sogar, was ich meine, nutze meine Hände und meinen Kiefer. Sind denn alle so schwer von Begriff? Das frustriert mich, aber viel mehr bin ich verzweifelt. Ich kann es nicht leiden, wenn ich mich nicht verständlich machen kann. Er wollte mich aber verstehen, auch wenn er mir die Worte im Mund rumdrehte. Letztlich kamen wir auf den Punkt und ich spürte eine starke Erleichterung, als ich endlich wieder normal zubeißen konnte. Ich war so erleichtert, dass es mich überraschte. Denn die Intensität spricht doch für die vorherige Anspannung. Trotzdem verbrachte ich ne schweißgebadete Stunde auf seinem Stuhl. Anschließend stand ich beim großen Supermarkt vor verschlossener Tür - ja gibt’s denn das? Also radelte ich nach Hause, und erst als ich fast zu Hause bin erinnere ich mich an diese blöde App. Und meine Stimmung fiel in den Keller. Grausame Welt. Wirklich, was für eine grausame Welt. Vielleicht bin ich ja doch zu weich für diesen Wahnsinn. Denn als ich meine Wohnungstür aufschließe, möchte ich eigentlich nur noch umarmt werden. Ich überlege, wen ich anrufen kann, doch ich möchte keine Predigt, keine Erklärungen, keine Aufmunterung. Ich möchte einfach nur jemandem in die Arme fallen und verstanden werde. Ich weiß, dass ich für diese Situation nicht die Verantwortung habe, ich weiß, dass egal was passieren wird, es nicht meine Schuld sein wird, aber ich darf es doch trotzdem furchtbar finden. Denn es ist zum Fürchten. 

Bevor ich dermaßen überwältig ins Bett gehe, möchte ich mich an das Schöne von heute erinnern. Naja, auch das beginnt mit Tränen. Wenigstens nicht meinen, aber in diesem Fall war ich der Auslöser. Und dass die betroffene Person wutschnaufend den Raum verließ, richtete sich eindeutig gegen mich. Also suchte ich einen Kollegen, der für sie zuständig ist. Netterweise - und das liebe ich so an dieser Arbeitsstelle - war er bereits auf dem Laufenden und wollte ebenfalls zu mir. Wir führten also ein zwanzig minütiges Wortgefecht zu dem Thema und trennten uns gezwungenermaßen, ohne die Situation abschließend geklärt zu haben. Ich brütete also weiter, konsultierte meine Unterlagen und blieb auf meinem Standpunkt, genau genommen verfestigte er sich. Ich ließ unser Wortgefecht Revue passieren und kam zu der Erkenntnis, dass ich wirklich unheimlich gern mit ihm zusammen arbeite. Er war so gar nicht meiner Meinung, er war sogar aufgebracht, das spürte ich deutlich, doch die Situation eskalierte nicht. Ein oder zwei Mal war es kurz davor, ich verteidigte mich und zeigte dadurch, dass ich mich angegriffen fühlte. Wir blieben professionell, und mir gefiel die Herausforderung. Bei der nächsten Begegnung erzählte ich ihm von meiner Recherche und sagte etwas wie „ich weiß ja nicht, ob wir unser Gespräch noch fortführen wollen, bzw. unter der Maßgabe noch müssen“. Dann unterbrachen uns mal wieder andere Kollegen und als ich mich wieder zu ihm drehte, fragte er: „Habe ich mich falsch verhalten?“ Sein Blick sprach Bände, ich wusste zwar nicht, womit ich das bei ihm ausgelöst habe, aber ich wusste, dass ich mich auf eine Gratwanderung begab. Denn er fürchtete, mich verärgert zu haben, was er nicht hat, aber ich wollte ihm ebenso vermitteln, dass er auch nicht weiter hätte gehen dürfen. Also sagte ich ihm, wie schön ich unser Gespräch fand, dass ich der von uns so heiß diskutierten Person (und anderen) mitteilen werde, wie viel Glück sie mit ihm haben, da er sich so stark für sie einsetzt. Es fielen noch ein paar Worte eh er mich umarmte und ich mich zu dem nächsten Kollegen drehte, was der Erste mit den Worten „Jaja, ich weiß ja, dass du lieber mit ihm redest.“ kommentierte, worauf ich bockig sagte „ich habe DICH gerade umarmt“, der nächste grinsend kommentierte „kleiner Finger, ganze Hand“ und ich nur kopfschüttelnd meinte „Männer an dieser Arbeitsstelle“. 

Ich mag meine Kollegen, und starte meine Freizeit heute lieber mit dem Gedanken daran, als an irgendwas anderes. Und eines Tages werde ich auch (wieder) einen Menschen in meinem Leben haben, der mich umarmt, wenn ich es brauche und mich einfach ich sein lässt.