indalo

30.08.2017 um 23:54 Uhr

Die Liebesgeschichte geht weiter

von: indalo

Es ist unglaublich. Auch nach all den Jahren, nach all der Zeit, all den Erfahrungen, bleibt es aufregend. Es faszinierte mich schon früher, doch es ist einfach nicht zu leugnen und mir bleibt zur Zeit nur eine Formulierung: Die Liebe meines Lebens ist mein Beruf. 

Das mag für den ein oder anderen bedenklich sein, oder traurig klingen, womöglich auch einsam, aber für mich ist es das größte Glück überhaupt. Bin ich verrückt? 

Gestern stand ich strahlend und begeistert auf Arbeit und eine relativ neue Kollegin guckte mich skeptisch an. Ich ließ meinen Blick im Raum schweifen und meinte wieder einmal: „Es tut mir ja Leid für euch, aber ich freue mich wirklich darüber, dass ich arbeiten darf.“ - „Bist du noch in der Phase?“ kam es zurück. Ja, sie dürfte älter sein als ich, aber ob sie mehr Berufserfahrung hat, weiß ich nicht genau. Ich ließ mich nicht bremsen in meiner Euphorie, wollte ihr jedoch auf den Zahn fühlen: „Wie lange hielt diese sogenannte Phase denn bei dir an?“ - „Gar nicht.“ - „Dann kannst du aber auch nicht davon reden, dass es bei mir nur eine Phase ist, die bald enden wird.“ Ha. Von wegen. Das hier ist keine Phase. Also ja, es ist wieder eine Hochphase, und es wird auch wieder Tiefphasen geben, aber das ist das normale Auf und Ab des Lebens. Meine Liebe für meinen Beruf ist keine Phase, sie ist lebendig und fasziniert mich immer wieder. Denn ich mache das hier schon seit einigen Jahren, es ist Routine, mich erwartet nichts wirklich Neues, und doch bin ich aufgeregt, vielleicht auch ein bisschen nervös, keineswegs ängstlich, total zuversichtlich und absolut glücklich. 

27.08.2017 um 22:11 Uhr

ein abruptes Ende

von: indalo

Sonderbar. Dieses Leben ist sonderbar. Da mache ich ganz entspannt Urlaub, lasse alles hinter mir und komme nach wunderbaren Erfahrungen wieder in meine Heimatstadt, treffe einen Freund noch eh ich in meine Wohnung heimkehre und sage zu ihm: „Morgen geht’s wieder los, aber heute ist noch nicht vorbei.“ Dann bewege ich mich zum Bahnhof, bekomme eine Fahrkarte geschenkt, freue mich des Lebens, finde noch nen Cent und gehe beschwingt nach Hause, nachdem ich heute mehreren älteren Damen beim Koffer heben geholfen habe und jüngeren Damen noch Hilfe bei der Orientierung anbot. Es war ein wunderbarer Tag. Ich sammelte eilig die Post aus dem Briefkasten, da ich wusste, dass ein Freund anrufen will, sobald ich die Wohnung betreten habe. Kurz darauf tut er das auch und meint „Ich rufe im Auftrag meiner Frau an.“ Soweit ahnte ich das schon. Den Satz „Halt dich kurz fest“ nahm ich irgendwie nicht ernst, und auf den nächsten Satz war ich keineswegs gefasst: „Ihre Mutter hat sich heute umgebracht.“ Auf einmal wurde auch klar, was mit der Nachricht „Moin, sag bitte einmal Bescheid, wenn man dich telefonisch erreichen kann“ gemeint war. Selbstmord. Nein, damit haben wir nicht gerechnet. 

Vor zwei Jahren starb der Vater einer Freundin auf nicht abschließend geklärte Weise und ich kann sagen, dass ich das bis heute nicht verarbeitet habe. Nun fühlt es sich ein wenig so an, als bekäme ich eine zweite Chance. Als dürfte ich diesmal für sie da sein, auch wenn es eine andere Freundin ist. Und es zeigt mir, dass damals mich immer noch beschäftigt. Weil es einfach nie geklärt wurde. Und eins weiß ich: Ich werde nicht denselben Fehler begehen. Ich werde nichts sagen, ich werde schweigen. Ich werde für mich behalten, dass ich anscheinend der herzloseste Mensch in meinem Umfeld bin. Denn der Gedanke, dass sie jetzt eine Sorge weniger hat, war sofort da. Doch sie leidet. Sie macht sich Vorwürfe. Sie weiß, wie irrsinnig das ist, aber sie tut es. Mal sehen, was sie mir morgen noch alles erzählt. Was in ihr vorgeht, was sie beschäftigt. Denn ihre Mutter hat es allen gegenüber erwähnt, nur ihr nicht. Denn ihre Mutter wusste, dass sie Maßnahmen ergreifen würde. Bin ich wirklich so allein damit zu sagen, dass man Menschen gehen lassen soll, wenn sie das wollen? Dass es vielleicht besser ist? Nein, ich maße mir nicht an zu wissen, wie das ist. Wirklich nicht. Aber diese beide Elternteile taten ihren Kindern wirklich nicht gut. Und ich sehe da eine Verbindung, auch wenn es gänzlich unterschiedliche Fälle sind. Bei allen anderen Freunden und ihren Eltern würde ich keine Sekunde zögern, eh ich mein Beileid aussprechen würde. Doch in diesen beiden Fällen fragte ich, ob das angebracht sei. 

Ich werde morgen für sie da sein. Ich werde hinfahren, weil sie es möchte. Und es ehrt mich, dass sie es möchte. Doch es erinnert auch schmerzlich an die letzte Situation, in der ich in Frage stellte, ob ich mit zur Beerdigung kommen würde und glasklar „Würdest du.“ zurück kam. 

Ja, das geht hier gerade in die Grätsche. Ich weiß nicht einmal, was mich mehr beschäftigt und werde den Weg wählen, mich gedanklich zu betäuben, eh ich müde ins Bett fallen werde. Morgen beginnt eine anstrengende Woche, auf die ich nicht ansatzweise vorbereitet bin. 

25.08.2017 um 23:44 Uhr

epic swim

von: indalo

Leider werden all die anderen kleinen Geschichten wohl nicht mehr ihren Weg hierher finden. Das Leben geht weiter, es bleibt keine Zeit zum Festhalten. Erinnern werde ich mich von Zeit zu Zeit an einzelne Dinge, aber nachlesen können werde ich es nicht. Schade, aber so ist das manchmal. Doch zumindest das Erlebnis von heute kann ich noch festhalten. Denn ich reite ja gerade eine Welle nach der anderen, doch heute passierte noch etwas Neues: Dem Surflehrer darf man die Vorfahrt nehmen, also tat ich das auch. Insbesondere da man sich eine Welle auch teilen kann - was wir auch taten. Ich bin gar nicht mehr in seinem Kurs, doch wir standen auf unseren Brettern, er strahlte mich an und dann fuhren wir aufeinander zu. Ich für meinen Teil wollte nur abklatschen, er hielt meine Hand jedoch fest, was mich ins Rudern brachte. Doch witziger Weise fiel er vom Board während ich weiter surfte. Amüsant, gewissermaßen surften wir Händchen haltend Richtung Strand. 

Und dann war da noch das Schwimmen im kalten Wasser. Ich fand es gar nicht so kalt. Zugegeben, es war kalt, saukalt, aber ich hab es dennoch kälter erwartet. Und so wie alle anderen schrieen und direkt wieder rausrannten, empfanden sie es auch als bitterkalt. Ich hingegen ging nicht nur drei Mal rein, ich ließ mich auch auf dem Rücken treiben, paddelte umher und genoss, was ich tat. Ganz ehrlich. Und zwar waren mir die entgeisterten und erstaunten Blicke der anderen bewusst, doch erst als der im dicken Parka eingepackte Zodiac Fahrer mir nachdrucksvoll und mit Bewunderung was von epic swim erzählte, wurde mir so richtig klar, wie ungewöhnlich das war. 

Ungewöhnlich, noch ein gutes Stichwort. Denn am Abreisetag sagte eine Frau zu mir, dass sie in all den Jahren, die sie schon da arbeitet, schon alles gesehen hätte. „Wie oft ist denn jemand nachts hier gelandet ohne eine Unterkunft gebucht zu haben?“ fragte ich interessiert. Sie guckte mich an, grinste und meinte „That was a first.“ Strike. 

Auch wenn ich es definitiv nicht darauf angelegt habe, für irgendwelche Überraschungen zu sorgen, so amüsiert es mich doch, Menschen zu zeigen, dass die Aussage „ich hab schon alles erlebt“ niemals richtig sein kann. 

23.08.2017 um 21:35 Uhr

Das Erfolgsmantra

von: indalo

Das Mantra hat geholfen. Nachdem ich gestern schon mit dem Vater einer Surfkursteilnehmern darüber sprach, zum Bodyboarden zu wechseln, hatte ich heute einen grandiosen Tag auf dem Surfbrett. Nicht nur stellte ich in der ersten Session fest, dass ich gar kein Bodyboard brauche um zu bodyboarden, sondern ich nahm auch gleich zwei Wellen. Und zwar stehenderweise! Insgesamt bin ich heute drei Mal ins Wasser und hab aufgehört zu zählen, wie oft ich aufgestanden bin. Immer ein Zeichen dafür, dass es oft genug war. Ich stehe, ich surfe, ich lenke. Jetzt läuft’s. 

Doch ganz ehrlich, bodyboarden ohne Board bockt voll. Da paddelt man ne Welle an, das Board rutscht unter einem durch (nach hinten) und man hängt auf der Welle. Sie zieht einen mit. Man paddelt irgendwie noch, aber jetzt im Gleichtakt, so wie beim Delphinschwimmen. Und mit der Bewegung nahm mich die Welle auch mit. Meine Brust lag auf der Lippe und ich surfte ein gutes Stück und drei Armschläge lang mit der Welle. Auch das machte ich nicht nur ein Mal, sondern zwei Mal. Auch ein tolles Gefühl. Ja, selbst die Missgeschicke beim Surfen bringen mir Spaß. Vermutlich gefällt mir Surfen deswegen so sehr. Auch wenn mein Kopf heute mit den Finnen meines Boards in Berührung kam. Alles ist gut gegangen und ich freue mich auf die nächsten Tage. 

Nicht ohne Mantra: Ich kann auf dem Board aufstehen. Ich kann auf dem Board aufstehen. Ab sofort stehe ich auf, sobald ich eine Welle bekommen habe. 

22.08.2017 um 22:29 Uhr

Ich kann gut surfen ohne zu stehen

von: indalo

Jedes Mal wenn ich jemandem davon erzählte, Surfen zu gehen, betonte ich, dass ich nicht gut bin. Ich stand mal auf nem Brett, ja. Es hat mir Spaß gemacht - auf jeden Fall. Aber von Können kann keine Rede sein. Und kaum dass ich hier bin, werde ich gelobt. Am ersten Tag hieß es „du suchst dir tolle Wellen aus“ und „du hast ein Auge für gute Wellen“. Der muss uns ja auch motivieren, denk ich so bei mir. Aber ganz ehrlich? Ich find auch, dass ich mir schöne Wellen aussuche. 

Am zweiten Tag heißt es dann, dass ich gut lenken kann. „That’s great control of the board.“ Aha? War ganz natürlich, da war nicht viel mit denken. Aber dann hab ich wohl ein gutes Handling, denn da rief jemand was zu dem kurzen Clip, als er nicht einmal wusste, dass das jemand von uns war. Spannend.

So viel Lob. Und ich würde behaupten, dass ich noch auf keiner Welle stand. Ich merke schon, dass die Formulierung „ich hab ein paar Wellen gekriegt“ Jubel auslöst. Ich setze nur leider jedes Mal hinzu, dass ich die Wellen zwar bekommen habe, jedoch nicht aufgestanden bin. Das Wichtigste fehlt. Mach ich etwa doch mal etwas der Reihe nach? Man muss Wellen erkennen und nehmen, und dann muss man noch das Board kontrollieren. Check, check und check. Keiner spricht davon, dass man auch aufstehen muss. Doch ohne das geht gar nichts. Finde ich. Also naja, ohne das geht viel. Ohne das mach ich auch viel. Und hab auch Freude dabei. Aber ohne das Aufstehen ist es doch kein Surfen. 

Also neues Mantra: Ich kann auf dem Board aufstehen. Ich kann auf dem Board aufstehen. Ab sofort stehe ich auf, sobald ich eine Welle bekommen habe. 

19.08.2017 um 14:44 Uhr

wenn wollen zu werden wird

von: indalo

Es hat sich etwas verändert. In mir. Ich fühle mich anders. Und es erstaunt mich. Denn es heißt nicht mehr „ich will“, es heißt „ich werde“. Und das scheint auch meine Freunde zu irritieren. Denn irgendwas war gestern anders. Ich gehörte plötzlich zu euch, ich habe die Seiten gewechselt, ist das nicht kurios? Sicherlich wusste ich, dass es kommen würde, doch ich habe nicht damit gerechnet, dass es jetzt passiert. Einfach so. Gefühlt von heut auf morgen. Hmm, das muss ich weiter beobachten. Denn für mich gibt es keinen Unterschied zwischen wollen und werden. Wenn ich etwas will, dann werde ich das auch tun. In dem Moment, in dem ich sagte „Ich will die Welt bereisen.“ war für mich sonnenklar, dass ich eine Weltreise machen werde. Doch diesmal stand etwas zwischen mir und meinem Wunsch, nicht wahr? Diesmal hing es nicht nur von mir ab, ob ich meinen Willen auch bekomme. Vielleicht ist es das. Vielleicht passiert das jetzt, weil ich die größte aller Hürden genommen habe. Alles, was jetzt kommt, entscheidet das Universum. Denn ich habe entschieden. Ich habe gemacht und getan. Nun geht es locker flockig weiter. Ich werde…

10.08.2017 um 21:17 Uhr

Der Moment gehört wieder mir

von: indalo

Das Leben ist ein komisches Ding. Mir fehlen die Worte, und doch möchte ich so dringend festhalten, was mich bewegt. All das, was mich in den letzten Tagen davon abgehalten hat, etwas aufzuschreiben. Denn es gab so viel, so verdammt viel. Und hoffentlich findet auch die ein oder andere Geschichte ihren Weg hierher, doch jetzt geht es vielmehr um das Ganze. Um das Leben, um mein Leben. Mein Leben, das immer wieder die sonderbarsten Wendungen nimmt. Wobei Wendung übertrieben ist, denn mein Leben wird weiter seinen Weg gehen. Den Weg, den ich vor so vielen Jahren eingeschlagen habe und nun fortwährend anpasse. Nichts davon war eine Kehrtwendung, oder ein abrupter Richtungswechsel. Es ging immer weiter voran. So auch jetzt. Und die letzten Tage waren einmalig, auch wenn sie gar nicht so besonders waren. Ich könnte vermutlich ein ganzes Buch darüber schreiben, würde ich es analysieren. Doch vieles nehme ich einfach nur wahr, vieles bewundere ich und nicke doch gelegentlich lächelnd mit dem Gedanken „Ich hab’s doch geahnt.“ Ich fühle mich so bestätigt in meinem Sein, in meinem Ich. Irgendwann dachte ich, dass es mich wieder gibt. Mich, den Menschen, der ich bin. Der Mensch, der mit so viel Freude und Gelassenheit, mit so viel Individualität und doch sozialem Umfeld, begeistert und unbeirrt seinen eigenen Weg geht. Denn ich habe mich keine einzige Sekunde verstellt, ich habe nichts auch nur ansatzweise für irgendwen gemacht. Ich habe mich zu irgendwelchen Leuten an den Tisch gesetzt, wenn ich es wollte, ich habe mich in die Bar begeben, wenn mir danach war, und mich zurück gezogen, wenn ich es brauchte. Ich weiß wirklich nicht wieso, aber der Begriff Trendsetter hat sich stark in meinem Kopf festgesetzt. Ich habe diverse Menschen angezogen wie ein Magnet. Egal wo ich saß, es dauerte nicht lange, bis sich eine Gruppe um mich formte - und dabei starrte ich nur aus dem Fenster. Ich habe niemanden unterhalten und war doch ständig Gegenstand der Unterhaltung. Mir scheint, meine Ausstrahlung hat einen ihrer Höhepunkte erreicht. Und das gar nicht mal gegen Ende der Reise, es begann mit der Landung am Flughafen und der Frage der Übernachtung. Es folgte eine persönliche Begrüßung meiner Person durch einen Teil des Personals im Restaurant, und ich bin jetzt noch nicht darüber hinweg, dass frau sich an mich erinnert. ICH erinnere mich nicht an sie, und SIE hat seit dem mehr als tausend Leute bedient. Und selbst die bösen Zungen, dass sie alle Passagiere registriert haben und mit Leichtigkeit die Fotos als Vorbereitung angucken könnten, kann ich zum Schweigen bringen, da niemand sonst sich erinnert. Ich habe nicht einmal die obligatorische Flasche Wein bekommen, die viele andere an Bord bekamen, da der Name im System war. Sie allein guckte mich an und reagierte prompt. Ich war viel zu irritiert um angemessen zu reagieren.

Wie dem auch sei, es geht also nicht nur darum, wie ich jetzt bin, sondern auch darum wie ich vor vielen Monaten war. Und wohl auch darum, dass dieser Teil überlebt hat. Es ist so viel kaputt gegangen in mir, dass ich wahre Mühe hatte und habe, mich zu finden. Einzelne Ereignisse haben mich total aus der Bahn geworfen - auch Positive. Ich weiß immer noch nicht, was mich noch erwartet, es gibt weiterhin offene Fragen, neu aufgetauchte Fragen, die irgendwann vielleicht rückblickend beantwortet werden. Doch die letzten Tage haben es geschafft, dass ich wieder im Moment lebe. Ich kann über die Zukunft reden, ich kann von der Vergangenheit erzählen, und ich schaffe es zeitgleich im Moment zu sein. Und zwar nur im Moment. So sehr, dass ich überwältigende Begegnungen und tiefe Gefühle nicht einmal mehr festhalte. Ich begann diese Reise unglaublich aufgewühlt, da lebensverändernde Dinge passierten. Einschneidende Ereignisse, die ich nur als weltbewegend bezeichnen kann. Ich platzte innerlich. Vor Freude, vor Stolz, vor Faszination. Und ich fragte mich, wann und wie das bloß ein Ende finden würde. Unvorstellbar. Doch die letzten Tage machten es möglich. Ich dachte nicht mehr darüber nach, was für zauberhafte Dinge kurz zuvor passierten, es ist gänzlich aus meinen Gedanken gestrichen worden. Und das ist etwas Gutes. 

07.08.2017 um 22:46 Uhr

Dirty Harry und die Rentiere

von: indalo

Wenn es Waffeln zum Frühstück gibt, gibt es dazu auch Eisbären. Da gibt es einen ganz klaren Zusammenhang. Denn heute gab es Waffeln zum Frühstück und mein persönlicher Kellner freute sich mehr für mich als ich. Nicht, weil ich mich nicht freute, sondern weil man sich gar nicht so sehr freuen kann wie er. Aber so ist er, voller Lebensfreude. Doch eigentlich begann mein Tag mit dem Weckerklingeln um sechs Uhr morgens. Eine Stunde vor dem Weckruf. Ich vernahm nur die Stimmen meiner Zimmergenossen, dass man doch eh draußen nichts sieht, und schon war wieder Ruhe. Eine Stunde später kam der Weckruf und kurz darauf die Ansage, dass Eisbären am Strand zu sehen sind. Aha. Die Erfahrung hat gezeigt, dass Eisbären hier bereits viele Kilometer in der Ferne entdeckt werden, sondern ich stur liegen blieb. Doch da ich ja Hoffnung auf Waffeln hatte, schälte ich mich doch aus dem Bett und erklomm die vielen Stufen nach oben. Ja doch, da bewegen sich Punkte. Einer rennt weg, ganz weit weg. Zwei bleiben da und wir nähern uns. Ich rieche schon die Waffeln und geh frühstücken. Das wird schon noch mit den Bären. Und so sah ich sie wieder einmal von meinem Stammplatz aus, während ich warmknusprige Waffeln mit Obstsalat genoss. Einfach herrlich.

Spontan wurden die Tagespläne umgeworfen und wir in Zodiacs verfrachtet um uns den Eisbären zu nähern. In vier Kreisen näherten wir uns auf siebzig Meter und lernten so unseren Dirty Harry kennen. Der bewachte seine Beute nämlich vor einem viel kleineren Eisbären, und in der vierten Runde rochen wir den Walrosskadaver auch. Dirty Harry war zwar satt, aber abgeben wollte er nichts. Nicht einmal Zeit für ein Bad hatte er, sodass er eher einem Braunbären als einem Eisbären glich. 

Nach dem Mittag ging’s an Land, von Rentieren war die Rede. Als ich das erste entdeckte, war ich schon hocherfreut und fotografierte es in der Ferne. Niemand sagte mir, dass hinter dem nächsten Felsen noch eins steht, und zwar zum Greifen nah. Es kam auch immer näher, sodass uns irgendwann nur fünf Meter trennten. Phänomenal. Ich hab grandiose Fotos und Erinnerungen, zog dann aber noch weiter um auch andere Rentiere zu begutachten. Rentier… Reh… Antilope… für mich macht das alles kaum einen Unterschied. Bin ich ignorant? Vielleicht. Anmutig finde ich sie ja trotzdem, egal was sie nun sind. Und - ja, die Arbeit verfolgt mich überall hin - ich zog den Vergleich, dass ich bei Menschen genauso ignorant bin. Wesen auf zwei Beinen, was anderes sehe ich im Job nicht, was anderes interessiert mich da auch nicht. 

06.08.2017 um 09:04 Uhr

Snowbow

von: indalo

Erst ein Knacken, dann doch noch eine Durchsage. Es ist morgens um sieben, dichter Nebel und auf Grund der Wetterbedingungen sind wir über Nacht so langsam unterwegs gewesen, dass wir erst in vier Stunden ankommen. Während ich darüber nachdenke, dass sie das Frühstück dann auch nach hinten schieben könnten, vergeht tatsächlich mehr Zeit als ich denke, und plötzlich ist es kurz vor acht. Dann aber los, denn nach meiner Rechnung sollte es heute wieder Waffeln geben. Leider rechnen sie an Bord anders, sodass es ein eher trauriges Frühstück wird. Keine Waffeln und nicht einmal arme Ritter. (Ja, ich jammere gerade auf sehr hohem Niveau.) Der Blick aus dem Fenster variiert von Minute zu Minute. Bei Zeiten sieht man kaum weiter als zehn Meter, doch manchmal entdeckt man sogar den Horizont. Doch das Spannendste ist die extrem ruhige See. Alles spiegelt sich, nichts bewegt sich. Es hat etwas Beruhigendes. Und so langsam kommt auch ein wenig Sonne durch. Das ist Grund genug um sich warm einzupacken und auf Deck die Sicht zu genießen. Und während alle nach vorne starren in der Hoffnung, Eisbären oder Wale zu sehen, bewundere ich lieber den perfekten Kreisausschnitt über dem vermutlichen Horizont. Das ist doch ein Regenbogen, oder nicht? Aber von Farbe keine Spur, er ist genauso weiß wie der Nebel. Und weil rainbow einfach die falsche Bezeichnung ist, nenne ich ihn snowbow. Korrekt wäre vermutlich eher fogbow, aber snowbow klingt so viel schöner!

Und ein echtes Post Scriptum:

Keine drei Tage später erfahre ich, dass es den Begriff fogbow bzw. Nebelbogen tatsächlich gibt. Für mich wird der erste Nebelbogen meines Lebens aber immer ein snowbow bleiben. 

05.08.2017 um 22:38 Uhr

Zwei Geburtstage und eine Art Sonnenuntergang

von: indalo

Wenn man in die Arktis fährt und nach einem Tag wunderbaren Sonnenscheins noch einen Eisbären hat, der nicht nur auf einen zukommt, sondern auch noch wunderbar für die Kamera post, dann fragt man sich doch glatt, was man noch erwarten darf. Die Reise hatte kaum begonnen, und wir hatten bereits zwei grandiose Tage. Nun sind zwei weitere vergangen, und es fühlt sich wie eine halbe Ewigkeit an. Im Positiven, versteht sich. Denn schon am frühen Nachmittag reden wir vom Vormittag als wär es gestern gewesen. Und als unser Reiseleiter meint, dass drei Tage in Folge mit Eisbären schon etwas sehr Besonderes sind, dann kann ich gar nicht fassen, dass es wirklich schon drei Begegnungen mit Eisbären waren, und das in nur drei Tagen!

Heute entdeckte der gute Mann auch noch einen arktischen Fuchs. Wie er das am Steuer eines Zodiacs und im Vorbeifahren gemacht hat, ist mir ein Rätsel, aber ich war live dabei. Entgegen meiner Vorstellung war der Fuchs nicht weiß, dafür entpuppten sich die weißen Punkte auf den Klippen als eine Eisbärin samt Jungem. Wir kamen dichter ran und konnten sie beim Klettern beobachten. Faszinierend. Auch das Junge war gut dabei, auch wenn beide eher ausgehungert waren. Ob sie den Sommer überleben, steht in den Sternen. Das ist dann eben der Kreislauf des Lebens. 

Am Nachmittag stolperten wir (zumindest bemerkte ich erst spät meine Umgebung) über eine große Gruppe männlicher Walrösser - oder Walrosse? Ohne Internet kann ich das nicht einmal nachgucken. Doch das soll keine Beschwerde sein, denn ich genieße dieses zeitlose Leben. Ich achte weder auf Tage, noch auf Zeiten. Am Morgen werden wir geweckt, die Essenszeiten kann man gar nicht verpassen und zu jedem Ausflug wird man extra aufgerufen. Es ist Urlaub, wie er im Buche ist. Und doch bin ich oftmals hundemüde. So müde, dass ich mich aufs Bett werfe und vor mich hinschlummer. Ist es das Schaukeln des Schiffes? Die Unmengen an Essen, die man auch verdauen muss? Die viele Seeluft? Oder womöglich doch die Anstrengung der Aufregung? Dabei fühle ich mich gar nicht so überwältigt, während ich meine Umgebung betrachte. Es ist ein schlichtes Aufsaugen und entspannt genießen. Es ist ein wunderschöner Fleck auf der Erde, den ich irgendwann wieder besuchen werde. 

03.08.2017 um 12:00 Uhr

Drei Grad am dritten August

von: indalo

Ich träume. Rums. Krrrccchh. Stille. Es ist Viertel vor sieben, sagt jemand. Das war Eis. Wir sind angekommen. In einer Dreiviertelstunde würde es den Weckruf geben. Aber das laute Kratzen des Eises nehm ich lieber. Ich bleibe liegen, denn wir werden nur noch tiefer ins Eis fahren, es wird genug zu sehen geben. Mein Bett ist warm und gemütlich, ich werde langsam wach. Und ich habe Hunger. Dann kommt der Weckruf mit Temperaturansage. Drei Grad am dritten August. Kurz darauf folgt die Info, dass ein Eisbär gesichtet wurde. In die Klamotten und aufs Deck. Ja, doch, in der Ferne erahne ich den Eisbären. Meine Mitreisenden haben Feldstecher und Ferngläser, ich habe bloß meine Augen. Der Punkt bewegt sich nach links, angeblich auch auf uns zu. Es ist kurz vor acht, gleich gibt’s Frühstück. Und während die anderen den Punkt in der Ferne beobachten, geh ich zum Essen. Ich rieche Waffeln, frische, warme Waffeln. Ich hänge meinen Parka über den Stuhl an meinem Lieblingsplatz am Fenster und beim Blick nach draußen sehe ich einen Wal. Wirklich? Ich gucke weiter hin. War es doch ein Delfin? Gibt es hier überhaupt Delphine? Ich weiß es nicht. Es wird ein Wal gewesen sein. Und gleich noch einer. Ein Foto gibt es nicht. Das brauche ich auch nicht mehr. Das hier ist für mich, das muss ich niemandem zeigen, und ob mir jemand glauben wird, dass ich Wale sah während alle den kleinen Punkt in der Ferne beobachteten, ist für mich nicht mehr relevant. Ich ruhe in mir. 

Kaum dass ich mir eine der wohlriechenden Waffeln holte und zu meinen Lieblingsplatz gehe, höre ich aus einem Walkie Talkie „one o’clock, one o’clock“. Ganz egal, was da sein würde, ich nehme meinen Teller und flitze zum Frontfenster. Der Eisbär ist so nah, dass ich ihn mit Leichtigkeit entdecke. Die Waffel genieße ich noch, dann geht’s raus. Ich stelle schnell meinen Teller auf meinen Platz und sammel zwei verirrte Passagiere ein. Dann kommt die Fotoshow des Eisbären. Er findet uns unheimlich faszinierend - oder lecker? Erst schwimmt er, dann schwingt er sich auf die Eisscholle, schüttelt sich, schlendert umher und präsentiert sich von allen Seiten. Einfach majestätisch.

Noch bevor alle eingesammelt werden, setze ich mich wieder an den Tisch. Natürlich mit der nächsten frischen Waffel. Die Richtung des Schiffs betrachtend, werde ich noch während des Frühstücks den Bären sehen können. Also gibt es noch nen großen Teller mit Obstsalat - inklusive Erdbeeren. Und ich setze mich um mein Frühstück zu genießen, als sich ein Mann zu mir gesellt um mir von seiner Walsichtung zu berichten. Na, dann war ich ja nicht allein mit meiner Entdeckung. Die Unterhaltung am Tisch nimmt seinen Lauf, doch ich richte meinen Blick lieber aus dem Fenster. Die Landschaft - oder Eisschaft? - ist so schön. Und da taucht der Bär wieder auf. Als ich meine Sitznachbarn darauf hinweisen möchte, werde ich mehr oder weniger ignoriert. Zweiter Versuch. Und statt den Bären, sichten sie einen Wal. Da sind also noch mehr unterwegs. Doch wieso sehen sie den Bären nicht, der ist sooo nah. Das ist beeindruckend. Und ich beiße genüsslich in meine Waffel. Wer kann das schon von sich behaupten: Frische Waffeln, leckere Erdbeeren und ein Eisbär, der am Fenster vorbei schlendert. Ich gehöre zu den glücklichsten Menschen auf diesem Planeten, dessen bin ich mir sicher. 

Und gerade, als ich mich um zehn Uhr irgendwas auf einem dieser wunderbaren Drehsessel niederlasse, kommt eine Durchsage, dass ein Zwergwal vor uns rumtreibt. Nun weiß ich also auch, dass ich morgens einen Wal gesichtet hattet, denn wenn es ein Zwergwal war, ist es nicht verwunderlich, dass ich zuerst an einen Delphin dachte.

Der Vortrag um elf zum Thema Eisbären ist so aktuell, dass Fotos von unserem Bären eingepflegt sind. Denn auch wenn es ein wilder, frei rumlaufender Bär ist, so haben wir alle das Gefühl, dass es unser Eisbär ist. Es ist ein junger Bär, eindeutig männlich und vermutlich drei Jahre alt, maximal fünf. Und es ist ein gesunder Bär, durchschnittlich dick und wohlauf. So wie wir. Gesund, munter und voller Lebensfreude. 

01.08.2017 um 15:41 Uhr

Die Aussagekraft einer Umarmung

von: indalo

Bevor ich mich auf das nächste Abenteuer einlassen kann, muss ich wohl wirklich ein paar Worte festhalten. Denn es geht mir seit dem Beginn meiner Durchreise unaufhörlich durch den Kopf. Erst war es die Bedeutung einer Umarmung, doch mir scheint, Aussagekraft ist aussagekräftiger. Denn es geht mir darum, was alles mit einer einzelnen Umarmung gesagt werden kann. 

Ich bin ein Mensch der Worte, der Fragen, des Diskutierens. Alles kann analysiert werden, doch nichts lässt sich hundertprozentig greifen. Wir müssen sehen, fühlen, anfassen, eh wir verstehen können. Und so wichtig mir Worte auch sind, so sehr weiß ich trotzdem um ihre Beschränktheit. Denn was diese eine besondere Umarmung alles zu sagen vermochte, hätte viel zu viele Worte gebraucht. Worte kann man hinterfragen, diese Umarmung nicht. 

Es war Freude, es war Dankbarkeit, es war Liebe, es war Unterstützung, es war Geborgenheit, es war Zustimmung, es war Sicherheit. Ja, ich glaubte auch den Worten zuvor, aber allein der Umstand, dass nicht ich diese Umarmung initiierte, sprach Bände. Ich hätte es getan, ich wollte es auch, doch ich fühlte mich viel mehr umarmt, als dass ich umarmte. 

Was andere wohl dachten, als sie uns sahen? Konnte jemand die Bedeutung erfassen? Oder auch nur erahnen? Unvorstellbar, was wir da kommunizierten, doch vielleicht war zumindest die Intensität für andere deutlich. 

Vor Jahren schrieb ich etwas zu dem Wert einer Umarmung, doch ich möchte betonen, dass  auch wenn diese Umarmung unheimlich wertvoll war, ihre Aussagekraft viel bedeutungsvoller ist. Sie löschte alle Fragen in mir, alle Zweifel. Ich war vorbereitet, hatte Argumente noch und nöcher, und sie lösten sich alle in Luft auf, als ich in dieser Umarmung steckte. Wie weggepustet. Und mein rationales Ich könnte das niemals verstehen, aber es ist besonnen genug um es zu akzeptieren. Ich kann fühlen und geschehen lassen. Ich kann nicht nur mit Mimik und Gestik kommunizieren, ich kann es auch mit Schwingungen. 

Und nun begebe ich mich beschwingt ins nächste Abenteuer. Vor einem Jahr gebucht, und nun ist es so weit. Ich möchte nicht einmal „endlich“ sagen. Es ist einfach so weit, und das ist gut.