indalo

28.10.2017 um 19:01 Uhr

In diesen Straßen bin ich zu Hause

von: indalo

Endlich waren wir mal in heimischen Gefilden unterwegs. Zum ersten Mal betrachtete ich meine Straßen, meine Umgebung durch das Visier, nicht nur auf dem Rad. Es war anders, es war anstrengend. So anstrengend, dass als wir nach mehreren Stunden wieder in die Garage fuhren, ich zitterte. Vor Kälte, vor Erschöpfung, vor Müdigkeit. Erst dachte ich an Kälte, aber morgens war mir nicht ansatzweise kalt. Und bis zum Absteigen auch nicht. Doch ich glaube mittlerweile, dass es Erschöpfung war. Nicht unbedingt äußerliche, vielmehr innerliche. Und das keineswegs nur wegen der Konzentration im Verkehr, sondern weil dieser Mann mich gaaanz viel Kraft kostet. 

Kompetenz ist echt was anderes. Erst heißt es „hampel' nicht so rum“ und einige Zeit später wird mir vorgeworfen, stocksteif zu sein. Ich bin vielleicht nicht das beste Beispiel für ein Mittelmaß, aber zwischen diesen Übertreibungen seinerseits war ich definitiv. „Willst du dich umbringen?“ hieß es mittags. Nein, und ganz ehrlich, das Auto war weit weg. Definitiv. Und sicherlich kann ich jetzt meine Fähigkeiten in Frage stellen, aber da wir morgens bereits darüber stritten, in welche Richtung der dicke, fette weiße Pfeil auf dem Boden zeigt, weiß ich, dass dieser Mann absolut und rein gar nicht in der Lage ist, Fehler einzugestehen. Ich fass es nicht. Zwischen der Pfeildiskussion und den Selbstmordunterstellungen gab’s ne Vorfahrtsituation, die gar keine war. Das Auto bog vorher ab, es blinkte, es bremste, es bog ab. Und er sah es nicht, er warf mir nur vor, ihm die Vorfahrt genommen zu haben. Bei aller Liebe, das hätte sowohl dieser Autofahrer als auch mein vermeintlicher Gehilfe beim Selbstmord mir schon hupenderweise mitgeteilt. Denn so ganz in schwarz gekleidet sehen die nicht, dass ich Anfänger bin. 

Ich bin mir sicher, dass er mich genauso los werden möchte wie ich ihn. Hoffentlich tut der Prüfer uns beiden diesen Gefallen. 

Doch um diesen Eintrag nicht negativ enden zu lassen, und weil es so schön passend ist, das heutige Zitat eines Dreijährigen: 

„Mein Penis sind aus wie ne Scheibe.“ - „Wie ne Scheide?“ - „Nein, wie eine Autoscheibe.“

23.10.2017 um 23:35 Uhr

Du liebst mich wahrhaftig

von: indalo

Das zu fühlen ist sensationell. Sensational. Und es sind die kleinen Dinge, es sind die Berührungen und manchmal auch die Selbstverständlichkeit mit der du mir begegnest. Es geht um alles, und dabei so wenig um uns. Denn du hast mir bis heute kein einziges Mal gesagt, dass du mich liebst, geschweige denn, dass du mich magst. Und weißt du was? Das brauchst du auch nicht. Weder jetzt, noch irgendwann. Auch ohne je mit dir über die Vielfalt von Liebe geredet zu haben, kenne ich deine Sicht. Du liebst mich, ganz unabhängig von anderen Menschen. Du liebst mich, egal wer ich bin. Und das gerade auf so deutliche Art bestätigt zu bekommen, lässt mich so viele Dinge Revue passieren. War ich wirklich so blind? So taub? So unaufmerksam? 

Es war nie wirklich wichtig, was du für mich empfindest. Für mich war immer nur wichtig, was ich für dich empfinde. Und auch wenn manche Dinge, die du getan hast, mir hätten bestätigen sollen, wer ich für dich bin, so habe ich sie immer dem Zufall zugeschrieben. Oder deiner Art. Ich habe sämtliche Komplimente deinerseits in den Wind geschossen - auch wenn ich mich an einzelne erinnern kann. Ich habe sie nie auf mich bezogen, ich habe sie immer nur im Zusammenhang mit dir betrachtet. Was war ich doch ignorant. Und womöglich unsicher. Denn wer bin ich schon, dass du dich zu mir hingezogen fühlen könntest? Aber ja, warte, wer bin ich denn, dass du es nicht tätest? 

Auch wenn das hier irgendwann schief läuft - und ich fürchte so gar nicht, dass es das tut! - so habe ich dieses Mal zumindest die Bestätigung, nicht allein so irre gewesen zu sein, daran zu glauben. Zu glauben, dass es funktioniert. Ein Risiko einzugehen, von dem alle Beteiligten hoffen, dass es gut geht. Denn sonst würde keiner von uns dieses Risiko wagen. Und es ist ein Risiko, insbesondere weil du mich liebst. 

Taten sind wichtiger als Worte, wobei ich weiterhin dabei bleibe, dass Worte Taten sein können. Aber keine Liebeserklärung in Worten, egal wie lang sie auch wäre, könnte mir dieses Gefühl vermitteln, diese Sicherheit geben. Denn ich bin mir sicher, dass du mich liebst, und dass du dich vor diesem Gefühl nicht fürchtest. Und insbesondere für diese Furchtlosigkeit bin ich dankbar. 

Unsere Bindung ist so besonders, so stark, weil es nie um uns geht. Nichts, was ich tat, tat ich für uns. Und ich möchte meinen, dass das gleiche auf dich zutrifft. Es geht um den anderen. Alles, was ich tat, tat ich aus freien Stücken. Einfach, weil ich wollte. Für mich, oder für dich. Aber nicht für uns. Und all die Komplimente, all die immateriellen Geschenke, all das war für mich. Und zwar für mich allein. 

Das ist Liebe. 

22.10.2017 um 01:16 Uhr

Seit wir darüber reden

von: indalo

leuchten deine Augen. Noch mehr als ohnehin schon.

15.10.2017 um 21:42 Uhr

I am done

von: indalo

…I think.

Oder ich sollte es sein. Denn warum kämpfe ich so sehr darum, manche Menschen nicht aus meinem Leben zu verlieren? Insbesondere wenn ich ihnen diesen Kampf nicht Wert bin? 

Darauf habe ich eine Antwort, keine Sorge, aber ich sollte nun aufgeben. Und heute hockte ich am See, bewunderte das Glitzern der Sonne und dachte immer wieder „I am done.“ Ich muss akzeptieren, wenn Dinge sich ändern. Ich muss lernen, damit zu leben. Dinge hinnehmen. Das kann ich doch, bei so vielem. Nur bei Freundschaft hört es auf. Ich verstehe nicht, wie manche Freundschaften enden können. Oder ich will es nicht verstehen. Denn ich bin gewiss nicht mehr mit allen Menschen in Kontakt mit denen ich einst befreundet war. Doch bei dem ein oder anderen war es ein Ausschleichen, ein Prozess. Jetzt wurde mir bereits mehr als einmal von heute auf morgen nur die kalte Schulter gezeigt. Dann muss es an mir liegen, nicht wahr?

Vielleicht tut es das. Vielleicht liegt es an mir. Aber ich schrieb es Anfang der Woche: Ich werde erwachsen. Denn vielleicht liegt es an mir, doch ich gebe den kindlichen Traum auf, dass alles möglich ist. Es ist nicht alles möglich, nicht für mich. Ich kann niemanden von der Tiefe unserer Bindung überzeugen, der sie nicht wahrhaben möchte. „…vielleicht haben wir uns einfach auseinander gelebt.“ hieß es. Ganz gewiss nicht. Denn auseinander leben tut man sich über einen Zeitraum, nicht von heute auf morgen. Du machst es an einem Gespräch fest, du weißt noch, wo ich war. Es ist ein konkretes Gespräch, doch du willst mir nicht verraten, worum es ging. Das war das Ende. Und zu meinem Leidwesen erinnere ich mich so gar nicht an den Inhalt des Gesprächs. Außer womöglich an eine Sache. Und wenn das für unser Ende verantwortlich ist, dann fühl ich mich alles andere als schuldig. Dann hast du uns aufgegeben. 

Doch nichts davon ahnte ich, als ich heute am See hockte. Dort schickte ich lediglich die Nachricht, die zu diesen neuen Informationen führte. Am See dachte ich darüber nach, was Prioritäten sind und wer welche hat. Heute war ein wunderschöner Tag und ich hab diverse Menschen kontaktiert auf der Suche nach Gesellschaft für einen Spaziergang. Von der einen Person erfahr ich daraufhin, dass sie seit ein paar Wochen im Krankenhaus ist - seit Wochen! Und von jemand anderem heißt es „Wir haben heute schon was vor, sorry.“, woraufhin ich nur denke „Warum bin ich denn nie das, was sie vorhaben?“ Und ich bin es Leid, mich das zu fragen. Ich bin es Leid, Menschen hinterher zu laufen. 

11.10.2017 um 17:09 Uhr

Die Botschaft ist angekommen.

von: indalo

*seufz* 

So richtig weiß ich gerade nicht, wie ich das Chaos in mir bändigen soll. Ganz neues Chaos, so ungewohnt. Denn neben all den anderen Baustellen hat sich nun eine Neue aufgetan. Nicht gänzlich unerwartet, aber trotzdem hat sie mich aus den Socken gehauen. So sehr, dass ich das Gelände verließ und die Hände über dem Kopf zusammen schlug. So stand ich auf der Straße und fragte mich, wohin mit mir. Ja, wohin mit mir? Ich stand eine ganze Weile da, lauschte meinen Gedanken, meinen Gefühlen und meinen Reaktionen. Was jetzt? 

Ich habe Mist gebaut. Und ich habe eine Lektion fürs Leben gelernt. Ganz eindeutig. Wie die aussieht, wird sich noch herausstellen - denn so richtig akzeptieren möchte ich sie noch nicht. Denn wenn ich meinem Chef nicht vertrauen kann, wie geh ich damit um?

Eine Kollegin beschwerte sich bei mir, ich musste das an den Chef weiterleiten, damit das Problem geklärt wird. Dann ging es um Namen, hin und her, ich schickte den Chef zum Nachfragen - und genau das war mein Fehler. Das, und das ich ihm vertraute. Ich sagte wörtlich, dass ich möchte, dass die Kollegin da rausgehalten wird. Und was macht der Vollidiot? Zieht los und berichtet, dass besagte Kollegin sich beschwert hat. Und schon bekam die Kollegin eine Email. Ja, es ist Kindergarten, das weiß ich wohl. Aber es ändert nichts an der Tatsache, dass es so ist. Und dass ich einen Fehler gemacht habe. 

Als das alles ans Licht kam, ging ich zurück zum Chef und sprach an, dass er doch den Namen der Kollegin für sich behalten sollte und warum er das nicht getan hatte - und ich geb' Brief und Siegel darauf, dass es vollkommen unnötig war. Also diskutierten wir und ich blieb zwar äußerlich ruhig, aber meine innere Welt brach gerade in sich zusammen. Er verstand es nicht, und ich fragte „Du verstehst das wirklich nicht, oder?“ - „Nee.“ - „Und ich weiß nicht, wie ich dir das noch verständlicher erklären soll.“ - „Das ist Kindergarten.“ - „Du willst es auch nicht verstehen, nicht wahr?“ - „Nee.“ Und damit war der Kampf verloren. Ich kann niemandem etwas erklären, was er nicht verstehen will. Und auch nie verstehen wird (so wie ich neuerdings so vieles verstehe, was ich nie verstehen wollte), denn er wird es nicht mehr am eigenen Leib erleben können.

Wir liefen uns einige Zeit später im Flur über den Weg, und ich glaube, er merkte, dass das Thema für mich noch nicht erledigt ist. Womöglich hat er auch von der Zwischenetage noch einen Kommentar dazu bekommen, aber nach einem langen Gespräch mit einer anderen Kollegin, ist die Situation für mich geklärt. Und sollte er - ja, ich bin so naiv - morgen anbieten darüber zu reden, werde ich dankend ablehnen und ihm sagen „Die Botschaft ist angekommen.“ Aber nein, ich gehe nicht davon aus, dass er darauf noch einmal zurück kommt. Muss er auch nicht, nur ich muss meine Konsequenzen daraus ziehen. 

09.10.2017 um 19:49 Uhr

Hilfe, ich werde erwachsen

von: indalo

Im vergangenen Jahr habe ich so viel gelernt. Gar nicht mal über mich, übers Leben, über andere. So vieles, was ich nie lernen wollte. So vieles, was ich nie verstanden habe und auch jetzt sagen kann, dass ich es nicht verstehen wollte. Doch ich verstehe es jetzt, ich bin erwachsen geworden. 

Als ich überlegte, welchen Beruf ich ergreifen möchte, gab es immer die Überlegung, ob ich hinter meinen Kollegen stehen könnte, wenn es notwendig wäre, auch wenn ich ihre Handlungen nicht gut heiße. Ich überlegte auch, wie ich im Team mit ihnen arbeiten könnte, wenn sie entgegen meiner Überzeugungen handeln. In den ganzen letzten Jahren habe ich meinen Weg verfolgt, meine Entscheidungen beobachtet und kann schon eine ganze Weile sagen, dass es möglich ist. Für mich. Ich habe mich in dem Wirrwarr zurecht gefunden, schon lange, und es gibt auch keine Abstriche. Ich stehe voll und ganz hinter dem, was ich beruflich tue. Ohne wenn und aber. 

Privat sieht das momentan etwas anders aus. Es passieren Dinge, die ich nicht gut heiße, aber dulde. Im Laufe meines Lebens habe ich einige Entscheidungen getroffen, die gesellschaftlich betrachtet moralisch verwerflich sind. Ich habe sie bewusst getroffen und bis heute nicht bereut. Ich stehe hinter diesen Entscheidungen und die Chancen stehen gut, dass sich das nie ändern wird. Doch im Moment finde ich mich in Situationen wieder, die meine ganz persönliche Moral auf die Probe stellen. Ich habe immer an Ehrlichkeit und Offenheit geglaubt. Ich habe manches Mal geschwiegen, weil ich es für besser hielt. Nicht besser für mich, besser für die betroffene Person. Doch ich habe mir auch fest vorgenommen, keine Entscheidungen für andere zu treffen. Ein Widerspruch, nicht wahr? Jeden Tag, jede Minute, jede Sekunde, die ich schweige, treffe ich eine Entscheidung für jemanden. Und ich würde wahnsinnig werden, würde ich das weiter auseinander nehmen. Nun glaube ich an Offenheit und Ehrlichkeit, Werte, die ich in meinen Beziehungen auch lebe. Ich glaubte aber auch daran, dass manch andere so leben. Ich glaubte, denn das scheint ein Irrtum zu sein. 

Nun habe ich aber auch die Erfahrung gemacht, dass Menschen mir vertrauen, sich mir anvertrauen, und das in einem Ausmaß, welches mir manches Mal unheimlich wurde. Bedenklich fand ich es immer schon, wenn man mir mehr vertraute als dem eigenen Partner - denn was in aller Welt sagt das über die Partnerschaft aus? Doch mein ganz persönliches Dilemma ist nun, dass Menschen meinetwegen ihren Partner hintergehen würden. Das ehrt mich, ehrlich. Denn es spricht für unsere Bindung, für die Bedeutung meiner Person, für die Rolle, die ich in ihrem Leben spiele. Aber neben der Ehre ist es auch eine Bürde. Denn ich möchte nicht der Keil zwischen ihnen sein. Ich möchte nicht zwischen ihrer und meiner Glückseligkeit entscheiden. Und ich danke dem Leben, dass ich das auch nicht muss. So weit, so gut. 

Die Problematik ist nun aber Folgende: Indem man mir diese Ehre erwiesen hat, hat man mir zeitgleich etwas genommen. Denn ich glaubte an die Offenheit und Ehrlichkeit dieser Menschen, jene, die nun meinetwegen den augenscheinlich wichtigsten Menschen in ihrem Leben hintergehen würden. Jede Medaille hat zwei Seiten, und ich laufe am Rand entlang. Doch ich möchte nicht aufhören daran zu glauben, dass es auch im Erwachsensein Integrität gibt. Ich weiß, dass die Dinge nicht immer schwarz oder weiß sind. Ich lebe grau, ich lebe bunt. Es funktioniert. Aber zum Schutze mancher Menschen bewege ich mich nun auf manchem schwarzweiß Feld.  

Das größte Geschenk kann zum Verhängnis werden. Dieses Oxymoron ist mir bereits vor Jahren begegnet. Es ist nicht aufzulösen. Schachmatt. Und doch geht es weiter. Undankbare Dankbarkeit - denn ich werde mich nicht bedanken, nicht dafür. 

Vieles fühlt sich wie eine Probe an. Denn ich war schwach, ich war verwundbar, ich war verwundet. Doch meine Integrität war stärker, sie muss jetzt nur stark genug bleiben um es niemandem vorzuhalten. Weiter zu schweigen, für mich. Immer zu wissen, mich immer daran zu erinnern, warum ich welche Entscheidung getroffen habe. Mich aktiv daran zu erinnern, wenn es im sonstigen Chaos vergessen wurde. Ich muss hinter mir stehen, ein Leben lang. 

Und was hat das Ganze jetzt damit zu tun, erwachsen zu werden? Ich verstehe immer mehr von dem, was mein kindliches Ich nie verstanden hat und auch nie verstehen wollte. Ich akzeptiere die erwachsene Welt, die Menschen in ihr, aber ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass die von meinem hoffnungsvollen, naivem Ich erträumte Welt möglich ist. Und ich hoffe, diesen Glauben bis zum Ende meiner Tage aufrecht halten zu können. 


08.10.2017 um 15:55 Uhr

Drei Nationen und eine vierte Sprache

von: indalo

Und ich werde mich an den feuerroten Mond erinnern, wie er über den Bergen aufgegangen ist. Ich werde mich aber auch an die große Mondscheibe erinnern, die beim Aufstehen am hellblauen Himmel hing. Er schafft Atmosphäre, er bringt Abwechslung in den sonst eintönigen Himmel. 

Als ich den letzten Eintrag schrieb, war die Sonne untergegangen und es war dunkel genug um Sterne zu sehen. Der Tag war vorbei, doch ein Teil von mir wollte die Nachtszene besuchen. Ein kleiner Teil, denn ein großer Teil von mir macht sich überhaupt nichts aus der Nachtszene. Doch da waren diese Erinnerungen voller Bedeutung, ich wollte sie noch einmal anfassen können. Ich wollte mit meinem neuen Ich den Club von damals betreten und sehen, wie meine Vergangenheit sich mit meiner Gegenwart verträgt. Doch zehn Jahre sind eine lange Zeit, offensichtlich eine zu lange Zeit für manches, denn der Club existiert nicht mehr. Geschlossen, schon seit ein paar Jahren. Doch es gibt einen neuen Club, der sich als Nachfolger präsentiert, und weil ich nicht bereuen wollte, nicht gegangen zu sein, verließ ich des nachts meine Unterkunft. Ich hätte genauso gut liegen bleiben können, doch ich bin es nicht. Ich ging raus in die Nacht und folgte meinem Orientierungssinn, welcher sich an Himmelsrichtungen orientierte. Denn offensichtlich war ich unterwegs zu neuen Orten. Ich fand den Club und obwohl Mitternacht gar nicht so weit weg war, herrschte gähnende Leere. Ein Blick genügte und ich machte auf dem Absatz kehrt. Ich ging nach links, und dann nochmal. Keine Ahnung, was mich noch trieb. Ich folgte irgendwelchen Straßen, weil mich irgendetwas zog. Und dann stand ich vor ihm, dem Indalo. Ich hätte ihn ganz woanders vermutet, ob er wohl gewandert ist? Vermutlich nicht. Ich war überrascht. Erfreut. Ich grüßte und ging weiter, doch ich kehrte noch einmal um und berührte ihn. Dann ging ich weiter und befand mich plötzlich in einer Eisdiele. Warum? Keine Ahnung. Es war neu für mich, doch ich ließ mich treiben. Ich stand ne Weile da, konnte mich lange nicht entscheiden und kaufte dann einen Becher weiße Schokolade. Ich verließ die Eisdiele und drehte mich nach links, schmunzelte ob all der spontanen Planänderungen. Ich überquerte eine Straße, sah mich um und plötzlich sah ich sie. Die verrückte Französin. Von all den Menschen von damals, von denen ich wusste, dass sie zum Zehnjährigen vor Ort sein würden, wollte ich sie als Einziges wirklich sehen. Doch ich schrieb, dass es nicht hat sollen sein, und das war okay. Das war wirklich okay. Es war so sehr okay, dass ich sie im Frühstücksraum an mir vorbei flitzen sah und sie nicht ansprach. Es freute mich, sie für diesen Augenblick zu sehen, sie zu erkennen, zu spüren, dass sie sich nicht verändert hat. Zehn Jahre sind vergangen, kein Kontakt, und doch fühlte ich, dass sie der gleiche Mensch von damals ist. Mir reichte diese kurze Begegnung, aber das Schicksal wollte es anders, es stellte uns in dieser Straße voreinander. Sie erkannte mich nicht, zumindest nicht sofort. Doch dann umarmte sie mich als wär es gestern gewesen. 

Nach kurzem hin und her machte sie auf dem Absatz kehrt und schloss sich meinem ziellosen Spaziergang an. Als wir am Hafen waren, setzten wir uns auf die Mauer. Die Mauer, auf der ich sonst gelegentlich auf nächtlichen Spaziergängen Halt machte. Sie erzählte von ihrem Leben, genauso chaotisch wie eh und je. Ich sprach wenig, warf mit Floskeln um mich und als sie sehr präzise und vehement fragte, kam ich nur zu dem Schluss: „Ich weiß nicht, was ich erzählen soll. Ich habe mit niemandem wirklich Kontakt gehalten. Ich konnte nicht. Als ich damals ging, starb ein Teil von mir.“ Es war eine Offenbarung, aber nichts Neues für mich. „Ich ging zurück nach Deutschland und alles war so wie vorher. Nur ich nicht, ich war anders.“ Und ich bin mir nicht sicher, ob sie verstand. Es machte auch keinen Unterschied. Sie fragte nach einzelnen Menschen, ich berichtete von meinen Begegnungen in Madrid und Athen. Es war alles mehr Zufall als geplant. Doch so auch unsere nächtliche Begegnung. Wir gingen weiter und auf einmal machte sie mich auf den Organisator des Zehnjährigen aufmerksam. Er stand in seinem Restaurant, welches er vor nem halben Jahr eröffnete. Ich wusste davon, aber ich hatte nicht die leiseste Ahnung von den Örtlichkeiten. Er stand hinter dem Tresen und putzte. Wir gingen rein und er umarmte mich innig. Auch an ihn erinnere ich mich. Doch ich legte keinen besonderen Wert darauf, ihn wieder zu sehen. Am Vorabend entschied ich mich, ins Bett zu gehen statt ihn wieder zu sehen. Und an all die anderen hab ich keine wirkliche Erinnerung. An ihn schon. Und so konnte ich fragen, ob dieses Restaurant ein Traum gewesen ist. War es nicht, es war einfach nur ein weiteres Restaurant seiner Familie. Für mich wäre es ein Traum gewesen. 

Und wieder entschied ich mich dagegen, die anderen noch zu treffen. Ich hatte doch bereits damit abgeschlossen, irgendwem zu begegnen. Irgendwem anders als mir selber. 

Wir gingen also nach Hause, sie und ich. Wir verabschiedeten uns kurz und schmerzlos, wir würden uns zum Frühstück wiedersehen. Und sowohl abends als auch morgens gab es Küsschen. Diese Gewohnheit, die ich vor so vielen Jahren begrub. Es fühlte sich natürlich an. Und dann ging ich Richtung Bus, legte mich noch einmal unter mein Fenster von damals, lauschte den Wellen und stand dann an der Bushaltestelle, an der ich damals nahezu täglich wartete. Manchmal vergeblich. Ich stieg ein und wir fuhren am Wasser entlang. Es war kein Abschied, es war einfach nur ein Weg, den ich zurücklegte. Am Ort nahe des Flughafens stieg ich aus und ging die letzten Kilometer zu Fuß. Und nun sitze ich mit mehreren Stunden Verspätung im Flieger, sah die Halbinsel unter mir langziehen bis der Atlantik auftauchte und über ihm eine Wolkendecke. In einer halben Stunde geht mein nächster Flieger, wir sind noch nicht einmal im Senkflug. Ich fürchte, ich werde meinen Flug verpassen. Trotz all der positiven Gedanken, trotz all des Optimismus und Daumendrückens. Ob ich wohl heute noch nach Hause komme?

Es wird seine Gründe haben. Mir war es das Abenteuer Wert. Ich genoss die Zeit am Strand, den Spaziergang entlang des Meeres und auch den Nächtlichen. Wie viele kleine Entscheidungen ich an dem Abend wohl traf? Und jede einzelne Entscheidung führte dazu, ihr des nachts zu begegnen. 

07.10.2017 um 20:33 Uhr

Ich war im Mittelmeer schwimmen

von: indalo

und was hast du so am Wochenende gemacht?

Die Sonne ist vor kurzem untergegangen und der Himmel spielt mit rötlichen Farben. Ich sitze auf lauter kleinen Steinchen und spüre die Wärme unter mir. Vor mir plätschern die Wellen, hinter mir spielt jemand ein Instrument. Es wir dunkler und dunkler, der Wind nimmt zu, doch meine Füße finden Wärme unter den runden Steinchen. Es ist gemütlich, auch wenn es kein feiner Sand ist. Es ist Heimat. Es könnte überall sein auf der Welt, es ist nur mein Hirn (und mein Herz), das weiß, dass ich hier zu Hause bin. Ich habe mich zehn Jahre nicht getraut, zurück zu kehren. Zu Recht, zumindest ein wenig. Denn auch wenn ich weiß, dass noch andere von damals gerade das zehnjährige hier feiern, so hat es nichts mit mir oder damals zu tun. Das ist vorbei, es war einmal. Und wie schön, während des Sonnenuntergangs einem Algerier zu erklären, dass meine Freunde fürs Leben sind, dass ich nicht auf der Suche bin, weil ich glücklich bin. Genau hier, genau jetzt.

Ich hätte niemanden mit hierher nehmen können. Es würde niemand verstehen. Ich habe versucht, hier jemanden zu treffen, Menschen von damals. Es hat nicht sollen sein. Doch ich habe jemanden mit hierher genommen, und das bin ich. Mein neues Ich. Denn auch wenn so vieles von damals geblieben ist, so hat sich auch manches verändert. Und was immer ich mir damals für mein zukünftiges Ich gewünscht habe, es tut nicht weh. Ich weiß gar nicht, was ich mir ausgemalt hatte, ich weiß nur, dass ich seelenruhig unter meinem damaligen Fenster sitzen kann. Seelenruhig, weil meine Seele ruht. Mein Leben ist nicht fertig, es gibt noch eine Menge Potential, aber ich bereue nichts, ich bin meinen Weg gegangen, und genau der hat mich nach zehn Jahren hierher zurück geführt. Unter den Sternenhimmel am Strand. Nur der Mond von gestern fehlt noch, er war erinnerungswürdig.

03.10.2017 um 19:56 Uhr

Eule bei mir zu Besuch

von: indalo

Gestern Abend lag ich auf meiner Couch, total entspannt auf dem Bauch und lauschte Eule, wie sie mit zwei Kindern und dem Papa sprach. Eule sagte mir Hallo und freute sich, dass ich nicht merkte, wie ungewaschen sie war. Eule kicherte und hatte Spaß. Aber dann las Papa die Geschichte vor. Ich hörte zu, doch ich verstand kein Wort. Ich weiß beim besten Willen nicht, worum es in der Geschichte ging, ich lag einfach nur da und lies mir eine Geschichte vorlesen. So wie früher, als ich noch klein war. 

Es war ein schöner Abend und ein ebenso schöner Morgen. Es gab Pfannkuchen und Fruchteis zum Frühstück, und als sie um Viertel vor elf aufbrachen, guckte ich auf die Uhr und dachte „was man nicht alles in den frühen Stunden schaffen kann“. Es erfüllte mich, total. Und es freut mich, dass er es annehmen konnte, dass ich Essen mache. Ein wenig Überwindung kostete es ihn, aber er hat sich bedienen lassen. Denn er ist seit so vielen Jahren immer Vater und kümmert sich um die zwei, da kann ich ihm doch mal aushelfen. 

Später schrieb er mir, dass meine Lebensweise ihn an den Spruch „Niemand anderes ist für dein Glück verantwortlich als du selber“ erinnert. Und ich tue alles in meiner Macht stehende um glücklich sein. Denn ich habe einige Jahre verfrüht umgesetzt, was ich für die Kinder meiner Freunde plane. Gemeinsam mit ihnen Nudeln selber machen, sie gekeimte Linsen und selbst gemachtes Obsteis probieren lassen. Ihnen zeigen, wie Dinge entstehen und sie genießen lassen, was es zu genießen gibt. Und seien es nur Walnüsse aus der Heimat. Es funktioniert, es kann funktionieren, und ich war gestern Abend schon unheimlich dankbar, das erleben zu dürfen. Es war wieder das Leben eines Indalo. Ich landete spät abends in einer Stadt, besuchte wildfremde Menschen und auf einmal habe ich das Leben eines Menschen tiefgreifend berührt und fühle mich so bestätigt in meiner Lebensweise. Alles ist möglich, alles. 

02.10.2017 um 10:49 Uhr

Ich kann mit dir nicht über mich reden

von: indalo

So viele Gespräche werden in meinem Kopf geführt. Und es mag irre sein, weil sie vielleicht nie in der Realität geführt werden, doch es ändert nichts an den Gedanken, an den Überlegungen. Es wird Fragen geben. Du wirst Fragen stellen. Und ich kann darauf nicht reagieren. Vielleicht wirst du sie deswegen auch nicht stellen. Weil du merkst, dass ich auf so vieles nicht angemessen reagiere. Denn ich schaff es nicht. Ich kann nicht halb. Ich kann nur ganz oder gar nicht. Du und ich, wir sind verloren. Oh wie sehr wünschte ich mir, das nicht gelernt zu haben. Ich habe nie verstanden, wie Menschen, die sich einst so nahe waren, plötzlich nicht mehr miteinander können. Doch auch das hast du mich gelehrt. 

Ich habe akzeptiert, dass du nicht mehr in meinem Leben bist. Ehrlich. Ich kann damit leben, ich kann damit umgehen, ich habe es verstanden. Aber ich kann nicht damit leben, dass du es beobachten willst, dass du Komparse sein willst. Das funktioniert für mich nicht. Und seit Monaten versuche ich, das zu verstehen. Denn ich kann stundenlang mit dir auf der Straße stehen und reden. Stundenlang. Und das verstehen andere auch nicht. Verstehst du es? Wir können über unsere Freunde reden, wir können über dich reden, aber keine Chance, über mich können wir nicht reden. Doch du hast es versucht, ich habe geblockt und ich werde es wieder tun. Denn ich komme nicht gegen den Teil von mir an, der dir alles erzählen würde. Der dir gegenüber so ehrlich wäre wie früher, wie immer. Ich möchte, dass du die Wahrheit erfährst, alle meine Gedanken, nicht diese Halbwahrheiten, die ich anderen gebe und immer geben werde. Ich kenne die Menschen in meinem Leben, und ich weiß, wem ich was erzählen kann und möchte. Ich weiß, wer mich auf welcher Ebene versteht. Und ich weiß, dass du mich in aller Tiefe verstanden hast. Ich weiß nur nicht, warum du das aufgegeben hast. 

Jedes Mal, wenn ich mich frage, warum ich nicht einfach ehrlich antworte, taucht die Überlegung auf, dass ich dir das nicht gönne. Vielleicht auch, dass ich dich verletzen möchte. Doch jedes Mal glaube ich, dass ich besser bin als das. Denn ich schweige seit so vielen Monaten, ich schweige, weil ich dich nicht verletzen möchte. Und womöglich schweigst du aus den selben Gründen. Und jedes Mal, wenn ich die Dinge, die dich verletzen würden, von den anderen Dingen getrennt bekomme, stelle ich fest, dass ich dir auch die anderen Dinge nicht sagen kann. Und die Erklärung habe ich vor knapp einem Jahr schon gefunden: Ich vertraue dir nicht. Du hast mir alles genommen, und solange darüber nicht geredet wird, wird es mit uns beiden nicht weiter gehen. Ich - ja, ich - stehe einem Neuanfang im Weg. Und nur ich. Denn du möchtest ihn, du möchtest so tun als ob nichts gewesen wäre, du möchtest mich freudig umarmen, weil du vermutlich einfach so weitermachen möchtest wie früher. Doch so sehr du womöglich glauben magst, dass ich dich verarscht habe, so sehr hast du es getan. Es ist skurril bei all den Fakten davon zu reden, dass du diejenige bist, die mich belogen, betrogen, verarscht und allein gelassen hast. Aber das ist meine Realität. Und ich bin mir ziemlich sicher, dir all das verzeihen zu können, aber ich muss auch einsehen, dass das nicht geht, ohne dass du um Verzeihung bittest. Denn ohne das bin ich nicht bereit, dieses Risiko einzugehen. Der Schmerz ist zu groß, die Wunde zu tief. Ich bin durch mit uns beiden. Wenn von dir nichts kommt, bleiben wir verloren. Vergessen werde ich dich und das alles trotzdem nie.