indalo

08.02.2018 um 19:12 Uhr

Das Geburtstagsticket nach Syrien

von: indalo

„Wann haben Sie Geburtstag? Ich möchte Ihnen etwas schenken: Ein Ticket nach Syrien.“

In mir schmunzelte es. Den find ich ja sogar clever. Darauf aus einer anderen Ecke: „Aber da ist doch Krieg!“ und es flüstert der Dritte „Deswegen ja.“

Das erinnert mich an „Besser arm dran als Arm ab“. Diese kleinen bösen Dinge, die nachhallen. Als Reaktion auf Letzteres wurde der Raum unter Tränen verlassen. Da oben? Ich schwieg. Hätte ich anders reagieren sollen? 

Vor ein paar Jahren warf man mir verheult auf dem Flur den Satz „Hätten Sie das nicht sein können?“ vor die Füße, als verkündet wurde, dass jemand Selbstmord begangen hat. Ich schaffte noch einen Schritt, eh ich auf der Stelle kehrtmachte und ein „Wie bitte?“ von mir gab. Ich sprach es an. Richtig oder falsch, wer weiß das schon. Ich trug es weiter, ausgewählt. Nicht als Geschichte für alle, nur im Zwiegespräch, wenn es mir zu passen schien. Und ein einziger Mensch schaffte es zu fragen: „Wie geht es dir damit?“ Das saß. Diese blöde Bemerkung? Ich weiß es nicht. Aber die Frage. Und die Erkenntnis, dass keiner meiner Freunde in Erwägung zog zu fragen. Im Gegenteil, es hieß nur bestätigend auf meine Aussage, dass ich finde, dass man darauf reagieren sollte: „Ja, nur weil dich das nicht kratzt, wäre das für andere vielleicht viel schlimmer.“ Wer hat gesagt, dass mich das nicht kratzt? Ich habe das nie behauptet. Ich habe nur versucht, diese Zeit zu überstehen. Diesen Selbstmord und die Bedeutung des Ganzen, die Folgen, die Zusammenhänge irgendwie zu verarbeiten. Aber spätestens meine Reaktion, meine gefühlte Reaktion auf  die Frage, wie es mir damit geht, zeigte mir sehr deutlich, dass mich das sehr wohl kratzt. Auch heute ist es noch ein wunder Punkt. Und das vermutlich auch wegen des fehlenden Verständnisses meines Umfeldes. Situationen, die man erlebt haben muss um sie zu verstehen. Denn das damals berührt mich jetzt noch mehr als das heute. Das fand ich wirklich clever. So viel cleverness hätte ich nicht erwartet, sodass es fast schon Bewunderung ist. 

Und irgendwie passt der Anruf meiner Mutter dazu. „Weißt du noch? Damals…“ und ich wusste noch. Wir bastelten die Geschichte zusammen, ich erzählte ihr meine Erinnerungen, sie mir ihre Eindrücke. Ihre jetzigen Eindrücke. Die Geschichte ist zwanzig Jahre her. Und jetzt fragt sie „Ist damals was passiert?“ Nach zwei Jahrzehnten… Es heißt zwar besser spät als nie, aber in diesem Fall? Sie passt zu diesem Tag, die Frage, das Gespräch. Aber die Frage passt mir nicht. Sie zeigt mir, dass sie in Erinnerungen gräbt. Jeder neue Mann bringt neue Einblicke, ganz offensichtlich. Aber dieses Gespräch zeigt mir auch, dass sie an der falschen Stelle sucht. 

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenZwischenweltler schreibt am 09.02.2018 um 13:15 Uhr:Ich möchte mich mal nur auf den ersten Teil beziehen…

    Es wäre ganz sicher zu bagatellisierend, solche Ansagen einfach als Taktlosigkeit abzutun. Meiner Meinung nach zeugt das von kompletten geistigen Aussetzern und totaler Respektlosigkeit bei den betreffenden Personen. Und kein Mensch kann so abgebrüht sein, dass einem sowas nicht erheblich nahe ging.
    Die Frage ist: Wie soll man damit umgehen?
    Ich weiß es ehrlich nicht, und vermutlich hängt die Antwort auch davon ab, in welchem Verhältnis man zu diesen Personen steht.
    Ignorieren? Kritisieren? Den Hass zurückgeben? Oder doch aufklären darüber, wie beleidigend solche Aussagen doch sind. Die Wahrnehmung reflektieren?
    Ich weiß es wirklich nicht.

    Aber ein Gedanke kam mir dann doch. Vielleicht hilft er Dir ja ein bisschen.
    Du bist von Deinem ganzen Wesen her ein Mensch, der sehr stark polarisiert. Je mehr Du von den einen geliebt wirst, umso mehr wirst Du von anderen gehasst. Oder um es noch allgemeiner zu sagen: Man bekommt das Gute nicht, ohne auch das Schlechte zu akzeptieren. Man kann nicht jedermanns Freund sein. Das funktioniert einfach nicht, so sehr man sich das auch wünscht.
    Es ist jedoch Dein gutes Recht, Respekt einzufordern. Und ich denke, das solltest Du auch tun.

    Alles Liebe, Z.

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