indalo

21.07.2008 um 23:04 Uhr

Die Lehrerin und das Blatt Papier

von: indalo

Eines Tages bat eine Lehrerin ihre Schüler, die Namen aller anderen Schülerin der Klasse auf ein Blatt Papier zu schreiben und ein wenig Platz neben den Namen zu lassen.

Dann sagte sie zu den Schülern, sie sollten überlegen, was das Netteste ist, das sie über jeden ihrer Klassenkameraden sagen können und das sollten sie neben die Namen schreiben.
 
Es dauerte die ganze Stunde, bis jeder fertig war und bevor sie den Klassenraum verließen, gaben sie Ihre Blätter der Lehrerin.

Am Wochenende schrieb die Lehrerin jeden Schülernamen auf ein Blatt Papier und daneben die Liste der netten Bemerkungen, die ihre Mitschüler über den Einzelnen aufgeschrieben hatten. Am Montag gab sie jedem Schüler seine oder ihre Liste. Schon nach kurzer Zeit lächelten alle.

"Wirklich?", hörte man flüstern. "Ich wusste gar nicht, dass ich irgendjemandem was bedeute!" und "Ich wusste nicht, dass mich andere so mögen", waren die Kommentare. Niemand erwähnte danach die Listen wieder.
Die Lehrerin wusste nicht, ob die Schüler sie untereinander oder mit ihren Eltern diskutiert hatten, aber das machte nichts aus. Die Übung hatte ihren Zweck erfüllt. Die Schüler waren glücklich mit sich und mit den anderen.

Einige Jahre später war einer der Schüler gestorben und die Lehrerin ging zum Begräbnis dieses Schülers. Die Kirche war überfüllt mit vielen Freunden. Einer nach dem anderen, der den jungen Mann geliebt oder gekannt hatte, ging am Sarg vorbei und erwies ihm die letzte Ehre.

Die Lehrerin ging als letzte und betete vor dem Sarg. Als sie dort stand, sagte einer der Anwesenden, die den Sarg trugen, zu ihr: "Waren Sie Marks Mathelehrerin?" Sie nickte: "Ja". Dann sagte er: "Mark hat sehr oft von Ihnen gesprochen." Nach dem Begräbnis waren die meisten von Marks früheren Schulfreunden versammelt. Marks Eltern waren auch da und sie warteten offenbar sehnsüchtig darauf, mit der Lehrerin zu sprechen. "Wir wollen Ihnen etwas zeigen", sagte der Vater und zog eine Geldbörse aus seiner Tasche.

"Das wurde gefunden, als Mark verunglückt ist. Wir dachten, Sie würden es erkennen." Aus der Geldbörse zog er ein stark abgenutztes Blatt, das offensichtlich zusammengeklebt, viele Male gefaltet und auseinandergefaltet worden war. Die Lehrerin wusste ohne hinzusehen, dass dies eines der Blätter war, auf denen die netten Dinge standen, die seine Klassenkameraden über Mark geschrieben hatten. "Wir möchten Ihnen so sehr dafür danken, dass Sie das gemacht haben", sagte Marks Mutter. "Wie Sie sehen können, hat Mark das sehr geschätzt." Alle früheren Schüler versammelten sich um die Lehrerin. Charlie lächelte ein bisschen und sagte: "Ich habe meine Liste auch noch. Sie ist in der obersten Schublade in meinem Schreibtisch".

Die Frau von Heinz sagte: "Heinz bat mich, die Liste in unser Hochzeitsalbum zu kleben." "Ich habe meine auch noch", sagte Monika. "Sie ist in meinem Tagebuch." Dann griff Irene, eine andere Mitschülerin, in ihren Taschenkalender und zeigte ihre abgegriffene und ausgefranste Liste den anderen. "Ich trage sie immer bei mir", sagte Irene und meinte dann:
"Ich glaube, wir haben alle die Listen aufbewahrt." Die Lehrerin war so gerührt, dass sie sich setzen musste und weinte. Sie weinte um Mark und für alle seine Freunde, die ihn nie mehr sehen würden.

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenMuffin schreibt am 22.07.2008 um 02:17 Uhr:Ich kenne die Geschichte bereits und ich finde sie sehr sehr schööön =)
  2. zitierenZwischenweltler schreibt am 22.07.2008 um 08:38 Uhr:Eine wunderschöne Geschichte. Sie zeigt einmal mehr, daß wir uns das Miteinander oft unnötig schwer machen - ganz einfach deshalb, weil wir zwar schnell die Stimme erheben, wenn es um Kritik geht, aber stoisch schweigen, wenn wir jemandem offenbaren sollten, daß wir ihn mögen und was wir an ihm schätzen.
    Ein liebes Wort, eine Geste der Wertschätzung oder auch nur ein Lächeln. Es ist so leicht, die Menschen glücklich zu machen. Warum tun wir es dann so selten? Und warum tun wir es nicht, obwohl wir selbst darunter leiden?
  3. zitierennuvola schreibt am 22.07.2008 um 16:29 Uhr:die meisten tun es nicht, weil es andere auch nicht tun - warum soll ich jemand ein lächeln schenken, der mich immer nur grantig anguckt?????

    obwohl ich mag ja die verdutzten gesichter, wenn ich so durch die stadt husche und mal ein HALLO?! mit einem breiten grinsen auf die passanten loslasse ;)
  4. zitierenindalo schreibt am 25.07.2008 um 09:45 Uhr:Ich nehme an, es waren eher rethorische Fragen Zwischenweltler? Bzw. könnte ich wohl nur geratene Antworten geben, oder sarkastische.

    Und nuvola, warum wir das sollten? Weil es gut tut. Lass die andern grantig gucken, dann ist es doch ein Erfolgserlebnis, wenn du sie auch zum grinsen bringst, meinst nicht?
    Nur etwas zu lassen weil andere es auch nicht tun, bringt uns kein Stück weiter...
  5. zitierencoffeeandcigarettes schreibt am 27.07.2008 um 21:15 Uhr:gänsehaut, mehr sag ich nicht = )
  6. zitiereneineReisende schreibt am 27.07.2008 um 23:05 Uhr:Zwischenweltler, Du hast Recht.
    Mich rührt diese Geschichte auch sehr an.
    Ich überlege gerade, wem gegenüber ich in der letzten Zeit vergessen habe ein ehrliches Kompliment zu machen. Das sollte ich schleunigst nachholen.
  7. zitierenShaBuSha schreibt am 03.08.2008 um 22:14 Uhr:Ja ich kenne die Geschichte auch so aber es ist wirklich erstaunlich was für eine Wirkung ein simples Blatt Papier auf einen Menschen haben kann.
    Ein netter brief, ein kurzer Satz, er kann in schwierigen Situationen stärken. :)

    lg
  8. zitierenAusprobierer schreibt am 17.06.2010 um 14:43 Uhr:Ich habe ,nach dem ich diese Geschichte gelesen habe ,es einfach mal mit meiner Klasse ausprobiert. Es ist allen sehr schwer gefallen.Ich bin gespannt was sie sagen wenn ich es austeile.
  9. zitierenindalo schreibt am 17.06.2010 um 22:57 Uhr:Es würde mich freuen, wenn du dann davon berichten würdest :-)
  10. zitierenFeelinglikelove schreibt am 27.09.2011 um 16:30 Uhr:Jedes mal, wenn ich diese Geschichte lese, muss ich weinen, so traurig aber auch so schön...

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