indalo

03.08.2017 um 12:00 Uhr

Drei Grad am dritten August

von: indalo

Ich träume. Rums. Krrrccchh. Stille. Es ist Viertel vor sieben, sagt jemand. Das war Eis. Wir sind angekommen. In einer Dreiviertelstunde würde es den Weckruf geben. Aber das laute Kratzen des Eises nehm ich lieber. Ich bleibe liegen, denn wir werden nur noch tiefer ins Eis fahren, es wird genug zu sehen geben. Mein Bett ist warm und gemütlich, ich werde langsam wach. Und ich habe Hunger. Dann kommt der Weckruf mit Temperaturansage. Drei Grad am dritten August. Kurz darauf folgt die Info, dass ein Eisbär gesichtet wurde. In die Klamotten und aufs Deck. Ja, doch, in der Ferne erahne ich den Eisbären. Meine Mitreisenden haben Feldstecher und Ferngläser, ich habe bloß meine Augen. Der Punkt bewegt sich nach links, angeblich auch auf uns zu. Es ist kurz vor acht, gleich gibt’s Frühstück. Und während die anderen den Punkt in der Ferne beobachten, geh ich zum Essen. Ich rieche Waffeln, frische, warme Waffeln. Ich hänge meinen Parka über den Stuhl an meinem Lieblingsplatz am Fenster und beim Blick nach draußen sehe ich einen Wal. Wirklich? Ich gucke weiter hin. War es doch ein Delfin? Gibt es hier überhaupt Delphine? Ich weiß es nicht. Es wird ein Wal gewesen sein. Und gleich noch einer. Ein Foto gibt es nicht. Das brauche ich auch nicht mehr. Das hier ist für mich, das muss ich niemandem zeigen, und ob mir jemand glauben wird, dass ich Wale sah während alle den kleinen Punkt in der Ferne beobachteten, ist für mich nicht mehr relevant. Ich ruhe in mir. 

Kaum dass ich mir eine der wohlriechenden Waffeln holte und zu meinen Lieblingsplatz gehe, höre ich aus einem Walkie Talkie „one o’clock, one o’clock“. Ganz egal, was da sein würde, ich nehme meinen Teller und flitze zum Frontfenster. Der Eisbär ist so nah, dass ich ihn mit Leichtigkeit entdecke. Die Waffel genieße ich noch, dann geht’s raus. Ich stelle schnell meinen Teller auf meinen Platz und sammel zwei verirrte Passagiere ein. Dann kommt die Fotoshow des Eisbären. Er findet uns unheimlich faszinierend - oder lecker? Erst schwimmt er, dann schwingt er sich auf die Eisscholle, schüttelt sich, schlendert umher und präsentiert sich von allen Seiten. Einfach majestätisch.

Noch bevor alle eingesammelt werden, setze ich mich wieder an den Tisch. Natürlich mit der nächsten frischen Waffel. Die Richtung des Schiffs betrachtend, werde ich noch während des Frühstücks den Bären sehen können. Also gibt es noch nen großen Teller mit Obstsalat - inklusive Erdbeeren. Und ich setze mich um mein Frühstück zu genießen, als sich ein Mann zu mir gesellt um mir von seiner Walsichtung zu berichten. Na, dann war ich ja nicht allein mit meiner Entdeckung. Die Unterhaltung am Tisch nimmt seinen Lauf, doch ich richte meinen Blick lieber aus dem Fenster. Die Landschaft - oder Eisschaft? - ist so schön. Und da taucht der Bär wieder auf. Als ich meine Sitznachbarn darauf hinweisen möchte, werde ich mehr oder weniger ignoriert. Zweiter Versuch. Und statt den Bären, sichten sie einen Wal. Da sind also noch mehr unterwegs. Doch wieso sehen sie den Bären nicht, der ist sooo nah. Das ist beeindruckend. Und ich beiße genüsslich in meine Waffel. Wer kann das schon von sich behaupten: Frische Waffeln, leckere Erdbeeren und ein Eisbär, der am Fenster vorbei schlendert. Ich gehöre zu den glücklichsten Menschen auf diesem Planeten, dessen bin ich mir sicher. 

Und gerade, als ich mich um zehn Uhr irgendwas auf einem dieser wunderbaren Drehsessel niederlasse, kommt eine Durchsage, dass ein Zwergwal vor uns rumtreibt. Nun weiß ich also auch, dass ich morgens einen Wal gesichtet hattet, denn wenn es ein Zwergwal war, ist es nicht verwunderlich, dass ich zuerst an einen Delphin dachte.

Der Vortrag um elf zum Thema Eisbären ist so aktuell, dass Fotos von unserem Bären eingepflegt sind. Denn auch wenn es ein wilder, frei rumlaufender Bär ist, so haben wir alle das Gefühl, dass es unser Eisbär ist. Es ist ein junger Bär, eindeutig männlich und vermutlich drei Jahre alt, maximal fünf. Und es ist ein gesunder Bär, durchschnittlich dick und wohlauf. So wie wir. Gesund, munter und voller Lebensfreude. 

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenZwischenweltler schreibt am 11.08.2017 um 12:46 Uhr:Sagt ein Eisbär zum anderen: "Guck mal da! Menschen!"

    Ich kann Dich gut verstehen, dass Du nicht fotografieren willst. Mir geht es meist auch so. Ich tu's dann nur für die Familie.
    Die schönsten Erinnerungen gibt es nur im Kopf.
  2. zitierenindalo schreibt am 11.08.2017 um 12:48 Uhr:Oder im Herzen.
  3. zitierenZwischenweltler schreibt am 11.08.2017 um 12:50 Uhr:Genau in dem Moment, wo ich "Kommentar abgeben" drückte, fiel es mir ein: Im Herzen. :)

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