indalo

16.01.2018 um 21:54 Uhr

Ich sei brilliant

von: indalo

Schon Ende letzter Woche dachte ich darüber nach, unter welchen Bedingungen ich eigentlich welche Art von Komplimenten annehme. Es gibt immerhin zig verschiedene Arten von Komplimenten, und ebenso viele unterschiedliche Dinge, die man komplimentieren kann. Angestoßen wurde dieser Gedankengang durch die zusammenhangslose Aussage "Sie haben wirklich wunderschöne, lange Wimpern." Ich bin vielleicht nicht gänzlich frei davon, über mein Äußeres nachzudenken, aber ich kann guten Gewissens sagen, dass mich Wimpern nie beschäftigen. Naja, bis auf einmal, vor bald zwanzig Jahren, als ich vor einem Tisch hockte und mir genau das gleiche Kompliment gemacht wurde. Damals wie heute von jemandem, mit dem ich kaum bis gar nichts zu tun hatte bzw. habe, beide Male total zusammenhangslos und für mich mehr als überraschend. So überraschend, dass ich es mir all die Jahre gemerkt habe - denn wie bedeutend sind denn bitte Wimpern? 
Festhalten kann ich jedenfalls, dass bei all den sonstigen Komplimenten, die man gelegentlich unter den fragwürdigsten Umständen zu hören bekommt, ich mir einer Sache wohl relativ sicher sein kann: Meine Wimpern sind eher lang als kurz und sonst auch nicht negativ auffallend. Denn in keinem der beiden Momente sollte irgendwas mit diesem Kompliment erreicht werden. Es wurde gesagt, ich bedankte mich und verließ die Situation. Fertig. 
 
Dann gibt es neben Äußerem ja auch Innerliches. Und ich persönlich lege mehr Wert auf die inneren Werte und freue mich über Komplimente dazu mehr als zu meinem Äußeren - denn wie krumm oder schief meine Nase ist kann ich nicht beeinflussen. Ebenso wenig die Länge meiner Wimpern. Doch wie ich bin, was mich ausmacht, das kann ich beeinflussen. Doch nun werde ich wirklich nahezu täglich mit Komplimenten überhäuft, die falsch sind. Und da es mir zu anstrengend ist, bei allem zu eruieren, welcher Wahrheitsgehalt dahinter steckt, übergeh ich einfach sämtliche Komplimente. Was schade ist, denn im Grunde sind sie doch etwas Positives. So erörterte ich gelegentlich mit Kollegen, dass Komplimente über Dritte mich eher erreichen als solche, die direkt an mich gerichtet werden. Schon früher freute ich mich, als meine Cousine mir erzählte, dass sie im Flur hörte, wie man über mich sagte, dass ich wirklich sympathisch sei. Davon hab ich meist mehr, als wenn jemand sagt "ich mag dich". Wobei es da natürlich Ausnahmen gibt. Wie dem auch sei, es ist nun mein hocherfreuliches Hobby, jedes Kompliment, welches ich über einen Kollegen aufschnappe, brühwarm an ihn weiter zu leiten. Das tat ich heute Morgen mit großer Freude, um dann kurze später die Quittung des Universums zu bekommen. Eine Kollegin erzählte mir von ihrem Gespräch mit jemandem, mit dem ich vor drei Jahren zuletzt zu tun hatte. Dort wurde meine Kollegin gelobt, aber eben auch gesagt, dass ich einfach noch besser, ja gar brilliant sei. Ha, ich glaube brilliant hat mich noch niemand genannt. Ich grinste mir einen, da es doch wirklich runtergeht wie Öl. Nichtsdestotrotz sind da jede Menge Aber-Reaktionen in meinem Kopf, und Entschuldigungen, da ein Teil des Gesprächs darauf beruhte, dass jene Person sich tierisch darauf freut, bald wieder mehr mit mir - dieser brillianten Person - zu tun zu haben... und dem leider nicht so sein wird. Wofür ich verantwortlich bin. Doch ich habe im Laufe der Jahre gelernt, mich nicht schuldig zu fühlen. Ich muss mein Leben leben, ich muss für mich leben, nicht für andere. Das weiß ich, und das tue ich auch. 
 
Wie auch immer, Komplimente hin oder her, ich bevorzuge Taten über Worte. Lächel mich ehrlich an statt mir grinsend zu sagen, wie toll ich doch sei. Ich möchte Komplimente sehen, nicht hören. Zumindest generell. Denn wie könnte man Brillianz sehen können?

Diesen Eintrag kommentieren

Bitte beachte: Gästebucheinträge in diesem Weblog werden erst nach Freigabe durch den Autor angezeigt.