indalo

19.01.2018 um 22:34 Uhr

Mein armer Chef

von: indalo

Da ich heute ein paar Stunden zu viel auf Arbeit hatte, entschied ich kurzerhand, meinem Chef mitzuteilen, dass ich ihm nur noch ein paar Monate zur Verfügung stehe. Mir persönlich lag viel an der Reaktion des Stellvertreters, aber ich fand schon, dass ich es dem Chef auch persönlich sagen sollte. Also zog ich meine Runde durchs Gebäude. Beim Stellvertreter war jemand, sodass ich dann doch zuerst beim Chef aufschlug. Der war absolut sprachlos. Ich konnte mir auch ein "Du musst keine Freude vortäuschen" nicht verkneifen, was er mit einem Grinsen quittierte. Denn gefreut hat er sich nicht - was ja wieder für mich spricht. Da er so gar nichts sagte, meinte ich "Gut, du hast die Info jetzt." und drehte mich zum Gehen. Dann brachte er doch noch etwas heraus und kam direkt mit Organisatorischem. Aye, aye, Captain. Und ja, er war überfordert. Ich sah ihn schon davor ne Weile total entspannt vor sich hinarbeiten, sodass ich auch fand, dass heute ein guter Zeitpunkt war. Doch dass er so geschockt war, dass er erst einmal eine rauchen muss, das war nicht in meinem Plan. Noch weniger, dass er dafür den Stellvertreter mitnimmt, damit er seinen Schock direkt verarbeiten kann. Denn ich ging vom Chef zum Stellvertreter, der gerade im Gespräch war, und als kurz darauf seine Gesprächspartnerin bei mir auftauchte, ging ich zurück zum Stellvertreter, der schon weg war. Da lagen keine fünf Minuten dazwischen, der Chef muss echt auf ihn gelauert haben. Noch mehr als ich. Und als die Herren vom Rauchen zurück kamen, folgte ich unauffällig dem Stellvertreter zu seinem Büro. Als ich in der Tür stand, grinste er schon, als ich die Tür schloss, sagte ich nur "Ich muss nichts sagen, stimmt's? Du weißt es schon?" Er nickte. Schade. Ich hätte zu gern seinen Gesichtsausdruck gesehen, seinen Ersten, den Ehrlichsten. Bei ihm war mir das wichtig. Aber nun ist es zu spät. Schön war, dass wir danach ne ganze Weile quatschten und er sich nicht verstellte. Ich sah zwar nicht den ersten, ehrlichen Blick, aber ich bekam trotzdem noch den ersten, ehrlichen Eindruck. "Damit hätte ich überhaupt nicht gerechnet.", "So ein Mist." und "Du kommst aber wieder, oder?" waren klare, nicht vorher durchdachte Äußerungen. Er fragte allen Ernstes, für wie lange ich wieder komme, wenn ich denn wieder komme. Und ich stellte erst nach zwei oder drei Sätzen fest, dass ich ihn missverstand. Denn es hieß noch "Du hast da auch schon wieder was geplant, oder?" als ich meinte, dass das ja nicht immer so klar zu sagen ist, und ich gewiss noch keine Pläne mache, bevor das erste Kapitel nicht geschrieben ist. Doch er meinte, dass ich schon wieder ein Jahr Urlaub geplant hätte. Als ich dies verstand, meinte ich, dass er mir das ja auch verwehren könne. Da guckte er mich an "Ach so?", überlegte kurz und sagte "Das würden wir aber nicht tun. Denn die Gefahr wäre doch, dass du dann einfach woanders hingehst." Und das war wirklich herzerwärmend. Denn sie verzichten lieber freiwillig ein Jahr auf mich, als Gefahr zu laufen, mich ganz zu verlieren. Hach ja. Er und ich, wir sind echt auf Augenhöhe. Der Chef hingegen war neulich nämlich sehr erfreut über die Möglichkeit, mir einen solchen Urlaub nicht genehmigen zu müssen. Und so werde ich jetzt nicht mehr in die Verlegenheit kommen, im Fall der Fälle zu sagen "Sorry Leute, wenn ihr mir das nicht genehmigt, dann kündige ich hiermit." Denn das wäre mein Weg, wenn man sich mir in den Weg stellen würde. Nicht, dass ich das wirklich befürchtet hätte, aber ich weiß, dass ich meinen Weg gehe.

Und besonders süß - da so absolut überraschend - fand ich die Info, dass er es besonders schade findet, da er mir gerne in ein paar Monaten seinen Sohn anvertraut hätte. Ich spiele in der Tat eine solche Rolle in seinem Leben, dass ich sogar in Bezug auf seine Familie Thema bei ihm bin. Unglaublich... Wer weiß, was noch so passieren wird. 

Amüsant war noch, dass unser Mädchen für alles bei dem kurzen Gespräch zwischen dem Chef und mir den Kopf rein steckte "Stör ich?" und mein Chef unumwunden "Ja" sagte. "Schnelle Reaktion" hieß es nur von mir, da ich von der Klarheit überrascht war, und er meinte "Ja, ist ja auch ein klarer Fall". Spannend, irgendwie. Bei uns sind so oft so viele Dinge so unklar, dass es mich irritiert, wenn mal etwas so klar ist. Der selbe Herr kam bei dem langen Gespräch zwischen dem Stellvertreter und mir nach einiger Zeit rein und fragte nicht, sondern sagte "Wer so viel lacht, kann nicht arbeiten" und drängte sich somit einfach auf. Nun vermute ich, dass er ahnt, dass irgendwas im Busch ist - wie oft schließe ich auch Türen, wenn ich mit irgendwem rede? 

...ich glaube, das war das erste Mal. Zumindest bei den beiden Herren. Denn bei der Chefin erinnere ich mich daran, die Türklinke mal betätigt zu haben. 

 

So, aber nun geh ich mit dem sicheren Wissen schlafen, dass ich mindestens in drei Haushalten heute Abend Thema war. Denn endlich kam ich auch dazu, einer Freundin davon zu erzählen. Einer, die sich wirklich für mich freut. Auch wenn sie mich für bescheuert hält ;-)


Diesen Eintrag kommentieren

Bitte beachte: Gästebucheinträge in diesem Weblog werden erst nach Freigabe durch den Autor angezeigt.