Den 14. September.
Der Gegenwind, der mich gestern in den Hafen von Malcesine trieb, bereitete mir ein gefaehrliches Abenteuer, welches ich mit gutem Humor ueberstand und in der Erinnerung lustig finde. Wie ich mir vorgenommen hatte, ging ich morgens beizeiten in das alte Schloss, welches ohne Tor, ohne Verwahrung und Bewachung jedermann zugaenglich ist. Im Schlosshofe setzte ich mich dem alten auf und in den Felsen gebauten Turm gegenueber; hier hatte ich zum Zeichnen ein sehr bequemes Plaetzchen gefunden; neben einer drei, vier Stufen erhoehten verschlossenen Tuer, im Tuergewaende ein verziertes steinernes Sitzchen, wie wir sie wohl bei uns in alten Gebaeuden auch noch antreffen.
Ich sass nicht lange, so kamen verschiedene Menschen in den Hof herein, betrachteten mich und gingen hin und wider. Die Menge vermehrte sich, blieb endlich stehen, so dass sie mich zuletzt umgab. Ich bemerkte wohl, dass mein Zeichnen Aufsehen erregt hatte, ich liess mich aber nicht stoeren und fuhr ganz gelassen fort. Endlich draengte sich ein Mann zu mir, nicht von dem besten Ansehen, und fragte, was ich da mache. Ich erwiderte ihm, dass ich den alten Turm abzeichne, um mir ein Andenken von Malcesine zu erhalten. Er sagte darauf, es sei dies nicht erlaubt, und ich sollte es unterlassen. Da er dieses in gemeiner venezianischer Sprache sagte, so dass ich ihn wirklich kaum verstand, so erwiderte ich ihm, dass ich ihn nicht verstehe. Er ergriff darauf mit wahrer italienischer Gelassenheit mein Blatt, zerriss es, liess es aber auf der Pappe liegen. Hierauf konnt' ich einen Ton der Unzufriedenheit unter den Umstehenden bemerken, besonders sagte eine aeltliche Frau, es sei nicht recht, man solle den Podesta rufen, welcher dergleichen Dinge zu beurteilen wisse. Ich stand auf meinen Stufen, den Ruecken gegen die Tuere gelehnt, und ueberschaute das immer sich vermehrende Publikum. Die neugierigen starren Blicke, der gutmuetige Ausdruck in den meisten Gesichtern und was sonst noch alles eine fremde Volksmasse charakterisieren mag, gab mir den lustigsten Eindruck. Ich glaubte, das Chor der Voegel vor mir zu sehen, das ich als Treufreund auf dem Ettersburger Theater oft zum besten gehabt. Dies versetzte mich in die heiterste Stimmung, so dass, als der Podesta mit seinem Aktuarius herankam, ich ihn freimuetig begruesste und auf seine Frage, warum ich ihre Festung abzeichnete, ihm bescheiden erwiderte, dass ich dieses Gemaeuer nicht fuer eine Festung anerkenne. Ich machte ihn und das Volk aufmerksam auf den Verfall dieser Tuerme und dieser Mauern, auf den Mangel von Toren, kurz auf die Wehrlosigkeit des ganzen Zustandes und versicherte, ich habe hier nichts als eine Ruine zu sehen und zu zeichnen gedacht.
Man entgegnete mir: wenn es eine Ruine sei, was denn dran wohl merkwuerdig scheinen koenne? Ich erwiderte darauf, weil ich Zeit und Gunst zu gewinnen suchte, sehr umstaendlich, dass sie wuessten, wie viele Reisende nur um der Ruinen willen nach Italien zoegen, dass Rom, die Hauptstadt der Welt, von den Barbaren verwuestet, voller Ruinen stehe, welche hundertund aber hundertmal gezeichnet worden, dass nicht alles aus dem Altertum so erhalten sei, wie das Amphitheater zu Verona, welches ich denn auch bald zu sehen hoffte.
Der Podesta, welcher vor mir, aber tiefer stand, war ein langer, nicht gerade hagerer Mann von etwa dreissig Jahren. Die stumpfen Zuege seines geistlosen Gesichts stimmten ganz zu der langsamen und trueben Weise, womit er seine Fragen hervorbrachte. Der Aktuarius, kleiner und gewandter, schien sich in einen so neuen und seltnen Fall auch nicht gleich finden zu koennen. Ich sprach noch manches dergleichen; man schien mich gern zu hoeren, und indem ich mich an einige wohlwollende Frauengesichter wendete, glaubte ich, Beistimmung und Billigung wahrzunehmen.
Als ich jedoch des Amphitheaters zu Verona erwaehnte, das man im Lande unter dem Namen Arena kennt, sagte der Aktuarius, der sich unterdessen besonnen hatte, das moege wohl gelten, denn jenes sei ein weltberuehmtes roemisches Gebaeude, an diesen Tuermen aber sei nichts Merkwuerdiges, als dass es die Grenze zwischen dem Gebiete Venedigs und dem oestreichischen Kaiserstaate bezeichne und deshalb nicht ausspioniert werden solle. Ich erklaerte mich dagegen weitlaeufig, dass nicht allein griechische und roemische Altertuemer, sondern auch die der mittlern Zeit Aufmerksamkeit verdienten. Ihnen sei freilich nicht zu verargen, dass sie an diesem von Jugend auf gekannten Gebaeude nicht so viele malerische Schoenheiten als ich entdecken koennten. Gluecklicherweise setzte die Morgensonne Turm, Felsen und Mauern in das schoenste Licht, und ich fing an, ihnen dieses Bild mit Enthusiasmus zu beschreiben. Weil aber mein Publikum jene belobten Gegenstaende im Ruecken hatte und sich nicht ganz von mir abwenden wollte, so drehten sie auf einmal, jenen Voegeln gleich, die man Wendehaelse nennt, die Koepfe herum, dasjenige mit Augen zu schauen, was ich ihren Ohren anpries, ja der Podesta selbst kehrte sich, obgleich mit etwas mehr Anstand, nach dem beschriebenen Bilde hin. Diese Szene kam mir so laecherlich vor, dass mein guter Mut sich vermehrte und ich ihnen nichts, am wenigsten den Efeu schenkte, der Fels und Gemaeuer auf das reichste zu verzieren schon Jahrhunderte Zeit gehabt hatte.
Der Aktuarius versetzte drauf, das lasse sich alles hoeren, aber Kaiser Joseph sei ein unruhiger Herr, der gewiss gegen die Republik Venedig noch manches Boese im Schilde fuehre, und ich moechte wohl sein Untertan, ein Abgeordneter sein, um die Grenzen auszuspaehen.
"Weit entfernt", rief ich aus, "dem Kaiser anzugehoeren, darf ich mich wohl ruehmen, so gut als ihr, Buerger einer Republik zu sein, welche zwar an Macht und Groesse dem erlauchten Staat von Venedig nicht verglichen werden kann, aber doch auch sich selbst regiert und an Handelstaetigkeit, Reichtum und Weisheit ihrer Vorgesetzten keiner Stadt in Deutschland nachsieht. Ich bin naemlich von Frankfurt am Main gebuertig, einer Stadt, deren Name und Ruf gewiss bis zu euch gekommen ist."
"Von Frankfurt am Main!" rief eine huebsche junge Frau, "da koennt Ihr gleich sehen, Herr Podesta, was an dem Fremden ist, den ich fuer einen guten Mann halte; lasst den Gregorio rufen, der lange daselbst konditioniert hat, der wird am besten in der Sache entscheiden koennen."
Schon hatten sich die wohlwollenden Gesichter um mich her vermehrt, der erste Widerwaertige war verschwunden, und als nun Gregorio herbeikam, wendete sich die Sache ganz zu meinem Vorteil. Dieser war ein Mann etwa in den Funfzigen, ein braunes italienisches Gesicht, wie man sie kennt. Er sprach und betrug sich als einer, dem etwas Fremdes nicht fremd ist, erzaehlte mir sogleich, dass er bei Bolongaro in Diensten gestanden und sich freue, durch mich etwas von dieser Familie und von der Stadt zu hoeren, an die er sich mit Vergnuegen erinnere. Gluecklicherweise war sein Aufenthalt in meine juengeren Jahre gefallen, und ich hatte den doppelten Vorteil, ihm genau sagen zu koennen, wie es zu seiner Zeit gewesen und was sich nachher veraendert habe. Ich erzaehlte ihm von den saemtlichen italienischen Familien, deren mir keine fremd geblieben; er war sehr vergnuegt, manches Einzelne zu hoeren, z. B. dass der Herr Allesina im Jahre 1774 seine goldene Hochzeit gefeiert, dass darauf eine Medaille geschlagen worden, die ich selbst besitze; er erinnerte sich recht wohl, dass die Gattin dieses reichen Handelsherrn eine geborne Brentano sei. Auch von den Kindern und Enkeln dieser Haeuser wusste ich ihm zu erzaehlen, wie sie herangewachsen, versorgt, verheiratet worden und sich in Enkeln vermehrt haetten.
Als ich ihm nun die genaueste Auskunft fast ueber alles gegeben, um was er mich befragt, wechselten Heiterkeit und Ernst in den Zuegen des Mannes. Er war froh und geruehrt, das Volk erheiterte sich immer mehr und konnte unserm Zwiegespraech zuzuhoeren nicht satt werden, wovon er freilich einen Teil erst in ihren Dialekt uebersetzen musste.
Zuletzt sagte er: "Herr Podesta, ich bin ueberzeugt, dass dieses ein braver, kunstreicher Mann ist, wohl erzogen, welcher herumreist, sich zu unterrichten. Wir wollen ihn freundlich entlassen, damit er bei seinen Landsleuten Gutes von uns rede und sie aufmuntere, Malcesine zu besuchen, dessen schoene Lage wohl wert ist, von Fremden bewundert zu sein." Ich verstaerkte diese freundlichen Worte durch das Lob der Gegend, der Lage und der Einwohner, die Gerichtspersonen als weise und vorsichtige Maenner nicht vergessend.
Dieses alles ward fuer gut erkannt, und ich erhielt die Erlaubnis, mit Meister Gregorio nach Belieben den Ort und die Gegend zu besehen. Der Wirt, bei dem ich eingekehrt war, gesellte sich nun zu uns und freute sich schon auf die Fremden, welche auch ihm zustroemen wuerden, wenn die Vorzuege Malcesines erst recht ans Licht kaemen. Mit lebhafter Neugierde betrachtete er meine Kleidungsstuecke, besonders aber beneidete er mich um die kleinen Terzerole, die man so bequem in die Tasche stecken konnte. Er pries diejenigen gluecklich, die so schoene Gewehre tragen duerften, welches bei ihnen unter den peinlichsten Strafen verboten sei. Diesen freundlich Zudringlichen unterbrach ich einigemal, meinem Befreier mich dankbar zu erweisen. "Dankt mir nicht", versetzte der brave Mann, "mir seid Ihr nichts schuldig. Verstuende der Podesta sein Handwerk und waere der Aktuar nicht der eigennuetzigste aller Menschen, Ihr waeret nicht so losgekommen. Jener war verlegener als Ihr, und diesem haette Eure Verhaftung, die Berichte, die Abfuehrung nach Verona auch nicht einen Heller eingetragen. Das hat er geschwind ueberlegt, und Ihr wart schon befreit, ehe unsere Unterredung zu Ende war."
Gegen Abend holte mich der gute Mann in seinen Weinberg ab, der den See hinabwaerts sehr wohlgelegen war. Uns begleitete sein funfzehnjaehriger Sohn, der auf die Baeume steigen und mir das beste Obst brechen musste, indessen der Alte die reifsten Weintrauben aussuchte.
Zwischen diesen beiden weltfremden, wohlwollenden Menschen, in der unendlichen Einsamkeit dieses Erdwinkels ganz allein, fuehlte ich denn doch, wenn ich die Abenteuer des Tages ueberdachte, auf das lebhafteste, welch ein wunderliches Wesen der Mensch ist, dass er dasjenige, was er mit Sicherheit und Bequemlichkeit in guter Gesellschaft geniessen koennte, sich oft unbequem und gefaehrlich macht, bloss aus der Grille, die Welt und ihren Inhalt sich auf seine besondere Weise zuzueignen.
Gegen Mitternacht begleitete mich mein Wirt an die Barke, das Fruchtkoerbchen tragend, welches mir Gregorio verehrt hatte, und so schied ich mit guenstigem Wind von dem Ufer, welches mir laestrygonisch zu werden gedroht hatte.
Nun von meiner Seefahrt! Sie endete gluecklich, nachdem die Herrlichkeit des Wasserspiegels und des daran liegenden brescianischen Ufers mich recht im Herzen erquickt hatte. Da, wo an der Abendseite das Gebirge aufhoert, steil zu sein, und die Landschaft flaecher nach dem See faellt, liegen in einer Reihe, in einer Laenge von ungefaehr anderthalb Stunden, Gargnano, Boiacco, Cecina, Toscolan, Maderno, Verdom, Salo, alle auch wieder meist in die Laenge gezogen. Keine Worte druecken die Anmut dieser so reich bewohnten Gegend aus. Frueh um zehn Uhr landete ich in Bartolino, lud mein Gepaeck auf ein Maultier und mich auf ein anderes. Nun ging der Weg ueber einen Ruecken, der das Tal der Etsch von der Seevertiefung scheidet. Die Urwasser scheinen hier von beiden Seiten gegeneinander in ungeheuern Stroemungen gewirkt und diesen kolossalen Kieseldamm aufgefuehrt zu haben. Fruchtbares Erdreich ward in ruhigern Epochen darueber geschlemmt; aber der Ackersmann ist doch stets aufs neue von den immer wieder hervordringenden Geschieben geplagt. Man sucht soviel als moeglich ihrer loszuwerden, baut sie reihen--und schichtenweise uebereinander und bildet dadurch am Wege hin sehr dicke Quasimauern. Die Maulbeerbaeume sehen wegen Mangel an Feuchtigkeit nicht froehlich auf dieser Hoehe. An Quellen ist nicht zu denken. Von Zeit zu Zeit trifft man Pfuetzen zusammengeleiteten Regenwassers, woraus die Maultiere, auch wohl die Treiber ihren Durst loeschen. Unten am Flusse sind Schoepfraeder angebracht, um die tieferliegenden Pflanzungen nach Gefallen zu waessern.
Nun aber kann die Herrlichkeit der neuen Gegend, die man beim Herabsteigen uebersieht, durch Worte nicht dargestellt werden. Es ist ein Garten meilenlang und -breit, der, am Fuss hoher Gebirge und schroffer Felsen, ganz flach in der groessten Reinlichkeit daliegt. Und so kam ich denn am 10. September gegen ein Uhr hier in Verona an, wo ich zuerst noch dieses schreibe, das zweite Stueck meines Tagebuchs schliesse und hefte und gegen Abend mit freudigem Geiste das Amphitheater zu sehen hoffe.
Von der Witterung dieser Tage her melde ich folgendes. Die Nacht vom neunten auf den zehnten war abwechselnd hell und bedeckt, der Mond behielt immer einen Schein um sich. Morgens gegen fuenf Uhr ueberzog sich der ganze Himmel mit grauen, nicht schweren Wolken, die mit dem wachsenden Tage verschwanden. Je tiefer ich hinabkam, desto schoener war das Wetter. Wie nun gar in Bozen der grosse Gebirgsstock mitternaechtlich blieb, zeigte die Luft eine ganz andere Beschaffenheit; man sah naemlich an den verschiedenen Landschaftsgruenden, die sich gar lieblich durch ein etwas mehr oder weniger Blau voneinander absonderten, dass die Atmosphaere voll gleich ausgeteilter Duenste sei, welche sie zu tragen vermochte, und die daher weder als Tau oder Regen niederfielen, noch als Wolken sich sammelten. Wie ich weiter hinabkam, konnte ich deutlich bemerken, dass alle Duenste, die aus dem Bozner Tal, alle Wolkenstreifen, die von den mittaegigern Bergen aufsteigen, nach den hohem mitternaechtigen Gegenden zuzogen, sie nicht verdeckten, aber in eine Art Hoeherauch einhuellten. In der weitesten Ferne, ueber dem Gebirg, konnte ich eine sogenannte Wassergalle bemerken. Von Bozen suedwaerts haben sie den ganzen Sommer das schoenste Wetter gehabt, nur von Zeit zu Zeit ein wenig Wasser (sie sagen acqua, um den gelinden Regen auszudruecken), und dann sogleich wieder Sonnenschein. Auch gestern fielen von Zeit zu Zeit einige Tropfen, und die Sonne schien immer dazu. Sie haben lange kein so gutes Jahr gehabt; es geraet alles; das ueble haben sie uns zugeschickt.
Das Gebirge, die Steinarten erwaehne ich nur kuerzlich, denn Ferbers Reise nach Italien und Hacquets durch die Alpen unterrichten uns genugsam von dieser Wegstrecke. Eine Viertelstunde vom Brenner ist ein Marmorbruch, an dem ich in der Daemmerung vorbeifuhr. Er mag und muss, wie der an der andern Seite, auf Glimmerschiefer aufliegen. Diesen fand ich bei Kollmann, als es Tag ward; weiter hinab zeigten sich Porphyre an. Die Felsen waren so praechtig und an der Chaussee die Haufen so gaetlich zerschlagen, dass man gleich Voigtische Kabinettchen daraus haette bilden und verpacken koennen. Auch kann ich ohne Beschwerde jeder Art ein Stueck mitnehmen, wenn ich nur Augen und Begierde an ein kleineres Mass gewoehne. Bald unter Kollmann fand ich einen Porphyr, der sich in regelmaessige Platten spaltet, zwischen Branzoll und Neumarkt einen aehnlichen, dessen Platten jedoch sich wieder in Saeulen trennen. Ferber hielt sie fuer vulkanische Produkte, das war aber vor vierzehn Jahren, wo die ganze Welt in den Koepfen brannte. Hacquet schon macht sich darueber lustig.
Von den Menschen wusste ich nur weniges und wenig Erfreuliches zu sagen. Sobald mir vom Brenner Herunterfahrendem der Tag aufging, bemerkte ich eine entschiedene Veraenderung der Gestalt, besonders missfiel mir die braeunlich bleiche Farbe der Weiber. Ihre Gesichtszuege deuten auf Elend, Kinder waren ebenso erbaermlich anzusehen, Maenner ein wenig besser, die Grundbildung uebrigens durchaus regelmaessig und gut. Ich glaube die Ursache dieses krankhaften Zustandes in dem haeufigen Gebrauch des tuerkischen und Heidekorns zu finden. Jenes, das sie auch gelbe Blende nennen, und dieses, schwarze Blende genannt, werden gemahlen, das Mehl in Wasser zu einem dicken Brei gekocht und so gegessen. Die jenseitigen Deutschen rupfen den Teig wieder auseinander und braten ihn in Butter auf. Der welsche Tiroler hingegen isst ihn so weg, manchmal Kaese darauf gerieben, und das ganze Jahr kein Fleisch. Notwendig muss das die ersten Wege verleimen und verstopfen, besonders bei den Kindern und Frauen, und die kachektische Farbe deutet auf solches Verderben. Ausserdem essen sie auch noch Fruechte und gruene Bohnen, die sie in Wasser absieden und mit Knoblauch und oel anmachen. Ich fragte, ob es nicht auch reiche Bauern gaebe. --"Ja freilich."--"Tun sie sich nichts zugute? essen sie nicht besser?"--"Nein, sie sind es einmal so gewohnt."--"Wo kommen sie denn mit ihrem Gelde hin? Was machen sie sonst fuer Aufwand?"--"O, die haben schon ihre Herren, die es ihnen wieder abnehmen."--Das war die Summa des Gespraechs mit meiner Wirtstochter in Bozen.
Ferner vernahm ich von ihr, dass die Weinbauern, die am wohlhabendsten scheinen, sich am uebelsten befinden, denn sie sind in den Haenden der staedtischen Handelsleute, die ihnen bei schlechten Jahren den Lebensunterhalt vorschiessen und bei guten den Wein um ein Geringes an sich nehmen. Doch das ist ueberall dasselbe.
Was meine Meinung wegen der Nahrung bestaetigt, ist, dass die Stadtbewohnerinnen immer wohler aussehen. Huebsche, volle Maedchengesichter, der Koerper fuer ihre Staerke und fuer die Groesse der Koepfe etwas zu klein, mitunter aber recht freundlich entgegenkommende Gesichter. Die Maenner kennen wir durch die wandernden Tiroler. Im Lande sehen sie weniger frisch aus als die Weiber, wahrscheinlich, weil diese mehr koerperliche Arbeiten, mehr Bewegung haben, die Maenner hingegen als Kraemer und Handwerksleute sitzen. Am Gardasee fand ich die Leute sehr braun und ohne den mindesten roetlichen Schein der Wangen, aber doch nicht ungesund, sondern ganz frisch und behaglich aussehend. Wahrscheinlich sind die heftigen Sonnenstrahlen, denen sie am Fusse ihrer Felsen ausgesetzt sind, hievon die Ursache.

