Jaris Büchergebrabbel

31.08.2012 um 21:46 Uhr

[Rezension] Ein Blinder unter Blinden

von: Jari   Kategorie: Leseeindrücke

Inhalt:

Eine namenlose Stadt irgendwo auf der Welt, eine Stadt wie jede andere auch. Aber plötzlich befindet sich diese Stadt im Ausnahmezustand. Eine geheimnisvolle Seuche hat sie heimgesucht.
Es hat mit einem ersten Opfer angefangen, doch bald schon ist die ganze Stadt von der Krankheit befallen. Niemand weiss, weshalb die Bewohner dieser Stadt von einem Moment auf den anderen erblinden. Niemand weiss, ob es ein Gegenmittel gibt. Niemand weiss, wann es aufhören wird. Falls es irgendwann aufhören will.

Doch selbst in tiefster Dunkelheit gibt es Hoffnung... 

Meine Meinung:

"Die Stadt der Blinden" von José Saramago ist ein verblüffendes Buch, eine ruhig und gelassen erzählte Geschichte, die den Leser bis ins Tiefste aufrührt.

Es beginnt mit dem ersten Blinden, der von einer Minute auf die andere blind wird. Dann folgt die nächste Person, dann die nächste, bis die ganze Stadt betroffen ist. Die ersten Opfer werden in einer Anstalt eingepfercht, um ein übergreifen auf die gesunde Bevölkerung zu verhindern. Aber auch das hilft nicht.

Die Geschichte selbst dreht sich um eine kleine Gruppe, die in eben jener Anstalt aufeinander trifft. Teil dieser Gruppe ist die Frau des Arztes, die einzige Person der ganzen Stadt, die nicht erblindet. Wieso das so ist, erfahren wir nie. Wir erfahren auch nie, weshalb die Seuche ausgebrochen ist. Das Buch wirft viele Fragen auf, doch der Leser muss sie sich selbst beantworten.

Wichtiger ist Saramago das Leben. Er schildert das Leben, den Tod, die Krankheit, alles existiert nebeneinander, miteinander, aufeinander. Die Gruppe erlebt Schreckliches, die Gefangenschaft, den Hunger, Schmutz und Krankheit. Dennoch schaffen sie es, indem sie zusammenhalten.

Die hervorstechendste Person ist selbstverständlich die Frau des Arztes, die, als einzige mit funktionierenden Augen gesegnet, die sanfte Führung übernimmt. Sie fühlt sich verantwortlich, hilft, wo sie kann und ist allen eine Übermutter. Sie beeindruckte mich immer wieder aufs Neue, eine so faszinierende Person ist mir selten begegnet.

Saramago hat eine eigene Sprache entwickelt, die ihresgleichen sucht. Deshalb finde ich ihn einen so faszinierenden Schriftsteller. Direkte Rede existiert nicht, alles ist Text. Alles ist erzählt. Genau das macht diese Geschichte so intensiv. Man kann den Schmutz fühlen. Die Verzweiflung. Die Toten. Die Lebenden. Immer wieder die Toten und die Lebenden.

Nein, für Zwischendurch ist dieses Buch nichts. Aber es bleibt haften, hat man es einmal gelesen. "Die Stadt der Blinden" gehört zu jenen Büchern, die man schwerlich wieder vergisst. Man vergisst vielleicht die Passagen, das Geredete, aber man vergisst nicht das Gefühl, das einen beschleicht, während man es liest. Dieses unangenehme Gefühl, das einen sagt, dass es uns gut geht. Dass der Müll morgen weggebracht wird, dass wir duschen können, dass wir ein warmes Bett haben.

Aber vielleicht reicht das nicht. Wer weiss. Vielleicht sind wir auch alle blind? Blinde unter Blinden. 

Fazit: 

Eine intensiv erzählte Geschichte, für die man sich Zeit nehmen muss. Auf die man sich einlassen muss. Eben ein ganz grosses Stück Literatur. Mehr muss ich nicht sagen.

José Saramago
Die Stadt der Blinden
HC mit Schutzumschlag, 1997
Rowohlt

3-498-06318-9

Aus dem Portugiesischen von Ray-Güde Mertin
Originalausgabe: Ensaio sobre a Cegueira
Editorial Caminho, Lissabon 1995

30.08.2012 um 21:56 Uhr

[Rezension] Elefanten am Himmel

von: Jari   Kategorie: Leseeindrücke

Inhalt:

Es ist lange her, seit Julia ihre Reise nach Burma angetreten hat, um das Geheimnis ihres Vaters zu ergründen. Nun lebt sie ihr Leben in New York und schlägt sich durch ihre Tage. Dass sie einsam ist, will sie sich nicht eingestehen, bis eines Tages diese geheimnisvolle Stimme in ihrem Kopf auftaucht und beginnt, ihr Fragen zu stellen.

Woher kommt diese Stimme und was will sie von Julia? Es gibt nur eine Möglichkeit, diese Fragen zu beantworten: Julia muss noch einmal zurück. Zurück nach Burma. Zurück zu ihrem Halbbruder und hinein in eine neue Geschichte... 

Meine Meinung:

Ich musste Jan-Philipp Sendkers neues Werk "Herzenstimmen" erst einige Tage ruhen lassen, da ich ziemlich voreingenommen an die Lektüre herangegangen bin und gleich nach der Lektüre bestimmt keine Rezension hinbekommen. Wahrscheinlich wäre es dann nicht einmal ein Verriss geworden. Deshalb habe ich mich erst einmal etwas vom Buch abgewandt, damit ich jetzt in aller Ruhe meine Gedanken zu "Herzenstimmen" niederschreiben kann.

Wie gesagt war ich sehr voreingenommen. Jetzt, nach dem Lesen, kann ich sagen, dass es schlimmer hätte sein können. Nicht, dass mir das Buch wirklich gefallen hätte, aber es gab einige Szenen, die mir sehr gut gefallen haben.

Der Aufbau von "Herzenstimmen" wurde vom ersten Teil "Herzenhören" übernommen. Julia reist nach Burma, um eine Geschichte zu hören und ein Geheimnis zu lüften.

Es war die Binnenhandlung, die ich gerne gelesen habe. Es ist die Geschichte der Stimme, die sich in Julia eingenistet hat. Eine Frau namens Nu Nu, die in ihrem Leben so viel ertragen musste, dass ich ab und an wirklich schlucken musste. Vor allem, als Nu Nu eine Entscheidung treffen muss, die das Leben ihrer Familie für immer verändern wird.

Ebenfalls erfährt man viel über das Leben in Burma. Das Leben während des Krieges, wie es in den Lagern zu und her ging. Was die jungen Männer, meist noch Jungs, alles ertragen und erdulden mussten. Auch hier versteckt sich wieder ein Geheimnis und wieder treffen wir auf eine Form der Liebe.

Dieses Thema hat Sendker nämlich ein weiteres sehr gut verarbeitet. Er zeigt auf, dass es nicht nur die Liebe zwischen Mann und Frau gibt, sondern dass die Liebe viele verschiedene Gesichter hat. Die Liebe einer Mutter zu ihrem Kind, Geschwisterliebe, Freundschaft. Die Liebe ist so vielseitig und schillernd, dies einzufangen, darauf versteht sich Sendker wirklich gut.

Warum dann also diese schlechte Bewertung?

Deshalb, weil es dieses Buch auf diese Art tatsächlich nicht gebraucht hätte. Nicht nur, weil "Herzenhören" keiner Fortsetzung bedarf, sondern auch, weil Sendker mit der Geschichte um Julia, die hier, im Gegensatz zu "Herzenhören", das die Geschichte von Julias Vater ist, definitiv im Vordergrund steht.

Doch Julia ist hier farblos und grau. Sie ist ein seelisches Frack und obwohl sie Dinge durchgemacht hat, die ich keiner Frau wünsche, konnte ich kein bisschen Mitleid für sie finden. Oft kam sie mir naiv und einfältig vor, sodass ich sie am liebsten geschüttelt hätte. Sie kam mir vor wie ein Teenager, der meint, er kenne die Welt, bloss, dass Julia eine erwachsene Frau ist.

Die eingebaute Liebesgeschichte, die auf den letzten Seiten im Zeitraffer stattfindet, wirkt gewollt und erzwungen. Man hat es zwar kommen sehen, aber dass diese Geschichte so hineingequetscht wird, das hätte nicht sein müssen.

Die eingangs sehr präsente innere Stimme verliert irgendwann ziemlich an Wichtigkeit und gerät mehr und mehr in den Hintergrund. Als Auslöser für dieses Buch hätte sie eigentlich eine eingehendere Auseinandersetzung verdient. Zwar macht sie neugierig, da sie viele Dinge, die später geklärt werden, andeutet, doch sobald wir erfahren, wer die Stimme ist, ist ihre Rolle eigentlich gespielt und aus.

Somit kann ich abschliessend bloss sagen, dass Sendker vielleicht die Binnenhandlung hätte nehmen und damit arbeiten sollen, dann wäre vielleicht ein Buch entstanden, das in seiner Schönheit an "Herzenhören" heranreichen hätte können.

Ich bin gespannt darauf, was andere Leser dazu sagen werden. Vor allem jene, die den ersten Teil, den man zum Verstehen jedoch nicht gelesen haben muss, nicht kennen. 

Fazit: 

Auch nach der Lektüre von "Herzenstimmen" bin ich nicht von meiner Meinung abgerückt, dass dieses Buch "Die unnötigste Fortsetzung des Jahres" ist. Dennoch konnte die schöne Binnenhandlung einiges retten.

Doch wer Sendker lesen möchte, dem empfehle ich dennoch lieber "Herzenhören", welches eine originelle, neue und magische Geschichte erzählt, während "Herzenstimmen" eher Themen recyclet, die bereits in x Romanen erzählt werden.

Jan-Philipp Sendker
Herzenstimmen
HC mit Schutzumschlag, 2012
Blessing

978-3-89667-448-7 

30.08.2012 um 19:44 Uhr

[Leserunden] José Saramago - Die Stadt Der Blinden Teil 8

von: Jari   Kategorie: Leserunden

 José Saramago - Die Stadt der Blinden
8. Teil: Seite 359 bis Schluss "Nach zwei Tagen, sagte der Arzt..."
 
Ich hab es fertig gelesen. Konnte nicht mehr warten. So ging es also. Was hatte es wohl mit den Statuen auf sich? Was ist ihre Rolle im Fall der Blindheit? Weshalb wurde die ganze Stadt blind? Wieso heilten sie wieder? Wie geht es mit der Stadt weiter?
 
Interessant, worum sich der nächste Teil "Die Stadt der Sehenden" dreht... es passt sehr gut zu diesem Buch.
 
Ich bin noch immer erschüttert von dieser Lektüre... 

30.08.2012 um 19:10 Uhr

[Leserunden] José Saramago - Die Stadt Der Blinden Teil 7

von: Jari   Kategorie: Leserunden

 José Saramago - Die Stadt der Blinden
Seite 292 bis 358 "Sie zogen sich Kleidung und Schuhe an..."
 
Sie sind frei, was nicht bedeutet, dass die Gruppe jetzt im Paradies lebt, aber immerhin sind sie nicht mehr auf engstem Raum eingesperrt. Sie können sich frei bewegen, nach Essen suchen und sich im Regen waschen. Die Frau des Arztes ist hierbei eine grosse Hilfe. Schlussendlich liest sie den Anderen sogar vor, ein kleiner Schritt zurück in die Normalität.
 
Als ich vor einigen Tagen zur Arbeit lief, fuhr die Müllabfuhr an mir vorbei und ich realisierte, dass wir wirklich Glück haben, in dieser Gesellschaft zu leben. In Saramagos Stadt gibt es niemanden mehr, der den Müll wegbringt. Oder sich um die Kranken sorgt. Oder warmes Essen... 
 
Ziemlich beeindruckend, das Ganze. Beeindruckend und beängstigend. 

29.08.2012 um 21:58 Uhr

[Kurzgebrabbel] In Grossbritannien

von: Jari   Kategorie: Kurzgebrabbel

Wer für einen Kurztrip nach London reist, kann sich an den Führer von Polyglott halten. Angenehmes Taschenformat, die herausnehmbare Karte und eine gute Übersicht zeichnen diesen Reiseführer aus. Was mir besonders postiv auffällt, ist dass er mit Adressen zurückhaltend ist. Restaurants, Hotels etc. werden angegeben, machen aber nicht das gesamte Buch aus. 
Der Polyglott erklärt dem Reisenden die einzelnen Teile der Stadt und welche Sehenswürdigkeiten es genau dort gibt. Für Leute wie mich, die oft spontan irgendwohin gehen, ist diese Gliederung perfekt.
Unterdessen habe ich mir bereits alle Dinge markiert, die ich unbedingt sehen will (als ob ich das nicht schon zuvor gewusst hätte) und freue mich schon richtig auf die Woche in London!

Artemis' Mutter ist krank und wenn nicht bald ein Medikament gefunden wird, wird sie wahrscheinlich sterben! Das kann Artemis Fowl natürlich nicht geschehen lassen. Lieber reist er noch einmal durch die Zeit, um einen Lemuren zu retten, der wiederum seine Mutter retten kann. Aber Artemis hat einen Gegenspieler. Den schlimmsten, den man sich wünschen kann: Nämlich Artemis Fowl. Nur einige Jahre jünger und einige Jahre skrupelloser...
Nachdem mir der letzte Band der Reihe nicht so gut gefallen hat, war ich skeptisch. Doch jetzt, nachdem ich während des Lesens fast in ein Auto gelaufen wäre, muss ich gestehen, dass "Das Zeitparadox" neben dem ersten Band mein Liebling ist.
Zwar sind nicht alle Szenen geglückt, aber dieser Teil hat es einfach in sich. So viel Spannung, so viele Twists und Turns, immer wieder geschah etwas Unerwartetes, etwas Neues. Aber was erwartet man, wenn Artemis Fowl auf Artemis Fowl trifft? Die Lektüre war einfach herrlich. Herrlich spannend und herrlich komisch.
Wie immer verarbeitet Colfer viele technische Details und ich kann mich nur fragen, woher er all diese visionären Ideen hat. In "Das Zeitparadox" kommen ausserdem viele Themen wie Tier- und Umweltschutz zur Sprache. Und natürlich ist da noch Jayjay, der Lemur.
Und genau während der Lektüre dieses tollen Buches muss ich erfahren, dass Band acht das letzte Abenteuer von Artemis sein soll... und ich frage mich, kann ich ohne Artemis Fowl sein? Geht das? Ist das Leben dann noch sinnvoll? Werden wir irgendwann mit dem Erdenvolk Kontakt aufnehmen? Bin ich eigentlich ein ausgesetzter Zwerg? 
 

29.08.2012 um 12:42 Uhr

[Rezension] Der Irrtum der Zeit

von: Jari   Kategorie: Leseeindrücke

Inhalt:

Seit dem Tod seiner Frau ist Peter Taler nur noch ein halber Mensch. Auf der verzweifelten Suche nach dem Mörder, der nie gefasst wurde, spielt er jeden Abend dieselbe Musik, kocht dasselbe Essen und riecht dieselben Düfte. Auf diese Weise versucht er, seine Frau am Leben zu erhalten.

Talers Nachbar Knupp gilt als verschroben und kann den Verlust seiner Frau ebensowenig verarbeiten wie Taler. Knupp jedoch hat einen Plan und Taler soll ihm dabei helfen, diesen irrsinnigen Plan durchzuführen. Das Ziel ist, die Umgebung in genau jenen Zustand zu versetzen, wie sie vor zwanzig Jahren war... 

Meine Meinung:

"Die Zeit, die Zeit" ist, obwohl "Lila, Lila" auf meinem SUB schläft, mein erster Roman von Martin Suter. Wie schon in anderen Rezensionen angedeutet, ist der einzige Schweizer Schriftsteller, den ich akzeptiere, eigentlich Dürrenmatt. Von Suter habe ich bisher nicht viel gehalten. Bisher.

Wie der Titel schon sagt, beschäftigt sich Suters neuer Roman mit dem Thema Zeit. Ein Thema, das schwer zu greifen, schwer zu beschreiben und schwer zu verstehen ist. Knupps Idee scheint wahnsinnig zu sein, doch seine Argumente sind stark und Taler lässt sich auf das Projekt ein. Was der Leser davon halten soll? Das soll jeder selbst entscheiden. Suter bietet diesbezüglich keine definitive Antwort.

Anfangs steckte ich Suters Sprache in die Schublade "Bünzlisprache", der sich so viele Schweizer bedienen, weswegen ich meist einen Bogen um sie mache. Doch nach den ersten paar Seiten verflog dieser Eindruck und die Geschichte hatte mich gepackt.

Suter schildert eindrücklich, wie Taler unter dem Mord an seiner Frau leidet und als letzten Strohhalm die Enttarnung des Mörders sieht. Als dann noch der alte Knupp ins Spiel kommt, klebte ich sozusagen an diesem Buch und ich wollte mehr als alles andere wissen, wie diese verrückte Sache endet.

Sollte Knupp am Ende Recht behalten? Gibt es die Zeit? Oder ist sie bloss eine Illusion, wie die "Kerbeler" behaupten? Ab und zu lief mir tatsächlich ein kalter Schauer den Rücken hinunter. Dieses Buch bietet viel Stoff und Diskussionsmaterial. Mehr als einmal dachte ich anerkennend "harter Tobak!".

Fazit: 

Ein Buch, das mit einem faszinierenden Thema aufwartet und das jenseits von Zeitreisen. Wer sich auf ein spannendes Gedankenkarussel wagen möchte, sollte "Die Zeit, die Zeit" lesen. Ebenfalls ist es ein eindrückliches Paradigma, zu was Menschen in der Lage sind, wenn sie den Boden unter den Füssen verlieren.

"Die Zeit, die Zeit" hat mich wirklich begeistert und ich bin gesapannt auf "Lila, Lila", das ich hoffentlich bald zu lesen komme. Sollte es auch so gut sein, wie dieser Roman hier, werde ich vielleicht sogar noch ein regelmässiger Leser von Suter? 

                                           

Martin Suter
Die Zeit, die Zeit
HC, 2012
Diogenes

978-3-257-86219-5 

28.08.2012 um 19:03 Uhr

[Rezension] Ich bin du

von: Jari   Kategorie: Leseeindrücke

Inhalt:

Als ob es nicht schon lästig genug wäre, dass sein Flug verzögert wird, wird Jérôme Angust während des Wartens auch noch angequatscht. Der Fremde lässt sich partout nicht abschütteln und will nicht damit aufhören, Jérôme die verrücktesten Dinge zu erzählen. Doch bald stellt sich heraus, dass ihr Zusammentreffen kein Zufall war und der Fremde gar kein Fremder ist...

Meine Meinung:

"Kosmetik des Bösen" ist wohl das berühmteste Werk von Amélie Nothomb und ich bin froh, dass ich endlich dazu gekommen bin, auch dieses Werk der französischen Schriftstellerin zu lesen. 

Wer Nothomb kennt, weiss um ihre Art zu schreiben. Ihre kühle, distanzierte Art, die dennoch Interesse weckt, am Abgrund, der hinter allem lauert. Die Fasziniation am Bösen, am Abartigen. Genau darum geht es auch in "Kosmetik des Bösen".

Wobei hier die nothombsche Kälte weniger zum Zuge kommt, da das Buch hauptsächlich in der direkten Rede stattfindet. Das tut der Abscheulichkeit jedoch keinen Abbruch. Im Gegenteil. Was wir hier lesen ist Psychologie vom Feinsten. Nothomb nimmt den herkömmlichen Menschen und reisst seine Seele entzwei. Was übrig bleibt? Die Dunkelheit. Und Textor Texel. Ein Holländer.

Amélie Nothomb gehört zu meinen Lieblingsautoren. Ohne wenn und aber. "Kosmetik des Bösen" liess mir kalte Schauer den Rücken hinunter laufen, oft wurde mir fast übel. Und das auf nicht einmal 110 Seiten. Ich las es vor der Arbeit und sogar später noch beschlich mich das beklemmende Gefühl, das ich während des Lesens empfand.

Nothomb ist gut, sie ist eine Meisterin ihres Werkes. Sie ist für mich die Meisterin der menschlichen Psyche. Der kurzen, knappen, reduzierten Sätze, die das Grauen nur oberflächlich Beschreiben. Das ist die Grausamkeit der Amélie Nothomb.

Ein richtig gutes Buch einer richtig guten Autorin. 

Fazit:

Nur wer sich wagt, in die unendlichen Tiefen hinter der Maske der Menschheit zu schauen, sollte sich an diese Autorin wagen. Jedem, der sich auf diesen Ausflug einlassen will, wünsche ich gute Reise.

Nein, Nothomb ist definitiv nicht jedermanns Sache. Ich für meinen Teil verehre sie mit jedem Buch mehr.

Amélie Nothomb
Kosmetik des Bösen
TB, 2004
Diogenes

978-3-257-23475-6

Aus dem Französischen von Brigitte Grosse
Originalausgabe: Cosmétique de l'ennemi 
Éditions Albin Michel, Paris 2001

27.08.2012 um 21:01 Uhr

[Leserunden] José Saramago - Die Stadt der Blinden Teil 6

von: Jari   Kategorie: Leserunden

 José Saramago - Die Stadt der Blinden£
6. Teil: Seite 265 bis 291 "Man sagt zu einem Blinden..."
 
Ein kurzes Kapitel, also nicht so viel zu berichten. Die ganze Stadt ist blind und in wilden Horden ziehen sie umher. Nein, das Lager hat nichts gebracht. Anscheinend waren es die vom Militär, die als letzte erblindet sind. Dennoch sind jetzt auch sie blind.
Bleibt also nur die Frau des Arztes. Wieso ist sie nicht blind?
Die Szene mit dem Hund fand ich übrigens herzzerreissend. Wie schön, dass er mit darf und sogar noch etwas zu Essen bekommt!
Doch frage ich  mich immer noch, ob die Leute je wieder sehen werden können... 

27.08.2012 um 11:25 Uhr

[Leserunden] José Saramago - Die Stadt Der Blinden Teil 5

von: Jari   Kategorie: Leserunden

 
José Saramago - Die Stadt der Blinden
5. Teil: Seite 197 bis 264 "Wenn der Blinde mit dem Auftrag..."
 
Man, das war ein deftiger Teil! So viel Schreckliches auf einen Haufen. Die Vergewaltigungen, das Hungerleiden und dann der Aufstand und der Brand...

Natürlich musste es irgendwann so kommen, dass jemand die Macht, die gesamte Macht, an sich reisst. Und der mit der Waffe ist der Stärkere. Und der Stärke bestimmt. Leiden müssen die Schwächeren. Vor allem natürlich die Frauen.
 
Wieder fand ich den Pirat ganz toll. Ausserdem grossen Respekt an die Frau des Arztes, die den Mut aufbrachte, den Blinden mit der Pistole zu töten. Irgendjemand musste es ja tun und wenn nicht sie - wer dann?
 
Jetzt bin ich mehr gespannt denn je, zu erfahren, wie es nun weitergeht. Wird die Blindheit wieder verschwinden? Ist die ganze Stadt erbilndet? Sogar das Militär ist von seinem Posten verschwunden... Wie weiter? 

25.08.2012 um 19:11 Uhr

[Rezension] Das Jugendfest

von: Jari   Kategorie: Leseeindrücke

Inhalt:

Das alljährliche Jugendfest verändert seit über 400 Jahren das Leben der jungen Leute.

Nun kommt Mauro nach mehreren Jahren in Italien wieder in die Schweiz zurück, da seine Mutter an Alzheimer erkrankt ist. Er ist schwer überfordert mit der Situation, aber er gibt sein Bestes.
Bei einem gemeinsamen Ausflug beginnt die alte Mutter plötzlich mit einem unbekannten Soldaten zu tanzen und Mauro fragt sich, in welcher Zeit sich seine Mutter nun aufhält.
Was ist damals geschehen vor so vielen Jahren? Die nächsten Tage werden nicht nur Mauros Leben grundlegend verändern. Es ist Zeit, dass Geheimnisse ans Licht kommen...

 

Meine Meinung:

Das wunderschöne Cover von Urs Augstburgers Buch "Als der Regen kam" machte mich sehr neugierig und auch das Thema sprach mich an. Tatsächlich ist es ein schönes und berührendes Buch, dennoch konnte es mich nicht auf ganzer Linie überzeugen.

Was mir gefallen hat, war, wie Augstburger die unterschiedlichen Blickwinkel der Geschichte schilderte. Er beschreibt Mauros Überforderung mit der Krankheit seiner Mutter, seine Einsamkeit als Junge und auch die Einblicke in die Gedankenwelt der Mutter sind gut gemacht. Wer weiss schon, wie es im Kopf eines an Alzheimer Erkrankten aussieht?

Die Verbindung von mehreren historischen Ebenen ist Augstburger ebenfalls gut geglückt. Einerseits haben wir die Gegenwart mit Iphone und Handy. Dann haben wir die 50er-Jahre, als die Italiener in die Schweiz kamen und überall beschimpft wurden. Ausserdem reisen wir in die direkte Nachkriegszeit als Mauros Mutter jung ist. Dort liegt auch der Kern der Geschichte.

Nun, weshalb konnte mich das Buch trotzdem nicht ganz überzeugen?
Weil es zu viel auf einmal ist. Der Autor deutet so viel an, wirft so viele Fragen auf, dass man rasch den Faden verliert. Dort ist einer mit seiner Geschichte und Geheimnissen. Da noch einer und dort nochmal einer. So viele Fäden, so viele Namen und der Leser muss dies alles auf einmal entwirren.

Ich wusste schon bald nicht mehr, wo mir der Kopf stand. Ausserdem bin ich kein grosser Freund von 200 Seiten voller Andeutungen und Hinweisen und 2 Seiten Auflösung.

Was ebenfalls dazu führte, dass mir das Buch nicht wirklich gefallen hat, war die Tatsache, dass das Gerüst ziemlich durchschaubar ist. Sobald man mal alle Charaktere kennt, kann man sich die restlichen Seiten eigentlich sparen, es ist alles so vorhersehbar. Und natürlich gut mit Dramatik gewürzt. So sehr, dass es fast schon weh tut. 

Fazit: 

Schade, die Idee wäre eigentlich schön gewesen. Leider happert es an der Umsetzung. Wäre Augstburger etwas aufs Gaspedal getreten wäre es ein sehr schönes und anrührendes Buch geworden.
Nun werde ich das Buch ins Regal stellen und mich am Cover erfreuen. Wenigstens das.

Urs Augstburger
Als der Regen kam
HC, 2012
Klett-Cotta

978-3-608-93974-3 

25.08.2012 um 17:03 Uhr

[Rezension] Hetschnickelschuld

von: Jari   Kategorie: Leseeindrücke

Inhalt:

Seit sein bester Freund weggezogen ist, fühlt sich Hank, genannt Wolowitz, ziemlich einsam. Als er eines Tages unter dem Ausgussbecken seinen Lego-Propeller findet, ertastet der Junge anstatt Lego, plötzlich... Fell! Und das, obwohl unter dem Becken gar nichts ist! Aber Hank ist sich sicher, dass da etwas ist. Aber was? Kurze Zeit später rettet er dem unbekannten Wesen das Leben und es entpuppt sich als: Bandapat...

Meine Meinung:

Es war Liebe auf den ersten Blick: Ich musste Emily Jenkins' "Der unsichtbare Wink" einfach lesen! Das Cover sieht so putzig aus und ich wurde auch vom Inhalt nicht enttäuscht, der ist nämlich ebenso putzig wie das Cover.

"Der unsichtbare Wink" ist eine Geschichte, die uns, als erwachsene Leser, wieder an alte Kindheitstage denken lässt, als wir alle einen unsichtbaren Freund hatten. Denn Wink, der Bandapat, ist unsichtbar. Und er wird Hanks bester Freund.

Doch Winks Geschichte ist nicht einfach eine drollte Fantasiegeschichte, sondern beinhaltet weitaus mehr. Es behandelt Themen, die jedes Kind durchlebt. Der beste Freund zieht weg. Mobbing und keiner hilft. Und vor allem handelt das Buch von Freundschaft und Vertrauen.

Hank ist nicht einfach nur ein netter Junge, er ist real gezeichnet und man leidet mit ihm, wenn er sich zwar an die Eltern und die Lehrerin wendet, dass er gequält wird, aber niemand etwas tut. Und er wächst, als er sich zu wehren beginnt und realisiert, dass er Wink nicht zu etwas hätte zwingen dürfen, was dieser nicht wollte.

Wink ist ein Kinderbuch, das für Kinder eine tolle Geschichte enthält, von der sich auch etwas lernen können. Jenkins kommt jedoch nicht mit dem erhobenen Zeigefinger daher, sie lässt Hank in einer der Zielgruppe angepassten Sprache von seinem Leben und seinen Erfahrungen erzählen. Er ist ein Kind, wie es jedes Kind auch ist. Ein Kind, wie wir es mal waren. Er hat Identifikationspotential, ohne gross aufzutragen.

Ausserdem hat dieses Buch noch einen grossen Pluspunkt: Wink! Er ist zwar rotzfrech und lügt wie gedruckt, aber er ist ein treuer Freund und gibt Hank so viel, dass es einem einfach warm ums Herz wird. Ich würde auch gerne mal auf einen Bandapat treffen! 

Fazit: 

Ein durch und durch gelungenes Kinderbuch. Es hat alles was es braucht: einen Helden, mit dem man sich identifizieren kann, niedliche Zeichnungen (nur Hanks Schwester wurde nicht richtig getroffen), einen flauschigen Bandapat und Inhalt.

Jeder, der Kinder hat, sollte es ihnen vorlesen. Unbedingt vorlesen, damit auch Mama/Papa noch etwas von der Geschichte hat. Wir hatten doch nämlich auch alle einen: Einen unsichtbaren Freund.

Emily Jenkins
Der unsichtbare Wink
HC, 2012
Carlsen

978-3-551-55593-9

Mit Illustrationen von Joëlle Tourlonias
Aus dem Englischen von Gabriele Haefs
Originalausgabe: Invisible Inkling
Harper Collins, New York 2011 

24.08.2012 um 22:12 Uhr

Jari liest... Jan-Philipp Sendker

von: Jari   Kategorie: Jari liest...

Rückentext:

Eine ehrgeizige junge Frau, ein rätselhafter Brief aus Burma und die abenteuerliche Suche nach dem Geheimnis der inneren Stimme. In der grandiosen Fortsetzung seines internationalen Bestsellers "Das Herzenhören" lässt Jan-Phillip Sendker seine Heldin Julia an den faszinierenden Ort einer magischen Liebesgeschichte zurückkehren: Burma 

24.08.2012 um 22:02 Uhr

[Kurzgebrabbel] Punk'D

von: Jari   Kategorie: Kurzgebrabbel

Durch einen Arbeitsunfall werden Jack und seine Schwester in eine andere Welt katapultiert. In eine Welt, die wir Steampunk nennen. Rasch weicht Jacks erstes Interesse für die neue, faszinierende Welt dem Interesse an der noch faszinierenden Kapitänin Octavia. Doch in Octavias Welt herrscht Krieg und bald schon müssen sich die Beiden beweisen...
 
Weshalb bloss eine Kurzrezi zum Buch "Steamed" von Katie MacAlister? Nun, weil nicht allzu viel passiert. Es gibt zwar ein paar wilde Schlachten, aber sonst geht es hauptsächlich darum, dass Jack und Octavia um einander herumtanzen. Man gebe noch ein paar Ex-Freunde und einen notgeilen Latino hinzu - und fertig ist die Liebesschnulze. Trotz Steampunk nicht mein Geschmack. Zu viel Kitsch, zu wenig Spannung, zu wenig andere Handlung. Schade, schade, seis drum. Ab und zu waren Jack und Octavia ganz lustig, aber über 300 Seiten wird es etwas anstrengend.
 
 

23.08.2012 um 22:16 Uhr

[Rezension] Meeresglitzern

von: Jari   Kategorie: Leseeindrücke

Inhalt:

Schon beim ersten Treffen wissen Dora und Luka, dass etwas Besonderes sie verbindet. Jeder im Dorf kennt die Kinder, die jeden Tag zusammen verbringen und unzertrennlich sind. Doch dann zieht Dora mit ihrer Familie nach Paris und die Erinnerungen verblassen langsam.

Dennoch wissen beide, dass da etwas war. Es fehlt bloss ein Name. Eine Person. Etwas fehlt.

Bis zu dem Zeitpunkt, als sie sich in Paris wieder begegnen... 

Meine Meinung:

Natasa Dragnics "Jeden Tag, jede Stunde" ist eine Liebesgeschichte nach meinem Geschmack. Ein herrliches Buch, das ich nicht mehr aus der Hand geben wollte.

Dora und Luka sind schon als Kinder ein herrliches Gespann und auch später merkt man, dass diese Zwei einfach zusammen gehören. Doch ein Haufen Schicksalsschläge lässt sie nicht beisammen sein, doch einer kann nicht ohne den anderen...

Obwohl in der Geschichte Magie keine Rolle spielt, hat das Buch dennoch etwas Magisches an sich. Ist es die Erinnerung an das Meer in Kroatien? Wie das Licht auf das Wasser fällt? Das Eis schmilzt? Ist es Lukas Begabung für Bilder? Oder das Bewusstsein, dass Seelenverwandtschaft vielleicht doch existiert? Die Traurigkeit, die Verzweiflung, dass diese Seelen dennoch nicht beisammen sein können?

"Jeden Tag, jede Stunde" weckt die Sehnsucht nach dem Meer, nach Sonnenschein, nach Booten, die im Wasser dümpeln. Das Buch sollte man nicht im Urlaub lesen, sondern hinterher. Dann, wenn man sich im grauen Alltagstrott nach etwas Sonne sehnt.

Faszinierend, wie nah Traurigkeit, Einsamkeit und Unbeschwertheit, Liebe in diesem Buch sind.

Dora und Luka sind Menschen, zwar sehr begabt, aber dennoch wie du und ich. Sie machen Fehler oder tun Dinge, die ich nicht verstehen kann, aber immer mit einem Motivationsgrund. Das liess sie mir nahe sein und ich litt mit ihnen und freute mich für sie. 

Die Autorin ist eine verspielte Schreiberin. Sehr geschickt verwendet sie die Wiederholung. Manche Absätze lesen wir, bis uns klar wird, dass diese schon einmal aufgetaucht sind. Dies macht Dragnic so gekonnt, dass dem Leser das nicht negativ auffällt, sondern die wichtigen Szenen dadurch nur noch unterstrichen werden und einen bleibenden Eindruck hinterlassen.

Ein Buch, das ich mit einem genussvollen Seufzer zugeschlagen habe. 

Fazit: 

"Jeden Tag, jede Stunde" ist eine etwas melancholische Liebesgeschichte mit Happy End und eine Liebeserklärung ans Meer. Vor allem Leser von "Leon und Louise" treffen hier auf ein Paar, das ähnliche Dinge durchmachen muss wie die Liebenden von Capus.

 

Natasa Dragnic
Jeden Tag, jede Stunde
TB, 1. Auflage 2012
Btb 

22.08.2012 um 23:58 Uhr

[Leserunden] José Saramago - Die Stadt Der Blinden Teil 4

von: Jari   Kategorie: Leserunden

4. Teil: Seite 143 bis 196 "Die Ankunft so vieler Blinder..."
 
Ja, ich habe mich tatsächlich vertan und im letzten Post bereits über Dinge geredet, die im vierten Teil passieren. Entschuldigt! 

Dafür habe ich auch lange gebraucht, umd diesen Teil zu lesen. Natürlich liegt es nicht am Buch, denn das ist spannend und ergreifend, aber irgendwie kamen einfach andere Bücher dazwischen. Jetzt möchte ich endlich in "Die Stadt der Blinden" weiterlesen.
 
In diesem Teil gibt es noch andere Dinge, die geschehen. Es ist ein ziemlich ereignisreicher Teil. Die Banditen haben die Essensrationen unter sich gebracht, mit Gewalt natürlich. Der Kampf ums Überleben. Wären es nur fünf, zehn, zwanzig Blinde gewesen - sie hätten sich vielleicht einigen können. Aber jetzt sind es hunderte und da, es zeigt sich mal wieder, gewinnt der Stärkere.
 
Dafür finde ich das Bild des jungen Pärchens sehr schön. Sie machen Liebe, in einer Umgebung, in der man die Liebe nicht erwartet. Sie halten Händchen und schlafen gemeinsam ein.
Daneben sind der Arzt und seine Frau. Auf den Filmplakaten war die Frau ja relativ jung, aber auf mich machen die Beiden eher den Eindruck eines älteren, ruhigen Ehepaars, das über die Schönheiten und die Schwierigkeiten des Lebens Bescheid wissen. Und noch immer zusammen sind. Wahrscheinlich haben sie gemeinsam schon anderes ausgestanden.
 
Anfang und Ende in einem.
Und dann natürlich noch die Schere... 

21.08.2012 um 23:27 Uhr

[Rezension] Die juckende Hand

von: Jari   Kategorie: Leseeindrücke

Inhalt:

Die junge und unberührte Ana trifft auf den reichen Christian Grey und erliegt sofort dessen Charme. Obwohl sie sich sträubt, kann sie nichts gegen seine Annäherungsversuche ausrichten. Doch kann sie mit Greys zweitem Gesicht umgehen?

Meine Meinung:

Was soll ich sagen? Ja, ich habe es gelesen. E.L. James' "Shades of Grey" und obwohl das Buch sehr umfangreich ist, wird es diese Rezension wohl nicht werden. 

Ich habe es aus blosser Neugierde gelesen. Ich wollte selbst erfahren, was da wirklich drin steht. Ob etwas dran ist, an diesem "Skandalbuch". Ausserdem wollte ich herausfinden, zu welchem Lager ich gehöre: Dem der Liebhaber oder dem der Verriss-Schreiber.

Nun, ich bin weder noch. Für mich ist es ein Buch, das man mit einem Schulterzucken abtun kann und dann gleich wieder vergisst.

Was nicht heisst, dass es schlecht ist. Gut mag es zwar auch nicht sein, aber eigentlich hat es mich ein paar Stunden ganz ordentlich unterhalten. Ab und zu schimmerte sogar so etwas wie Humor durch und es war ganz witzig, Anas und Greys Geplänkel zuzusehen.

Aber dafür braucht es keine 600 Seiten. Nach der Hälfte ging mit Anas "innere Göttin" (was auch immer das sein mag) ziemlich auf den Geist, ebenso ihr ständiges Rotwerden und die ewigen Wiederholungen von bereits dagewesenem.

Bezüglich des Skandals: Enttäuschend. Da ist tatsächlich nichts. 
Ich komme nicht umhin zu sagen, dass ich gerne Erotik lese. Aveleen Avide habe ich bereits lobend erwähnt und dass ich Nalini Singh mag, kann ich nicht verheimlichen.
In "Shades of Grey" kommt zwar ab und an etwas Sex vor, manchmal sogar etwas Strafe, aber es fehlt an Gefühl. Kein Prickeln, keine Gänsehaut, kein "Ich muss unbedingt meinen Schatz anrufen". Sogar die Sexszenen las ich mit einem Schulterzucken.

t-Fanfiction beruht, muss ich sagen, dass James das ganz ordentlich hinbekommen hat. Man erkennt die Figuren, trotz geänderter Namen und sie verhalten sich wohl auch entsprechend der Vorlagen.

Lässt man diesen Aspekt weg, bleibt nicht viel. Für mich zumindest nicht. Ich kann diejenigen verstehen, die das Buch mögen. Ich kann diejenigen verstehen, die es nicht mögen. Mir ist es gleichgültig. 

Fazit: 

Viel Lärm um nichts, dem jungen Burschen, der bei mir das Buch gekauft hat, hätte ich sagen können, er kann die ersten 400 Seiten getrost auslassen. Aber immerhin habe ich es gelesen. Und wie gesagt, zum Zeitvertreib eignete es sich ganz gut.

E.L. James
Shades of Grey
Geheimes Verlagen
Broschiert, 6. Auflage 2012
Goldmann

978-3-442-47895-8

Aus dem Englischen von Andrea Brandl und Sonja Hauser

Originalausgabe: Fifty Shades of Grey
The Writer's Coffee Shop Publishing House, Australien 2011

20.08.2012 um 23:22 Uhr

[Rezension] Bei Strafe des Untergangs

von: Jari   Kategorie: Leseeindrücke

Inhalt:

Die Menschen sind von der Erdfläche verschwunden. Was hat ihren Untergang heraufbeschwört? War es die Liebe? Oder eine Zivilisationskrankheit? Es ist schon so lange her, dass sie ausgelöscht wurden...
Nun herrschen die Tiere über den Planeten. Der Löwe als König der Gente, der Tiere mit Sprache.
Aber hält das Reich der Tiere? Aus dem südlichen Amerika droht eine neue Gefahr und plötzlich ist es in aller Munde: Krieg. Der erste Krieg seit Verschwinden der Menschheit...!

Meine Meinung:

Es ist schwer, sich eine Meinung zu Dietmar Daths "Die Abschaffung der Arten" zu bilden. Mir persönlich jedenfalls fällt es schwer. Einerseits ist es grossartig und ganz grosse Literatur, andererseits ein ebenso grosser Kampf mit der Sprache und den Seitenzahlen.

Daths Schreibstil ist nicht nur gewöhnungsbedürftig, er erfindet die Sprache neu. Mir war oft so, als ob er die Wörter, die er in seinem Buch benutzt, selbst erfindet. Die Wortwahl ist fremd, ungewohnt. Es macht keinen Sinn, ein Wörterbuch zu Rate zu ziehen, es würde nicht viel bringen. Am besten ist, man arrangiert sich mit Dath und konzentriert sich auf das Wesentliche.

Und das Wesentliche hat es in sich. Daths Weltbild der herrschenden Tiere ist etwas Neues, Unverbrauchtes. Es mag entfernt an Orwells "Farm der Tiere" erinnern, gemischt mit einer grossen Portion Sci-Fi.

Aus der Welt ist kein besserer Ort geworden. Bloss ein anderer. Oftmals musste ich mich fragen, ob die Menschen einfach zu Tieren, oder ob die Tiere zu Menschen wurden. Die Gente haben ein Gesellschaftssystem entwickelt, das unserem ähnlich sieht und dennoch ganz anders ist. Man kann Formen und Farben ändern wie man will, man kommuniziert miteinander über spezielle Wege und Kanäle.

Ja, es braucht Zeit, bis man sich an diese Welt gewöhnt hat. Ich habe es vielleicht gar nicht richtig geschafft. Vielleicht muss ich zugeben, dass mir das Buch zu hoch war, zu viel des Guten. Es strengt an, sich über 500 Seiten lang mit einer Sprache auseinanderzusetzen, die wie eine Fremdsprache anmutet. Dennoch konnte ich nicht aufhören, zu lesen. Obwohl Daths Geschichte in der Zukunft spielt, hat die heutige Gegenwart grosse Aktualität:

[...] und bei den schlimmen Gesellschaftskrankheiten, die von allen Wesen auf der Welt nur diese angeblich Überlegenen gekannt hatten, darunter der übelsten, zu deren Symptomen chronische Anämie, Mangelernährung und schwere Erschöpfung gehört hatten, in der Langeweile bekannt unterm Namen "Armut", übertragen von der Mutter aufs Kind, mit auffällig höheren Übertragungsraten unter Weibchen.
Seite 93 

Es gibt so viel zu erzählen über dieses Buch, aber es fällt mir schwer. Es ist nicht greifbar, nicht haltbar. Zu viel Inhalt, wenn ich danach fische, schwimmt alles davon. Wie ein Schwarm Fische.

"Die Abschaffung der Arten" entzieht sich der Bewertung "gut" oder "schlecht", jedenfalls aus meiner Sicht. Ich jedenfalls kann es nicht einteilen. Es ist weder das Eine, noch das Andere. Daths Werk steht ausserhalb jeglicher Form und Norm.

Fazit:

Kein Buch für jedermann. An "Die Abschaffung der Arten" muss man sich herantrauen, man sollte wissen, worauf man sich einlässt. Wer es wagt, der bekommt viel Nachzudenken. Viel Nachzuforschen. Viel Stoff für Diskussionen.

Wird die Welt besser oder schlechter wenn der Mensch nicht mehr ist? Oder bleibt sie so wie sie jetzt ist?

Dietmar Dath
Die Abschaffung der Arten
TB, 2010
Suhrkamp

978-3-518-46145-7 

16.08.2012 um 21:01 Uhr

[Kurzgebrabbel] Farbenfrohe Literatur

von: Jari   Kategorie: Kurzgebrabbel

Ein listenreiches Buch über Bücher. Was sich da wohl dahinter versteckt? "Bibliomania" aus dem Diogenes Verlag ist ein Buch, das man jeder Leseratte mitbringen kann. Man wird sehen, die Ratte wird sich sofort darauf stürtzen und die Beute nicht mehr aus den Zähnen geben.
Was man da alles entdecken kann! So viel Hintergrundwissen! So viel Sinnloses! So viel Neues und Altbekanntes! So viel über, mit und von Büchern!
Blöd nur, dass derjenige, der das Buch kauft, wahrscheinlich auch eine Leseratte ist und das Buch dann gar nicht mehr verschenken will...
 
 
Ein regnerischer Tag in irgendeiner Stadt. Aus einem Regentropfen wird sie geboren. Geboren, um der Stadt das zu geben, was ihr fehlt: Farbe. Ein Lachen. Freude.
Couettes Zuhause ist ein alter, aber farbiger Wohnwagen. Ihre ständigen Begleiter sind kleine Schäfchen und ihr bester Freund ist ein Strassenmusikant. Die Welt ist gross und es gibt noch so viel zu erleben!
Der Comic "Couette" von Gauthier & Minikim ist ein Augenstern. Ein Comic, den man man mehr als nur einmal durchblättert. Worte sind hier rar gestreut, erzählt wird mit den Bildern. Und was für Bildern. Sie haben das, was man als "Jööö-Effekt" bezeichnet. Es sind liebevolle, verspielte, neugierige Bilder. Genauso wie das Mädchen Couette, die sich aufmacht, die Stadt mit ihrem Lachen zu erobern.
Und die Schäfchen! Gott, sind die niedlich! Jöööö!
 

15.08.2012 um 22:46 Uhr

[Gewinnspiel] Auslosung

von: Jari   Kategorie: Gewinnspiele

So, das erste Gewinnspiel auf Jaris Büchergebrabbel ist über die Bühne gegangen. Zwei Bücher sind aufgrund gewisser Präferenzen bereits verteilt worden.
 
Pelegrina erhält Drachengasse 13 und Sandsturm bekommt ChickenDance
 
Aber was wird aus dem dritten Buch? Es sah mich so traurig an, dass ich es auch gleich mitverloste. Da könnt ihr gar nichts dagegen tun. Der Zufallsgenerator hat eine Gewinnerin ausgewählt.
 
Und diese wäre:
 
Danke für eure Teilnahme. Gewinne trudeln alsbald ins Haus.
Man möge die Umfrage rechts oben beachten. 

14.08.2012 um 21:45 Uhr

[Leserunden] José Saramago - Die Stadt der Blinden Teil 3

von: Jari   Kategorie: Leserunden

 
José Saramago - Die Stadt der Blinden
Seite 101 bis 142 "Wir müssen sehen..."
 
Es ist schon einige Zeit her, dass ich diesen Teil gelesen habe. Fast schon eine Woche und ich komme immer noch nicht dazu, weiterzulesen. Schande, Schande.
Unterdessen wimmelt es in der Psychiatrie von Menschen. Das kann nicht mehr lange gut gehen. Es werden mehr und mehr. Sie finden ja nicht einmal mehr Betten!
Der Pirat, wie ich ihn nenne, ist mir sehr symapthisch. Er ist höflich und ruhig, erklärt, was draussen so vor sich geht. Unfälle, wenn Busfahrer plötzlich erblinden, werden als "menschliches Versagen" kategorisiert.
In einer solchen Welt hätte ich Angst, noch vor die Tür zu gehen... Einerseits, weil ich jederzeit erblinden könnte, andererseits weil man jederzeit von einem soeben erblindeten Wagenlenker übfahren werden könnte. Viele Berufe könnten gar nicht mehr richtig ausgeführt werden. Fensterputzer an Wolkenkratzern - was geschieht, wenn man mitten in der Arbeit, hoch oben, plötzlich  nichts mehr sieht? Ich will gar nicht daran denken!