Jaris Büchergebrabbel

18.07.2010 um 00:06 Uhr

Je verwandter umso verdammter

von: Jari   Kategorie: Leseeindrücke

Mit dem in der Türkei lebenden Teil ihrer Familie hat die junge Zeynep praktisch keinen Kontakt und weiss auch nicht viel mit ihnen anzufangen. Was sie ihrer Grossmutter am Telefon erzählen soll, weiss sie schon gar nicht.
Als jedoch Onkel Mehmet in Deutschland anruft, um mitzuteilen, dass die Grossmutter im Sterben liege, machen sich Zeynep und ihre Eltern auf in ein kleines südanatolisches Dorf, aus welchem Zeyneps Eltern schon in jungen Jahren geflohen sind.
Dem Familienbesuch steht Zeynep mit gemischten Gefühlen gegenüber, merkt sie doch, dass sie anders denkt und fühlt, als ihre türkischen Verwandten.
Doch je länger sich die junge Frau im Haus ihrer Verwandten aufhält, umso inniger wird das Verhältnis zu ihrer Grossmutter. Nächtelang reden die beiden, Zeynep traut der alten Frau ihre Gedanken an und sie muss sogar feststellen, dass ihre Grossmutter längst nicht so prüde war, wie sie es von einem türkischen Dorfmädchen erwartet hätte.
Aber dann taucht Döndü auf, die Witwe von Zeyneps jüngerem Bruder, der bei einer Schiesserei ums Leben kam. Und mit Döndü taucht auch ein dunkler Schatten aus der Vergangenheit auf und Zeynep muss lernen, warum die Dinge in dieser Familie so sind wie sie sind und wie es dazu kam...
 
Zwar mag Dilek Güngörs "Das Geheimnis meiner türkischen Grossmutter" auf den ersten Blick aussehen, wie heitere Literatur, aber eigentlich wird in diesem Buch viel geweint. Wegen Männer, im Streit und weil es Dinge gibt, die vor einem verheimlicht wurden, weil seine Eltern einen schützen wollten.
Zeynep erzäht aus der Ich-Perspektive wie die drei Wochen im Haus ihrer Grossmutter verlaufen. Sie erzählt von Özlem, die mit Zeyneps Cousin verheiratet ist und sich nichts sehnlicher wünscht, als in die Stadt zu ziehen, man lernt den tyrannischen Mehmet kennen und natürlich kommen wir auch hinter das Geheimnis der türkischen Grossmutter.
 
Dieses Buch hat man rasch gelesen, da es viele Abschnitte hat und ziemlich gross geschrieben ist. Wahrscheinlich wird man leider auch die Geschichte rasch wieder vergessen haben, da Güngör alles ziemlich oberflächlich beschreibt.
Doch während des Lesens ist das Buch angenehm unterhaltsam, man findet einige Vorurteile bestätigt und amüsiert sich über die Grossmutter, die offen und ehrlich über die Sexualität spricht.
 
Wer also als Ferienlektüre nicht unbedingt auf Lacher angewiesen ist, sondern einfach etwas Leichtes wünscht, das man auch häppchenweise lesen kann, ist mit diesem Buch gut bedient. Einfache Sprache, lockere Unterhaltung und viele Abschnitte machen die türkische Grossmutter zu einem perfekten Begleiter an den Strand.
Jedoch sollte man keine allzu tiefe Auseinandersetzung zwischen den Differenzen und Vorurteilen von Deutschland und der Türkei erwartet. Wer solche Bücher mag, sollte besser die Finger davon lassen.
 
 
Dilek Güngör
Das Geheimnis meiner türkischen Grossmutter
TB, 4. Auflage 2009
Piper
 
978-3-492-25266-9 

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenNatira schreibt am 19.07.2010 um 15:18 Uhr:Ob der Roman wohl autobiographische Züge hat? Jedenfalls klingt es so, als hätte die Autorin (Journalistin) mehr aus der Geschichte machen können, unabhängig davon, ob es autobiographisch ist...
    Lg Natira
  2. zitierenJari schreibt am 19.07.2010 um 15:24 Uhr:Es könnte schon sein, dass er autobiographisch ist, erwähnt hat Güngör diesbezüglich nichts. Aber ja, du hast Recht: Es hätte mehr dringesteckt. Aber es liegt wohl an Güngörs Stil, dass sie alles etwas rasch und oberflächlich beschreibt.
  3. zitierenNatira schreibt am 20.07.2010 um 10:26 Uhr:Schade eigentlich, wenn man ihren Lebenslauf und ihren Job - ich war mal in der Wiki ;) - bedenkt.

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