Jaris Büchergebrabbel

13.10.2010 um 15:17 Uhr

[Rezension] Drachen im Wind

von: Jari   Kategorie: Leseeindrücke

Inhalt: 

Ein Architekt, der angeblich ein Attentat geplant hat, obwohl er sich nur das Leben nehmen wollte.
Eine Frau, die sich von Luft ernährt.
Ein Busfahrer, der einen Bus mitsamt Fahrgästen entführt.
Ein Postbote, der Angst hat, Briefe zuzustellen.
Ein Mann, der neun Jahre lang mit seiner toten Mutter gelebt hat.

Diese fünf Menschen verschlägt es in das Haus Unruh, auf Geheiss von Herrn Doktor Zens hin. Der Arzt untersucht angeblich eine neue Zivilisationskrankheit: Das Zens-Syndrom. Diese fünf Personen leiden demnach an eben dieser Krankheit. Und um diese zu heilen sind sie nun im Haus Unruh.
Noch sind sie alle Aussenseiter unserer Gesellschaft, Verlierer auf ganzer Linie. Von niemandem gebraucht, aus dem Kreis herausgefallen.
Doch irgendwann beschliesst die "Drachensaat", wie Zens seine Patienten nennt, sich wieder in den Kreis hineinzumanövrieren. Sie wollen eine neue Gesellschaft aufbauen, die auf gegenseitigem Respekt und Höflichkeit beruht.
Aber wie erreicht man ein ganzes Land, vor allem, wenn es so gross ist wie Deutschland? Ganz einfach: Man muss ins Fernsehen.
Damit das auch klappt, schmieden die Fünf einen waghalsigen Plan, der nicht nur ihr Leben gründlich auf den Kopf stellen wird.

Meine Meinung: 

Mit "Drachensaat" hat Jan Weiler einen unterhaltsamen aber dennoch kritischen Roman verfasst. Im Zentrum stehen die Verlierer unserer Gesellschaft. Alle fünf Personen haben ihre eigene Geschichte zu erzählen und ihre eigenen Gründe, weshalb sie so sind, wie sie sind. Dabei heraus kommt ein durchwegs sympatischer Haufen Verrückter, die man als Leser sofort ins Herz schliesst. Die in diesem Buch agierenden Charaktere sind derart einzigartig, dass man einfach nicht anders kann, als sie und ihre seltsamen Schrullen zu mögen.

Weiler erzählt flüssig und obwohl das Ganze eigentlich eine gesellschaftliche Tragödie ist, liest sich das Buch wunderbar leicht und unterhaltsam, sodass das Buch beinahe schon eine tragische Komödie ist.
Interessant ist, dass das Buch, das in drei Teile aufgeteilt ist, auch in drei unterschiedlichen Sprachstilen geschrieben ist. Der erste Teil des Buches ist aus der Sicht von Bernhard Schade erzählt, der zweite Teil ist ein verfasstes Protokoll und der letzte Teil befasst sich mit unterschiedlichen Zeitungsartikeln und Fernsehsendungen zum Thema "Drachensaat". Somit beweist Autor Weiler ein unglaubliches Talent, sich in die sprachlichen Feinheiten seiner Charaktere einzufühlen und diese so dem Leser nahe zu bringen.

Man kann das Buch als einfachen Roman lesen, jedoch bietet es sehr viel Diskussions- sowie Denkstoff, behandelt es doch nicht nur unser heutiges Leben, sondern auch die Wirtschaft und die Gesellschaft, die wir aufgebaut haben. Es werden Fragen aufgeworfen und nicht beantwortet. Denn wer weiss schon, wie eine perfekte Gesellschaft aussieht? Und wer weiss schon, wie man diese perfekte Gesellschaft aufbauen soll...

Fazit: 

Ein wahnsinnig tolles Buch, das zwar etwas wenig Spannung aufweist, jedoch von der ersten bis zur letzten Seite packend ist, Fragen stellt und uns unterhält. Für Gesellschaftskritiker ebenso geeignet, wie für jene, die einfach mal etwas Ruhiges und Lustiges lesen wollen. Für Denker empfehlenswert ebenso für eine Sonntagnachmittagslektüre. 

Jan Weiler
Drachensaat
TB, 200
Rowohlt

978.3-499-24894-8


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