Jaris Büchergebrabbel

16.11.2011 um 23:20 Uhr

[Rezension] Dreistigkeit und Weisheit

von: Jari   Kategorie: Leseeindrücke

  

Inhalt:

Der Chronist ist sich sicher: Der Wirt Kote ist in Wirklichkeit der legendäre Kvothe, um den sich zahlreiche Geschichten und Gerüchte ranken. Unter Aufbietung all seiner Redekunst, schafft der Chronist es, Kvothe dazu zu bringen, ihm seine Lebensgeschichte zu erzählen.

Die nächsten Stunden verbringen die Männer vertieft in die abenteuerliche Geschichte Kvothes, der vom fahrenden Ruh, zum Waisen und zum Universitätsschüler wurde. Es ist die Geschichte eines Jungen, der schon früh zur Legende wurde. Es ist eine Geschichte voller Verlust, harter Kämpfe und echter Freundschaft. Und dann ist da noch Denna... 

Meine Meinung:

Patrick Rothfuss machte mit seinem Buch "Der Name des Windes" von sich reden, er gewann mehrere Preise und sein Erstling wurde hoch gelobt.
Hat er dies verdient? Ja, hat er. Denn "Der Name des Windes" ist ein wundervolles Buch!

Das Buch erzählt von Kvothes Jugend- und Kindheit. Diese wird in die Rahmenhandlung um den Chronisten eingebettet. Die Gegenwart ist ein kriegerischer Ort, der nirgends Sicherheit bietet, und wo jeder schon einmal von "Kvothe" gehört hat. In dieser Gegenwart zeichnet der Chronist Kvothes Erlebnisse auf.

Die Erlebnisse selbst sind aus Kvothes Sicht erzählt. Die Ich-Form lässt den Leser direkt an den Gefühlen des Protagonisten teilhaben und wird in diesem Buch wirklich gekonnt eingesetzt.
Überhaupt ist Rothfuss ein Erzähler, der es schafft, von der ersten Seite an zu begeistern. Er bringt mit ganz einfachen Wörtern eine derart dichte Stimmung zustande, dass ich bereits nach zwei Seiten in die Geschichte eingetaucht bin. Ab und zu beobachtete ich mich, wie ich in aller Öffentlichkeit die Geschehnisse im Buch laut kommentierte, weil ich alles um mich herum vergass.

Ebenfalls wird der Aufbau mit Rahmen- und Binnenhandlung vom Autor geschickt gehandhabt, da er nie die Rahmenhandlung aus dem Blick verliert. Immer wieder kehren wir aus der Vergangenheit in die Gegenwart zurück. Oft geschieht das, wie gegen Ende des Buches, ganz plötzlich durch einen gut eingefädelten Unterbruch. So bleibt die Spannung erhalten und man möchte als Leser unbedingt weiterlesen.

Sowieso lässt einen das Buch nicht mehr los. Ich habe die 820 Seiten in sechs Tagen verschlungen. Es ist ein Wälzer, dieses Werk, dies hat mich zu Anfang etwas abgeschreckt. Doch dann war ich erstaunt darüber, wie leicht es sich weglesen lässt. Im Nu hat man hundert Seiten gelesen und man hat noch immer nicht genung von dieser phantastischen Erzählung.

Rothfuss hat hier eine ganz besondere Welt erschaffen. Eine Welt, die von unterschiedlichen Stämmen mit unterschiedlichen Sprachen, Legenden und Bräuchen bevölktert wird. Die Völkter wirken echt und real, sie sind sehr gut durchdacht und wirken deshalb sehr glaubhaft.
Aber Kvothes Welt wird auch von Dämonen und Wesen aus anderen Welten bevölkert. Es herrschen Krieg und raue Sitten.

Das ganze Buch ist eine interessante Mischung aus Steampunk und Mittelalterfantasy. Auch ist zu bemerken, dass in "Der Name des Windes" eine ganz neue Art von Magie benutzt wird. Hier fuchtelt man nicht mit einem Zauberstab, sondern die Magie erinnert hier stark an Physik. Sie hat ihre eigenen Regeln und Zusammenhänge, die sich nicht jedem offenbaren. Und mit manchen Sachen sollte man lieber vorsichtig sein.

Wie schon gesagt, ist die Athmosphäre sehr dicht. Man kann die dreckigen Strassen vor sich sehen, durch die Kvothe schleicht. Man hört die Peitschenhiebe, die er erhält. Und man kann das Feuer riechen, vor dem er sitzt.
Die Universitätsszenen erinnern in mancher Hinsicht tatsächlich an Harry Potter, wie auch schon von anderer Seite erwähnt wurde. Ebenfalls muss man mit einer Menge an unterschiedlichen Namen und Wendungen rechnen, wie man es aus der Highfantasy kennt. Ich konnte mich bei weitem nicht immer an alle Personen und deren Aussehen erinnern.

Auch etwas missfallen hat mir Kvothes Hochmut, der ab und zu durchsickert. An vielen Stellen lässt er Bemerkungen fallen, die den beschränkten Erfahrungsschatz seiner Zuhörer und des Lesers herausheben.

Was mir jedoch überhaupt nicht gepasst hat, war das Ende. Natürlich wusste ich, dass es eine Reihe ist und somit nicht alle Fragen beantwortet werden. Aber hier schien es mir so, als hätte der Autor nach 800 Seiten einfach keine Lust mehr aufs Schreiben gehabt und einfach einen Schlussstrich gezogen.
Die wenigsten Fragen, die aufgeworfen wurden (und davon gibt es viele), wurden beantwortet. Man befindet sich in der Geschichte gerade einmal am Anfang, so scheint es. Ich habe das Gefühl, noch überhaupt nicht vom Fleck gekommen zu sein. 
Ich denke, dass auch in einer Reihe die Titel so abgeschlossen werden können, dass zum Ende hin zumindest einige wichtige Punkte abgehakt sind. Hier hänge ich zu sehr in der Luft, um wirklich zufrieden zu sein. Dieses abrupte Ende hat mir den ganzen Zauber dieses wunderschönen Buches zerstört.

Da der Rest jedoch so spannend und schön zu lesen war, werde ich mir die Fortsetzung kaufen. Ansonsten wäre dieses Ende tödlich gewesen. 

Fazit: 

Eine wunderschöne Geschichte, die den Leser von Beginn an fasziniert und in die man stundenlang eintauchen kann. Jeder, der Highfantasy mag, sollte zu diesem Buch greifen.
Als Einstieg in die Highfantasy ist es wahrscheinlich ungeeignet, da man durch die unterschiedlichen Namen und Bezeichnungen rasch verwirrt werden könnte.

Für mich wäre es ein 5-Sterne-Buch geworden, wenn nicht das Ende zu viel kaputt gemacht hätte. 

Patrick Rothfuss
Der Name des Windes
Die Königsmörder-Chronik
Erster Tag
TB, 2010
Klett-Cotta

978-3-608-93878-4

Aus dem Englischen von Jochen Schwarzer
Originalausgabe: The Name of the Wind. The Kingkiller Chronicle: Day One
Daw Books, New York 2007 

Dieses Buch ist Teil der Aktion "Tolle Et Lege" und wurde vorgeschlagen von BlueNa (http://bluenaversum.blogspot.com/) 

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenangelmagia schreibt am 16.11.2011 um 23:55 Uhr:Ich bin ja immer sehr wissbegierig.
    Und da du mir immer alles beantworten kannst - was ich sehr toll von dir finde, dass du das auch machst:

    Was ist Highfantasy?
    Und was ist eine Binnenhandlung?

    Danke dir! :)
  2. zitierenJari schreibt am 17.11.2011 um 16:10 Uhr:Highfantasy ist Fantasy, die in einer erfundenen Welt spielt. Diese wird oft von Wesen wie Feen, Trollen und Zauberern bevölkert. "Der Herr der Ringe" ist ein klassisches Beispiel der Highfantasy.

    Die Binnenhandlung kommt immer mit der Rahmenhandlung daher. Die Rahmenhandlung umschliesst die Binnenhandlung wie einen Rahmen (das sagt schon der Name). Hier wäre es die Geschichte, wie der Chronist Kvothe findet und bei ihm auftaucht.
    In die Rahmenhandlung eingebettet, ist die Binnenhandlung. Diese erzählt eine andere Geschichte als die Rahmenhandlung, ist jedoch mit dieser verknüpft. Hier wäre es Kvothes Kindheit und Jugend, die er selbst erzählt.

    Alles etwas klarer? :)
  3. zitierenangelmagia schreibt am 17.11.2011 um 17:50 Uhr:Also Highfantasy ist quasi die ganz klassische Art der Fantasy.

    Alles etwas klarer, vielen vielen Dank! :)
  4. zitierenBlueNa schreibt am 17.11.2011 um 19:55 Uhr:Oh ja, das ist erst der Anfang der Geschichte und das Ende lässt einen so hibbelig zurück, dass es fast zum Verzweifeln ist^^. Es geht genauso toll weiter, das kann ich dir versichern! :)

    Ich versuche schon seit Wochen bei dir zu Kommentieren, aber ich krieg immer nen Error! *heul*

    LG
    Kathi
  5. zitierenBlueNa schreibt am 17.11.2011 um 19:57 Uhr:oh, es hat geklappt... ich bin verwirrt...
  6. zitierenangelmagia schreibt am 17.11.2011 um 20:03 Uhr:BlueNa, da steht zwar Error, es geht aber dennoch! ;) Also nicht entmutigen lassen :>
  7. zitierenJari schreibt am 17.11.2011 um 21:24 Uhr:Das ist typisch Blogigo, keine Sorge :D
  8. zitierenPelegrina schreibt am 21.11.2011 um 15:06 Uhr:Na, klasse. Voll angefixt und die Bib hat wieder nur den ersten band. Kopf => Tisch.
  9. zitierenJari schreibt am 21.11.2011 um 15:53 Uhr:Der zweite Teil ist in zwei Teile aufgeteilt und ist noch ganz niegelnagelneu. Vielleicht herrscht deshalb so ein Run auf das Buch :)
  10. zitierenPelegrina schreibt am 21.11.2011 um 16:35 Uhr:Habe ich auch gesehen und mich entschlossen, erst das Lesen anzufangen, wenn alle Teile erschienen sind. Habs auf meiner Leseliste so notiert. Ich mache nie mehr den Fehler, wie bei "Otherland". Da bin ich fast wahnsinnig geworden, bis ein neuer Teil erschien. Margs...

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