Jaris Büchergebrabbel

31.08.2012 um 21:46 Uhr

[Rezension] Ein Blinder unter Blinden

von: Jari   Kategorie: Leseeindrücke

Inhalt:

Eine namenlose Stadt irgendwo auf der Welt, eine Stadt wie jede andere auch. Aber plötzlich befindet sich diese Stadt im Ausnahmezustand. Eine geheimnisvolle Seuche hat sie heimgesucht.
Es hat mit einem ersten Opfer angefangen, doch bald schon ist die ganze Stadt von der Krankheit befallen. Niemand weiss, weshalb die Bewohner dieser Stadt von einem Moment auf den anderen erblinden. Niemand weiss, ob es ein Gegenmittel gibt. Niemand weiss, wann es aufhören wird. Falls es irgendwann aufhören will.

Doch selbst in tiefster Dunkelheit gibt es Hoffnung... 

Meine Meinung:

"Die Stadt der Blinden" von José Saramago ist ein verblüffendes Buch, eine ruhig und gelassen erzählte Geschichte, die den Leser bis ins Tiefste aufrührt.

Es beginnt mit dem ersten Blinden, der von einer Minute auf die andere blind wird. Dann folgt die nächste Person, dann die nächste, bis die ganze Stadt betroffen ist. Die ersten Opfer werden in einer Anstalt eingepfercht, um ein übergreifen auf die gesunde Bevölkerung zu verhindern. Aber auch das hilft nicht.

Die Geschichte selbst dreht sich um eine kleine Gruppe, die in eben jener Anstalt aufeinander trifft. Teil dieser Gruppe ist die Frau des Arztes, die einzige Person der ganzen Stadt, die nicht erblindet. Wieso das so ist, erfahren wir nie. Wir erfahren auch nie, weshalb die Seuche ausgebrochen ist. Das Buch wirft viele Fragen auf, doch der Leser muss sie sich selbst beantworten.

Wichtiger ist Saramago das Leben. Er schildert das Leben, den Tod, die Krankheit, alles existiert nebeneinander, miteinander, aufeinander. Die Gruppe erlebt Schreckliches, die Gefangenschaft, den Hunger, Schmutz und Krankheit. Dennoch schaffen sie es, indem sie zusammenhalten.

Die hervorstechendste Person ist selbstverständlich die Frau des Arztes, die, als einzige mit funktionierenden Augen gesegnet, die sanfte Führung übernimmt. Sie fühlt sich verantwortlich, hilft, wo sie kann und ist allen eine Übermutter. Sie beeindruckte mich immer wieder aufs Neue, eine so faszinierende Person ist mir selten begegnet.

Saramago hat eine eigene Sprache entwickelt, die ihresgleichen sucht. Deshalb finde ich ihn einen so faszinierenden Schriftsteller. Direkte Rede existiert nicht, alles ist Text. Alles ist erzählt. Genau das macht diese Geschichte so intensiv. Man kann den Schmutz fühlen. Die Verzweiflung. Die Toten. Die Lebenden. Immer wieder die Toten und die Lebenden.

Nein, für Zwischendurch ist dieses Buch nichts. Aber es bleibt haften, hat man es einmal gelesen. "Die Stadt der Blinden" gehört zu jenen Büchern, die man schwerlich wieder vergisst. Man vergisst vielleicht die Passagen, das Geredete, aber man vergisst nicht das Gefühl, das einen beschleicht, während man es liest. Dieses unangenehme Gefühl, das einen sagt, dass es uns gut geht. Dass der Müll morgen weggebracht wird, dass wir duschen können, dass wir ein warmes Bett haben.

Aber vielleicht reicht das nicht. Wer weiss. Vielleicht sind wir auch alle blind? Blinde unter Blinden. 

Fazit: 

Eine intensiv erzählte Geschichte, für die man sich Zeit nehmen muss. Auf die man sich einlassen muss. Eben ein ganz grosses Stück Literatur. Mehr muss ich nicht sagen.

José Saramago
Die Stadt der Blinden
HC mit Schutzumschlag, 1997
Rowohlt

3-498-06318-9

Aus dem Portugiesischen von Ray-Güde Mertin
Originalausgabe: Ensaio sobre a Cegueira
Editorial Caminho, Lissabon 1995

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenangelmagia schreibt am 15.10.2012 um 21:04 Uhr:Mehr musst du wirklich nicht sagen.

    Ich glaube, mich hat noch nie ein Buch so sehr nicht losgelassen wie dieses.

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