Mein Name ist Zwiriam, und ich glaube, ich bin auf dem besten Weg, Alkoholikerin zu werden.
Eigentlich befürchte ich das schon eine ganze Weile. Im letzten Jahr habe ich mir selbst unzählige Male versprochen, weniger oder sogar gar nichts mehr zu trinken. Meistens hat es für kurze Zeit geklappt - für sehr kurze Zeit auch manchmal, zugegeben - aber dann fing es wieder an. Zuletzt hatte ich mir vorgenommen, in diesem Jahr mit einer ganz bestimmten Anzahl an Getränken auszukommen - diese Zahl hatte ich dann Mitte Februar erreicht.
Inzwischen glaube ich mir selbst kaum noch, wenn ich mir wieder etwas vornehme und mir eine neue Regel ausdenke, mit der es leichter gehen soll. Inzwischen weiß ich: Regeln helfen nichts, das einzige, das hilft, ist weniger trinken. Und wenn es mit weniger trinken nicht funktioniert, dann gar nichts mehr trinken.
Vielleicht denkt sich jetzt jemand, das klingt aber ganz so, als wäre sie schon Alkoholikerin, nicht beinahe oder fast, sondern richtig. Ich habe mir die Definitionen angesehen, die medizinische Leitfäden dazu geben, und es stimmt: danach betrachtet, trifft dieses Etikett auf mich zu. Aber ich bin keine, die Schnapsflaschen im Schrank versteckt. Ich muss auch nicht trinken, um gegen irgend eine Art von Entzug anzugehen. Ich trinke nicht morgens, mittags, abends und nachts. Ich trinke keinen Schnaps, und es gibt eine Menge Dinge, die ich niemals tun würde, wenn ich etwas getrunken habe. Ich bin z.B. noch nie in meinem Leben auch nur mit einem halben Glas Wein im Blut Auto gefahren. Wenn ich Medikamente nehme, die sich nicht mit Alkohol vertragen, dann trinke ich nichts, und das ist auch eigentlich kein Problem. Das Problem ist, trotz all dieser Entschuldigungen und guten Zeichen trinke ich zu viel. Ich weiß nicht, warum, aber so ist es. Wenn ich mich mit meinen Freundinnen treffe, dann bin ich am Ende des Abends fast immer die, die am meisten getrunken hat, und die anderen trinken auch eine Menge. Ich trinke an vielen Abenden alleine, während ich vor dem Rechner sitze und arbeite. Ich trinke auf Festen, ich trinke beim Ausgehen, und jedes einzelne Mal wäre vermutlich noch nicht besonders alarmierend, aber zusammen betrachtet macht mir das Angst.
Mir macht auch Angst, dass ich inzwischen schon ein paar mal heimlich Wein gekauft habe, den ich dann Abends, wenn mein Mann nicht da war, getrunken habe, und die leere Flasche habe ich am nächsten Tag genau so heimlich aus dem Haus geschafft. Das ist schrecklich. Ich liebe meinen Mann sehr, und ich schäme mich halb zu Tode. Ich habe Angst, dass er das alles merkt, und ich habe Angst, dass es schon zu spät ist und ich längst richtig drin stecke, ich habe Angst, dass ich es nicht schaffe, das bleiben zu lassen, und ich habe Angst, dass das ewig so weiter geht und immer schlimmer wird. Und paradoxerweise habe ich manchmal sogar Angst davor, dass es längst so weit ist, dass ich nie wieder Alkohol trinken darf. Nie wieder ein Glas Rotwein zum Steak, nie wieder ein Bier im Biergarten, nie wieder Champagner. Es gibt perverserweise sogar Momente, in denen denke ich, ich will vor allem deshalb weniger trinken, um die Gefahr abzuwenden, irgendwann gar nichts mehr trinken zu dürfen. Die Wahrheit ist nämlich: ich MAG Alkohol. Sehr sogar. Ich habe einen Freund, der hasst den Geschmack alkoholischer Getränke. Er trinkt nur deshalb, weil er sich beschickern möchte, damit er beim Ausgehen mehr Spaß hat. Ich bin das genaue Gegenteil von ihm: ich hasse es, betrunken zu sein, aber ich liebe den Geschmack von Alkohol. An dem Tag, an dem es einen alkoholfreien Wein gäbe, der genau so schmeckt wie ein guter normaler Wein, hätte ich vielleicht kein Problem mehr. Und auch jetzt, während ich das schreibe, frage ich mich: mache ich mir da schon wieder was vor?
Dieser Blog soll mir helfen. Ich will von heute an jeden Tag darüber schreiben, wie ich versuche, kein Alkoholiker zu werden. Egal, was ich anderen erzähle, hier will ich ehrlich sein. Der Plan sieht erst mal nicht vor, gar nichts mehr zu trinken, nie mehr. Trotzdem gibt es Regeln, an die ich mich halten will:
Ich will nicht mehr alleine trinken.
Ich will nicht mehr so viel trinken, dass ich mich betrunken fühle.
Ich will mir keine Anlässe mehr ausdenken: einen neuen Schreibtisch zu haben, Feierabend zu haben oder ein Kaminfeuer sind kein Anlass.
Ich will nie wieder diejenige sein, die als erste vorschlägt, etwas zu trinken.
Ich will keinen Alkohol mehr heimlich kaufen, heimlich trinken oder heimlich die Flaschen entsorgen.
Das sind in euren Augen vielleicht ziemlich weiche Regeln. Aber wenn ich es schaffe, mich daran zu halten, dann bin ich schon ein gutes Stück weiter. Ein sehr gutes Stück.