Wie ich einmal versuchte, kein Alkoholiker zu werden

15.10.2010 um 11:17 Uhr

Einunddreißig

von: Zwiriam

Gestern Abend haben mein Mann und ich uns eine Flasche Barolo geteilt. Und das hat sich bemerkbar gemacht. Nicht nur, dass ich heute Nacht wirre Träume hatte, die Sorte Träume, die ich nicht haben will (die vermutlich niemand haben will), ich habe auch fürchterlich geschlafen und war nichtsdestotrotz ein paar Stunden zu früh wach und konnte nicht mehr schlafen. 

Langsam pendelt sich das alles ganz gut ein.

Insofern, als inzwischen nicht nur mein Kopf, sondern auch mein Körper und mein Instinkt versteht, was Alkohol mit mir macht und darauf ganz gut reagieren kann. In den schlimmen Zeiten musste ich immer nur kurz warten, bis der Kater sich verzogen hat, dann ging der Quatsch schon wieder los. (Ganz zu schweigen davon, dass es damals mit einer halben Flasche Rotwein nicht getan gewesen wäre.) Trotzdem MAG ich Wein einfach sehr gerne, besonders gerne den Guten, und von Zeit zu Zeit - nicht oft, vielleicht einmal in der Woche, trinke ich deshalb etwas. Aber nicht allein, nicht zu viel und nicht zwanghaft.

Irgendwie habe ich gerade das Gefühl, der Blog hat seine Aufgabe fast schon erfüllt. Ich will nicht zu früh die Vorsicht sausenlassen. Aber gerade langweile ich mich selbst dabei, aufzuschreiben, wie einfach das alles ist, und wenn ich mich schon langweile, dann tun die paar, die das hier lesen, das vermutlich auch. Rückfälle mit allen Schikanen (viel trinken, mehr trinken, idiotisch viel mehr trinken, Kotzen, tiefe Zerknirschung und Reue, aber zu spät, Verzweiflung...) wären aufregender, aber ich hatte eben keinen.

 

 

12.10.2010 um 09:53 Uhr

Achtundzwanzig

von: Zwiriam

Nach vier Wochen weiß ich gerade nicht so richtig, was ich denken soll. In diesen vier Wochen war ich ein einziges Mal angeschickert, als ich mit den Mädchen beim Italiener war. Ein leichter Glimmer in vier Wochen - dagegen kann kein Mensch etwas sagen. Ansonsten hat alles geklappt. Mein Mann war dauernd ganztägig unterwegs, der Keller ist voller Wein, ich hätte mich vollkommen umschmieren können, und niemand hätte etwas gemerkt. Und ich glaube, ich wäre gerne ein bisschen stolz. Bin ich aber nicht. Denn besonders schwer war es ehrlich gesagt nicht. Ich frage mich wirklich, was ist hier eigentlich los? Habe ich mir mein Alkoholproblem nur eingebildet? Kann ich mir nicht vorstellen, zumal solche Dinge wie heimlich Wein kaufen und heimlich Altglas entsorgen alle Alarmglocken klingeln lassen. Oder bin ich einfach jemand, der übertrieben viele Schuldgefühle im Zusammenhang mit Alkohol hat, und der sich leicht in etwas reinsteigert, was andere einfach lassen, und sich dann wundert, wie leicht das war? Hm. Vielleicht hat es auch damit zu tun, dass das gerade nicht irgend welche vier Wochen waren. Ich hatte innerhalb von vier Wochen zwei Operationen, jedes Mal lag ich ein paar Tage im Krankenhaus, und dass man in den letzten Tagen vor einer OP und in den Tagen danach besser keine Flasche Wein ext, ist sogar mir klar. Dann hatten meine Freundinnen auch wirklich wenig Zeit, ich hatte wenig Zeit, ich hatte eigentlich drei Jobs parallel zu jonglieren... vielleicht haben die Umstände einfach sehr, sehr stark mitgeholfen dabei, mich an meine Vorsätze zu halten. 

Woran auch immer es lag, in den letzten vier Wochen habe ich so wenig getrunken wie vermutlich in keinen vier Wochen seit 15 Jahren. Es ging gut (was auf jeden Fall ein Grund zur Freude ist), und wenn mir die OPs den Einstieg erleichtert haben, dann ist das ja auch kein Fehler. 

Fest steht, egal wie sich die letzten vier Wochen erklären, ich mache weiter. Die nächsten großen Hürden: ein großes Wiedervereinigungs-Wochenende mit allen Freundinnen, die in den letzten Jahren aus der Stadt weggezogen sind, und ein Wochenende mit Hamburger Freundinnen im Wochenendhaus.

03.10.2010 um 12:25 Uhr

Neunzehn

von: Zwiriam

Freitag Abend haben mein Mann und ich uns eine Flasche Weißwein geteilt. Ich habe eingeschenkt, und ich habe nicht versucht, mir mehr zu geben als ihm. Als er mit seinem ersten Glas durch war, war meins noch halb voll, und ich habe nur ihm nachgeschenkt. 

Gestern war Samstag, und ich habe überhaupt keinen Alkohol getrunken. Nichts, keinen Schluck. In unserem Kühlschrank liegen drei Flaschen kalter Cremant rosé und ungefähr fünf Bier, und ich hatte erst Früchtetee und dann ein alkoholfreies Hefeweizen.

Und heute ist mein Mann den ganzen Tag unterwegs, er hat einen Wettkampf. Vor neunzehn Uhr ist nicht mit ihm zu rechnen, eher sogar später. Es gab mal Zeiten in meinem Leben - auch wenn ich an die nicht gerne denke - da hätte ich mir wenigstens ein Glas Weißwein in der Badewanne genehmigt und nachmittags zum Schreiben und Lesen ein zweites. Vielleicht wäre es sogar noch schlimmer geworden, so schlimm, dass ich die letzten zwei Stunden, bevor er nach Hause gekommen ist, mit dem Verwischen der Spuren verbracht hätte. Heute trinke ich Tee und bin zufrieden. Und ich frage mich, wieso. Nicht nur, wieso das gerade so gut klappt, sondern wieso es überhaupt mal anders war.  

Vielleicht ist es ja doch ein bisschen wie mit Essen, wenn man viel Junkfood isst, dann verlang das meistens nach mehr Junkfood. Damit meine ich, wenn ich zwei Tage hintereinander in der Mittagspause eine Pizza gegessen habe, dann habe ich am dritten Tag leider nicht Lust auf Salat (auch wenn es schön wäre, wenn es so wäre), sondern auf noch mehr fettigen Mist. Und wenn ich ein paar Tage hintereinander Salat und Gemüse gegessen habe, dann habe ich Lust auf noch mehr gesunde Sachen.

Kann alles sein. Aber ich glaube nicht, dass das schon die ganze Erklärung ist. Vielleicht komme ich noch dahinter, was mich so oft dazu bringt, aus solchen Schwachsinnsgründen so viel zu trinken. (Damit meine ich eine Antwort, die über "der Alkohol" hinausgeht.) Bis ich weiß, wieso, freue ich mich auf jeden Fall, dass es im Moment funktioniert. Und ein kleines bisschen stolz bin ich auch. Ich fühle mich gesund und wach und erwachsen. Ein schönes Gefühl. 

 

 

 

 

 

30.09.2010 um 20:41 Uhr

Sechzehn

von: Zwiriam

Über zwei Wochen. Natürlich andere zwei Wochen, als wenn ich gar nichts getrunken hätte. Aber für mich trotzdem zwei Wochen, die etwas bedeuten. Und ich überlege, was für mich die großen Probleme sind - warum fällt es mir machmal doch ganz schön schwer, auf Alkohol zu verzichten?

Ich mag Alkohol. Ich mag den Geschmack. Das würde heißen, keinen Alkohol zu trinken, ist auf die gleiche Art schwierig, wie keine Chips zu essen.

 

Ich mag aber auch das Gefühl, leicht angeschickert zu sein. (Nicht betrunken, das finde ich immer schlimm, aber leicht angeschickert...) dieser leichte Glanz, der über der Welt liegt. Als wären die Farben plötzlich kräftiger und die Gerüche intensiver. Es ist komisch, aber so ist es leider.

Dieses Gefühl, sich etwas Gutes zu tun, das fehlt manchmal. (Das Gefühl habe ich bei einem Glas Wein. Nicht bei einer Flasche.) Vor langer Zeit habe ich mal in einem Krankenhaus gearbeitet. Die Schwestern standen alle furchtbar unter Stress, und die einzige Möglichkeit, sich innerhalb der zehn Minuten Pause, die alles war, was an Pause rauszuholen war, zu entspannen, war oft eine Zigarette. Ich habe damals nicht im Krankenhaus geraucht, ich fand allein den Gedanken schon immer schrecklich. Aber trotzdem habe ich die Schwestern verstanden. Mit Alkohol ist es auch ein bisschen so. Es ist der einfachste Weg, einer halben Stunde etwas besonderes zu verleihen. Wenn ein Glas Wein neben dem Herd steht, dann kocht man nicht einfach nur, sondern man fühlt sich wie eine italienische Mama, die gerade ein großartiges Abendessen zaubert. Mit einem Glas Wein neben dem Rechner bei der abendlichen Zuhauseüberstunden fühlt man sich nicht wie ein geknechteter Sklave, sondern irgendwie wie ein Autor oder so jemand.  

Vielleicht ist es auch der Gedanke, etwas bleiben zu lassen, das mir Spaß macht. Und die Aussicht, es vielleicht nie mehr tun zu können. Die Aussicht, dass es darauf hinausläuft, wenn ich das hier nicht schaffe, die hilft mir zwar auch, nicht aufzugeben. Aber gleichzeitig schwingt bei jedem Verzicht auf das Glas Wein Abends vor dem Kamin oder sonstwo auch ein bisschen was davon mit, von dem endgültigen. Und nur darüber nachzudenken, macht mir schlechte Laune. Es ist, als würde jemand mir in Aussicht stellen, dass der Rest meines Lebens in Schwarz-Weiß abläuft. Dabei weiß ich genau, dass es so nicht wäre. Aber trotzdem.

 

 

Heute habe ich im Internet einiges über Alkoholismus nachgelesen. Da stand unter anderem, dass Alkoholikern mit der Zeit keine andere Möglichkeit außer Alkohol mehr einfällt, sich zu trösten, zu belohnen, zu entspannen oder Spaß zu haben. Und ich habe mich gefragt, ob das bei mir auch so ist. Da kann ich zwar mit gutem Gewissen sagen: nein, das ist nicht so, ich gehe gerne spazieren und fahre Fahrrad, ich lese, ich rede mit Freunden, ich gehe zum Pilates oder zum Yoga, ich arbeite, ich koche oder ich renoviere mich langsam durch unsere alte Bruchbude, ich spiele mit dem Hund oder bringe ihm etwas bei - es gibt wirklich viele Arten für mich, mich zu entspannen. Aber wenn das so ist, warum erscheint mir die Aussicht, nie wieder etwas zu trinken, so schrecklich trübsinnig? Ist es nur der "Nie wieder"-Effekt, bei dem man ja immer etwas melancholisch wird? 

Da stand auch, dass es eine Studie aus dem Jahr 2007 gibt, die herausgefunden hat, dass bei jungen Alkoholikern, bei denen die Sucht noch nicht so weit fortgeschritten ist, ein Therapieplan mit dem Ziel "weniger trinken" besser ist als "gar nichts mehr trinken", aber dass diese Theorie darum Schwierigkeiten hat, sich zu etablieren, weil alle anerkannten Selbsthilfeorganisationen fest dafür einstehen, dass die einzige Lösung der Totalverzicht ist und man deren Erfolge nicht untergraben will.  

 

Heute Abend wollten wir eigentlich die gute Entscheidung einer Freundin feiern. Wir wollten auf sie warten, bis sie von ihrer offiziellen Feier kommt, und dann zusammen etwas trinken. Dann hat sie gesagt, das wird zu spät, wir lassen es, und jetzt sitze ich zuhause. Einerseits finde ich es traurig, dass sie das jetzt nicht mit uns feiern wird. Andererseits bin ich froh, einer großen, wirklich sehr sehr großen Versuchung aus dem Weg zu gehen. Das wäre schlimm geworden heute Abend.  

28.09.2010 um 20:47 Uhr

Vierzehn

von: Zwiriam

Ich habe das Gefühl, ich schulde mir (und dem Blog und überhaupt) eine Erklärung. Jeder, der mich auch nur flüchtig kennt, wird mit den Augen rollen, denn für ihn wird diese Erklärung nichts Neues sein. Aber mich überrascht diese Erkenntnis trotzdem immer wieder, jedes Mal aufs Neue. 

 

Ich habe manchmal wirklich das Gefühl, ich bin drei Menschen. Einer, der sich pudelwohl fühlt, wenn er mit Gummistiefeln und roten Wangen durch den Wald stratzen kann, den Hund an der Leine und vollkommen katerfrei. Einer, der gerne morgens aufwacht in einem gebügelten Pyjama und frischer Bettwäsche, der sich gerne am nächsten Morgen noch erinnern kann, was er gestern vorm Einschlafen gelesen hat, und der glücklich und stolz ist, heute mal nicht nachsehen zu müssen, ob er gestern im Suff noch irgendwelchen Scheiß auf facebook gepostet hat. Schon wieder nicht. Für diesen Menschen sind Alkohol und Alkoholismus kein Thema.

 

Dann der zweite, der sich von Zeit zu Zeit - wobei Zeit und Zeit manchmal 48 Stunden und manchmal auch zwei Wochen auseinanderliegen - denkt: verdammt, was soll's? Ich bin erwachsen, ein freier Mensch, mehr noch, die Meinung vom Rest der Welt ist mir vollkommen egal. Ich habe jetzt Lust auf Rotwein. Oder Weißwein, oder was weiß ich, was gerade dran ist. Ein schönes Glas Rosé auf Eis, in einem großen bauchigen Weinglas, in dem die Eiswürfel schön festlich klirren.  Wer bin ich denn, mir solche kleinen Freuden zu verkneifen? Dieser Mensch geht dann in den Keller (oder fährt, sobald die Tür hinter seinem Ehemann ins Schloss gefallen ist, heimlich in den nächsten Supermarkt - so weit ist es nämlich manchmal doch nicht her mit der Freiheit und dem Erwachsensein), holt sich eine Flasche Wein und schenkt sich ein Glas ein. Zu den ersten Schlucken macht er sich Musik an, und zwar Musik von einer Sorte, die das Gefühl von Erwachsensein und ihr-könnt-mich-mal und Größenwahn noch unterstützt, Sinatra oder irgend etwas irre urbanes oder quengeligen Britpop. Gut. Mensch und Wein und Musik sagen also zusammen und im Chor, ich bin ein freier, unabhängiger Mensch. Ein bisschen schräg vielleicht und nicht immer für jeden klar verständlich, in den Augen vieler vielleicht auch bekloppt (oder egal), aber frei. Und langsam ein bisschen angeschickert. Verdammt, wieso eigentlich nicht noch ein zweites Glas? Oder ein drittes? Und müssten hier nicht irgendwo noch meine alten Fluppen liegen? Und dann ist es auch schon egal, ob ich die letzten fünf Zentimeter aus der Flasche auch noch trinke, ich tu es einfach. Komisch, bin kaum betrunken. Bis mein Mann nach Hause kommt, und ich merke, ich spreche irgendwie komisch - dann verzieht sich Mensch Nr. 2 schnell ins Bett, damit das nicht so auffällt, und fängt langsam an, sich ganz leise ein bisschen zu schämen. 

Dieses Schamgefühl wächst und gedeiht und blüht die ganze Nacht und den ganzen nächsten Tag, und es ist das Hauptcharaktermerkmal von Mensch Nr.3. Das und die Angst. Mensch Nr. 3 ist jetzt am Ruder, und er lebt in tiefster Verzweiflung und würde sich selbst, der Welt und dem ganzen Rest alles versprechen, nur, damit dieses miese Gefühl endlich aufhört.

 

Ich kann mir nicht helfen, obwohl alle drei ich sind, habe ich manchmal das Gefühl, sie haben eigentlich wenig miteinander zu tun. Und das, obwohl es Nr.3 ohne Nr.2 gar nicht gäbe. Nr.3 folgt Nr.2 immer auf dem Fuße, aber obwohl das unweigerlich so ist, ist es mir (bzw. Mensch Nr.2) noch nicht klar geworden, dass er seinen Höhenflug immer bezahlen muss, indem er sich in Nr.3 verwandelt. Nr.2 vollbringt wahre Wunderdinge darin, Nr.3 komplett zu verdrängen und zu verleugnen. Und Nr.1 in seiner rotwangigen, frischluftigen Unschuld kann sich erst gar nicht richtig vorstellen, dass Nr.2 und Nr.3 überhaupt existieren. Dabei sind sie alle da, jeder ein bisschen, in wechselnden Anteilen, immer.

 

Nein, bevor sich jemand wundert, gestern war nichts. Ich war um acht von der Arbeit zuhause, habe zuhause noch ein bisschen gearbeitet, mir einen Kräutertee gekocht, mich ein bisschen friedlich mit meinem Mann über häuslichen Krempel gestritten, meinen Krimi zu Ende gelesen, dann waren wir noch einträchtig mit dem Hund spazieren, und ich bin ins Bett gefallen, um den Schlaf der Gerechten und Nüchternen zu schlafen. Aber ich habe trotzdem das Gefühl, ich müsste erklären, warum das hier so ein merkwürdig alkoholfreier Alkoholblog ist, bisher jedenfalls. Das liegt daran, dass nach einer kurzen Herrschaft von Nr.3 am ersten Tag des Blogs Nr.1 am Ruder ist und mit einer kleinen Unterbrechung auch bleibt. Darüber könnte ich froh sein und mich entspannen, wenn ich nicht inzwischen gelernt hätte, misstrauisch zu sein. Ich weiß genau, Nr.2 treibt sich da drinnen noch irgendwo herum. 

 

Kann mir hier irgend jemand folgen, oder haltet ihr mich jetzt alle für bekloppt? 

27.09.2010 um 20:22 Uhr

Dreizehn

von: Zwiriam

Einen Tag später. Gestern Nachmittag hatte sich das bisschen Matsch hinter meiner Stirn schon komplett verzogen. Auch das ist ein Schritt nach vorne. Sonst hätte ich einen Kater, der nicht bis zum späten Abend bleibt und am nächsten Morgen nicht immer noch dunkel spürbar ist,kaum als Kater bezeichnet.

Aber trotzdem frage ich mich: wieso ist das so? Warum kann ich mich nicht mit Freundinnen treffen, zwei Gläser Weißwein trinken und es dann gut sein lassen?

Und schaffe ich es, dahin zu kommen, indem es jetzt viel weniger wird?

Letzte Woche hatte ich Mittwoch ein Glas Weißwein und Samstag Abend die große Sause mit meinen Freundinnen. Sonst: kein Tropfen.


Jetzt muss ich ein bisschen ausholen. Im Gegensatz zu vielen anderen Menschen ist für mich Alkohol an sich nichts Böses. Und weniger zu trinken, ist für mich keine Frage der Moral (obwohl ich niemanden kenne, der mit Kater so sehr "den Moralischen" kriegt wie ich - auch, wenn ich nachweislich den ganzen Abend nichts Schlimmes oder Peinliches gesagt oder getan habe, schäme ich mich bis ins Mark und fühle mich wie der letzte, der allerletzte Dreck), sondern vor allem eine Frage der Gesundheit. Und Krankheit hat beim Alkohol etwas mit Menge zu tun, nichts mit der Tatsache, ob man überhaupt welchen trinkt oder gar nicht. Es ist völlig klar, dass ich bis vor zwei Wochen viel zu viel getrunken habe, und dass ich kurz davor war, überhaupt keine Kontrolle mehr zu haben.

Das hat mir große Angst gemacht, vor allem, weil jetzt die Saison wieder anfängt, in der mein Mann an drei bis vier Abenden pro Woche zum Training geht und erst um halb elf nach Hause kommt und fast jedes Wochenende unterwegs ist auf Turnieren. Und das allein in einem Haus mit Hund und Weinkeller - nicht gut. Aber wie gesagt ist Menge hier alles. Vielleicht ist das nur wieder eine dieser typischen Alkoholiker-Rationalisierungen - aber ich glaube, das, was am Ende zählt, ist nicht, ob ich das Gefühl habe, voranzukommen oder ob ich mit mir im Reinen bin, in welcher Form auch immer, sondern es zählt, wie viele Gläser Wein ich am Ende des Monats hatte. Je weniger,desto besser. Und vor dem Hintergrund hätten es vorgestern wirklich zwei Gläser weniger sein können. Aber trotzdem hatte ich gerade eine Woche, in der ich (obwohl ich an keinem Tag aufstehen musste, umzu arbeiten nach der OP) an sieben Tagen so viel getrunken habe wie sonst an zwei Tagen. (Ganz schön viel Schulterklopfen.Wir werden sehen, wie lange ich dazu noch Grund habe - oder ob ich dazu überhaupt Grund habe.)

Gestern war, wie ihr sicher alle mitbekommen habt, ein rundum ekliger grauer Herbsttag. Ein Tag wie gemacht für ein Kaminfeuerchen. Nachmittags kam meine Schwiegermutter zum Essen vorbei, und das Feuer brannte bis Abends. Und ich merke, genau so, wie man sich Alkohol angewöhnt, kann man ihn sich auch abgewöhnen. Das war jetzt mein drittes Feuerchen seit Beginn dieses Experiments mit Kräutertee. Rotwein wäre schön gewesen - aber Tee ging auch. Gemütlich war es trotzdem, und ich habe ohne Alkohol wie immer geschlafen wie ein Steinchen.

26.09.2010 um 12:34 Uhr

Zwölf

von: Zwiriam

Hm. So richtig sicher bin ich mir noch nicht, ob ich die Probe gestern bestanden habe. Fest steht, dass das ein puppenlustiger Abend war, und dass ich auf dem Heimweg zumindest nüchtern genug war, um mich gepflegt und deutlich artikuliert mit dem Taxifahrer über Fußball zu unterhalten. (Denke ich zumindest. Auch wenn der Taxifahrer dazu vielleicht eine andere Meinung hat.) Ich habe sogar noch meine Kleider ordentlich aufgehängt, statt sie in einem nach Qualm stinkenden Haufen in die Ecke zu werfen, und sogar meine Schuhe standen im Schuhregal. Das war schon viel schlimmer, viel, viel schlimmer. Es ist noch nicht lange her, da hätte ich am Ende des Abends die anderen beschwatzt, dass das noch NICHT das Ende des Abends ist, und wir wären weitergezogen in eine Bar und noch eine Bar, und am Ende wäre ich so besoffen gewesen, dass ich Filmrisse gehabt hätte. Aber trotzdem war das eine Menge Weißwein, und ein-zwei Gläser weniger hätten es schon sein können. Gut, ich habe mein Aufs-Haus-Schnäpschen an eine der anderen Damen weitergegeben (sonst nicht meine Art), und es gab einen Moment, in dem ich gehen wollte und meinte, jetzt reicht es, aber die anderen noch bleiben wollten. Und wir wollten uns ein Taxi teilen. Also sind wir geblieben. 

Heute ist der Kopf ein bisschen matschig, aber ein richtiger Kater sieht anders aus. Ganz anders sogar. Nichts, was man nicht mit einer einzigen prophylaktischen Paracetamol heute früh um acht in den Griff kriegen konnte. Die mieseste Folge des Abends: ich habe fürchterlich schlecht geschlafen, genauer gesagt, heute Nacht bestimmt vier Stunden wach gelegen. Aber das passiert mir manchmal auch schon nach einem Glas Wein, vor allem Weißwein. Heute Abend werde ich also hoffentlich  im Bett liegen, bevor der Tatort-Abspann vorbei ist. 

Jetzt muss das Tier ausgeführt werden, und weil nachher meine Schwiegermutter kommt, muss ich noch ein bisschen Ordnung machen. Aber später vielleicht mehr.  

25.09.2010 um 09:55 Uhr

Elf

von: Zwiriam

Das Leben ohne Alkohol kann ganz schön langweilig sein. Für Leser auf alle Fälle. Ich wollte, ich hätte im Moment mehr zu berichten von schweren Kämpfen, die sich in meinem Kopf abspielen, von Händen, die nach Korkenziehern zucken, und von schrecklichen Krisen. Aber leider ist es bisher eigentlich ziemlich leicht gewesen. Bisher! Heute ist Samstag, und heute Abend bin ich mit meinen Freundinnen beim Italiener verabredet. Es ist ein sehr lauter, sehr krawalliger Italiener. Ein Italiener, bei dem der Rotwein fast eine größere Rolle spielt als das (gar nicht mal so schlechte) Essen. Und es steht außer Frage, dass ich etwas trinken werde. Die Frage ist nur, wie viel. Mein Ziel ist, an diesem Abend nicht als die Betrunkenste von uns Dreien nach Hause zu gehen. Im Idealfall sogar, überhaupt nicht betrunken zu sein. Aber schon wenn ich das erste Ziel erreicht hätte, wäre ich ein Stück weiter als noch vor zwei Wochen. 

Gestern Abend bin ich auch sauber geblieben. Daran war aber auch mein frisch operierter Bauch nicht ganz unschuldig. Die ganzen letzten Tage ging es mir wirklich gut, ich habe manchmal beim Aufstehen oder Hinsetzen ein bisschen geächzt, aber schlimm war das alles nicht. Vielleicht war ich deshalb gestern ein bisschen übermütig und war einkaufen. Ich habe (eine völlig neue Erfahrung für mich) bei jedem Teil, das ich in meinen Wagen gelegt habe, auf das Gewicht geguckt, denn ich durfte am Ende bei nicht mehr als fünf Kilo landen. Mein Einkauf war am Ende eine ziemliche Punktlandung. Trotzdem ging es mir nicht gut, nachdem ich die Tasche nach Hause getragen hatte. Mein Bauch wurde ein bisschen dick, vor allem um die Narbe herum, und den Rest des Tages habe ich auf dem Sofa verbracht. Inzwischen ist alles wieder gut, aber gestern habe ich gemerkt, dass noch kein Grund zu Übermut besteht, und den Abend bei Kräutertee verbracht. Auch wenn ich leise gehofft hatte, wenn mein Mann nach Hause käme, dann würde er die kalte Flasche Cremant aus dem Kühlschrank aufreißen wollen - denn er hatte gestern was zu feiern: nach vier Monaten Kampf-Abnehmen war gestern Tag der Wahrheit in seiner Sportmannschaft, alle sind auf die Waage gestiegen, und er hatte sein Ziel erreicht (nicht leicht für ihn, er ist auch so ein Genießer wie ich). Aber er hat es nicht vorgeschlagen, und ich - Regeln sind nun mal Regeln - hab es auch nicht vorgeschlagen. Wieder ein kleiner, klitzekleiner Sieg. 

24.09.2010 um 15:48 Uhr

Zehn

von: Zwiriam

Ich bin zweistellig. Das ist aber auch so ziemlich alles, was ich an Sensationen zu vermelden habe. Außer einem kleinen Erfolgserlebnis. Das heißt, ich sehe es als Erfolgserlebnis, vielleicht wird der eine oder andere auch entnervt die Augen rollen. 

 Hier kommt es, das Erlebnis, zum Abschuss freigegeben: Am Mittwoch war ich auf dem Land in einem niedlichen Dörfchen und hatte am späten Nachmittag zwei Stunden Wartezeit totzuschlagen. Wie aus dem Nichts war der Sommer plötzlich noch mal zurück. Der Himmel war dunkelblau, die Luft lau und sanft, und es duftete nach Erde und Pilzen. Ich setzte mich mit meinem Krimi in den Biergarten von einem Dorfgasthaus und habe mir ein Glas Riesling bestellt. Er war köstlich, genau richtig, und passte perfekte zu Krimi, Wetter, Gasthaus und Laune. Und nachdem ich ihn getrunken hatte, war es Zeit, meine Erledigungen abzuschließen und nach Hause zu fahren. Nach Hause meint in diesem Fall: das Wochenendhaus meiner Schwiegermutter. Es hat einen riesigen Weinkeller, in dem momentan fast nur Wein liegt, der meinem Mann und mir gehört (weil wir dort vor einem Jahr eine Party gefeiert haben und die Gäste weniger trinkfreudig waren als erwartet). Und obwohl ich allein war - mein Mann war unterwegs, meine Schwiegermutter gar nicht da - und obwohl der Wein so köstlich gewesen war, habe ich den Abend mit Wasser und Kräutertee zugebracht. 

Nennt das, wie ihr wollt, für mich ist das ein Fortschritt. Gar nichts trinken ist nämlich für mich viel weniger ein Problem als ein bisschen trinken. Egal, wie wild entschlossen ich bin, nach dem ersten oder zweiten Glas Wein aufzuhören - meistens kann ich es schon nach den ersten paar Schlucken nicht mehr so richtig lassen. Selbstdisziplin war nie meine stärkste Seite, und in diese Schwäche steckt der Alkohol seine fiesen Finger und bohrt so richtig darin herum. Aber Mittwoch hat er eine kleine Niederlage eingesteckt.  

 

 

21.09.2010 um 12:36 Uhr

Außer der Reihe: was ist hier eigentlich los?

von: Zwiriam

Wieso erscheinen manche Posts sofort, andere aber erst nach 24 Stunden, egal, wie oft ich die Seite neu lade? Das nervt unfassbar, und es hat zudem etwas ziemlich würdeloses, sein Seelenleben zu so einem kniffligen Thema täglich zwei mal in fast identischen Worten hier auszubreiten und das erst am nächsten Tag zu merken. Ich hoffe, das bleibt so nicht, sonst ziehe ich um mit meinem Blog. 

21.09.2010 um 09:47 Uhr

Sieben

von: Zwiriam

Bzw. der zweite Versuch von Sechs, gestern habe ich einen Post geschrieben, der bis heute nicht erschienen ist. Ich hoffe, heute klappt es. 

Ein weiterer Morgen, an dem die Sonne durchs Fenster scheint und ich kopfwehfrei aufwache. (Die Schmerzen von meiner OP-Wunde reichen aber eigentlich auch.) Der letzte Rausch, den ich zu verdauen hatte, war der Narkoserausch (zugegeben, auch der war nicht ganz einfach, drei Schalen habe ich vollgespuckt). Und als ich gestern zur Entlassung im Wartezimmer neben einem Mann saß, der nach Bier roch, hat es mich nur geschüttelt. 

Zurück aus dem Krankenhaus, und, wen wundert es, immer noch trocken. Aber ich muss noch mal schreiben - nur, damit das ganz klar ist - mein Ziel ist nicht, nie wieder Alkohol zu trinken. Auch, wenn es dadurch viel einfacher wäre, zu beurteilen, ob ich Fortschritte mache. Mein Ziel ist es, nicht mehr sinnlos zu trinken. Sinnlos heißt, sich an irgend einem Abend zur Feier des Feierabends, des schönen oder miesen Wetters oder aus sonst einem Schwachsinnsgrund eine Flasche Wein aufzureißen und allein zu trinken. Sinnlos heißt auch, an einem Abend mit Freundinnen, an dem die anderen mit drei Gläsern Prosecco gut auskommen, sechs Gläser zu trinken und am Ende kaum noch imstande zu sein, sich mit den anderen vernünftig zu unterhalten. Sinnlos heißt.. ach, ihr wisst schon, was sinnlos heißt. Wenn mir das noch mal passieren sollte, trotz aller guten Vorsätze und trotz dieses Blogs, dann war es das mit der sanften Linie, dann ist wirklich Schluss, und ihr dürft alle sagen, ihr hättet es schon immer gewusst. 

Aber noch habe ich die Hoffnung, die Kurve zu kriegen. Die Zeichen stehen gerade nicht schlecht. Nicht nur, dass ich in den letzten Tagen überhaupt nicht über Trinken und Nichttrinken nachgedacht habe. Ich hatte auch wirklich ganz klare, erwachsene Momente, in denen ich genau wusste, dass ich das kann und können muss. Diese Momente will ich mir im Kopf bewahren und wenn möglich heraufbeschwören, wenn es mal wieder hart wird.

 (Gestern Abend hat sich mein Mann übrigens ein schönes, großes Glas Barolo eingeschenkt. Und ich musste noch nicht mal kämpfen. Ich hatte einfach beschlossen, es zu lassen, und habe es gelassen. Es war ungefähr so, als hätte er sich ein Käsebrot gemacht und ich mir nicht.)

 Und jetzt eine Nachricht speziell an den unbekannten Kommentator, der mir jetzt schon ein paar mal gut zugeredet hat, mir Hilfe zu holen: ich kann verstehen, dass Du das so siehst. Vor allem, seitdem ich weiß, dass Du einen guten Freund an den Alkohol verloren hast. Ich weiß auch, dass dieses Abgrenzen - da drüben die Jungs vom Bahnhofskiosk mit ihren Bierdosen, und hier ich mit meinem feinen Rotwein, das ist doch ein Unterschied? - ein Teil vieler Alkoholikerkarrieren ist. Aber das muss noch nicht heißen, dass ich mich nur selbst belüge. Ich will es nun erst mal so versuchen. Wenn es nicht klappt, dann bleibt mir immer noch der totale Verzicht. Und wenn selbst das nicht klappt, dann ist es Zeit, Hilfe zu holen. 

20.09.2010 um 14:30 Uhr

Sechs

von: Zwiriam

Zurück aus dem Krankenhaus und, tada, immer noch alkoholfrei. Das wird nicht so bleiben, und deshalb will ich das noch mal ganz klar sagen: ich schreibe hier, um kein Alkoholiker zu werden. Ich schreibe nicht, um zu dokumentieren, dass ich überhaupt keinen Alkohol trinken will. Meine Fortschritte werden deshalb nicht ganz so einfach, handfest und klar zu beurteilen sein wie die von jemandem, der hier ganz trocken werden will. Das wäre für mich der zweite Schritt, und zwar keiner, über den ich noch lange nachdenken würde: wenn ich feststelle, dass ich auch jetzt trotz Blog und aller guten Vorsätze auch nur ein einziges Mal alleine zuhause sitze und mich mit Wein betrinke, einfach so, weil es ein schöner Abend ist oder ein stressiger Tag hinter mir liegt oder weil... keine Ahnung, dann war es das. 

Die Zeit im Krankenhaus war übrigens wirklich und ehrlich ein Klacks. Ich habe in den letzten Tagen überhaupt nicht nachgedacht über Trinken, Nichttrinken usw. Und als ich vorhin noch auf eine letzte Arzt-Unterschrift gewartet habe in einem Wartezimmer neben einem Mann, der nach Bier roch, da hat es mich richtig geekelt.

Ich glaube wirklich, diesmal könnte es klappen. Ich bin nach der Narkose aufgewacht, lag so da, allein in meinem Zimmer, und habe mich plötzlich ganz ruhig, erwachsen und klar gefühlt. Und in diesem Zustand dachte ich "lass doch den Quatsch. Was soll das denn?" Erst dachte ich, mit dem Narkosenebel verzieht sich das Gefühl wieder. Aber die Benommenheit und Müdigkeit sind verschwunden, und das Gefühl ist geblieben. Ich fühle mich so nüchtern wie schon lange nicht mehr. Und ich fühle mich gerade wirklich so, als wäre in meinem Kopf schon alles, was ich brauche, um das zu schaffen. (Zwiriam, das ein-Mann-Chaka-Seminar.) 

 

16.09.2010 um 19:40 Uhr

Zwei

von: Zwiriam

Wie schon prophezeit: gestern gab es keinen Alkohol, und heute bisher auch nicht - und weil ich tatsächlich den ersten OP-Termin habe und sowieso vermutlich nicht Gefahr gelaufen wäre, mir unmittelbar vor einer OP einen zu zwitschern, habe ich es heute auch gelassen, so dass jetzt gleich nur noch Kräutertee kommt. Dann vier Tage Krankenhaus (alkoholfrei) und danach vier Tage im Haus meiner Schwiegermutter (auch alkoholfrei). Und wenn ich das nächste Mal wieder vom Rechner aus poste statt vom Telefon aus, dann steht schon eine zweistellige Zahl über dem Post. 

Der Tag heute begann zwar mit Kopfweh und Müdigkeit, aber im Vergleich zu einem Kater habe ich mich immer noch frisch, klar und optimistisch gefühlt. Wenn ich nicht so genau wüsste: genau wie bei einer Diät ist der Anfang bei dieser Sache nicht schwer, sondern leicht. Schwer wird es in der Mitte. In der langen, langen Mitte. 

 (Was jammere ich hier eigentlich? Es geht doch noch nicht mal um totalen Entzug, sondern nur um ein paar Regeln, die doch eigentlich sehr human und lässig formuliert sind. Mal ehrlich: nicht alleine trinken, nicht als erste ein Getränk vorschlagen - das kann doch nicht so schwer sein, wo mein ganzes Umfeld gerne mal einen zur Brust nimmt? Scheint es aber doch zu sein. Zumindest in meinem Kopf.) 

 

 

15.09.2010 um 15:49 Uhr

Eins/Zwei

von: Zwiriam

Ich weiß genau, dass ich morgen verkünden kann, heute nichts getrunken zu haben. Das ist bisher immer so gewesen: mein Kater bleibt immer, bis ich schlafen gehe, egal, ob ich Tabletten nehme oder "standhaft" bin (als ob; wäre ich mal besser gestern standhaft gewesen). Und mit Kater finde ich sogar den Anblick von Weinflaschen, die ganz friedlich im Flaschenregal liegen, ekelig. Das ist also keine Kunst. Die Kunst beginnt morgen so gegen Abend. 

 

Zum Glück bekomme ich unerwartete Hilfe bei meinem Plan. Denn Freitag muss ich ins Krankenhaus und werde operiert (nein, nicht an der Leber). Und im Krankenhaus knallen selten die Korken. Wenn dann also ein paar Tage lang hier nichts steht, dann wertet das nicht als Zeichen, dass ich eingeknickt bin. Ich bin nicht betrunken, ich bin nur ohne Internet.

 

Ein Teil von mir ist gerade ganz zuversichtlich, dass ich das schaffe. Aber ein anderer Teil von mir sieht das ganz anders: der sagt, warte nur. Das wird richtig hart werden. 

 

Es gibt eine Menge Gründe, warum es tatsächlich hart werden könnte.

Da ist einmal die Abhängigkeit, die vermutlich schon viel weiter fortgeschritten ist, als ich mir das im Moment eingestehen will.

Dann ist da unser Leben, in dem sich so viele Dinge so eingependelt haben: der Wein abends auf dem Sofa, die Treffen zum Essen mit Freunden...

Und dann sind da meine Freundinnen. Mit denen habe ich über das Thema schon so oft gesprochen, dass sie inzwischen schon genervt die Augen rollen, wenn ich schon wieder davon anfange. Sie trinken alle viel, und zwar jedes Mal, wenn wir uns sehen. Ich glaube, diesmal spreche ich nicht mit ihnen darüber. Denn ihre Skepsis wird mir ganz schön zusetzen. Jetzt könnte man sagen, was sind denn das für Freundinnen, mit denen man über sowas nicht reden kann? Ich weiß genau, sie sind die besten Freundinnen der Welt. Und eigentlich kann ich mit ihnen über alles reden. Aber darüber will ich diesmal nicht sprechen, aus Selbstschutz. Irgendwann, wenn ich ein paar Monate gut durchgehalten habe, dann sage ich es ihnen. Nicht vorher.

Und dann ist da - wie schon erwähnt - die Tatsache, dass mir Wein einfach so gut schmeckt. Diäten waren noch nie etwas für mich, und das hier ist Diät für sehr, sehr fortgeschrittene. Ich bin gespannt.  

Ich weiß, das wird sich schnell wieder ändern. Aber jetzt, im Moment, erscheint mir nichts verlockender als ein Leben, in dem ich jeden Morgen mit klarem Kopf aufwache, ohne Übelkeit und Scham und Kopfschmerzen, nach einer Nacht, in der ich tief und fest geschlafen habe und nicht wegen Alkohol nachts um zwei aufgeschreckt bin, um stundenlang nicht wieder einschlafen zu können. Das muss doch herrlich sein. Und ich freue mich schon drauf.  

15.09.2010 um 13:54 Uhr

Eins

von: Zwiriam

Ich sitze an meinem Schreibtisch und habe den hoffentlich letzten schlimmen Kater meines Lebens. 

 

Gestern Abend war mein Mann unterwegs. Ich habe mir eine Flasche Wein aus dem Keller geholt, sie ins Gefrierfach gesteckt, damit sie schneller kalt wird, und als er nach Hause kam, hatte ich sie ausgetrunken. Die leere Flasche habe ich im Keller versteckt.

 

Heute Nacht habe ich ihm versprochen, dass das aufhört. Er macht sich fürchterliche Sorgen. Damit hat er Recht. Ich habe ihm das schon ein paar Mal versprochen, und ich habe es nicht geschafft, mich daran zu halten. Ich bin immer wieder eingeknickt, manchmal langsam, manchmal schneller. Inzwischen scheint er meine Vorsätze nicht mehr so richtig ernst zu nehmen. Beim letzten Mal hat er schon am nächsten Abend gefragt, ob ich auch solche Lust auf Champagner hätte? Wir hatten welchen im Haus, weil er mit einem Freund darum gewettet und gewonnen hat. Wer wäre ich, da nein zu sagen? Hätte ich mal lieber machen sollen. Wir haben zusammen die Flasche getrunken, es war köstlich, und danach hatte ich genug. Ich habe nicht klammheimlich überlegt, woher ich jetzt noch ein Glas Wein bekomme, ich bin einfach ins Bett gegangen und habe gelesen und keinen weiteren Gedanken an Alkohol verschwendet. Am nächsten Morgen bin ich aufgewacht und war ganz glücklich, ich dachte schon, es ist doch gar nicht so schwer, und ich habe ja scheinbar doch kein Problem. 

Doch, habe ich. Denn schon drei Tage später war wieder so ein Abend, an dem er nicht da war und ich alleine zu viel getrunken habe.

 

Das ist alles viel deprimierender, als ich hier beschreiben kann. Ich schäme mich, und ich habe Kopfweh, und mir ist schlecht, und ich habe Angst. Draußen ist ein wunderschöner Tag, sonnig und windig, und ich hätte eigentlich so viel zu tun. Stattdessen sitze ich hier an einem ganz normalen Wochentag in einem Zustand wie andere Leute am ersten Januar.

 Heute ist der erste Tag, an dem ich es mit Hilfe des Blogs versuche. Jetzt ist es zwei. In acht Stunden kann ich das Licht ausmachen, und wenn ich es wieder anmache, hat der Kater sich verzogen. (Auch ein guter Grund, weniger zu trinken: ich habe die schlimmsten Kater der Welt.)  

So ein schöner Tag. Und trotzdem wollte ich, er wäre schon vorbei.  

 

15.09.2010 um 13:45 Uhr

Was soll das alles hier?

von: Zwiriam

Mein Name ist Zwiriam, und ich glaube, ich bin auf dem besten Weg, Alkoholikerin zu werden. 

 

Eigentlich befürchte ich das schon eine ganze Weile. Im letzten Jahr habe ich mir selbst unzählige Male versprochen, weniger oder sogar gar nichts mehr zu trinken. Meistens hat es für kurze Zeit geklappt - für sehr kurze Zeit auch manchmal, zugegeben - aber dann fing es wieder an. Zuletzt hatte ich mir vorgenommen, in diesem Jahr mit einer ganz bestimmten Anzahl an Getränken auszukommen - diese Zahl hatte ich dann Mitte Februar erreicht.

Inzwischen glaube ich mir selbst kaum noch, wenn ich mir wieder etwas vornehme und mir eine neue Regel ausdenke, mit der es leichter gehen soll. Inzwischen weiß ich: Regeln helfen nichts, das einzige, das hilft, ist weniger trinken. Und wenn es mit weniger trinken nicht funktioniert, dann gar nichts mehr trinken.

Vielleicht denkt sich jetzt jemand, das klingt aber ganz so, als wäre sie schon Alkoholikerin, nicht beinahe oder fast, sondern richtig. Ich habe mir die Definitionen angesehen, die medizinische Leitfäden dazu geben, und es stimmt: danach betrachtet, trifft dieses Etikett auf mich zu. Aber ich bin keine, die Schnapsflaschen im Schrank versteckt. Ich muss auch nicht trinken, um gegen irgend eine Art von Entzug anzugehen. Ich trinke nicht morgens, mittags, abends und nachts. Ich trinke keinen Schnaps, und es gibt eine Menge Dinge, die ich niemals tun würde, wenn ich etwas getrunken habe. Ich bin z.B. noch nie in meinem Leben auch nur mit einem halben Glas Wein im Blut Auto gefahren. Wenn ich Medikamente nehme, die sich nicht mit Alkohol vertragen, dann trinke ich nichts, und das ist auch eigentlich kein Problem. Das Problem ist, trotz all dieser Entschuldigungen und guten Zeichen trinke ich zu viel. Ich weiß nicht, warum, aber so ist es. Wenn ich mich mit meinen Freundinnen treffe, dann bin ich am Ende des Abends fast immer die, die am meisten getrunken hat, und die anderen trinken auch eine Menge. Ich trinke an vielen Abenden alleine, während ich vor dem Rechner sitze und arbeite. Ich trinke auf Festen, ich trinke beim Ausgehen, und jedes einzelne Mal wäre vermutlich noch nicht besonders alarmierend, aber zusammen betrachtet macht mir das Angst. 

 

Mir macht auch Angst, dass ich inzwischen schon ein paar mal heimlich Wein gekauft habe, den ich dann Abends, wenn mein Mann nicht da war, getrunken habe, und die leere Flasche habe ich am nächsten Tag genau so heimlich aus dem Haus geschafft. Das ist schrecklich. Ich liebe meinen Mann sehr, und ich schäme mich halb zu Tode. Ich habe Angst, dass er das alles merkt, und ich habe Angst, dass es schon zu spät ist und ich längst richtig drin stecke, ich habe Angst, dass ich es nicht schaffe, das bleiben zu lassen, und ich habe Angst, dass das ewig so weiter geht und immer schlimmer wird. Und paradoxerweise habe ich manchmal sogar Angst davor, dass es längst so weit ist, dass ich nie wieder Alkohol trinken darf. Nie wieder ein Glas Rotwein zum Steak, nie wieder ein Bier im Biergarten, nie wieder Champagner. Es gibt perverserweise sogar Momente, in denen denke ich, ich will vor allem deshalb weniger trinken, um die Gefahr abzuwenden, irgendwann gar nichts mehr trinken zu dürfen. Die Wahrheit ist nämlich: ich MAG Alkohol. Sehr sogar. Ich habe einen Freund, der hasst den Geschmack alkoholischer Getränke. Er trinkt nur deshalb, weil er sich beschickern möchte, damit er beim Ausgehen mehr Spaß hat. Ich bin das genaue Gegenteil von ihm: ich hasse es, betrunken zu sein, aber ich liebe den Geschmack von Alkohol. An dem Tag, an dem es einen alkoholfreien Wein gäbe, der genau so schmeckt wie ein guter normaler Wein, hätte ich vielleicht kein Problem mehr. Und auch jetzt, während ich das schreibe, frage ich mich: mache ich mir da schon wieder was vor? 

Dieser Blog soll mir helfen. Ich will von heute an jeden Tag  darüber schreiben, wie ich versuche, kein Alkoholiker zu werden. Egal, was ich anderen erzähle, hier will ich ehrlich sein. Der Plan sieht erst mal nicht vor, gar nichts mehr zu trinken, nie mehr. Trotzdem gibt es Regeln, an die ich mich halten will: 

Ich will nicht mehr alleine trinken.

Ich will nicht mehr so viel trinken, dass ich mich betrunken fühle.

Ich will mir keine Anlässe mehr ausdenken: einen neuen Schreibtisch zu haben, Feierabend zu haben oder ein Kaminfeuer sind kein Anlass.

Ich will nie wieder diejenige sein, die als erste vorschlägt, etwas zu trinken.

Ich will keinen Alkohol mehr heimlich kaufen, heimlich trinken oder heimlich die Flaschen entsorgen.

 

Das sind in euren Augen vielleicht ziemlich weiche Regeln. Aber wenn ich es schaffe, mich daran zu halten, dann bin ich schon ein gutes Stück weiter. Ein sehr gutes Stück.