Mit dem Kopf voran

31.07.2005 um 00:43 Uhr

Haben wir ein Schuldenproblem?

von: steffenh   Kategorie: Wirtschaftstheorie

In einem Artikel auf der Webseite der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (ISNM) beklagt Professor Ulrich van Suntum (Autor des sehr empfehlenswerten VWL-"Volks"-Lehrbuchs Die unsichtbare Hand) die enorme Neuverschuldung der Bundesregierung. Diesen Sorgen ist beizupflichten, doch nicht etwa wie der Autor andeutet wegen hoher Zinsen oder der Belastungen zukünftiger Generationen. Nein, vielmehr sollte sich der geneigte Beobachter Sorgen um die häufig ineffiziente und kontraproduktive Verwendung der durch Verschuldung finanzierten Staatsausgaben machen. Die Frage, ob Staatsausgaben durch Steuern oder Schulden finanziert werden ist eher nachrangig.
Warum das so ist, erläutert Steven Landsburg (und Lauren J. Feinstone) im Kapitel "The Mythology of Deficits" seines Bestsellers "The Armchair Economist". Werden wir wirklich durch die Zinsen der Schulden unserer Vorfahren belastet und belasten die Zinsen unserer Schulden unsere Nachkommen? Nicht wirklich, denn es ist zu berücksichtigen, dass unsere Vorfahren und wir entsprechend geringere Steuern gezahlt haben, gesparte Vermögen, die für die privaten Haushalte selbst wieder Zinserträge abwerfen und die Zinslast kompensieren. Häufig wird auch argumentiert, die staatliche Kreditnachfrage führe zu höheren Zinsen und verdränge private Kreditnehmer. Dafür gibt es keine überzeugenden empirischen Belege, schließlich steht das vom Staat geborgte Geld nach dem Kauf von Gütern oder Dienstleistungen sofort wieder dem privaten Markt zur Verfügung:
"Suppose that the government decides to borrow a dollar in order to purchase a paper clip for use at the Pentagon. It effects this borrowing by selling a bond to Jack, who withdraws a dollar from his bank account to make the purchase. The dollar is immediatly used to buy a paper clip from Jill, who deposits it in bank. Now it is true that Jack's bank has a dollar less in deposits, but Jill's has a dollar more. The total number of dollars that the bank have available to lend to David (private Kreditnehmer) is exactly the same as it was before the government started borrowing. Goliath (der Staat) consumes no money; he just moves it around a little."
Worüber wir uns größere Sorgen machen sollten ist daher nicht die Finanzierung, sondern die Verwendung unserer Staatsausgaben. Immerhin ist jede Investition, die mehr Ertrag einbringt als sie inklusive Zinsen gekostet hat, es Wert getätigt zu werden. Das gilt auch, wenn der Staat der Investor ist und wir die Zinsen zahlen. Doch gerade hier ist häufig Skepsis angebracht, denn schließlich stecken regelmäßig nicht sinnvolle Projekte als vielmehr - wie Ulrich van Suntum richtig beklagt - "Subventionen, Transfers und Steuererleichterungen für diese und jene Zielgruppen" hinter den enormen Staatsausgaben. Die volkswirtschaftlichen Produktionsfaktoren werden nicht für Zwecke ausgegeben, für die Konsumenten bereit sind zu zahlen, sondern sie werden vor allem zu denjenigen transferiert, die ihren Grips eher in die Beeinflussung von Politikern als in die Entwicklung von nützlichen Produkten investieren. Und wer möchte schon Zinsen für Investitionen zahlen von denen später niemand etwas hat? Daher sind hohe Staatsdefizite ein ziemlich sicheres Zeichen dafür, dass die Staatsausgaben zu hoch sind und der Steuerzahler an der Nase herumgeführt werden soll.
 
Eine ausführliche Diskussion über das Für und Wider der Probleme der öffentlichen Verschuldung ist unter Policy Debate: Is a budget deficit harmful to the economy? zu finden.

28.07.2005 um 12:18 Uhr

Behindert Arbeitslosigkeit den Klimaschutz?

von: steffenh   Stichwörter: Klimaschutz

Katrin Rehdanz von der Universität Hamburg hat in ihrem Working Paper Determinants of Residential Space Heating Demand in Germany die eigentlich sehr plausible Feststellung, dass Haushalte mit einem hohen Anteil Arbeitsloser höhere Heizkosten haben, empirisch bestätigt. Ist den ganzen Tag jemand zu Hause muß mehr geheizt werden und entsprechend fallen auch höhere Emissionen an. Würden diese Menschen stattdessen in häufig ohnehin zu beheizenden gewerblichen Gebäuden, deren Heizungstechnik häufig aufgrund gewinnorientierter Kostenminimierung der Unternehmen wesentlich effizienter ist, arbeiten, kann man davon ausgehen, dass ein Teil des Haushaltsenergieverbrauchs gespart würde. Eine vollständige Kompensation durch die Beheizung der Arbeitsplätze wäre allein aufgrund einer Reihe von Freiluftjobs nicht anzunehmen. Ein Grund mehr, in wirtschaftlichem Wachstum und damit verbundener Vollbeschäftigung keinen Gegensatz zu mehr Umweltschutz zu sehen. 

Der Aufsatz zeigt überdies, dass in Eigenheimen signifikant niedrigere Heizkosten als in Mietswohnungen anfallen, was darauf hinweist, dass der Anreiz zur Energieeinsparung in Mietshäusern aufgrund des Interessengegensatzes zwischen Mieter und Vermieter geringer ist. Auslöser dürfte letzlich das geltende Mietrecht sein, dass dem Vermieter nicht genügend Anreize gibt, in die Modernisierung der Heizungstechnik zu investieren, weil dazu notwendige Mietanpassungen häufig erst bei Neuvermietungen in hinreichender Höhe möglich sind. Was der Bestandsmieter deshalb an Kaltmiete spart gibt er über die Jahre dann in Form höherer Heizungskosten wieder aus, ein "Deal" der sich langfristig wohl nicht auszahlen dürfte...

25.07.2005 um 17:39 Uhr

TCS: Serie zum Thema Kapitalmärkte

Kapitalmärkte und ihre Risiken sind in aller Munde. Ebenso rege werden staatliche Eingriffe diskutiert, die Risiken und Turbulenzen der Kapitalmärkte in ihre vermeintlichen Schranken weisen sollen. Die hier bereits kritisierte Tobin Steuer auf internationale Kapitalbewegungen ist nur ein Beispiel diverser kontroverser Instrumente der staatlichen Kapitalmarktintervention. In einer Serie von sechs Artikeln auf Techcentralstation versucht ab heute der amerikanische Ökonom Arnold Kling (Autor von Learning Economics) einen Weg in den Dschungel des Kapitalmarktes zu schlagen:
 
Thanks to an outstanding new intellectual biography by Perry Mehrling, I have been reminded of Fischer Black's distinctive perspective on finance and economics. I want to use that perspective as the reference point for a series of essays on how capital markets and financial innovation affect the economy. There is a widespread but uninformed belief that modern financial markets create risk and moral hazard, with government regulation the necessary antidote. The reality, as Fischer Black understood, is more nearly the opposite. 

24.07.2005 um 21:06 Uhr

Wie sinnvoll ist eine strategische Ölreserve?

Versorgungssicherheit ist ein häufig bemühtes Schlagwort in der letzten Zeit. Versorgungssicherheit ist auch der offizielle Grund, warum viele Staaten eine strategische Ölreserve anlegen. Auch in der Bundesrepublik sind die Minaralöl importierenden und verarbeitenden Unternehmen per Gesetz zur Bevorratung von Rohöl und Mineralölprodukten im Umfang des Verbrauchs von 90 Tagen verpflichtet. Insgesamt werden mehr als mehr als 29 Mio. t Rohöl und Fertigprodukte gelagert (2000: 45% davon Rohöl). Für die Unternehmen bedeutet das erhebliche Kosten, den beim gegenwärtigen Ölpreis von 57 US-$ und hohen Fertigproduktpreisen entspricht dieses Zwangslager erheblichen Umsatz- und Zinsverlusten. Hinzu treten nicht unerhebliche Lagerhaltungskosten. Angesichts dieser Kosten fragt sich, ob der Nutzen einer strategischen Reservebildung diesen Aufwand lohnt. Große Zweifel äußern Timothy J. Cosidine und Kevin M. Dowd von der amerikanischen Pennsylvania State University in ihrem Artikel A Superfluous Petroleum Reserve in der aktuellen Ausgabe von Regulation:
 

While the benefits of holding the sprare uncertain and difficult to quantify, they critically depend upon how the reserve is used in a crisis. The responsiveness of the spr sales during a crisis is crucial. If, by the time the necessary actions are implemented and oil has found its way onto the market, the crisis is over, then it is seemingly fruitless to tie up the billions of dollars required to hold the reserve. If the spr’s desired effects take place too slowly and the market corrects in the meantime, thenits entire reason for being is suspect.

Um die hohen Kosten strategischer Lager zu reduzieren schlägt Arnold Kling in The Destabilizing Oil Speculator deshalb auch vor, statt echtem Öl entsprechende Futures zu erwerben:
 

The futures markets in oil can be thought of as a virtual SPR. The government could insure against an oil market disruption by buying futures contracts, without storing a single drop of oil.

 

If the government were to switch from a physical SPR to a virtual SPR, this would do two things. First, it would reduce the cost of the SPR, because the cost of trading in the futures market is much lower than the cost of transporting and storing oil. Second, it would make transparent what the SPR amounts to--government speculation in the oil market, supposedly to our benefit.

 
 

24.07.2005 um 19:48 Uhr

Update Ölpreisentwicklung

von: steffenh   Kategorie: Energiemärkte

Eine Darstellung der realen Ölpreisentwicklung über die vergangenen 150 Jahre ist im BP Statistical Review of World Energy 2005 zu finden. Auch hier sind den Ölmarkt bestimmende Ereignisse auf der Zeitachse berücksichtigt.

 

21.07.2005 um 01:02 Uhr

Schlappschwanz oder Liegerad?

Liegeräder gelten als das Gefährt schrulliger Ökos. Als begeisterter Besitzer eines dieser fremdartigen Fahrzeuge habe auch ich unter diesem Image zu leiden. Die ständige Fragerei, ob man sich mit diesen Dingern überhaupt richtig fortbewegen könne und die besorgten Blicke bezüglich der besonderen Gefahren im hauptstädtischen Straßenverkehr sind eigentlich noch zu verkraften. Ganz besonders deprimierend ist jedoch die ablehnende Haltung des weiblichen Geschlechts. Kein anderes Fahrzeug hat offenbar so wenig Sex-Appeal wie ein Liegerad.

Ganz zu Unrecht wie ein Artikel über Fahrradfahren und erektile Dysfunktionen in der österreichischen Fachzeitschrift "Der Mann - Wissenschaftliches Journal für Männergesundheit" zeigt, kann doch langes Fahren auf einem konventionellen Fahrrad zu einer Unterversorgung des Blutes mit Sauerstoff im "Besten Stück des Mannes" (Hypoxämie) und in der Folge zu Erektionsstörungen führen. Der Liegeradler wird diese Informationen nur mit einem Lächeln quittieren, denn bei ihm stellt sich selbst nach hundert Kilometern das gefürchtete Taubheitsgefühl im Unterleib nicht ein. Und als ob das noch nicht reichen sollte, mutmaßt ein weiterer Artikel im gleichen Journal, dass die erhöhte Wärmeexposition des Hodensacks bei der sitzenden Fahrradposition möglicherweise die Spermienqualität senkt. Auch hier kann der Liegeradler nur erleichtert aufatmen, denn bei ihm weht stets ein anständiges Lüftchen zwischen den Beinen. Da liegt es nahe, dass die Autoren die Benutzung eines Liegerades als Alternative empfehlen.

Vielleicht ein Grund für die Damenwelt, ihre Meinung über den Sex-Appeal von Liegerädern und ihre Fahrer noch einmal zu überdenken?

 

21.07.2005 um 00:09 Uhr

Von der Schwierigkeit Prioritäten zu setzen

Björn Lomborg, Autor des Buches Apokalypse No und Organisator des Copenhagen Consensus, in einem Artikel in Zeit-Wissen über die Schwierigkeiten der Prioritätensetzung in der internationalen Umwelt- und Entwicklungspolitik:
 
Im Prinzip sollte es einfach sein, mit den Nöten der Welt umzugehen. Wir sollten sie alle bewältigen: Den Kampf gegen den Hunger gewinnen, Konflikte beenden, übertragbare Krankheiten aufhalten, sauberes Trinkwasser bereitstellen, Bildung stärken und den Klimawandel stoppen. Aber wir schaffen es nicht. Darum müssen wir uns die schwierige Frage stellen: Wenn nicht alles auf einmal, womit dann anfangen? Wir leben in einer Welt mit beschränkten Ressourcen. Das bedeutet, dass wir eine moralische Verpflichtung haben, jeden Euro so auszugeben, dass er möglichst viel Gutes bewirkt. Wir müssen uns über Prioritäten unterhalten.

Überraschend nur, dass so eine ausgesprochen ökonomische Prioritätenbildung noch nie unternommen wurde. Warum? Ich denke, es gibt dagegen eine Menge Abneigung. Diese Idee wird als schlecht betrachtet, weil, wann immer wir Prioritäten bilden, wir nicht nur sagen, wo wir mehr tun sollten (was gut ist), sondern auch, wo wir unsere Anstrengungen zunächst nicht steigern sollten (was als zynisch gilt). Diese Sichtweise verblüfft mich; Prioritäten totzuschweigen lässt sie noch lange nicht verschwinden, sie werden nur weniger durchschaubar, weniger demokratisch und weniger effizient. Sich hauptsächlich mit den Problemen zu beschäftigen, die am meisten Wind machen, ist falsch. Stellen wir uns Ärzte in einem überlasteten Krankenhaus vor, die sich weigern, entsprechend der Verletzungen auszuwählen, und stattdessen Patienten bloß in der Reihenfolge ihrer Einlieferung behandeln – und dabei jene vorziehen, deren Familien am meisten Aufhebens machen! Keine Prioritäten zu bilden ist ungerecht, verschwendet Ressourcen und kostet Leben.

Das bedeutet, dass wir sorgfältig untersuchen müssen, wo wir mit unseren Investitionen am meisten Gutes tun können. Beim Projekt des Kopenhagen-Konsens von 2004 haben 30 spezialisierte Ökonomen inklusive dreier Nobelpreisträger gemeinsam so eine globale Prioritätenliste gemacht. Sie haben die grundlegende Frage beantwortet: Angenommen, die Weltgemeinschaft würde es sich jährlich 50 Milliarden kosten lassen, wofür würden wir sie dann am besten ausgeben?

20.07.2005 um 10:21 Uhr

Ölpreisentwicklung

Diese sehr anschauliche Grafik (in US-$, 2005) der realen Ölpreisentwicklung der vergangenen fünfunddreißig Jahre, in die preisbestimmende Ereignisse eingezeichnet sind, findet man in dem neuen Report des britischen House of Lords zur Kritik an der internationalen und britischen Klimaschutzpolitik.
 

19.07.2005 um 14:37 Uhr

Nachtrag zu "Che (Killer) Guevara"

Der im Beitrag "Che (Killer) Guevara" zitierte Artikel The Killing Machine: Che Guevara, from Communist Firebrand to Capitalist Brand von Alvaro Vargas Llosa ist jetzt auf der Webseite des Independent Institute frei verfügbar.

18.07.2005 um 17:57 Uhr

Energie: Technologie, Geschichte und Politik

In Zeiten hoher Ölpreise und hitziger Debatten über Sicherheit und Preisgünstigkeit der zukünftigen Energieversorgung heißt es einen kühlen Kopf bewahren. Eine ordentliche Wissensbasis haben Robert L. Bradley und Richard W. Fulmer mit dem Buch Energy: The Master Ressource: An Introduction to the History, Technology, Economics and Public Policy of Energy dafür vorgelegt. Wer sich solide über alle wichtigen Aspekte des Themas Energie und die Funktion von Energiemärkten informieren möchte und dabei nicht mehr Energie als etwas Konzentration und ein paar Mausklicks verbrauchen möchte, dem sei die Lektüre wärmstens empfohlen.
 

17.07.2005 um 23:53 Uhr

Kein Wille zur Veränderung

Das Interview mit Wolfgang Wiegard, Mitglied des Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, in der Frankfurter Rundschau paßt inhaltlich recht gut zum vorletzen Eintrag. Weder SPD noch CDU haben nach seiner Einschätzung überzeugende Wahlprogramme. Ist es tatsächlich nur der ignorante Wähler und Interessengruppendruck der die Politiker wider besseren Wissens zu einer derartig formlosen Programmatik zwingt? Frau Merkels Forderungen nach einer "gerechteren Unternehmensbesteuerung" und die Forderung der SPD nach einer Reichensteuer, die dem Wähler ja geradezu in den Mund gelegt wurde, sind nur zwei von einer Kette von Beispielen auf der politischen Parteienagenda, die Zweifel an der wirtschaftspolitischen Kompetenz so manchen Politikers nicht unangebracht erscheinen lassen. Ich werde auf einige Beispiele hier sicher noch zurückkommen...

15.07.2005 um 09:40 Uhr

Die Wellen und das Narrenschiff

Bryan Caplan, Ökonomieprofessor an der amerikansiche George Mason University, hat einen schönen Eintrag über die Normalität politischer Beschränktheit auf Econlog. Am Beispiel des populären amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy, der weder zum Antritt seiner Präsidentschaft noch nach einiger Amtszeit den Unterschied zwischen Geld- und Fiskalpolitik intellektuell verarbeiten konnte, argumentiert er, dass die Herrschaft von Narren in einer Demokratie völlig normal ist. Dabei zieht er eine Analogie zwischen der Logik politischer Entscheidungen und dem Popularitätsranking von Schulkindern. Der einzige Unterschied liegt in der gesellschaftlichen Position, denn Politiker befinden sich ebenso in einem Wettbewerb um Beliebtheit, bei dem es weniger darauf ankommt besonders kompetent zu sein, als vielmehr die Fähigkeit zu haben den Wähler (und andere Interessengruppen) durch Popularität auf ihre Seite zu ziehen. Auch das gegenwärtige Wahlkampfgeschehen zeigt auf erstaunliche Weise, wie mit Popularität erheischenden Wahlprogrammen (SPD: z.B. Reichensteuer, CDU: mangelnde Reformbereitschaft, etc.) lediglich ein Wahlsieg erreicht werden soll, nicht jedoch ein konsequenter Wille zur Veränderung zum Wahlkampfmotiv wird. In seinem Aufsatz The Logic of Collective Belief schreibt Caplan:

A politician who does not have rational expectations about the impact of his policy stances on his career pays a high price, so in this area the standard arguments for rationality (Muth 1961) are compelling: Politicians who systematically misunderstand voters' feelings forego large opportunities for political profit. They have an incentive to learn from mistakes and hire expect advice. Systematic mistakes about what the voters want also open a politician to takeover bids from more rational challengers.

...

However, it does not follow that politicians will be rational about the actual impact of the policies that they implement. They merely need to gauge voters' reaction to their policies; if the voters have irrational expectations about what policies will accomplish, a politician who rationally second-guesses them gets little benefit. In fact, if it is indeed impossible to fool all of the people all of the time, politicians who share the irrational assessments of their constituents may actually be at a competitive advantage compared to rational politicians who cynically pander to the prejudices of the electorate.

So lange wir als Wähler närrisch sind müssen wir uns nicht wundern von Narren regiert zu werden. Das Narrenschiff braucht rauhes Fahrwasser damit Kapitän und Mannschaft endlich richtig segeln lernen.

14.07.2005 um 17:17 Uhr

Gurt vs. Kindersitz: Was ist sicherer?

Die Benutzung von Kindersitzen ist auch in Deutschland für Kinder bis zu 12 Jahren Pflicht. Was nun, wenn gar nicht klar ist, ob ein Kindersitz bei Kindern über 2 Jahren sicherer ist als der konventionelle Dreipunktgurt? So zumindest argumentieren der Ökonom Steven Levitt und der Journalist Stephen Dubner in dem New York Times Artikel The Seat-Belt Solution:

So if car seats and booster seats aren't the safety miracle that parents have been taught to believe, what should they do? The most important thing, certainly, is to make sure that children always ride with some kind of restraint -- and, depending on your state, a car seat or booster seat may be the only legal option. On a broader level, though, it might be worth asking this question: Considering that Americans spend a few hundred million dollars annually on complicated contraptions that may not add much lifesaving value, how much better off might we be if that money was spent to make existing seat belts fit children? Some automakers do in fact make integrated child seats (in which, for example, the car's seat back flips down for the child to sit on); other solutions might include lap-and-shoulder belts that vertically adjust to fit children, or even a built-in five-point harness.

It may be that the ultimate benefit of car seats and booster seats is that they force children to sit still in the back seat. If so, perhaps there is a different contraption that could help accomplish the same goal for roughly the same price: a back-seat DVD player.

Wer wissenmöchte, ob ein Swimming-Pool gefährlicher ist als ein geladenes Gewehr, warum amerikanische Lehrer und japanische Sumo-Ringer sich in ihrer Neigung zum Betrügen ähneln und warum Drogendealer oft noch bei ihrer Mutter wohnen, dem sei die Lektüre des Bestsellers der beiden Autoren Freakonomics: A Rogue Economist Explores the Hidden Side of Everything (die zugehörige Webseite) ans Herz gelegt.

Via Marginal Revolution.

13.07.2005 um 16:37 Uhr

Grüne Energieverschwendung

Die von der Bundesregierung geförderte Nutzung von Biokraftstoffen ist nach Ansicht amerikanischer Wissenschaftler nicht nur glatte Energieverschwendung, sondern auch ökologisch bedenklich. Die nutzbare Energieausbeute vieler Biokraftstoffe sei teilweise erheblich niedriger als der Energieeinsatz, der zu ihrer Herstellung notwendig sei, schreibt der Spiegel unter Bezugnahme auf eine Studie im Fachblatt "Natural Resources Research" (Ausg. 14:1, S. 65). Offenbar werden für das Wohlergehen deutscher Bauern keine Kosten und Mühen gescheut. Der Aufwand der Verantwortlichen scheint sich ja dabei in Grenzen zu halten...
 

12.07.2005 um 11:06 Uhr

Helmtiger

Man nehme ein Messer, ein Zitrone und eine geduldige Katze...
 

12.07.2005 um 10:32 Uhr

Che "Killer" Guevara

Che Guevara wird weltweit nicht nur von den Ultra-Linken glorifiziert. Fast jeder Jugendliche erliegt irgendwann einmal dem revolutionären Charme des Mannes, der wie kein anderer zum Symbol der sogenannten lateinamerikanischen Befreiungsbewegung geworden ist. Unklar bleibt weiterhin, wovon diese Bewegung die bis heute mehrheitlich vergleichsweise armen Bewohner des mittel- und südamerikanischen Kontinents eigentlich befreit hat. Das heutige Kuba, dessen Wohlstandsniveau heute hinter die vorrevolutionäre Zeit zurückgefallen ist, kann uns mit Sicherheit nicht die Antwort geben. Immer klarer wird dagegen, mit welchen Methoden die Ikone Guevara seine Ziele zu erreichen suchte.
Alvaro Vargas Llosa widmet sich diesem Thema in The New Republic (leider kostenpflichtig, daher hier eine etwas längere Zusammenfassung):

Ernesto "Che" Guevara (1928-1967), the Argentina-born revolutionary who helped Castro come to power in Cuba, has long been lionized by the hard left. Guevara's posthumous popularity has accelerated in recent years -- especially since the 2004 release of "The Motorcycle Diaries," a feature film based on his early autobiographical writings -- making him a crossover superstar whose likeness appears on countless T-shirts, posters and tattoos, and who has been cited as an inspiration for political dissidents from Latin America to Lebanon to Hong Kong.

Yet the reality of Che Guevara's life is far different from the popular perception, as Independent Institute Senior Fellow Alvaro Vargas Llosa explains in a new article in the July 11 & 18 issue of THE NEW REPUBLIC.

It's safe to assume that many people now sporting radical-chic Che T-shirts oppose capital punishment, but Che Guevara served as an executioner for Castro, as Guevara himself admitted in some of his diary entries, notes Vargas Llosa, author of LIBERTY FOR LATIN AMERICA. Guevara, for example, admitted to shooting Eutimio Guerra in January of 1957 because he suspected him of passing on information. He also admitted to having shot a peasant named Aristidio, although he wasn't certain he could justify that execution, as well as a man named Echevarría, the brother of a comrade. On the eve of victory for the revolution, Guevara ordered the execution of a couple dozen people in the central Cuban region of Santa Clara, according to Jaime Costa Vázquez (a.k.a. "El Catalán"), a former commander in the Cuban revolutionary army whom Vargas Llosa interviewed for the article.

But Che Guevara's killing spree didn't reach its apex until after the corrupt Bautista regime collapsed and Castro put Guevara in charge of the San Carlos de La Cabaña prison.

José Vilasuso, a lawyer and professor in Puerto Rico who had served with the group in charge of the judicial process at La Cabaña prison, told Vargas Llosa that one night in 1959 he witnessed the execution of seven political prisoners. Another witness, Javier Arzuaga, a clergyman more inclined toward the liberation theology of Leonardo Boff than the conservatism of the former Cardinal Ratzinger, told Vargas Llosa that Che Guevara never overturned a sentence. He said he personally witnessed 55 executions, including that of a young boy named Ariel Lima. Estimates of the number of executions of political prisoners during the six months that Che Guevara was in charge of La Cabaña vary. Economist Armando Lago has compiled a list of 179 executions. Pedro Corzo, who is making a documentary about Che Guevara, puts the number at 200. Vilasuso told Vargas Llosa that 400 political prisoners were executed under Guevara's command.

Whether Che Guevara executed 400 political prisoners or "only" 200, it's hard to see how self-styled "progressives" can continue to justify their worship of the murderer. For those who refuse to blame the "idealistic" Che for these executions, which took place without regard for due process, Alvaro Vargas Llosa also notes Guevara's Taliban-like rule of the city of Sancti Spiritus in 1958, his ordering of his men to rob banks during the revolution, his rationalization of the Guanahacabibes labor camp, his negotiation with Khrushchev to acquire 42 Soviet missiles, half of them armed with nuclear warheads, his destruction of the Cuban economy, and his reckless revolutionary sojourns throughout Latin America and to the Congo, spreading violence and fostering only more misery.

Immer weniger verständlich wird damit seine Popularität.
Via Independent Institute.

08.07.2005 um 17:29 Uhr

Zollschranken

Vor dem Hintergrund der perfide Methode der EU, mit selektiven Zollschranken die Einfuhr wertschöpfungsintensiver landwirtschaftlicher Produkte zu verhindern werden die aktuellen Lippenbekenntnisse zur Entwicklungshilfe zu einer besonderen Zumutung. Lediglich das, was wir hier in Europa nicht allein produzieren können, wird nicht belastet:
 

Coffee:

Coffee, whether or not roasted or decaffeinated; coffee husks and skins; coffee
substitutes containing coffee in any proportion (duty in % of value):
− Coffee, not roasted:
0901 11 00 − − Not decaffeinated  . . . Free —
0901 12 00 − − Decaffeinated . . . . . . 8,3 —
− Coffee, roasted:
0901 21 00 − − Not decaffeinated. . . . 7,5 —
0901 22 00 − − Decaffeinated . ........ 9

Cocoa:

1801 00 00 Cocoa beans, whole or broken, raw or roasted . .  . . Free —
1802 00 00 Cocoa shells, husks, skins and other cocoa waste . . Free —
1803 Cocoa paste, whether or not defatted:
1803 10 00 − Not defatted . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. . 9,6 —
1803 20 00 − Wholly or partly defatted . . . . . . . . . . . . . . .. . 9,6 —
1804 00 00 Cocoa butter, fat and oil . . . . . . . . . . . . . . . .   . 7,7 —
1805 00 00 Cocoa powder, not containing added sugar or other sweetening matter . . . 8 —
1806 Chocolate and other food preparations containing cocoa:
1806 10 − Cocoa powder, containing added sugar or other sweetening matter:
1806 10 15 − − Containing no sucrose or containing less than 5 % by weight of sucrose (including invert sugar expressed as sucrose) or isoglucose expressed as sucrose  . . . . . . 8 —
1806 10 20 − − Containing 5 % or more but less than 65 % by weight of sucrose (including invert sugar
expressed as sucrose) or isoglucose expressed as sucrose . . . . 8 + 25,2 €/100 kg/net —
1806 10 30 − − Containing 65 % or more but less than 80 % by weight of sucrose (including invert sugar expressed as sucrose) or isoglucose expressed as sucrose 8 + 31,4 €/100 kg/net —
1806 10 90 − − Containing 80 % or more by weight of sucrose (including invert sugar expressed as
sucrose) or isoglucose expressed as sucrose . . . . . . . . . . 8 + 41,9 €/100 kg/net

Je größer die Fertigungstiefe der Produkte umso höher die Zollbelastung. Was ist der Effekt? Wir zahlen höhere Preise. Die Entwicklungsländer verlieren Einkommensmöglichkeiten. Insgesamt sinkt die Produktivität der Lebensmittelproduktion. Wer profitiert, sind die EU-Bürokraten, die aus diesen Mitteln ihren fetten Verwaltungsapparat finanzieren.

Via Tim Worstall.

02.07.2005 um 18:11 Uhr

Live 8: Nachgedacht hät mehr gebracht

Weniger über das magere Line-Up (Ok, ist Geschmacksache.) und die geringe Unterstützung durch Berlins Politik und Wirtschaft, als über die dürftige Botschaft der am heutigen Live 8-Spektakel teilnehmenden Künstler an den kommenden G8-Gipfel sollten sich die Berliner beschweren. Der Ruf nach Entschuldung der Entwicklungsländer und mehr Entwicklungshilfe ist fast so alt wie die schlechten Erfahrungen, die in der Entwicklungshilfe mit wenig systematischen, kaum kontrollierten finanziellen Zahlungen an die Entwicklungsländer gemacht wurden. Jahrzehnte klassischer Entwicklungshilfepolitik haben es nicht geschafft den Hunger der Dritten Welt zu reduzieren. Häufig profitieren korrupte Machthaber und die Entwicklungshilfebürokratie von diesen Geldern mehr als die eigentlichen Adressaten. Mehr davon wird an dieser Misere auch nichts ändern. William Easterly, Professor an der New York University und Experte in Sachen Entwicklungsökonomie, fasst seinen Unmut über die Botschaft von Geldofs Live8-Projekt in einem Artikel im Independent treffend zusammen:

Unfortunately, this campaign is so far spending most of its effort on causes that will not help the African poor. The objectives are to make trade fair, drop the debt and increase aid. Removing rich country protectionism is a worthy cause, although economists' estimates of the effect on Africa are modest. As for the other two causes - excessive debt and insufficient aid - history has already shown that insufficient Western generosity is not the main cause of Africa's woes.

...

To all of you who will be listening to Madonna and Coldplay at Live8, you deserve congratulations for your compassion for Africa's desperate poor. Direct your energies at the outrage of aid and debt relief dollars not reaching those same poor. Ask the aid agencies why those 12-cent medicines have still not reached children dying of malaria. Don't let aid agencies shun individual accountability and hide behind utopian agendas and self-evaluation. Once that outrage is fixed, let's go ahead and increase foreign aid.

Generell hat der Mann mehr über die Ursachen der schleppenden Fortschritte in Sachen Entwicklung und Elendsbekämpfung zu sagen, als Old Bob, die Söhne Mannheims, BAP und die ganze Künstlerschar zusammen. Doch zugegeben, die Lektüre seines erhellenden Buches The Elusive Quest for Growth ist etwas anstrengender als das demonstrative Engagement der Konzertbesucher am Brandenburger Tor.

Nachtrag: Roger Bate: The G-8 Summit and Africa's Development

The experience of many years of this policy defies optimism. Inflation adjusted, Africa has received well over $ 400 billion in foreign aid since 1960. According to World Bank data, African GDP per capita fell on average by 0.6% every year between 1975 and 2000. In other words, official data show that individuals became poorer in the face of high levels of aid. Furthermore, in 1970 the US National Bureau of Economic Research estimated that of the world's poor who survived on less than $1 a day, one in ten lived in Africa. By 2004 that number was close to 1 in 2 as Africa was left behind while South Asia rose out of poverty.

Yet, between 1975 and 2000, the per capita foreign aid that South Asians received was equal to 21 percent of that received by Africa. According to development expert, Dr Marian Tupy of the Cato Institute, 'Afghanistan, Bangladesh, Bhutan, India, Maldives, Nepal, Pakistan, and Sri Lanka performed much better than African countries. Between 1975 and 2000, South Asian GDP per capita grew at an average annual rate of 2.94 percent. The link between foreign aid and economic development seems quite tenuous.’

However, in 2000 a paper appeared in the prestigious American Economic Review by World Bank economists, Craig Burnside and David Dollar, which showed that “aid has a positive impact on growth in developing countries with good fiscal, monetary, and trade policies but has little effect in the presence of poor policies.”[1] These results, based on data from the years 1970-1995, were influential in promoting aid and the MCA approach. The Economist magazine even stated, “there is now a strong body of evidence…that aid does boost growth when countries have reasonable economic policies.”[2] Certainly, UN Millennium Commission Director, Jeffrey Sachs, subscribes to this view.

But when William Easterly, himself a former World Bank economist, brought Burnside and Dollar’s data sets up to date (1970-1999), found no statistically significant interaction between aid and policy [3] (Easterly, Levine and Roodman 2003). In short, even in the most favorable of policy environments, there remains little support for the initial assertion that aid promotes economic growth.

Nachtrag 2: HedgeFundGuy von Mahalanobis wirft einen Blick auf die empirisch unhaltbaren und daher desaströsen Thesen der Live8-Organisatoren:

This meme is exactly the problem, that problems are external, caused by competition and private enterprise. If you misdiagnose the problem, you will probably harm the patient. As long as this belief is widespread, Africa will be dirt poor.