Mit dem Kopf voran

30.08.2005 um 16:34 Uhr

Bra Wars...

... ist nicht etwa der Titel einer neuen Science-Fiction-Filmreihe, sondern ein weiteres Kapitel aus der losen Folge "Absurditäten der EU-Handelspolitik". Derzeit häufen sich Textilien aus China in zweistelliger Millionenanzahl in den Lagern der Zollbehörden; Bekleidungsstücke die europäische Textilhändler für das Feriengeschäft in China gekauft hatten, die jedoch aufgrund der Überschreitung von EU-Einfuhrquoten zwischen 8 und 12 % für verschiedene chinesische Textilprodukte nun im EU-Raum nicht in die Läden dürfen. Was sich die EU gemeinsam mit Europas Textilherstellern gegen die billigere Konkurrenz aus China angesichts der fallenden weltweiten Handelsbeschränkungen anfang des Jahres ausgedacht hatten, führt nun ganz offensichtlich zu erheblichem Ärger für Händler und Konsumenten.
 
 

29.08.2005 um 14:09 Uhr

Gründet Mineralölkonzerne!

Für all diejenigen, die der Meinung sind, dass die Macht der Ölmultis verantwortlich für die derzeit hohen Benzinpreise ist hatte der (geniale, M.d.A.) sächsische Komiker und Liedermacher Olaf Schubert gestern Abend auf einer Show in Dresden ein überzeugendes Rezept:
 
"Gründet Mineralölkonzerne, denn das System muß von innen her aufgeräumt werden."
 
Auch wenn die landläufige Auffassung vom unfairen Preisbildungsgebaren der Mineralölkonzerne doch etwas an der Realität vorbei läuft, so ist diese Idee doch allemal besser, als die üblichen Bereicherungsvorwürfe und die Forderungen nach administrativen Eingriffen in die Preisbildung an den Tankstellen.

26.08.2005 um 00:29 Uhr

Fortsetzung der Konkurrenz mit anderen Mitteln - reloaded

Wieder einmal wird von zwei hartnäckig konkurrierenden Unternehmen der Wettbewerb vom Markt auf die politische Ebene übertragen und die Politik macht sich hierbei zum Handlanger durchsichtiger Branchenrivalitäten. Während der Mikroprozessorhersteller AMD seinen Konkurrenten Intel wegen angeblichen Verstosses gegen das Kartellrecht verklagt, fällt den obersten Wettbewerbshütern in Brüssel nichts Besseres ein, als an eigenen Strafen für den Marktführer bei PC-Prozessoren zu basteln.
Auffällig an diesem Verfahren, das vermeintlich zum Schutz der Konsumenten vor überhöhten Preisen geführt wird, ist zunächst die Tatsache, dass es sich hierbei um einen Markt mit extremen Preiswettbewerb handelt. Könnte es sein, dass AMD nicht den Konsumenten, sondern sich selbst vor der Preiskonkurrenz durch Intel schützen will. Weil der Herausforderer aber nicht gewillt ist dem Preisdruck durch Innovationen und Kosteneinsparungen zu entgegnen, um seinen Marktanteil zu erhöhen, versucht er über die politische Schiene die Position des Konkurrenten zu schwächen und dessen Produktionskosten zu erhöhen. Vor allem ist fraglich, wovor der Konkurrenz geschützt werden soll. Schließlich sinken die Preise für Microprozessoren seit Jahren. Selbst zu Zeiten in denen Intel auf dem PC-Markt quasi ohne Konkurrenz den Markt belieferte haben Innovationen und Herstellungskostensenkungen zu einer massiven Reduzierung der Prozessorpreise geführt (s. Tabelle). Zwischen 1985 und 1994 sind die Preise der 8086-Prozessorfamilie trotz ständig zunehmender Leistungsfähigkeit mit durchschnittlich 22% jährlich gefallen. Ein Schaden für den Konsumenten ist nicht zu erkennen. Wie immer geht die Unverfrorenheit von Unternehmen und die Inkompetenz der Politik eine unheilige Allianz ein.
 
Preisindizes für 8086-Mikroprozessoren (qualitätsbereinigt)
 
Wer wissen möchte, ob Monopole ohne staatlichen Schutz längerfristig überhaupt existieren können, warum selbst Unternehmen mit hohem Marktanteil häufig weniger Marktmacht haben als landläufig vermutet wird und wie sich sogenannte Oligopolisten am Markt verhalten, der sollte die Kapitel 10 Small-Numbers Problems: Monopoly and All That und 11 Hard Problems: Game Theory, Strategic Behavior, and Oligopoly in David Friedmans Lehrbuch Price Theory oder die entsprechenden Kapitel in dessen populärwissenschaftlicher Adaption Der ökonomische Code studieren.
 
 

24.08.2005 um 09:30 Uhr

Organspende: Mehr Anreize setzen

Der jährliche Bedarf an Organen übersteigt bei weitem das Angebot der in Deutschland freiwillig gespendeten Organe. Jährlich gehen unzählige lebensrettende Organe verloren, weil potentielle Spender keine ausreichenden Anreize verspüren, ihre Organe im Falle ihres Ablebens zur Transplantation zur Verfügung zu stellen.
 
 
Dafür gibt es für dieses Dilemma eine recht einfache, die Kontroverse um eine monetäre Vergütung vermeidende Lösung. Hierzu dürften die Organe prioritär nur an die Bedürftigen vergeben werden, die sich vorher selbst zur Organspende bereiterklärt haben. Der Anreiz in der üblicherweise Jahre dauernden Warteschlange einen der vorderen Plätze einzunehmen sollte für eine Entscheidung zur freiwilligen Organspende ausreichen. Dadurch erhöht sich im Zeitverlauf das Angebot an Spenderorganen, die Wartezeiten verkürzen sich und damit die Chance für alle, rechtzeitig ein lebensrettendes Organ zu erhalten. Das meinen jedenfalls Lloyd Cohen und David Undis in ihrem Beitrag The Limits of Altruism and the Power of Self-Interest auf Techcentralstation. Tatsächlich funktioniert diese Idee bereits, wie das Organspendernetzwerk LifeSharers in den USA zeigt.

23.08.2005 um 00:24 Uhr

Über die Mythen des Steuerreformmodells von Kirchhof

Statler & Waldorf rücken in einem aktuellen Kommentar die die dümmsten Einwände gegen das Kirchhof-Konzept gerade. Vor allem die Behauptung der Steuerungerechtigkeit, die von Bundestagschef Thierse sogar in den Rang der Verfassungswidrigkeit erhoben wird (Tagesschau), wird dabei ad absurdum geführt.

21.08.2005 um 02:12 Uhr

Preistreiberei?

Ein politisches Possenspiel besonderer Art läuft derzeit wieder einmal auf der Bühne des Umweltministeriums ab. Auf die Erklärung von RWEs Vorstandschef Harry Roels, dass die Steigerung der Strompreise in den vergangenen Wochen auch auf die steigenden Zertifikatspreise zurückzuführen seien, reagierte Jürgen Trittin mit einem Brief in dem er meinte, es sei "in keiner Weise nachzuvollziehen die kostenlos erhaltenen Zertifikate als Begründung für höhere Strompreise" anzuführen. Wieder einmal ein schönes Beispiel für die Unfähigkeit der Politik die Wirkung ihrer eigenen Instrumente zu durchschauen. Ebenfalls ein Beispiel für das Versagen der Presse sachkundig über wirtschaftspolitische Zusammenhänge zu berichten (siehe Artikel in der Financial Times Deutschland).

Warum? Der Emissionshandel ist an sich ein bestechendes Umweltinstrument. Durch die Festlegung einer Emissionsobergrenze wird die bisherige Möglichkeit der Industrie zur Treibhausgasemission nach oben hin beschnitten, damit ein vorab beschlossenes Emissionsziel auch sicher eingehalten werden kann. Um nun dieses Ziel möglichst kostengünstig zu erreichen, wird die Handelbarkeit der Emissionsrechte zugelassen. Damit kann ein Unternehmen, dem vorab eine bestimmte Emissionsmenge in Form von Zertifikaten zugeteilt wurde, entscheiden, ob es die Emissionsrechte lieber selbst verwendet, um legal Kohlendioxid zu emittieren und dabei Strom zu produzieren oder aber die Emissionsrechte am Zertifikatemarkt zum aktuellen Marktpreis verkauft. Das Unternehmen wird solange Zertifikate am Markt erwerben, wie der Gewinn aus dem Verkauf einer zusätzlichen Strommenge über dem Zertifikatspreis liegt. Und es beginnt dann Zertifikate zu verkaufen, wenn der Erlös eines Zertifikats den Gewinn aus der mit einem Zertifikat produzierbaren Strommenge übersteigt. Langfristig versucht das Unternehmen möglichst kostengünstig den Ausstoß von Kohlendioxid mit technischen Maßnahmen zu reduzieren, damit es die freiwerdenden Emissionszertifikate gewinnbringend am Markt verkaufen kann. Auch hier gilt die Regel: Investiere solange in Maßnahmen zur Emissionsreduktion bis die Minderungskosten pro Tonne Kohlendioxid dem Zertifikatspreis entsprechen. Denn jeder Euro mehr in neue Technik wäre rausgeschmissenes Geld, dem kein entsprechender Mehrgewinn aus dem Zertifikateverkauf gegenüber steht. Folglich bestimmen diejenigen, die am billigsten Emissionen vermeiden können den Zertifikatspreis.

Dem aufmerksamen Beobachter fällt nun auf, dass ein Emissionszertifikat stets zwei Verwendungszwecke hat. Entweder es wird bei der Stromproduktion "verbrannt" oder am Zertifikatsmarkt zum Marktpreis verkauft. Das jedoch bedeutet, dass bei der jeweiligen Verwendung eines Zertifikats zu berücksichtigen ist, was die alternative Verwendung eingebracht hätte. Ein Emissionszertifikat mit dem eine Strommenge produzierbar ist, die am Markt sagen wir 40 Euro Gewinn (Erlös minus Produktionskosten) einbringt, ließe sich auch für rund 22 Euro direkt auf dem Zertifikatemarkt verkaufen. Da man das Zertifikat nicht für beides verwenden kann, schmälert es aber den Gewinn aus dem Stromverkauf, übrig bleiben also 18 Euro. Damit wird sichtbar, dass jedes Zertifikat, sobald es handelbar wird, ungeachtet dessen zum Kostenfaktor wird, ob es dem Unternehmen zunächst unentgeltlich zugeteilt wurde oder aber erst am Markt erworben werden mußte. Folglich hat RWE-Chef Roels ganz recht, wenn er die Stromverteuerung mit der Preissteigerung der Zertifikate begründet. Und unser Umweltminister hat einmal mehr bewiesen, dass er wichtige Prinzipien des Emissionshandels schlichtweg nicht verstanden hat.

Nun muß man sich fragen, warum sich die betroffenen Unternehmen nicht schon viel zeitiger die Mühe gemacht haben, den Umweltminister und seine Beamtenschar über die Funktionsmerkmale ihres klimapolitischen Lieblingskinds Emissionshandel aufzuklären. Ganz einfach, weil dann der ganze mit Wettbewerbsnachteilen begründete Hick-Hack um die Anfangsausstattung mit Emissionsrechten aufgeflogen wäre. Dann hätte den Beamten des BMU auffallen können, dass alle Unternehmen bei jeder Produktionseinheit mit dem Zertifikatspreis belastet werden, also weder der eine noch der andere Wettbewerbsvor- oder nachteilen durch eine mehr oder weniger großzügige Anfangsausstattung mit Emissionsrechten ausgesetzt gewesen wäre. Nur so konnten die Unternehmen über vermeintliche Wettbewerbsnachteile klagend auf die Jagd nach sog. "Windfall-Profits" gehen, die durch den Erlös der im Betriebsoptimum verkauften Emissionsrechte entstanden. Da jedes Emissionsrecht, egal wie es verwendet werden soll, immer auch anderweitig zu Geld gemacht werden kann, entstehen trotz dieser Gewinne sog. Opportunitätskosten, die als reale Produktionskosten die Produktionsentscheidung jedes Unternehmens bestimmen. Die zusätzlichen Zertifikatserlöse ändern daran nichts, da sie sich ja nicht mindernd auf die Produktionskosten, den bei der Stromproduktion einzigen wettbewerbsrelevanten Parameter, auswirken. Nur so konnte verschleiert werden, dass es bei der kostenlosen Anfangsverteilung um einen wettbewerbsirrelevanten Kampf um die Verteilungsmasse des Wertes aller Emissionszertifikate, also lediglich um die Aufteilung einer Pauschalsubvention für die Unternehmen ging.

Bleibt nur die Frage, warum die Zertifikatspreise steigen und ob die Versorger tatsächlich, wie Politiker und "Energieexperten" meinen, den Zertifikats- und damit indirekt auch dem Stromkurs hochzutreiben, um den Zusatzprofit zu maximieren? Der derzeitige Anstieg der Erdgaspreise verteuert die Stromproduktion aus Erdgaskraftwerken. Folglich wird es kostengünstiger die Erdgasstromproduktion soweit wie möglich und nötig durch den Einsatz von Kraftwerkskapazitäten auf Kohlebasis zu ersetzen. Da die Kohleverbrennung aber mit höheren Kohlendioxidemissionen verbunden ist, steigt die Nachfrage nach Emissionszertifikaten. Deren Angebot ist bekanntlich konstant, was zu entsprechend intensiven Preisausschlägen nach oben führen kann. Die o.g. Verschwörungstheorie erscheint dagegen eher auf tönernden Füßen zustehen, fragt sich doch, wie Unternehmen die durch spekulatives Horten ihre Produktionskosten erhöhen damit dann auch noch Zusatzprofit machen wollen.

19.08.2005 um 18:31 Uhr

Kollaps?

Another modern “collapse” occurred in Haiti, which Diamond says is “among the most overpopulated countries in the New World.” To make his case, Diamond compares it to the Dominican Republic, with which it shares the island of Hispaniola. Haiti has a population density of 670 people per square mile; in the Dominican Republic, the figure is 460. Haiti’s per capita GDP is $ 1,600 per year; the Dominican Republic’s is $ 6,000. Today 28 percent of the Dominican Republic is forested; only 1 percent of Haiti is. Diamond asserts that the combination of Haiti’s population density and lower rainfall “was the main factor behind the more rapid deforestation and loss of soil fertility on the Haitian side.”

 

This simplistic analysis doesn’t stand up to scrutiny. Diamond overlooks an even more “overpopulated” island right next door, Puerto Rico. Its population density is almost twice that of Haiti, at 1,120 people per square mile. By 1900 Puerto Rico’s primary forests had been reduced to 1 percent of their original extent, and in 1953 its secondary forests covered only 6 percent of the island. Today 32 percent of Puerto Rico is forested, and the island’s per capita GDP is $ 16,800 per year.

 

Why is Puerto Rico so much better off than its neighbors? In a word, institutions. Diamond vaguely recognizes the importance of social and political institutions, but his analysis doesn’t go much deeper than arguing that Haitian dictators have been more rapacious than Dominican dictators. In fact, the last two centuries have shown that the more a country adheres to the rule of law, protects private property, reduces bureaucratic corruption, nurtures a free press, permits free markets, engages in trade, and allows democratic politics, the less likely it is to suffer from the Malthusian horrors of plagues, famines, and civil wars. What Haiti and Rwanda have in common is not just dense populations but shattered social and political institutions. What the United Kingdom, the Netherlands, and Puerto Rico have in common are not only dense populations, but adequately effective social and political institutions.

Ronald Bailey, Redakteur des amerikanischen Magazins Reason, in einem brillianten Verriss (Under the Spell of Malthus) des neuen, im Oktober in deutscher Sprache erscheinenden Buches Kollaps - Warum Gesellschaften überleben oder untergehen von Jared Diamond (vor allem bekannt geworden durch die sehr empfehlenswerten Bücher Der dritte SchimpanseWarum macht Sex Spaß? und Arm und Reich). Offenbar stößt der besonders in den Umweltwissenschaften beliebte Versuch, soziale und ökologische Krisen menschlicher Gesellschaften mit der These des exponentiellen Bevölkerungswachstums, dem die wirtschaftliche Entwicklung nicht zu folgen vermag, von Thomas Malthus zu erklären, auch diesmal an seine Grenzen. Malthus kann man es noch nachsehen, dass er vor mehr als 200 Jahren nicht vorausahnte wie technischer Fortschritt und Produktivitätswachstum der Bevölkerungsentwicklung davoneilen würden und das Elend und Hunger weniger Probleme knapper Ressourcen als Ergebnisse schlechter Wirtschaftspolitik korrupter Eliten sind. Diamond fügt dieser unvollständigen Perspektive in seinem neuen Buch wohl wenig hinzu. Kein Wunder, dass er statt individuelle und wirtschaftliche Freiheit sowie institutionelle Reformen in der Dritten Welt zu fordern zum Schluß eher in der derzeit so beliebten, wenig differenzierten Konsumenthaltungsrhetorik der Umweltbewegung verharrt.

18.08.2005 um 15:21 Uhr

Hinkender Vergleich

Die kleine Anfrage der FDP (Bundestagsdrucksache 15/5064) zu den negativen Wirkungen von Windkraftanlagen auf die einheimische Fauna (insb. Greifvögel, sonstige Vogelarten und Fledermäuse) wird in einer Antwort der Bundesregierung mit einem sonderbaren Vergleich regelrecht abgebügelt:

Grundsätzlich ist anzumerken, dass andere anthropogen bedingte Mortalitätsursachen weitaus erheblicher sind als die Kollisionsraten an Windenergieanlagen. ERICKSON et al. (Avian Collisions with Wind Turbines: A Summary of Existing Studies and Comparisons to Other Sources of Avian Collision Mortality in the United States, NWCC Resource Document Washington, D.C. Western EcoSystems Technology Inc. 2001) legen für die USA einen konkreten Vergleich der jährlichen Kollisionsopfer vor. An Fahrzeugen kollidieren demnach ca. 60 bis 80 Millionen Vögel, an Gebäuden/Fenstern ca. 98 bis 980 Millionen,an Freileitungen ca. Zehntausende bis 17 Millionen, an Sendemasten ca. 4 bis 50 Millionen und an Windenergieanlagen etwa 10 000 bis 40 000.

Doch dieser Vergleich hinkt erheblich, da die oben genannten Mortalitätsursachen in keinerlei Relation zum Risiko der Windkraftanlagen stehen. Der richtige Vergleichsmaßstab wäre nämlich die Wirkung alternativer Energieversorgungs- bzw. Kohlendioxidminderungstechniken auf die einheimische Fauna gewesen. Denn schließlich ist zu fragen, wie viele Vögel könnten gerettet werden, wenn die Bundesregierung statt Windkraftanlagen zu fördern, ihre Aktivitäten auf ökonomisch effiziente Klimaschutzmaßnahmen konzentrieren würde. Es könnte sein, dass dadurch nicht nur eine Menge Geld gespart, sondern auch das Leben vieler seltener Vögel gerettet wird. Immerhin bestätigt die Antwort der Bundesregierung, dass die Risiken der Windkraftanlagen gerade für die seltenen Rotmilane und Seeadler relativ hoch sind.
 

17.08.2005 um 00:31 Uhr

Zitat des Tages: Angela Marquardt

Die NPD soll nicht verboten werden. Es steht außer Frage, dass sie eine gefährliche Partei ist. Doch eine Demokratie, die Parteien verbietet, zeigt Schwäche, wo sie Stärke zeigen sollte. Der Artikel im Grundgesetz, der es ermöglicht, Parteien für verfassungswidrig zu erklären, sollte gestrichen werden. Die NPD wird aus Überzeugung gewählt. Und Verbote verhindern eine inhaltliche Auseinandersetzung mit der Partei.
Angela Marquardt, frischgebackene Diplom-Politologin und ehemaliges Mitglied und stellvertretende Parteivorsitzende der PDS, in einem Interview im STERN, indem sie ganz nebenbei auch kein Haar an ihrer Ex-Partei PDS und dem neuen Links-Bündnis WASG ungekrümmt läßt.
Hut ab für die Einsicht, dass totalitäre Methoden wenig geeignet sind, das menschenverachtende Gedankengut nationalistischer Parteien und ihrer Anhänger zurückzudrängen. Ebenso wie Verbote keine Lösung von Drogenproblemen sind lassen sich Ideologien nicht durch die Verdrängung der sie unterstützenden Parteien in die Illegalität aus der Welt schaffen. Zwar erhöhen Parteien-Verbote die Kosten der Verbreitung von Ideologien, eine Reduzierung der Nachfrage nach nationalistischem Gedankengut erfolgt jedoch nicht, zumal dieses inzwischen, wenn auch indirekt, durch das Parteienspektrum von Rot bis Grün (Entsendegesetz, Neo-Merkantilismus der Grünen) nicht nur wahlkampftaktisch instrumentalisiert, sondern sogar in reale Politik umgesetzt wird. Während der offene Nationalismus der NPD in der Bevölkerung regelmäßig auf Widerstand stößt, wird die wirtschaftspolitische Deutschtümelei von Rot-Grün von einer relativ breiten Volksschicht nach wie vor unterstützt.

16.08.2005 um 18:26 Uhr

Wahlmarkt

Meinungsumfragen um den potentiellen Ausgang der kommenden Bundestagswahl haben Konjunktur. Weniger populär, doch von höherer Prognosezuverlässigkeit sind sogenannte Meinungsmärkte wie die Wahlstreet, an der jedermann die ihm verfügbaren Informationen über das wahrscheinliche Wahlverhalten seiner Mitbürger in bare Münze umsetzen kann. Langjährige Erfahrungen des Handels mit sog. Election Futures auf den Iowa Electronic Markets in den USA haben eine erstaunliche Prognosegenauigkeit derartiger Meinungsmärkte bewiesen. Bei 60 Wahlen, darunter fünf Präsidentschaftswahlen, schnitt dieser Wahlmarkt regelmäßig besser als entsprechende Meinungsumfragen ab (Quelle: Opinion market). Eigentlich nicht weiter verwunderlich, denn immerhin gibt die Gewinnmöglichkeit den "Meinungshändlern" einen hinreichend großen Anreiz der Stimmung der Nation genau auf den Zahn zu fühlen und gleichzeitig die eigenen Präferenzen bezüglich des Wahlausgangs nicht zu stark zu bewerten. Schließlich trägt derjenige den größten Gewinn nach Hause, dessen Prognose der Realität am nächsten kommt. Überdies fließen die Informationen aus den aktuellen Meinungsumfragen quasi automatisch in die "Börsenkurse" ein, da die Berücksichtigung der aktuellsten Meinungsumfrage als eine primäre Informationsquelle der Börsenaktivitäten auf der Hand liegt. Wer mehr über die erstaunlichen Fähigkeiten und Potentiale von "Opinion Markets" erfahren möchte findet hier ein paar interessante Quellen.

12.08.2005 um 12:58 Uhr

Trade & Aid

Dani Rodrik von der amerikanischen Harvard Universität erläutert in einem Artikel, die Förderung von Freihandel und finanzielle Entwicklungshilfe allein nicht ausreichen die wirtschaftliche Entwicklung in der Dritten Welt zu beschleunigen. Internationale Zusammenarbeit, die auf eine Verbesserung der Wirtschaftspolitik und eine Stärkung der institutionellen Kapazitäten in den betroffenen Ländern hinausläuft, sollte daher einen deutlich höheren Stellenwert einnehmen. Anhand der unterschiedlichen wirtschaftlichen Entwicklungserfolge von Mexico und Vietnam illustriert der Autor die enorme Bedeutung der nationalen Politik eines Landes für die wirtschaftliche Entwicklungsdynamik.

In diesem Zusammenhang ist sicherlich auch ein Artikel im Economist über die Wirksamkeit der WTO bei der Förderung des internationalen Handels interessant.

10.08.2005 um 19:47 Uhr

Kurze Pause

Schon wieder Ferien. Da in Lettland die Zugangsdichte zum Internet eher bescheiden ist, wird es hier wohl erst Anfang nächster Woche weitergehen. Damit dem geneigten Leser die Zeit nicht zu lang wird, empfehle ich hier noch einmal die Lektüre von Arnold Klings Serie über den Kapitalmarkt, dessen Funktionen und Risiken sowie die Grenzen der staatlichen Kapialmarktregulierung. Der letzte Beitrag The Proper Attitude Toward Financial Regulation ist soeben erschienen.  

09.08.2005 um 01:03 Uhr

Grüner Merkantilismus

Den wahltaktischen Vogel des Wochenendes schoss zweifellos die grüne Verbraucherschutzministerin Renate Künast ab, hat sie doch in der "Bild am Sonntag" die Bundesbürger aufgerufen deutsche Produkte zum Erhalt deutscher Arbeitsplätze zu kaufen: "Jeder kann etwas für mehr Beschäftigung in Deutschland tun: Er muß sich überlegen, wo die Produkte hergestellt sind, die er kauft" wobei sie wohl noch ergänzte, dass die Babypuppen alle aus China kämen, die Strampler aus der Türkei, die Turnschuhe aus Vietnam und man das alles auch von deutschen Herstellern bekommen könnte. Natürlich wolle sie nicht zu einem Boykott aufrufen, aber die Konsumenten für den persönlichen Einsatz für Umwelt- und Sozialstandards gewinnen. Ach Frau Künast, was meinen sie machen chinesische Puppenhersteller und vietnamesische Turnschuhproduzenten mit den Euros, die sie von den Deutschen für ihre Produkte eintauschen? Könnte es sein, dass mit diesem Geld im Euroraum, also auch in Deutschland wieder Güter eingekauft werden, die von echten Menschen, darunter auch Deutschen produziert werden? Besteht nicht sogar die Möglichkeit, dass die billigeren Importe auch deshalb billiger sind, weil sie in diesen Ländern zu geringeren Kosten produziert werden und trotzdem chinesischen, türkischen oder vietnamesischen Arbeitern zu einem erträglichen Einkommen verhelfen (Gegenteiligen Äußerungen haben Benjamin Powell und David Skarbek vom Independent Institute erst kürzlich mit Don’t Get into a Lather over Sweatshops den Wind aus den Segeln genommen)? Und ist es nicht auch denkbar, dass der eine oder andere einkommensschwache Deutsche schwer begeistert davon ist, dass er die Babypuppe für den halben Preis aus China kaufen und dann mit seinen Kindern in der Eisdiele nebenan den gesparten Rest ausgeben kann? Werden dadurch keine inländischen Arbeitsplätze geschaffen (Autsch, der Eismann könnte ja Italiener sein.)? Was ist, wenn in den deutschen Produkten viele ausländische Vorprodukte enthalten sind oder in ausländischen Produkten viele deutsche Produktionsfaktoren? Dann wird die Welt kompliziert. Wie sollen sich schließlich die Umweltstandards in der Dritten Welt verbessern, wenn Deutsche sich weigern dessen Einwohnern die Produkte abzukaufen, von dessen Gewinn erst in reines Trinkwasser und saubere Luft investiert werden kann? Stattdessen muß dann weiter Subsistenzlandwirtschaft in ehemaligen tropischen Regenwäldern betrieben werden.
Wahrscheinlich hat das alles schon mal jemand unserer Verbraucherschutzministerin erzählt, doch muß ihr diese Materie etwas zu komplex gewesen sein. Und als der Deutschen oberster Konsumentenschützer hat sie sich zu allererst vor zu vielen Informationen zu schützen. Und das kann man wohl am besten machen, indem man in seinem wirtschaftspolitischen Denken schwindelerregende Sekundärwirkungen einfach ausklammert und darauf hofft, dass der Bams-lesende, potentielle Grünenwähler sich ebenfalls vor der Kontamination mit ökonomischen Details schützen möchte. Aber es besteht Hoffnung, denn vielleicht bleibt in der Oppositionsrolle ab Herbst ja die eine oder andere Minute für einen Blick in einen ordentlichen Bildungsroman.

08.08.2005 um 10:40 Uhr

Korrektur

Bedauerlicherweise musste der Karikaturist Götz Wiedenroth gestern wieder für einen kleinen geistigen Aussetzer des Autors dieses Weblogs herhalten (inzwischen korrigiert). Natürlich beschreibt die gelungene Karikatur nicht die Wirkung von Mindestlöhnen, sondern das Dilemma des Kündigungsschutzes. Nichtsdestotrotz führt dies nicht zu einer Rehabilitierung der wirtschaftspolitischen Ideen der Grünen, denn diese halten wie die SPD nicht nur dem Mindestlohn, sondern auch dem Kündigungsschutz hartnäckig die Stange (s. Wahlprogramm der Grünen, S. 29f.).
 

08.08.2005 um 00:03 Uhr

Lange Rede, kurzer Sinn

von: steffenh   Kategorie: Wirtschaftspolitik

Die 48 Stunden Rede-Rallye als Auftakt des Grünen Wahlkampfs zur Bundestagswahl stand unter dem Motto "Grüne zeigen Ausdauer". Dass dies nicht unbedingt Gutes verheißt, zeigt sich am Grünen Wahlprogramm, in dem sie u.a. notorisch an ihrer populistischen, auf Stimmenfang abstellenden, ökonomisch jedoch wenig durchdachten Forderung nach einem gesetzlich fixierten Mindestlohn festhalten. Ebenso ausdauernd muß man diesem Programmpunkt die reale Funktionsweise und die potentiellen Fehlwirkungen entgegenhalten. Deshalb bleibt mir nichts weiter übrig, als wieder einmal den alten Beitrag "Mindestlöhne und Flächentarifverträge" aus dem Archiv dieses Weblogs herauszukramen und in die argumentative Wagschale zu werfen. Statt mit der immer wieder gut funktionierenden Neidstrategie ("Immer mehr Menschen verdienen im Monat das, was andere an einem Tag verdienen."-Wahlprogramm der Grünen, S. 30) die weiche Stelle an Herz und vor allem Kopf des Wählers anzuvisieren hatte ich hier versucht, Ursachen und Wirkungen einer Mindestlohnforderung aus ökonomischer Perspektive zu beschreiben.

06.08.2005 um 14:27 Uhr

Gibt es eine Krebsepedemie?

Zweifelsohne ist Krebs nach den Herz-Kreislauf-Erkrankungen die zweithäufigste Todesursache in Deutschland. Vor allem die Angst vor synthetischen Chemikalien geistert durch die Presse und ist Anlass für eine großangelegte staatliche Regulierungsvorhaben wie u.a. die neue Chemikalienpolitik der EU (REACH). Doch welche Relevanz haben die unterschiedlichen krebsauslösenden Faktoren in unserem täglichen Leben wirklich? Wissenschaftler der amerikanischen University of California, Berkeley haben die Krebsursachen moderner Industriestaaten am Beispiel Nordamerikas etwas genauer aufs Korn genommen und in ihrer Studie Misconceptions about the Causes of Cancer beim kanadischen Fraser Institute veröffentlicht:
 
Executive Summary: The major avoidable causes of cancer are: (1) smoking, which accounts for 27% of cancer deaths in Canada and 80% to 90% of deaths from lung cancer; (2) dietary imbalances (e.g., lack of sufficient amounts of dietary fruits and vegetables), which account for about an­other third; (3) chronic infections, mostly in developing countries; and (4) hormonal factors, which are influenced primarily by life-style.

There is no cancer epidemic except for lung cancer due to smoking. (Cancer is actually many diseases, and the causes differ for cancers at different target sites.) Since 1971, over­all can­cer mortality rates in Canada (exclud­ing lung can­cer) have declined 17% in women and 5% in men. Regulatory policy that focuses on traces of synthetic chemicals is based on miscon­ceptions about animal cancer tests. Current research indicates that it is not rare for substances to cause cancer in laboratory rodents in the standard high-dose experiments. Half of all chemicals tested, whether occur­ring naturally or pro­duced synthetically, are “carcinogens”; there are high-dose effects in rodent cancer tests that are not relevant to low-dose human exposures and which may contribute to the high proportion of chemicals that test positive.

The focus of regulatory policy is on synthetic chemi­cals, but 99.9% of the chemicals humans ingest are natural. For example, more than 1000 naturally occurring chemicals have been de­scribed in coffee: 30 have been tested and 21 have been found to be carcinogenic in rodents in high-dose tests. Plants in the human diet contain thousands of natural “pesticides” produced by plants to protect themselves from in­sects and other predators: 72 have been tested and 38 have been found to give cancer to rodents. Thus, exposure to synthetic rodent carcinogens is small compared to the natural background of rodent carcinogens. High-dose rodent cancer tests need to be re-evaluated by viewing results from this perspective.

There is no convincing evidence that synthetic chemical pollutants are important as a cause of human cancer. Regulations targeted to eliminate low levels of synthetic chemi­cals are enor­mously expensive: the United States Environmental Protection Agency (EPA) has estimated that envi­ron­mental regulations cost 140 billion US$ per year in the United States. Others have estimated that the me­dian toxic control program costs 146 times more per hypothetical life-year saved than the me­dian medical in­tervention. Attempting to reduce low hypothetical risks has other costs as well: if re­ducing syn­thetic pesticides makes fruits and vegetables more expensive, thereby decreasing consumption, then the cancer rate will likely increase. The prevention of cancer will come from knowledge obtained from biomedical research, education of the public, and life-style changes made by individuals. A re-examination of priorities in cancer prevention, both public and pri­vate, seems called for.

In this study, we highlight nine misconceptions about pollution, pesticides, and the causes of cancer. We briefly present the scientific evidence that undermines each misconception. The nine misconceptions are listed in Contents (p. v–vi) and an extensive bibliography is pro­vided in References and further reading (p. 99). Phrases in the text typeset like this, carcinogenic potency, are defined in the Glossary (p. 91).
Die gesamte Studie läßt sich vollständig hier oder in einzelnen Kapiteln hier herunterladen.

04.08.2005 um 14:45 Uhr

Voll daneben

Googles Werbetechnik, kommerzielle Links mit den Inhalten der Blogigo-Weblogs automatisch zu verknüpfen, ist offenbar noch überarbeitungsbedürftig. Es scheint wenig plausibel, dass jemand, der hier den Beitrag Che "Killer" Guevara bzw. dessen Nachtrag gelesen hat, mit einem deutschen Reiseveranstalter "auf den Spuren des Revolutionärs" nach Cuba wandeln und sich dazu noch eine besonders originelle Che-Fahrradklingel kaufen möchte.
 

03.08.2005 um 22:55 Uhr

Von der Absurdität des Wahlkampfs

Der Wahlkampf ist in diesem Land in vollem Gange und er wird so unerbittlich wie unqualifiziert ausgefochten. So hat mich mein Heimweg eben an einem Wahlplakat vorbeigeführt auf dem sich die CDU darüber moniert, dass wir hierzulande alle 15 Minuten eine Pleite zu beklagen haben. Ich habe keine Ahnung, ob das stimmt, aber ein Blick auf die entsprechende Webseite des Statistischen Bundesamtes verrät mir, dass bei 525969 Minuten pro Jahr und 84427 beantragten Insolvenzverfahren im Jahr 2002 sogar alle 6 Minuten eine Pleite zu befürchten war. Egal, eine derartige Rechnung ist aus zweierlei Gründen völlig bedeutungslos. Ersten wurde im selben Jahr auch alle 4 Minuten ein Gewerbe neu angemeldet. Netto wuchs also die Anzahl der Unternehmen. Zweitens kann man aus der bloßen Nennung von Pleiten nicht auf deren Gründe schließen, erst recht nicht erkennen, ob die Politik der rot-grünen Regierung oder unternehmerisches Versagen dafür Verantwortung trägt. Schließlich sind Unternehmenspleiten völlig normal.  Dieser Prozess der "schöpferischen Zerstörung", den der östereichische Ökonom Joseph Schumpeter als Grundlage der Neuordnung der Produktionsfaktoren in ihre produktivste Verwendung beschrieb, ist ein notwendiges Phänomen eines jeden marktwirtschaftlichen Wirtschaftssystems, es bewirkt den Anreiz zu Innovationen und belebt den Wettbewerb. Dass dabei häufig Arbeitsplätze verloren gehen und persönliche Schicksale betroffen sind, ist bedauerlich, sollte aber über die positiven Impulse für die wirtschaftliche Entwicklung nicht hinwegtäuschen.
Zweifelsohne sind eine Reihe von Unternehmenspleiten der in vielerlei Hinsicht desolaten Wirtschaftspolitik der vergangenen zwei Legislaturperioden zuzuschreiben. Auch deshalb braucht dieses Land einen wirtschaftspolitischen Wandel. Doch derart nichtssagende Wahlkampfparolen lassen auch Zweifel an der wirtschaftspolitischen Kompetenz der christdemokratischen Herausforderer aufkommen.

02.08.2005 um 17:30 Uhr

Verrat zahlt sich nicht aus!

Kooperation scheint in kleineren Gruppen einen Selektionsvorteil zu bieten, wohingegen sich in großen Populationen eher die Verräter durchsetzen. Das ist grob umrissen die Hauptaussage einer Studie von Wissenschaftler der Universitäten Bonn und Harvard (Auszug aus der einer idw-Pressemitteilung):
Der Bonner Professor für Wirtschaftswissenschaften Lorens Imhof hat zusammen mit seinen Kollegen Drew Fudenberg und Martin Nowak von der Universität Harvard mathematisch untersucht, welches Verhalten sich in einer Gruppe von Individuen durchsetzt, wenn man das Gefangenen-Dilemma viele Male hintereinander durchspielt. "Wir sind dabei von drei unterschiedlichen Verhaltensmustern ausgegangen", erklärt Professor Imhof. "Zum einen gab es Personen, die immer kooperierten, also ihren Komplizen nie verpfeifen würden, unabhängig davon, wie der mit ihnen umspringt. Dann gab es Personen, die immer Verrat übten. Und schließlich war da noch eine dritte Teilgruppe, die nach dem Motto 'wie du mir, so ich dir' verfuhr: Sie machten ihre Entscheidung 'Kooperation oder Verrat' davon abhängig, wie sie selbst in der Runde zuvor behandelt worden waren." "Tit for Tat" heißt diese Strategie im Englischen: Zunächst einmal verhalte ich mich kooperativ, wenn du mich aber verpfeifst, verpfeife ich dich beim nächsten Mal auch.

Nach zehn Runden wurde ausgewertet, wie viele Jahre Gefängnis jede Person auf ihrem virtuellen Buckel hatte. Danach bekamen manche der Mitspieler Nachkommen. Je weniger Gefängnisjahre, desto besser waren sie mit ihrem Verhalten gefahren und desto höher ihre evolutionäre Fitness - sprich: die Chance, Kinder in die Welt zu setzen. Für jeden Neugeborenen starb ein zufällig ausgewähltes Mitglied der Elterngeneration, so dass die Gesamtzahl der Mitspieler konstant blieb. "In der Regel erbten die Nachkommen die Spielstrategie ihrer Eltern", erläutert Imhof. "Manchmal konnte die Strategie aber auch zufällig mutieren. Nachkommen eines 'Verräters' spielten dann beispielsweise 'Tit for Tat' oder umgekehrt." Durch Mutation und Selektion konnte sich die Spielstrategie der Gruppe daher im Laufe der Evolution verändern.

In unendlichen Populationen wird Kooperation bestraft

Derartige "Evolutionsspiele", die auf dem Gefangenen-Dilemma basieren, sind nicht neu. In unendlich großen Populationen setzen sich dabei in der Regel die "Verräter" durch - Kooperation wird bestraft. "Wir gehören jedoch weltweit zu den ersten Arbeitsgruppen, die diese Analyse für beschränkte Bevölkerungsgrößen durchgeführt haben", betont Imhof. Eine realistische Annahme; Populationen sind schließlich nie unendlich groß.

Erstaunliches Ergebnis: In Gruppen von 30 bis 60 Personen setzen sich abwechselnd alle drei Strategien durch. Und zwar in strenger Reihenfolge: Zunächst kooperieren fast alle Mitspieler, einige Generationen später gibt es plötzlich nur noch Verräter, bevor sich schließlich die Anhänger von "Tit for Tat" durchsetzen. "Tit for Tat" ist dabei mit Abstand am stabilsten: Hat sich diese Strategie einmal etabliert, dauert es vergleichsweise lange, bis wieder die Kooperationswilligen die Gruppe dominieren. Professor Imhof: "In begrenzten Populationen haben Verräter keine Chance, sich dauerhaft zu halten."
Lesetip: Eine umfassende Diskussion der Theorien für altruistisches Verhalten und Kooperation im Kontext der menschlichen Evolution enthält Paul H. Rubins Buch Darwinian Politics: The Evolutionary Origin of Freedom.