Mit dem Kopf voran

08.09.2005 um 10:24 Uhr

Berechtigte Kritik an Gaspreiserhöhungen?

Ein Aufschrei geht durch die Öffentlichkeit, weil Gasversorger auf die steigenden Preise am Ölmarkt mit einer Erhöung der Erdgaspreise reagieren wollen. Schnell sind Politiker aller Coleur zur Stelle und fordern in populistischer Manie die "Abzocke" nicht zuzulassen. Dabei verweisen sie auf die unzeitgemäße Bindung der Gaspreise an die Ölpreise in langfristigen Lieferverträgen. Was ist von dieser Diskussion zu halten?
Erdgas steht in einem außerordentlich engen Substitutionsverhältnis zu anderen fossilen Energieträgern. Vor allem jedoch zu leichtem und schwerem Heizöl, weil diese Energieträger in industriellen Verbrennungsprozessen besonders leicht durcheinander ersetzt werden können. Eine Verknappung des Erdöls führt daher nicht nur zu einer Erhöhung des Erdölpreises, sondern auch zu einer erhöhten Nachfrage nach dem nächstbesten Alternativbrennstoff Erdgas. Dementsprechend steigen die Preise für Erdgas auch an. Das jedoch führt bei gegeben Produktionsmöglichkeiten zu einer Verknappung des am Markt verfügbaren Erdgas. Selbst wenn die Gasversorger ihr Erdgas auf Basis langfristiger Lieferverträge mit entsprechenden Preisklauseln beziehen, stehen sie nun vor einer anderen Marktsituation. Verzichten sie darauf die Preise für ihre Haushaltkunden zu erhöhen, müssen sie zwangsläufig auch darauf verzichten ein Teil des Erdgases gewinnbringend auf den Energiemärkten zum höheren aktuellen Erdgaspreis abzusetzen. Will man den Energieversorgern hieraus einen Vorwurf machen, sollte man sich selbst überlegen, ob man sein Eigenheim, ursprünglich für ein paar 10000 DM in den 60iger gebaut, trotz Immobilienpreissteigerungen tatsächlich für diesen Preis verkaufen würde oder aber triumphierend ein Vielfaches der Baukosten als Verkaufserlös in der Geldbörse verschwinden läßt. Zudem sind Preise Knappheitssignale und diese Funktion sollten sie auch bei den Verbrauchern erfüllen. Höhere Preise bedeuten dabei nicht unbedingt mehr physische Knappheit, sondern eine Vielzahl neuer produktiver Verwendungen des Brennstoffs, deren Wert unter den neuen Marktbedingungen den der Verbrennung in der heimischen Heizung übersteigt. Das Preissignal soll daher die Haushalte dazu animieren Heizenergie und damit Erdgas einzusparen, damit mehr von diesem Energieträger für höherwertige Verwendungen zur Verfügung stehen. Geschieht diese Anpassung nicht, weil  die Politik die Gasversorger an einer Preisanpassung hindert, werden diese Einsparungen nicht vorgenommen und die Gaspreise steigen wegen noch höherer Nachfrage weiter. Was die Haushalte an Energiekosten einsparen geben sie dann für noch teurere energieintensiv produzierte Konsumgüter wieder aus.

07.09.2005 um 09:53 Uhr

Frauenförderung: Das Haar in der Suppe

Eine Mehrländer-Studie von Silvia Pezzini (London School of Economics) über die Effekte von Regulierungen zur Förderung von Frauen kommt zu einer Reihe interessanter Ergebnisse:
  • Die Legalisierung der Abtreibung und die Zulassung der Pille haben die Lebenszufriedenheit von Frauen erheblich verbessert.
  • Mehr Möglichkeiten zur Geburtenkontrolle führten bei  Frauen zu mehr Investitionen in Bildung und zur Verbesserung von Karrierechancen und höheren Erwerbseinkommen.
  • Interessanterweise soll die Erleichterung der Ehescheidung die Lebenszufriedenheit von Frauen eher verschlechtert haben.
  • Der Effekt eines starker Mutterschaftsschutzes im Arbeitsrecht auf die Verbesserung der Lebenssituation der Frauen ist von vernachlässigbarer Größenordnung. Hier geht die Autorin davon aus, dass die Wohlfahrtseffekte des erhöhten Mutterschaftsschutzes im hohen Maße durch die Verschlechterung der Erwerbsmöglichkeiten (hohe Kosten für Arbeitgeber) wieder kompensiert werden. In diesem Zusammenhang ist interessant, dass in Schweden, einem Land mit sehr hohem Mutterschaftsschutz, 75 % der Frauen im traditionell geringer bezahlten Öffentlichen Dienst arbeiten (Guardian Unlimited). Während in den USA 11 % aller Managementpositionen von Frauen bekleidet werden sind in Schweden geradeeinmal 1,5% dieser Positionen von Frauen besetzt. Offenbar sind die Beschäftigungsmöglichkeiten in der Privatwirtschaft hier für Frauen eher eingeschränkt.
Via EconLog.

06.09.2005 um 09:07 Uhr

Buchtip: Das bleiche Herz der Revolution

Gerade habe ich die letzten Seiten von Sophie Dannenbergs Romandebüt Das bleiche Herz der Revolution beim Frühstück gelesen. Eine wunderbare Satire auf das geistige Vakuum der linksrevolutionären 68er-Studentenbewegung und ihre bis weit in den akademischen und politischen Alltag reichenden verkorksten Ideen. Bissig überspitzt werden hohle Klassenkampfphrasen, dümmliches Schwarz-Weiss-Gerede von Ausbeutern und Unterdrückten und der durch akademischen Diskurs kaschierte Karrierekampf der intellektuellen Elite im Dunstkreis der Frankfurter Schule durch den Kakao gezogen. Amüsant bis erschreckend las sich der Überlebenskampf der kleinen Kitty im Umfeld ihres revolutionär-emanzipierten und doch so spießbürgerlichen Elternhauses, indem Alt-68er Mutter und Vater ihren privaten Spleen emanzipierter Gedankenlosigkeit an dem unschuldigen, das allzu simple Weltbild ihrer Eltern nicht begreifen könnenden Mädchen auslassen.
Provokant ist dieses Buch, weshalb so mancher Rezensent verletzt polemisiert, als hätte man ihm mit dem Buch auf die Finger geschlagen. Und irgendwie auch mutig, in einer Zeit, in der die arme Heuschrecke ohne viel Widerspruch als Symbol einer realitätsfernen Gesellschaftskritik in weiten Teilen der intellektuellen und politischen Elite instrumentalisiert wird...

04.09.2005 um 20:30 Uhr

Schuster bleib bei deinem Leisten...

...möchte man meinen, wenn man den jüngsten Appell des Biochemikers und Präsidenten der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) Ernst Ludwig Winnacker an die deutsche Automobilindustrie hört, doch bitte den Trend des Hybrid-Antriebs im Automobilbau nicht zu verschlafen. Überdies mache es ihm Sorgen, dass ausländische Hersteller Marktanteile gewinnen, wenn deutsche Hersteller die Technik nicht im Angebot haben. Um hier Bewegung ins Geschäft zu bringen, schlägt er ein Tempolimit und die Übernahme der Gesetze von Kalifornien und Japan, also Verbrauchsstandards, vor.
Ja guter Mann, wo liegt das Problem? Jeder Deutsche der ein Hybrid-Fahrzeug haben möchte kann sich bei Toyota bedienen. Warum sollten sich auch noch die deutschen Autohersteller mit hohen Kosten an diesem engen Markt beteiligen, wo sie mit den konventionellen Fahrzeugen bislang genauso gut weltweit den Markt bedienen können. Es mag ein strategischer Fehler sein, jetzt nicht auf diese Technik aufzuspringen, nur ist mir unklar, weshalb Herr Winnacker das weiß, das Management der deutschen Automobilhersteller dagegen nicht. Und mal ganz ehrlich, warum sollte es uns Angst machen, wenn deutsche Hersteller im Automobilbereich Marktanteile verlieren? Dann werden die für die Produktion von Hybridfahrzeugen notwendigen Produktionsfaktoren eben woanders gewinnbringend eingesetzt. Wir haben doch auch keine Probleme damit, dass der Marktanteil der deutschen Bauern auf dem Bananenmarkt gering ist. Im übrigen sind die vorgeschlagenen Instrumente nicht zwangsläufig damit verbunden, dass gerade die deutsche Automobilindustrie ihre Marktstrategie ändert, denn die veränderten Rahmenbedingungen treffen dann alle in Deutschland anbietenden Hersteller gleichermaßen. Derjenige Hersteller, der bei Hybrid-Fahrzeugen die Nase technologisch vorn hat wird die Nische bedienen, für die Marktposition Deutschlands bringt das wenig. Zudem sind energiesparende Fahrzeuge kein Selbstzweck. Ob ein Autofahrer mit einem Dreiliter-PKW oder einem 5er BMW bei den gegenwärtigen Energiepreisen glücklicher wird, sollte er selbst und nicht der Staat entscheiden. Der sollte sich bestenfalls Gedanken um eine effizientere Lösung der mit dem Energieverbrauch verbundenen Umweltprobleme machen.

02.09.2005 um 18:19 Uhr

Deutschlands Steuerdebatte vor den Wahlen

Die Debatte um den vermeintlichen Spiegel-Rechenfehler bei der Belastungswirkung des Steuermodell von Prof. Kirchhof zeigt deutlich wie wenig Gedanken sich die Kritiker dieses Modells um die längerfristigen Wachstumswirkungen und damit um die Chancen für Wohlstand und Arbeitsplätze in diesem Land machen. Vielmehr geht es um die Instrumentalisierung des Sozialneids im Wahlkampf.
Die von Kirchhof vorgeschlagene Flat Tax zeichnet sich dadurch aus, dass die Mehrbelastung der oberen Einkommensbezieher (daher auch indirekte Steuerprogression) nicht durch steigende Grenzsteuersätze, sondern durch eine Kombination von Freibeträgen erreicht wird, was erhebliche Vorteile gegenüber dem heutigen Steuersystem hat:
  • Vermeidung der bisherigen wachsenden Grenzsteuersätze und der damit verbundenen Überschußbelastung und den negativen Arbeitsanreizen insbesondere bei den Beziehern hoher Einkommen. Nicht zuletzt hatte Nobel-Preisträger Edwart Prescott gezeigt, dass der im Vergleich zur USA geringere Arbeitseinsatz der Europäer zu einem erheblichen Anteil auf zu hohe Grenzsteuersätze zurückzuführen ist. Das vermeintlich gerechtere Steuermodell von attac und v.e.r.d.i. mit seinen unterschiedlichen Grenzsteuersätzen hat nicht diesen Vorteil.
  • Die Streichung von Steuerprivilegien finanziert die Entlastung der Steuersubjekte an der Grenze, womit zukünftig die ressourcenverschwendende Jagd nach Steuervorteilen wesentlich reduziert werden kann. Wenn man sich überlegt wie viele schlaue Köpfe sich hierzulande mit nichts Sinnvollerem herumschlagen als Steuerschlupflöcher zu finden, anstatt sinnvolle Produkte herzustellen, dann werden die Wachstumspotentiale eines einfachen Steuermodells besonders deutlich. Zudem gehen die volkswirtschaftlichen Kosten der Einkommensdeklaration zurück, was jederman bereits daran merkt, dass die neue Steuererklärung kein ganzes Wochenende mehr, sondern nur noch eine halbe Stunde erfordert.
  • Mit den geringeren Grenzsteuersätzen geht der Anreiz zur Steuerhinterziehung und damit der Schattenwirtschaft einher. Schattenwirtschaft ist gerade hierzulande ein erhebliches Problem, dass jedoch nicht in erster Linie in den fehlenden Steuereinnahmen liegt, sondern darin, dass illegale Wirtschaft in aller Regel produktivitätssteigernde Spezialisierungs- und Größenvorteile nicht nutzen kann und aufgrund der fehlenden rechtlichen Absicherung durch Qualitätsprobleme gekennzeichnet ist.
Wer sich heute also beklagt, er würde durch diese Steuerreform stärker belastet als sein reicherer Nachbar, sollte darüber nachdenken, dass dieses Steuersystem am ehesten dazu geeignet ist, Bedingungen zu schaffen bald selbst zu den Großverdienern zu zählen.
 

01.09.2005 um 00:02 Uhr

Oh, Katrina ...

von: steffenh   Stichwörter: Klimaforschung

Der Hurricane Katrina hat die deutsche Presse und Umweltpolitik wieder auf pseudowissenschaftliche Hochtouren gebracht. Statt einer sachlichen Auseinandersetzung mit dem Thema Klimawandel und Extremwetterereignisse wird die jüngste Katrastrophe in New Orleans von weiten Teilen der deutschen Presse und dem Umweltministerium für Panikmache und die übliche Kritik an der mangelnden Bereitschaft der USA sich dem Kyoto-Prozess auszuliefern instrumentalisiert. Wesentlich differenzierter geht hier die amerikanische Presse zu Werke (The Boston Globe, Reason). Auch die Stimmen aus der Wissenschaft sind deutlich vorsichtiger mit ihren Aussagen zum Zusammenhang zwischen tropischen Wirbelstürmen, dem globalen Klimawandel und dessen menschengemachtem Beitrag (Hurricanes and Political Hot Air, Hurricanes and Global Warming (Stand der aktuellen Forschung), Metereologe William Gray, THE DEADLIEST, COSTLIEST, AND MOST INTENSE UNITED STATES HURRICANES...). Die langfristigen Daten für die USA zeigen sogar, dass die Häufigkeit schwerer Wirbelstürme abgenommen hat. Der Peak der letzten hundert Jahre lag in den Jahren zwischen 1930 und 1950. Selbst wenn dennoch ein Zusammenhang zwischen beiden Phänomenen bestehen sollte (Emanuel: Increasing destructiveness of tropical cyclones over the past 30 years), zeigt die wesentlich über der von Modellen ermittelten Klimasensitivität liegende soziodemografische Sensitivität der Sturmschäden, dass Anpassungsmaßnahmen wesentlich sinnvoller sind als die von der EU in den Vordergrund gerückten Emissionsminderungen (Roger A. Pielke, Jr.: Societal Vulnerability and Climate, u.a. Autor des excellenten Science-Weblogs Prometheus).