Mit dem Kopf voran

29.11.2005 um 15:26 Uhr

Eigenheimzulage endlich abgeschafft!

Spiegel-Online führt viele gute Gründe für die nun endlich in die Tat umgesetzte Abschaffung der Eigenheimzulage an. Wie immer ungenannt blieb die absurdeste Wirkung dieser Umverteilungsorgie. Als nachfragestimulierendes Instrument hat die Eigenheimzulage schon immer zu einer Verbesserung der Wohnsituation von Mittel- und Oberklasse zu Lasten der eigentlich Bedürftigen geführt. Schließlich hat die gesteigerte Wohnungsnachfrage zunächst eine preissteigernde Wirkung, die auch von denjenigen zu spüren ist, die nicht in den Genuß der Förderung kommen. Gerade arme Haushalte zahlen einen erheblichen Anteil ihres Einkommens für Wohnungsmieten und profitieren aber häufig aufgrund von Kreditrestriktionen nicht von der Förderung. Siehe hierzu auch den älteren Beitrag Baulöwen.

28.11.2005 um 10:16 Uhr

Fängt der Fleischberg an zu stinken?

Ein neuerlicher Fleischskandal macht in Deutschland seine Runde. Politiker, Verbraucherschützer und Medien werden nicht müde, geldgierige und skrupellose Geschäftemacher hierfür verantwortlich zu machen.

Doch stößt diese Debatte auf den Grund des Problems? Wann verdirbt eigentlich Fleisch? Wenn das Angebot weit über der Nachfrage liegt, die Kühlhäuser voll sind, die Lagerung immer teurer wird und obendrein noch die Kühlung durch technische Pannen versagt. Kein Fleischanbieter hat langfristig etwas davon, nachfragegerecht produzierte Fleischmengen erst systematisch vergammeln zu lassen, um sie dann klammheimlich unter Gefährdung seiner Reputation unters Volk zu bringen. Doch wenn sich die Fleischproduktion von der Nachfrage abkoppelt und riesige Mengen auf Halde genommen werden müssen, steigt das Risiko, dass überschüssiges Fleisch in den Kühlhäusern verdirbt. Gleichzeitig steigt der Anreiz der Produzenten, hohe Verluste seiner Läger durch die Freisetzung krimineller Energie zu kompensieren.

Die EU-Landwirtschaftspolitik hat mit der trotz einiger Reformen fortgesetzten Förderung der Viehhaltung und Viehschlachtung, internationalen Marktabschottung und durch die Zahlung von Interventionspreisen erheblich dazu beigetragen, dass sich das Angebot von Fleisch mehr und mehr von der Nachfrage abgekoppelt hat. Der von Bauern und Politikern beklagte "Schweinezyklus" in der Landwirtschaft, bei dem das aus technischen Gründen träge Angebot nur langsam der veränderten Nachfrage folgen kann, was zu ständigen Preisfluktuationen führt, wurde von der EU-Subventionspolitik auf den Kopf gestellt, wodurch die Fähigkeit der Bauern, sich auf Nachfrageschwankungen mit ihrem Angebot einzustellen, erst recht stark gelitten hat. Wen wunderts, dass der Fleischberg zu stinken beginnt?

24.11.2005 um 02:30 Uhr

Bioenergie: Europas Tropenwaldopfer für den Klimaschutz

Ein ganz besonders schönes Beispiel für ungewollte oder ignorierte Konsequenzen umweltpolitischer Vorhaben der Europäischen Union ist die Richtlinie zur Förderung von Biokraftstoffen im Verkehrssektor. Die Richtlinie schreibt vor, dass die Mitgliedsländer nach einem vorab festgelegten Zeitplan Mindestanteile an Biokraftstoffen auf ihren Kraftstoffmärkten sicherstellen. In der aktuellen Ausgabe des New Scientist ist jetzt zu lesen, dass bereits heute tropische Wälder dem Anbau der Rohstoffe (Palmöl, Sojabohnenöl) der Herstellung von Biokraftstoffe für Europa und die USA zum Opfer fallen. Die EU schafft es einmal mehr, sich mit aktionistischer Klimapolitik zu Lasten der Umwelt in der Dritten Welt zu profilieren. Langsam weiß man wirklich nicht mehr, ob die Natur eher vor dem anthropogenen Klimawandel oder vor einem kurzsichtigen Klimaschutz bewahrt werden muß.

23.11.2005 um 10:51 Uhr

Wohlstand und Elend der Nationen

Keinesfalls entgehen lassen sollte man sich diese interaktive Presentation der wichtigsten Ergebnisse der Human Development Trends 2005.

Via Mahalanobis.

23.11.2005 um 10:09 Uhr

Ist Vorsorgen immer besser als Heilen?

Der Fokus der deutschen und europäischen Klimaschutzpolitik liegt auf dem Versuch den anthropogenen Anteil am Klimawandel zu verhindern. In nahezu religiöser Anbetung des Vorsorgeprinzips wird seit Jahren angeregt nach Methoden der Reduktion von Treibhausgasemissionen und Instrumenten zur Durchsetzung von teilweise drakonischen Minderungszielen gesucht. Markantes Beispiel für diesen bislang recht erfolglosen Weg ist das Kyoto-Protokoll. Obwohl inszwischen in Kraft getreten, kann von Erfolgen bei der Reduzierung der der wichtigsten Treibhausgase nicht die Rede sein. Ein gemeinsames instrumentelles Vorgehen mit klaren von allen Unterzeichnern akzeptierten Zielen ist trotz Lippenbekenntnissen zu globalem Treibhausgashandel, Clean Development Mechanism und Joint Implementation noch nicht in Sicht. Zu ungleich sind die Kosten und Nutzen des Klimawandels zwischen den einzelnen Ländern verteilt.
Was aber nun, wenn dieser Weg ohnehin nur eine einseitig verzerrte Fokussierung auf eine ineffiziente Strategie ist? Indur Goklany hat anhand von offiziellen Schätzungen des IPCC und anderen international anerkannten Forschungsarbeiten über die Kosten und Nutzen verschiedener Klimaschutzstrategien herausarbeiten können, dass die Anpassung an unsichere Klimaveränderungen der effizientere, weil billigere und wirksamere Weg zur Verhinderung der Folgewirkungen (Ausbreitung von Malaria, Hunger, Wasserknappheit, Anstieg des Meeresspiegels und Bedrohung der Biodiversität) des Klimawandels ist. So konstatiert er in einem aktuellen Paper:

  • Der Beitrag des Klimawandels zur Verschärfung der o.g. Probleme ist vergleichsweise gering.
  • Die Risiken der Folgewirkungen für den Menschen lassen sich durch Anpassungsmaßnahmen wirksamer und kostengünstiger reduzieren. So würden den 165 Mrd. $ Jahreskosten des Kyoto-Protokolls oder den wesentlich höheren jährlichen Kosten (78 bis 1141 Billionen $) einer Stabilisierung der atmosphärischen Kohlendioxidkonzentration auf 550 ppm Kosten für adaptive Maßnahmen in Höhe von weniger als 10 Mrd. $ jährlich gegenüber stehen.
  • Während die Anpassungsmaßnahmen den betroffenen Menschen sofort helfen, würde bei einer Fokussierung auf drakonische und teure Vermeidungsmaßnahmen aufgrund von Wirkungsverzögerungen geringfügige Linderungen frühestens in ein paar Jahrzehnten eintreten.

22.11.2005 um 14:15 Uhr

Teure Überzeugungen

Eine Debatte zwischen Bryan Caplan und Lawrence Iannacone von der amerikanischen George Mason University über die Ökonomie der Religiösität und insbesondere Caplans interessante Theorie der rationalen Irrationalität erinnert mich an ein klassisches Phänomen in der Politik: Wasser predigen und Wein trinken.

So umreisst Caplan seine Theorie kurz:

I defend a rational choice theory of irrational belief. The gist of my theory is that people persistently hold wildly irrational religious beliefs because the material cost is usually very low.  In terms of daily life, what difference does it make if the earth is 6000 years old or 6 billion?  So it's not surprising how readily people shut their eyes to the geological evidence.  In contrast, when the cost of irrationality is high, believers conveniently forget the teachings of their religion.  Lots of religions promise paradise to martyrs, but adherents eager to die for their beliefs are one-in-a-million.

Übertragen auf den Alltag, scheinen sich einige Fragen zu beantworten: Warum fährt der Umweltminister nicht mit dem Fahrrad ins Büro und sind die Beamten (nicht nur) des Gesundheitsministeriums in einer privaten Krankenkasse versichert?

22.11.2005 um 09:47 Uhr

Weihnachtsgeld

Nicht dass mir Deutschlands Beamten und ihr Kampf um ihr diesjähriges Weihnachtsgeld besonders nahe gehen würden. Was mir Sorgen macht, ist diese willkürliche Finanzpolitik der neuen Bundesregierung, die sich mit solchen „Vorschlägen“ ankündigt. Außerdem denke ich, ist das Geld in den privaten Händen unserer Staatsdiener besser aufgehoben als in deren dienstlichen Pranken. Während der Beamte als Privatmensch die Konsequenzen seiner Weihnachtsgeldverwendung ganz klar mit dem Für und Wider anderer Verwendungsalternativen abwägen muss und dabei die für ihn optimale Konsum-Spar-Entscheidung trifft, verteilt der Beamte im Dienst das bei seiner Kollegenschar eingesparte Geld ganz munter ohne größere private Konsequenzen. Klarer Fall, dass dann über den Sinn der Ausgabeentscheidung weniger intensiv nachgedacht wird. Jedenfalls glaube ich kaum, dass dann der Zeltkauf für obdachlose Pakistaner oberste Priorität genießt. Bestenfalls wird der Transport von Hilfsgütern über den abwegigsten aller denkbaren Wege gefördert.

18.11.2005 um 08:00 Uhr

Profitsteuer für Ölproduzenten

Ein Glück und doch verwunderlich, dass die Idee einer Profitsteuer auf Erträge aus dem Verkauf von Öl nur die amerikanische Politik und noch nicht Deutschlands oder Europas Politiker beschäftigt. Daher hier schon aus Vorsorgegründen der Link auf ein Interview mit William Niskanen, präsident des Cato-Institute und Vater der ökonomischen Theorie der Bürokratie, die der Frage nachgeht, warum das bilaterale Monopol von Regierung und Bürokratie zu einem zu großen Verwaltungsbudget und einem ineffizient hohen Niveau staatlicher Verwaltungsaktivitäten führt.

17.11.2005 um 21:28 Uhr

SPD-Gesundheitspolitik: Verkehrte Welt

Gerade klingt drüben bei Statler & Waldorf eine Debatte über die ökonomische Qualifikation von SPD-Gesundheits-"Experte" Karl Lauterbach aus, da bekommen wir die klare Antwort auf diese Frage auch schon über Spiegel-Online geliefert: Der Mann hat definitiv keine gesundheitsökonomische Qualifikation, ebensowenig wie seine Kollegin und Ministerin.

"Gesetzlich Versicherte zahlen zum Teil höhere Beiträge, müssen beim Arzt aber länger warten, weil bei Privatpatienten höheres Honorar gezahlt wird...90 Prozent sind aber gesetzlich versichert. Das kann nicht in deren Sinn sein. Menschen müssen zum Beispiel monatelang auf eine Darmspiegelung warten, weil der Privatpatient vorgezogen wird. Das ist nicht richtig. Das höhlt die Akzeptanz der gesetzlichen Versicherung aus." meint der Experte.

Unglaublich wie man mit so wenigen Worten soviel unfreiwillige Selbstkritik üben und dabei gleichzeitig soviel Pseudologik absondern kann. Gesetzlich Versicherte warten nicht, weil Privatpatienten zuviel bezahlen, sondern allenfalls weil die GKV zu wenig bezahlt. Eine Angleichung der Arzthonorare nach unten würde unter den heutigen Bedingungen freilich nicht dazu führen, dass der GKV-Patient weniger wartet, sondern dass alle Patienten noch länger warten. Woher sollen die Ärzte bei
nach unten vereinheitlichten Honoraren denn auch die Motivation ziehen, auf einmal ganz schnell allen Patienten gleichzeitig mit dem Schlauch in den Allerwertesten zu fahren. Die Logik will sich mir nicht erschließen. Aber vielleicht argumentiert ja die SPD nach dem Motto: Geteiltes Leid ist halbes Leid.

Es ist schon eigenartig, warum ich bei meinem letzten Transatlantikflug nicht monatelang auf einen Sitzplatz warten mußte, obwohl in der Bussines-Class ein Geschäftsmann saß, der für den selben Blick aus dem Fenster mindestens den doppelten Preis wie ich zahlte. Die Frage sollte Herr Lauterbach mal versuchen zu beantworten. Dem Mann kann dabei sogar
geholfen werden. Im übrigen ist es an der Zeit, dass die Akzeptanz der GKV ausgehöhlt wird. Die Sinnhaftigkeit ist es schon lange.


17.11.2005 um 19:39 Uhr

"Killerspiele" - Regierung übernimmt die Rolle der Eltern

Was Mama und Papa bisher nicht vermochten oder einfach nicht für notwendig hielten, will jetzt unsere zukünftige Bundesregierung in die Hand nehmen. Jedenfalls steht das Verbot von Videospielen mit gewalttätigem Inhalt im Koalitionsvertrag. Schließlich sind sich die Politikstrategen der Union nach einigen persönlichen Gesprächen mit betroffenen Jugendlichen sicher, dass es einen eindeutigen Zusammenhang zwischen virtueller und realer Gewalt gibt. Angesichts der recht dünnen wissenschaftlichen Basis (Ebenfalls empfehlenswert ist dieser etwas betagte Kommentar.) dieser, für politische Entscheidungen jedoch nicht unüblich auf Basis anekdotischer Evidenz getroffenen Aussage, erscheint diese staatliche Überreaktion doch etwas übereilt zu sein. Es gibt hierzulande wirklich wichtigere Dinge als die Überwachung von Kinderzimmern. Hab ich ein Glück, dass es in meinen Kindertagen Spielzeugsoldaten und Holzgewehre aber keine Bundesregierung gab.

17.11.2005 um 18:52 Uhr

Vogelgrippe: Politikempfehlungen eines Ökonomen

Auch wenn die Vogelgrippe inzwischen wieder das Rampenlicht der Medienöffentlichkeit verlassen hat, bleibt sie ein Problem mit politischen Implikationen. Tyler Cowen, Professor an der amerikanischen George Mason University und Autor von Marginal Revolution, hat seine Politikempfehlungen in einem Diskussionspapier zusammengefasst. Hier nur einige Eckpunkte:

To combat a possible avian flu pandemic, we should consider the following:

1. The single most important thing we can do for a pandemic—whether avian flu or not—is to have well-prepared local health care systems. We should prepare for pandemics in ways that are politically sustainable and remain useful even if an avian flu pandemic does not occur.

2. Prepare social norms and emergency procedures which would limit or delay the spread of a pandemic. Regular hand washing, and other beneficial public customs, may save more lives than a Tamiflu stockpile.

3. Decentralize our supplies of anti-virals and treat timely distribution as more important than simply creating a stockpile.

4. Institute prizes for effective vaccines and relax liability laws for vaccine makers. Our government has been discouraging what it should be encouraging.

5. Respect intellectual property by buying the relevant drugs and vaccines at fair prices. Confiscating property rights would reduce the incentive for innovation the next time around.

6. Make economic preparations to ensure the continuity of food and power supplies. The relevant “choke points” may include the check clearing system and the use of mass transit to deliver food supply workers to their jobs.

7. Realize that the federal government will be largely powerless in the worst stages of a pandemic and make appropriate local plans.

8. Encourage the formation of prediction markets in an avian flu pandemic. This will give us a better idea of the probability of widespread human-to-human transmission.

9. Provide incentives for Asian countries to improve their surveillance. Tie foreign aid to the receipt of useful information about the progress of avian flu.

10. Reform the World Health Organization and give it greater autonomy from its government funders.



17.11.2005 um 00:39 Uhr

Bürgerversicherung: Vorteil gegenüber individueller Versicherung beim Risikoausgleich?

Als ein wesentlicher Vorteil der von allen Einkünften je nach Einkommenshöhe zu finanzierenden Bürgerversicherung wird immer wieder ihr Vorteil bezüglich des Risikoausgleichs zwischen Versicherten mit unterschiedlichen Krankheitsrisiken genannt. Da befürchtet wird, dass die privaten Versicherungen wegen der Adversen Selektion versuchen die Krankheitsrisiken der Patienten möglichst exakt zu identifizieren und entsprechend risikoabhängige Tarife anzuwenden, gelten private Krankenversicherungen bei ihren Kritikern  gegenüber potentiellen Versichterten mit hohem Krankheitsrisiko als diskriminierend. Eine amerikanische Studie hat jedoch ermittelt, dass diese Diskriminierung in der Realität weniger stark als erwartet ausgeprägt ist und private Versicherungen im Wettbewerb gezwungen sind, die Risiken ihrer Versicherten gleichfalls zu poolen. Zwar versuchen die Versicherungen eine Risikodifferenzierung zu realisieren, doch können sie dies im Wettberb nur begrenzt durchsetzen. So zahlen etwa Patienten mit doppelt so hohen Krankheitskosten nur etwa 20 bis 40 % höhere Versicherungsbeiträge. Generell konnten die Wissenschaftler keine erhebliche Schwankungen der Tarife bezüglich des individuellen Krankheitsrisikos feststellen. Offenbar läßt sich in der Realität keine signifikante Diskriminierung von Patienten mit chronischen Krankheiten finden. Angesichts dieser Ergebnisse muß zumindest dieser Nachteil individueller privater Krankenversicherungen relativiert werden. Generell sieht sich die Bürgerversicherung wie auch das klassische System der gesetzlichen Krankenversicherung einer intensiven Kritik (hier und hier) ausgesetzt.

15.11.2005 um 14:02 Uhr

Post-Kyoto - Neue Wege in der deutschen Klimapolitik

Pünktlich zur heutigen Veranstaltung des ipas-Instituts "Post-Kyoto - Neue Wege in der deutschen Klimapolitik" in Berlin hat der Veranstalter einen Weblog zum Thema ins Netz gestellt. Hier kann man auch die aktuelle ipas-Studie Das Kyoto-Protokoll und die wirtschaftlichen Folgen für Deutschland lesen.

15.11.2005 um 08:43 Uhr

Klimaschutz - Spielt der "Hockeystick"-Streit eine Rolle?

Deutschlands prominentester Klimaforscher Stefan Rahmstorf meint inzwischen, dass der "Hockeystick", die umstrittene, im letzten IPCC-Bericht gehypte Temperaturrekonstruktion des vergangenen Milleniums, für die Bewertung der von vielen angenommenen Dramatik des Treibhauseffekts ohne Bedeutung ist. Dennoch wird die Kurve vom Umweltministerium nach wie vor an prominenter Stelle als Kronzeuge des Klimawandels vermarktet. Zwei Statements der beiden kanadischen Herausforderer der "Hockeystick"-Studie auf dem Weblog "Prometheus" machen allerdings deutlich wie wichtig die Debatte um die wissenschaftliche Qualität derart prominenter Klimastudien wirklich ist:

Ross McKitrick: ...It matters because it exposes the uncomfortable reality about how governments use scientific information. Canada (and many other countries) used the hockey stick heavily in their promotion of the Kyoto Accord. It is still prominent in government publications. Canada boasts of having spent $3 billion on climate change initiatives, much of it going to research. Yet for all the billions of dollars spent, and for all the proliferation of staff working on the matter, no one in government checked the hockey stick. Even when Canada’s chief climate science advisor and the Prime Minister’s own scientific advisor were personally informed about flaws in the hockey stick, no effort was made to remedy the government’s error. We have never been contacted by a single federal government scientist or other staff member for information on this topic, even though Environment Canada has in the past made heavy use of the hockey stick and more recently has issued communications supposedly providing “expert” commentary on my work, commentary that is predictably fallacious. Governments apparently use science when it suits them, as a promotional policy tool, with little regard to the facts of the matter. Perhaps it is naïve of me to have expected otherwise, but the realization still disappoints.

Steve McIntyre: ... A final thing that I’d ask myself: if this damn chart is “irrelevant” to the great issue of 2xCO2, why did we use it at all? And why did we rely on it so much in our sales presentations? Why didn’t we just talk about the issues that were important and stay away from little irrelevant stuff? Maybe I’d find out, when I investigated, that someone had decided that this was merely for sales promotion – the climate equivalent of a sexy girl sitting on a car. If that were the case, I wouldn’t necessarily be happy about it, but at least I’d understand it. Then I’d want to make sure that we were also selling steak as well as sizzle. I’d sure want to make sure that we’d really done a good job on the issue which Ramsdorff and others now say was the “real” issue: climate sensitivity to 2xCO2.

13.11.2005 um 16:26 Uhr

Grüne Gentechnik - Gewinn für Umwelt, Gesundheit und Ökonomie

Ein Auszug aus einem Diskussionsbeitrag von Clive James, Vorsitzender des ISAAA-Direktoriums, auf der 2002er Fachtagung "Was ist Sache in der grünen Gentechnik?":

Die Vorteile, die transgene Pflanzen für die landwirtschaftliche Produktion, für Gesundheit, Umwelt und Ökonomie mit sich bringen, wurden in dem ISAAA-Bericht „Global Review of Commercialized Transgenic Crops: 2000 (James, 2001, ISAAA Brief 23) zusammengefasst. Die wichtigsten Fakten daraus werden nachfolgend zusammengefasst:

 

  • Nachhaltigere und effiziente Anbaumethoden, die weniger Energie/Treibstoff benötigen und die natürlichen Ressourcen schonen
  • Insgesamt wurden Pflanzenschutzmitteln eingespart. Dies wirkt sich positiv auf die Biodiversität aus. Nützlinge und andere Nicht-Zielorganismen werden geschont, damit wird ein Beitrag zum Umweltschutz geleistet. Im Jahr 2000 wurden durch den Anbau von GV-Soja, -Raps, -Baumwolle und –Mais der Verbrauch von Pflanzenschutzmitteln schätzungsweise um 22,3 Mio. kg reduziert (Philipps und Park, 2000). Deren Berechnung zeigt, dass in der EU der Verbrauch von Pflanzenschutzmitteln um 14,5 Mio. kg reduziert werden könnte, wenn beim Mais-, Raps-, Zuckerrüben- und Baumwollanbau der GV-Anteil 50% betragen würde.
  • Geringere Abhängigkeit von konventionellen Insektiziden, die ein Gesundheitsrisiko für Produzenten und Konsumenten darstellen können; die potentiellen Gesundheitsvorteile lassen sich gut an der sinkenden Zahl von Insektizidvergiftungen von Bauern in China ersehen (eine Reduktion der Vergiftungsfälle von 22 % bei konventionellen Baumwollanbau auf 5 % bei Bt-Baumwolle). Dieses wichtige Ergebnis ist auch für andere Entwicklungsländer wie Indien bedeutsam, wo besonders Kleinbauern einem ähnlich hohen Risiko durch den konventionellen Insektizideinsatz ausgesetzt sind.
  • Effizientere Kontrolle von Schädlingen und Unkräutern.
  • Im Vergleich zu konventionellem Mais enthält Bt-Mais im Durchschnitt weniger Pilzgifte (Mykotoxine, besonders Fumonisin) – dadurch sind Nahrungs- und Futtermittel aus diesem Mais sicherer und gesünder.
  • größere zeitliche Flexibilität der Landwirte bei der Anwendung der Herbizide.
  • Herbizidtolerante Nutzpflanzen ermöglichen die Nutzung von pfluglosen oder pflugreduzierten Anbaumethoden – dadurch werden Bodenfeuchtigkeit, Bodenstruktur und Nährstoffe besser bewahrt sowie Bodenerosion reduziert. Schließlich führt dies zu einer höheren Qualität des Grund- und Oberflächenwassers mit weniger Pflanzenschutzrückständen
  • Verbesserte Schädlingsbekämpfung, geringere Produktionskosten und erhöhte Erträge: all das führt zu einem größeren ökonomischen Vorteil für diejenigen Landwirte, die diese Technologie nutzen, um nachhaltige Produktionsmethoden zu entwickeln.
  • Eine Reihe von sechs Artikeln, die von der US National Academy of Sciences veröffentlicht wurde, untermauerten nochmals die wissenschaftliche Erkenntnis, dass Bt-Mais, wenn überhaupt, nur ein minimales Risiko für den Monarchfalter darstellt.
Eine aktualisierte Fassung dieser Studie kann in englischer Sprache auf der Webseite der ISAAA abgerufen werden.

 


13.11.2005 um 15:44 Uhr

Ökolandbau - Das kleine "schmutzige" Geheimnis

Dass die "Bio"-Produktion von Lebensmitteln sich durch eine geringere Produktivität aufgrund der um 20 - 45% geringeren flächenspezifischen Ernteerträge auszeichnet, bemerken die Konsumenten regelmäßig, wenn sie die gepfefferte Einkaufsrechnung an der Kasse des Ökoladens in Empfang nehmen.
Weniger klar ist vielen, dass der Nährstoffzyklus des Ökolandbaus nur stabilisiert werden kann, weil Düngemittel über das Viehfutter und den Stalldünger aus dem konventionellen Landbau verwendet werden. Auch hält die häufig gemachte Behauptung eines geringeren Nitratverlustes und der damit verbundenen Belastung von Böden und Trinkwasser einer differenzierteren Betrachtung nicht stand. Im Prinzip verlagert der ökologische Landbau die vermeintliche Umweltbelastung durch exogene Düngemittelzuführung auf den konventionellen Landbau, um sich selbst ein "ökologisches Mäntelchen" umzulegen. Soweit das Fazit von Holger Kirchmann und Megan Ryan in dem Aufsatz "Nutrients  in Organic Farming - Are there advantages from the exclusive use of organic manures and untreated minerals?":

 

<
>A major requirement of organic farming is that plant nutrients be added in organic forms or as poorly soluble inorganic minerals. The long-term fertility of soils can be maintained only if the output of plant nutrients is compensated by a comparable input. This is often not currently the case in organic agriculture for several macronutrients, in particular on farms without animals where removals are greater and inputs from supplementary feed do not occur. As soil nutrient reserves are depleted, large yield penalties will occur on organic farms. Even if the nutrients are replaced in fertilizers, they will often become only slowly available to plants. While the soil biological community on organic farms may differ from conventional farms, it will not compensate yields for the lack of readily available nutrients in fertilizers. In addition, N use efficiency of organic manures can be lower than of soluble inorganic fertilizers and the release of nutrients from organic manure is not often synchronized with crop demand, resulting in greater losses than occurs with inorganic fertilizers. In terms of closing nutrient cycles, organic farming is currently limited by an inability to use municipal waste both directly or as inorganic extracts. Currently, organic farming systems are also often subsidized by the nutrients used in fertilizers on conventional farms, which are imported as fodder or manures. >
<
>In summary, organic farming has the many attractive ingredients of a ‘nature philosophy’, that is, the intrinsic goodness of nature, but when critical scientific analysis is applied the dogma of the superiority of organic farming fails. Organic principles do not provide a better long-term outcome in the search for sustainable forms of agriculture than conventional farming. Overall, we advocate a flexible approach where farming systems are designed to meet specific environmental, economic and social goals, unencumbered by unscientific dogmatic constraints (Kirchmann and Thorvaldsson 2000). >


12.11.2005 um 16:13 Uhr

Teure Nostalgie

Berlins frischgebackener Energieversorger Vattenfall veröffentlicht momentan gemeinsam mit dem Tagesspiegel unter dem Titel "Wie funktioniert die Stadt?" eine interessante Serie zur Energie- und Wasserversorgung der Stadt. Dabei erfährt man einige interessante bemerkenswerte Dinge, wie etwa von der Existenz von 44.000 veralteten Gaslaternen, die pro Jahr etwa 8 Millionen Euro mehr kosten als elektrische Straßenlampen und deren recht aufwändige Umrüstung sich dennoch bereits nach 11 Jahren amortisieren würde. Allerdings haben die Oldtimer eine recht hartnäckige Lobby im Abgeordnetenhaus. Es wäre interessant zu erfahren, ob es die selben Damen und Herren sind, die sich über vermeitlich überhöhte Gas- und Energiepreise sowie die leere Stadtkasse beklagen.




Desweiteren erfährt man, dass ein erheblicher Teil des Berliner Erdgases (ca. 40%) in einem unterirdischen Speicher zwischengelagert wird, der im Sommer mit normalerweise billigerem Gas nachgefüllt wird. Diesem Schnäppchen dürften dieses Jahr allerdings die Erdgaspreissteigerungen im Zuge der Hurrikan-Katastrophen einen Strich durch die Rechnung gemacht haben. Schon deshalb dürfte es nicht weiter verwunderlich sein, dass die Gaspreise steigen mußten.



11.11.2005 um 19:10 Uhr

Immigration: Es geht auch anders

Grossbritannien, Irland und Schweden zeigen, dass freizügige Immigration und flexible Arbeitsmärkte einen Beitrag zum wirtschaftlichen Wachstum leisten können und nicht, wie so häufig befürchtet, zur Verdrängung von einheimischen Arbeitskräften und sozialen Spannungen führen müssen. Frankreich und auch Deutschland können hier einiges lernen:

It turns out the doomsayers were partly right: Nearly a year and a half after the expansion of the European Union, floods of East Europeans have washed into Britain.

Poles, Lithuanians, Latvians and other Easterners are arriving at an average rate of 16,000 a month, a result of Britain's decision to allow unlimited access to the citizens of the eight East European countries that joined the EU last year.

They work as bus drivers, farmhands and dentists, as waitresses, builders, and saleswomen; they are transforming parts of London into Slavic and Baltic enclaves where pickles and Polish beer are stacked in delicatessens and Polish can be heard on the streets almost as often as English.

But the doomsayers were also wrong: Multicultural Britain has absorbed these workers like a sponge. Unemployment is still rock-bottom at 4.7 percent, and economic growth continues apace.

Since May 2004, more than 230,000 East Europeans have registered to work in Britain, many more than the government expected, in what is shaping up to be one of the great migrations of recent decades.

Yet the government says it still has shortages of 600,000 workers in fields like nursing and construction.

"They are coming in and making a very good reputation as highly skilled, highly motivated workers," said Christopher Thompson, a diplomat at the British Embassy in Warsaw. "The U.K. is pleased with the way it's progressed over the first 16 months, and we're confident it will be a beneficial relationship for both sides in the future."

Tens of thousands of East Europeans have also moved to Ireland and Sweden, the only other West European countries that opened their labor markets to the new EU members.

With nearly full employment, Ireland's booming economy still needs workers, and immigration is actively encouraged. More than 128,000 East Europeans from the new EU member states registered to work in Ireland from May 2004 to August this year.

Irish society seems to be adjusting to the newcomers, 45,000 of whom come from Poland. A newspaper in Limerick now runs a column in Polish; last summer the national bus company began a daily service from Dublin to Warsaw.

The phenomenon is more subdued in Sweden, where about 16,000 workers from the new EU countries registered with the authorities between May 2004 and early October this year. A substantial majority, about two thirds, were Poles, followed by Lithuanians and Estonians.

Fearing a massive influx of East Europeans after enlargement, other West European countries threw up barriers that will be lowered only gradually over the next decade. A Pole seeking to work in France, for example, still needs to apply for a work permit. France issued 737 such permits to Poles in the 10 months after enlargement; that is the number of Poles who arrive in Britain every two days.

Poles who go to Britain, in contrast, do not need any special permission.

In fact, Britain is so eager to recruit more Poles, by far the largest group of entrants since May last year, that British embassy officials in Warsaw have distributed brochures at Polish unemployment offices "so that if people wanted to go to the United Kingdom they had good information," Thompson said.



10.11.2005 um 01:01 Uhr

Welthandel und Umwelt

Nicht mehr ganz neu, aber dennoch aktuell. Ein paar Gedanken, die ich vor einiger Zeit in einem Diskussionspapier (keine Angst, die süßen Werbe-Mädchen bei Safefile sind harmlos) zum Thema Welthandel und Umwelt zusammengefasst habe.

Zum Inhalt:

  • "Race to the Bottom" durch international unterschiedliche Umweltstandards?
  • Wirkungsprobleme ökologisch motivierter Handelssanktionen und Konsequenzen für die Ausgestaltung multilateraler Handelsabkommen:
    • Übereinkommen über den internationalen Handel mit gefährdeten Arten freilebender Tiere und Pflanzen (CITES)
    • Baseler Übereinkommen über die Kontrolle der grenzüberschreitenden Verbringung gefährlicher Abfälle und ihrer Entsorgung
    • Montrealer Protokoll über Stoffe, die zu einem Abbau der Ozonschicht führen
Und die Schlußfolgerungen sind:

Umweltschutzkosten haben einen vergleichsweise geringen Einfluss auf die internationale Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen. Andere Einflussfaktoren wie politische Stabilität, Infrastruktur und Humankapital, die eine hohe Korrelation mit dem wirtschaftlichen Entwicklungsniveau eines Landes aufweisen sind von weitaus größerer Bedeutung. Dennoch können in besonders umweltintensiven Branchen auf Umweltstandards beruhende Unterschiede der relativen internationalen Wettbewerbsfähigkeit auftreten.

Die Fallbeispiele deuten jedoch darauf hin, dass das Potential von Handelsrestriktionen zur Reduzierung dieser negativen Umwelteffekte unter bestimmten Marktbedingungen sehr gering oder und unter Umständen sogar kontraproduktive Konsequenzen aufweist. Diese Ineffektivität ist im Wesentlichen auf die sehr indirekte, nicht verursacherbezogene Wirkung dieses Instruments zurückzuführen. Die Effektivität der Handelsmaßnahmen ist insbesondere dann eingeschränkt, wenn die Nachfrage nach den betreffenden umweltgefährdenden Gütern sehr unelastisch ist und so ein hoher Anreiz besteht, die Handelsrestriktionen zu umgehen. Ebenfalls bedeutsam ist der wirtschaftliche Wert des jeweiligen Schutzgutes. Wird dieser im von den Handelsrestriktionen betroffenen Land gering bewertet oder treten hohe Opportunitätskosten fehlender ökonomischer Nutzungsalternativen auf können die Maßnahmen sogar ökologisch kontraproduktiv wirken. Besonders problematisch ist, dass die Handelsrestriktionen häufig dazu beitragen, den Aufbau der notwendigen technologischen und institutionellen Kapazitäten zur Lösung dieser Defizite zu erschweren.

Wesentlich bessere Effekte lassen sich erzielen, wenn die politischen Maßnahmen an der Ursache der ökologischen Schadwirkungen angreifen. Voraussetzung hierfür ist eine Kompensation der betroffenen Akteure für die zusätzlichen Kosten, die durch die Einhaltung der internationalen Umweltabkommen entstehen. Ebenso wichtig ist, dass ein rascher Technologietransfer ermöglicht wird. Unter der Berücksichtigung der einkommensbedingten der Bewertungsunterschiede von Umweltgütern sollten temporäre unterschiedliche Umweltstandards daher toleriert werden. Von wesentlicher Bedeutung ist die Verbesserung der institutionellen Kapazitäten der Entwicklungsländer. So dürfte vor allem der Abbau bestehender, i.d.R. nicht umweltmotivierter Handelsbeschränkungen seitens der Industriestaaten den Entwicklungsländern eine Vielzahl wirtschaftlicher Alternativen eröffnen. Des weiteren kann eine finanzielle und informelle Unterstützung beim Aufbau eines geeigneten institutionellen Rahmens sinnvoll sein. Die politische und institutionelle Absicherung von Verfügungsrechten über die Lebensräume zu schützender Arten, eine hinreichende Partizipation der Träger der Konservationskosten an den wirtschaftlichen Erträgen und eine effektive Kontrolle der Schutzgüter stehen hier an vorderster Stelle.


10.11.2005 um 00:20 Uhr

Das politische Geschäft mit dem Neid

Die sozialwissenschaftliche Forschung zeigt uns, dass Politiker mit ihrer Forderung nach einer Reichensteuer recht unverblümt einen offenbar archaischen Neidinstinkt in weiten Teilen der Bevölkerung ausnutzen können. Wer daran zweifelt sollte sich einmal das Paper von Daniel Zizzo und Andrew Oswald "Are People Willing to Pay to Reduce Others' Incomes?" genauer anschauen (Überblicksartikel im Reason Magazine).

Die beiden Wissenschaftler konnten in einem Laborexperiment zeigen, dass fast zwei Drittel der teilnehmenden Probanden ohne mit der Wimper zu zucken eigenes Geld dafür verwendeten, anderen Mitspielern das Vermögen zu reduzieren. Selbst als der Preis für dieses hinterlistige Treiben erhöht wurde, schien die Lust unter ihnen, für den Schaden der Mitspieler eigene Verluste hinnehmen zu müssen, nicht sehr stark abzunehmen.

Auch wenn der Durchschnittswähler begreifen würde, dass er sich mit der übermäßigen Progressivität eines Steuersystems ins eigene Fleisch schneidet, ist nicht sicher, ob die Zustimmung für eine Reichensteuer erheblich sinken würde. Wen wunderts, wenn  Politiker hier versuchen bei der Mehrheit der Wähler zu punkten.