Mit dem Kopf voran

24.12.2005 um 11:18 Uhr

Pause

Ich mache bis in die zweite Januarwoche Ferien und so auch dieser Weblog. Natürlich wünsche ich allen meinen Lesern frohe Weihnachten und ein glückliches neues Jahr.

24.12.2005 um 10:58 Uhr

Die Evolution geht weiter

Als Matt Ridley in seinem phantastischen Buch über die sexuelle Evolution des Menschen "Eros und Evolution" unsere Geschichte als die Geschichte sich selbst domestizierender Affen beschrieb, konnte er diese These noch nicht hinreichend auf der Ebene des menschlichen Genoms belegen. Jetzt bekommt er wissenschaftliche Verstärkung aus dem Lager der Humangenetik, die offenbar festgestellt hat, dass sich in den vergangenen 50000 Jahren menschlicher Zivilisation etwa 1800 Gene, also rund 7% des gesamten menschlichen Genoms durch natürliche Selektion verändert haben. Damit gleicht die Veränderung unseres Genoms in ihrer Proportion in etwa den genetischen Veränderungen, die durch die Zucht unseres heutigen Hochleistungs-Mais gegenüber dem Wildmais verursacht wurden. Ebenso wie der Mensch beim Mais die Zuchtauswahl übernommen hat, ist es auch zunehmend der Mensch geworden, der die natürliche Selektion durch sexuelle Selektion auch unter gesellschaftlichen Aspekten beeinflußt. Je weniger die natürliche Selektion durch den Selektionsdruck der natürlichen Umwelt (Krankheiten, Katastrophen, etc.) beeinflußt wird, umso stärker bestimmt die sexuelle Selektion unter kulturellen Einflüssen die Veränderung des menschlichen Genoms.

Via Mahalanobis.

23.12.2005 um 10:55 Uhr

Früher Vogel fängt den Wurm?

Offenbar nicht, wenn es sich um das Kinderkriegen handelt. So hat die amerikanische Ökonomin Amalia Miller in einer Studie geschätzt, dass eine Frau zwischen 20 und 30 ihr Lebenseinkommen um 10% erhöht, wenn sie die Geburt eines Kindes um jeweils ein Jahr verschiebt. Steven Landsburg diskutiert die Ergebnisse dieser Studie in seiner Slate-Kolummne The Price of Motherhood, wobei er besonders auf die methodischen Herausforderungen derartiger Untersuchungen eingeht.

21.12.2005 um 09:38 Uhr

Vom immateriellen Wohlstand der Nationen

Die Weltbank hat in dem gerade veröffentlichtem Buch Where is the Wealth of Nations? den Versuch unternommen den Wohlstand von 120 Nationen in seine einzelnen Komponenten zu zerlegen und kommt dabei zu dem Ergebnis, dass der Reichtum der Nationen weniger durch das produzierte und natürliche Kapital als vielmehr durch das immaterielle Kapital in Form von Arbeit, Bildung sowie die Qualität sozialer und politischer Institutionen bestimmt wird. Ronald Bailey hat hierzu im Reason-Magazin eine kompakte Zusammenfassung geschrieben:

The World Bank study begins by defining natural capital as the sum of nonrenewable resources (including oil, natural gas, coal, and mineral resources), cropland, pastureland, forested areas, and protected areas. Produced capital is what many of us think of when we think of capital. It is the sum of machinery, equipment, and structures (including infrastructure) and urban land. The Bank then identifies intangible capital as the difference between total wealth and all produced and natural capital. Intangible capital encompasses raw labor; human capital, which includes the sum of the knowledge, skills, and know-how possessed by population; as well as the level of trust in a society and the quality of its formal and informal social institutions.

Once the analytical framework is set up, what the researchers at the World Bank find is fascinating. "The most striking aspect of the wealth estimates is the high values for intangible capital. Nearly 85 percent of the countries in our sample have an intangible capital share of total wealth greater than 50 percent," write the researchers. They further note that years of schooling and a rule-of-law index can account for 90 percent of the variation in intangible capital. In other words, the more highly educated a country's people are and the more honest and fair its legal system is, the wealthier it is.

Besonders bemerkenswert ist die Rolle stabiler Rahmenbedingungen durch ein verlässliches Rechtssystem und ein gut funktionierendes Bildungssystem:

The World Bank has devised a rule-of-law index that measures the extent to which people have confidence in and abide by the rules of their society. An economy with a very efficient judicial system, clear property rights, and an effective government will produce higher total wealth.

On the World Bank's rule-of-law index, the United States scores 92 out of a possible 100. The Swiss are even more law-abiding, achieving a score of 99 out of 100. By contrast, Nigeria's rule-of-law index score is a pitiful 4.8; Burundi's 4.3; and Ethiopia's 16.4. The OECD's average score is 90, while sub-Saharan Africa's is 28.

The World Bank study notes, "A one-point increase in the rule of law index (on a 100-point scale) boosts total wealth by over $100 in low-income countries, over $400 in middle-income countries, and nearly $3,000 in high-income countries." So if Nigeria were somehow overnight to become as punctilious as Switzerland, its wealth would rise to $12,168 per person, a $9,420 increase that would more than quadruple the average Nigerian's wealth. If Americans were to become 100 percent law abiding, our wealth would increase by $24,000, or little more than 5 percent.




19.12.2005 um 10:30 Uhr

Entwicklungshilfe durch Exportsubventionen?

Es ist ja durchaus etwas dran an dem Argument, dass der geplante Abbau von Agrar-Exportsubventionen als Ergebnis der WTO-Verhandlungen besonders arme Länder zunächst einmal belasten könnte. Immerhin führen die Exportsubventionen eher in den Industrieländern zu Preissteigerungen aufgrund der höheren Attraktivität der Ausfuhr von Lebensmitteln. Die ärmsten Entwicklungsländer werden dagegen, wenn sie nicht gerade selbst Lebensmittelexporteure sind, mit künstlich verbilligten Lebensmitteln versorgt und damit durch die Industrieländer subventioniert.

Nun könnte man diese Praxis als eine Art Entwicklungshilfe der Industrieländer auffassen. Täte man das, sollte jedoch berücksichtigt werden, dass es eine ganz besonders teure und kaum zielsichere Art der Entwicklungshilfe ist. Vor allem, weil sie verhindert, dass die landwirtschaftliche Produktion dort stattfindet, wo die Produktivität am höchsten ist. Wäre dies in Europa der Fall, wären keine Subventionen notwendig. Zudem trifft diese "Entwicklungshilfe" in den Industrieländern vor allem die ärmeren Schichten der Bevölkerung, weil diese einen höheren Anteil ihres Einkommens für Lebensmittel ausgeben und daher besonders unter den nach oben subventionierten Lebensmittelpreisen leiden. Agrar-Exportsubventionen dürften daher nicht nur marktverzerrend, sondern auch verteilungspolitisch bedenklich sein.
 
Außerdem sollte man sich von dem "Entwicklungshilfe"-Argument nicht blenden lassen, hilft die Subventionierung doch vor allem den Bauern in den Industrieländern, denen mit diesen Subventionen die Konkurrenz aus den eigenen Reihen zu lasten der Steuerzahler vom Hals gehalten wird. Dann sollte man dieses Subventionsvolumen lieber gleich nach Köpfen an die Bewohner der ärmsten Länder verteilen und darauf vertrauen, dass sie damit anstellen, was sie persönlich für richtig halten. Die Verzerrung der Agrarmärkte wäre damit allemal geringer.

18.12.2005 um 20:03 Uhr

Ärger um den Ökolandbau

Verbraucherschutzminister Seehofer hat mit seiner Absicht den Ökolandbau gegenüber der konventionellen Landwirtschaft nicht mehr bevorzugt zu behandeln und die Gentechnik in Zukunft zu fördern die Öko-Landbau-Fraktion gegen sich aufgebracht. In aller Aufregung werden auch prompt wieder die üblichen Strohmänner von Verbraucherschutz und Arbeitsplatzverlusten hervorgekramt.

Ich denke die Verbraucher sind durchaus selbst in der Lage, durch die Wahl ihrer Lebensmitteleinkäufe die Spreu vom Weizen zu trennen. Wer ökologisch produzierte Lebensmittel verzehren will sollte dann aber auch bereit sein tiefer in den Geldbeutel zu langen. Dort wo die Landwirtschaft besondere Umweltverschmutzungen verursacht hilft keine einseitige Förderung des Ökolandbaus, sondern der Einsatz umweltpolitischer Instrumente und der allgemeine Subventionsabbau der den landwirtschaftlichen Raubbau an Natur und Umwelt reduziert, ganz gleich welches Etikett sich der Bauernhof an die Einfahrt genagelt hat.

Der Ökolandbau kann sich, wenn überhaupt, nur über geringere Umweltschäden rechtfertigen. Arbeitsplätze sind das falsche Argument. Schließlich ist es dem deutschen Arbeitsmarkt ziemlich einerlei, ob das Biogemüse direkt in Deutschland oder indirekt über den Tausch im Ausland gegen andere in Deutschland produzierte Güter angebaut wird. Jede Förderung des Ökolandbaus in Deutschland macht die Produktion anderer inländischer Produkte obsolet, die als notwendige Tauschwaren für ausländische Biolebensmittel produziert werden müßten. Der Anbau sollte nur dann in Deutschland stattfinden, wenn dies hier auch mit einer höheren Produktivität als anderswo möglich wäre.

Die Ablehnung der Gentechnik in diesem Lande hat sich schon lange von einer sachlichen Diskussionsebene verabschiedet. Insofern ist Seehofers Vorstoß durchaus zu begrüßen, sollte er tatsächlich zu einem Abbau der politischen Barrieren für gentechnisch veränderte Agrarprodukte führen. Schließlich sind weder die besonderen Gefahren, noch die angebliche Nutzlosigkeit der Gentechnik in der Landwirtschaft belegbar. Vielmehr sind eine ganze Reihe von Vorteilen für Verbraucher und Umwelt zu erwarten.

Was dieses Land jedoch nicht braucht ist eine explizite Förderung der Gentechnik. Sollten die Vorteile dieser Technologie tatsächlich die hochgesteckten Erwartungen erfüllen erfolgt eine Marktdurchsetzung im Selbstlauf. Eine Politik die erst Mauern aufbaut und danach den Hammer bezahlt, der notwendig ist um selbigen die abschreckende Höhe zu nehmen, ist schon ein ganz besonderer Schildbürgerstreich.
 

16.12.2005 um 18:10 Uhr

Bürgerversicherung: Rundumschutz...für die Ärzte

Um den heutigen "Tag des Gesundheitswesens" hier abzurunden, sei allen Lesern die Lektüre des Artikels Who wants health insurance?  von Arnold Kling ans Herz gelegt. Der Autor zeigt nicht nur, dass die Konzentration der Gesundheitspolitik auf eine Neugestaltung des Krankenversicherungssystems wenig zur Begrenzung der Kostenexplosion im Gesundheitswesen beitragen kann, sondern erklärt auch sehr anschaulich warum eine vollumfängliche gesetzliche Krankenversicherung weniger gut für Gesundheit und Geldbeutel des Versicherten, als vielmehr der perfekte Finanztropf der Gesundheitsindustrie ist. Ulla Schmidts Bürgerversicherung dürfte aus diesem Blickwinkel die ideale Melkkuh von Ärzten, Apotheken, Pharmaindustrie und Medizintechnikherstellern darstellen.

16.12.2005 um 15:07 Uhr

Rasche Preissenkung bei Arzneimitteln durch halbe Mehrwertsteuer?

Nach Angaben des Deutschen Ärzteblatts verspricht sich Gesundheitsministerin Ulla Schmidt und ihr "Gesundheitsexperte" Karl Lauterbach rasche Preissenkungen durch eine Halbierung des Mehrwertsteuersatzes auf Medikamente. Doch könnte sich dieser Wunschtraum als Illusion erweisen.

Marktpreise bilden sich durch das Aufeinandertreffen von Angebot und Nachfrage. Eine Mehrwertsteuersenkung dürfte kurzfristig weder das Arzneimittelangebot noch die Arzeneimittelnachfrage verändern, weshalb zunächst keine Veränderung der Preise zu erwarten ist. Da die Steuersenkung aber zu einer Erhöhung der Gewinne der Arzneimittelhersteller führt, wird der Marktzutritt mittel- bis langfristig attraktiver, Wettbewerb und Angebot erhöhen sich und die Preise sinken mit der Zeit. Eine kurzfristige Angebotserhöhung durch den Weltmarkt könnte den Preissenkungseffekt beschleunigen. Dennoch ist die Mehrwertsteuersenkung eine gute Idee, von der man nur hoffen kann, dass sie sich langfristig durchsetzen kann. Eine analoge Debatte gab es im Zusammenhang um eine Steuersenkung für Kraftstoffe zur Entlastung der Konsumenten in den USA.

16.12.2005 um 14:35 Uhr

Noch Fragen?

Laut einer Umfrage im Rahmen des aktuellen Gesundheitsmonitors der Bertelsmann-Stiftung sind 56% aller privat Krankenversicherten mit ihrer Gesundheitsversorgung "sehr zufrieden" oder "zufrieden", dagegen verdient die Gesundheitsversorgung nur bei 35% der gesetzlich Versicherten diese Prädikate. Auch was die Zukunftsaussichten betrifft sind privatversicherte optimistischer als ihre gesetzlich versicherten Mitbürger. Zurückgeführt wird dies auf eine ungleiche Versorgung der Patienten.
Während ein derartiges Ergebnis auf allen anderen Märkte zu einer klaren Entscheidung für das bessere Angebot führen würde, kann man sich bei der gegenwärtigen Gesundheitpolitik nicht sicher sein, ob nicht eher das Gegenteil der Fall ist. Unterschiede in der Zufriedenheit sind schließlich auch vermeidbar, wenn alle Versichterten gleich unzufrieden sind.

16.12.2005 um 14:20 Uhr

Esst doch was ihr wollt!?

Eine interessante Randnotiz aus dem Deutschen Ärzteblatt. Die immer wieder hervorgehobene präventive Wirkung des Verzehrs von Ballaststoffen gegen Darmkrebs ist schwer zu belegen:

Dort beschäftigt sich das „Pooling Project of Prospective Studies of Diet and Cancer“ mit dem Zusammenhang zwischen Ernährung und Krebs. Für die aktuelle Studie hat Yikyung Park 13 prospektive Kohortenstudien mit einer Teilnehmerzahl von 725 628 Männer und Frauen ausgewertet, die über einen Zeitraum von sechs bis 20 Jahren nachbeobachtet wurden. Während dieser Zeit wurden 8 081 kolorektale Karzinome identifiziert. Die männlichen Teilnehmer hatten im Mittel täglich 14 bis 28 Gramm Ballaststoffe zu sich genommen, bei den Frauen waren es 13 bis 24 Gramm pro Tag. Die Hauptquelle der Ballaststoffe sind in den USA und Europa unterschiedlich. US-Amerikaner verzehren mehr Obst und Gemüse. In Europa sind Getreideprodukte die wichtigste Quelle.

Die erste Auswertung der Daten ergab noch ein um 16 Prozent niedrigeres Darmkrebsrisiko, wenn das Quintel mit dem höchsten Verzehr an Faserstoffen mit dem Quintel mit dem niedrigsten Verzehr verglichen wurde. Diese Assoziation wurde leicht abgeschwächt, blieb aber noch signifikant, solange nicht-ernährungsbedingte Risikofaktoren, die Einnahme von Vitaminen und Energiezufuhr in der Analyse nicht berücksichtigt wurden. Floss aber noch die Folsäurezufuhr in die Rechnung sowie der Verzehr von rotem Fleisch, Milch und Alkohol, blieb unter dem Strich nur eine schwache und nichtsignifikante Assoziation übrig.

Nicht berücksichtigt haben die Harvard-Epidemiologen in ihrer Meta-Analyse die Ergebnisse der European Prospective Investigation into Cancer and Nutrition (EPIC), ebenfalls eine prospektive Beobachtungsstudie. Diese Studie mit einer sehr hohen Teilnehmerzahl (519 978), aber noch relativ kurzer Nachbeobachtungszeit (erste 1 721 Krebserkrankungen) hatte ein um 30 Prozent niedrigeres Risiko bei hoher Aufnahme von Ballaststoffen errechnet, das auch nach Berücksichtigung anderer Risikofaktoren und der Folatzufuhr Bestand hatte (Lancet 2003; 361: 1496-501). Eine deutliche Abschwächung war jedoch aufgetreten, wenn Ausbildung, körperliche Bewegung, Alkohol, Rauchen und Fleischverzehr berücksichtigt wurden. Es blieb jedoch bei einer signifikanten Reduktion um 21 Prozent (relatives Risiko 0,79; 95-Prozent-Konfidenzintervall 0,63-0,99). Damit scheint es nicht ausgeschlossen, dass Ballaststoffe doch eine protektive Wirkung haben können, wenngleich sie sicherlich nicht der einzige Auslöser sind.

14.12.2005 um 10:34 Uhr

Moralisierung der Verbraucherpolitik

Kein anderer als der "Foodwatch"-Chef und frühere Greenpeace-Deutschland Geschäftsführer Thilo Bode wirft in seinem aktuellen Interview mit dem Spiegel-Online der Ex-Verbraucherschutzministerin Renate Künast die Moralisierung der Verbraucherpolitik vor und weißt darauf hin, dass es etwa mit Instrumenten wie Nitrat- und Pestizitabgabe (SRU, S. 291ff) wesentlich wirkungsvollere Instrumente als das einseitige Promoten von Bio-Produkten zur Reduzierung der Umweltauswirkungen in der Landwirtschaft gibt. Aber es ist ja auch nicht weiter verwunderlich, dass Frau Künast statt die Nitrateinträge in den Boden zu besteuern lieber "das Öko-Schweinchen streichelte", denn auch Öko-Bauern tragen mit der Verwendung von Wirtschaftsdünger aus der Tierhaltung zur Umweltbelastung der Böden bei. Und wer will sich schon mit seinen besten Verbündeten anlegen?

Die wirkungsvollste Art des Umweltschutzes im Agrarbereich wäre wohl die komplette Abschaffung der Landwirtschaftssubventionen, was jedoch unter den gegenwärtigen Bedingungen noch recht lange nichts weiter als ein ökologischer Wunschtraum bleiben wird.

13.12.2005 um 16:55 Uhr

Selektive Wahrnehmung

Pünktlich zur Klimakonferenz in Montreal gingen erneut Meldungen über ein mögliches Versiegen des Golfstroms durch die Presse. Laut einem Nature-Artikel deuten Meßdaten auf eine erhebliche Abschwächung der Wasserzirkulation seit einem knappen halben Jahrhundert hin, wobei die Autoren auf hohe Unsicherheiten ihrer Messungen hinweisen. Soweit muß man gespannt bleiben, wie die Experten diese Ergebnisse in der Folge bewerten.
Dennoch hat die öffentliche Debatte in diesem Zusammenhang einen Haken. Geht es nach den bunten Präsentationen von Presse und Umweltministerium wird der Golfstrom allein durch die sogenannte thermohaline Zirkulation angetrieben, bei der das durch Verdunstung und Abkühlung dichtere und salzhaltigere Wasser im Nordantlantik absinkt und dadurch wärmeres Wasser nach Norden zieht. Führt nun der Klimawandel - so die These - zu einem erhöhten Zufluß von Süßwasser in den Nordatlantik sinkt das Wasser weniger oder nicht mehr in Richtung Meeresgrund und der Golfstrom kommt zum erliegen. Ein Blick in die Fachpresse zeigt allerdings, dass diese Sichtweise recht verkürzt und wissenschaftlich nicht unumstritten ist. So äußert sich der amerikanische Ozeanograph Carl Wunsch im Science Magazine:

The conclusion from this and other lines of evidence is that the ocean’s mass flux is sustained primarily by the wind, and secondarily by tidal forcing.

Hieraus kann nur eine Lehre gezogen werden. Weder die Tagespresse noch das Bildungsprogramm der Bundesregierung eignen sich als objektive Informationsquelle.

09.12.2005 um 10:04 Uhr

Zerrspiegel Online

Wasser auf die Mühlen der Globalisierungsgegener und Agrarprotektionisten kippt der Spiegel, wenn er unter Berufung auf Aussagen der Weltbank die schädliche Wirkung der weltweiten Agrarmarktliberalisierung auf die Entwicklungsländer beklagt. Schaut man sich die Veröffentlichungen der Weltbank jedoch genauer an, ist diese Aussage sehr stark zu relativieren. Denn schließlich kann lediglich in solchen Ländern, die bislang aufgrund eigenem wirtschaftspolitischen Versagen oder internationaler protektionistischer Maßnahmen keine leistungsfähige Landwirtschaft oder andere Industriezweige errichtet haben und daher von den künstlich verbilligten Exportsubventionen der Industriestaaten profitieren ein vorübergehender Engpass auftreten. Betrachtet man die von der Weltbank berechnete Verteilung der Wohlfahrtsgewinne der Agrarmarktliberalisierung (Abbildung) wird deutlich das diese Verluste kaum ins Gewicht fallen, zumal zu berücksichtigen ist, dass mögliche Nachteile lediglich temporärer Natur sind.


Quelle: Worldbank Trade Note, June 27, 2005

07.12.2005 um 09:56 Uhr

Eigenheimzulage: Der blinde Fleck der FDP

Die ablehnende Position der FDP zur Abschaffung der Eigenheimzulage ist ein bemerkenswertes Beispiel politischer Inkonsistenz, die auch vor den Liberalen dieses Landes nicht halt macht. Wer eine Reduzierung der staatlichen Eigriffsintensität das Wort redet darf bei der Eigenheimzulage kein Auge zudrücken, auch wenn er dabei auf eine fehlende Entlastung der Bevölkerung  im Gegenzug hinweißt. Denn schließlich hat die vom liberalen Standpunkt ordnungspolitisch äußerst kritische Tolerierung einer Subvention vom Grundsatz her wenig mit der Abgabenbelastung der Bevölkerung zu tun. Wer gegen eine interessengruppengeleitete Wirtschaftspolitik ist, darf auch nicht an einer Subvention festhalten, bloß weil ein Teil des realen oder potentiellen Wählerklientels sehr gern diese staatliche Hilfe in Anspruch nimmt. Und wer gegen Umverteilungspolitik von unten nach oben ist, die im Mantel einer Mittelstandssubvention mit mietpreisssteigernder Wirkung einherkommt, sollte der Erste sein, der die Abschaffung dieser wirtschaftspolitischen Dummheit fordert. Wer schließlich einfordert, dass in der Wirtschaftspolitik mehr ökonomischer Sachverstand regieren muß, der sollte sich endlich selbst beim Wort nehmen und statt derartig populistischer Oppositionspolitik öfter mal seine Hausaufgaben machen.

07.12.2005 um 00:29 Uhr

Karl-Moik-Befehl!

Mehr und mehr verkommt das Bundeskartellamt zum Kummerkasten für Unternehmen, die staatlichen Schutz vor Konkurrenz als willkommene Alternative für echten Wettbewerb ansehen. Dabei hat der ARD nicht unrecht, wenn er befürchtet, durch die Fusion von ProSieben-Sat1 mit dem Springer-Verlag einen stärkeren Konkurrenten zu erhalten. Natürlich würde "die geplante Fusion den Wettbewerb um Zuschauer, Leser und Werbeerlöse erschweren", jedoch ist es das Wesen des Wettbewerbs, dass starke Marktteilnehmer sich im Konkurrenzkampf das Leben gegenseitig schwer machen. Wie so oft werden die Wettbewerbshüter zur Fortsetzung der Konkurrenz mit anderen Mitteln instrumentalisiert. Wettbewerb ist eben immer nur solange gut, wie man ihn selbst nicht verspürt. Hat der ARD hiermit Erfolg, dürfen wir uns nicht wundern, wenn Papa Staat irgendwann auch eine Einschaltpflicht für den Musikantenstadl einführt.

05.12.2005 um 15:33 Uhr

Nachhaltige Profite

Ein bemerkenswertes Zitat aus Tim Harfords neuem Buch "The Undercover Economist":

"The favored game at the moment has to be price-gouging the natural way, riding the bandwagon of organic food...For example, in the UK, organic milk commands a premium of around 50 cents per quart, but the farmer sees less than twenty cents of this." p. 42-43.

Leider müssen die deutschen Leser auf die preisgünstigere Version dieses Lesevergnügens noch bis zum Jahresanfang warten. Mit einer deutschen Übersetzung wird wohl kaum zu rechnen sein. Hier ein Review von Arnold Kling.

05.12.2005 um 14:31 Uhr

Zurück in die Zukunft

"Wir glauben, dass das Ziel sein kann, am Ende Megawattstunden, nicht Menschen, arbeitslos zu machen."

Wie dieses von Umweltminister Sigmar Gabriel in seiner jüngsten Bundestagsrede geäußerte Bekenntnis zur Handarbeit in die Tat umsetzbar ist, konnte schon vor zwei Jahren beim Beginn der Bauarbeiten der neuen Sporthalle der Carl-Theodor-Schule in Schwetzingen eindrucksvoll unter Beweis gestellt werden. Eine Frage bleibt allerdings offen: Kann die Bundesregierung per Dekret die Gesetze der Physik außer Kraft setzen?


05.12.2005 um 09:36 Uhr

Wirtschaftsweiser Bofinger: Lohnsteigerungen gegen Binnennachfrageproblem?

Deutschland hat ein Lohnkostenproblem, lagert deshalb einen zunehmenden Teil seiner Vorleistungsproduktion ins Ausland aus und wird damit zur Basar-Ökonomie. Und als Antwort darauf empfiehlt der gewerkschaftsnahe Wirtschaftsweise Bofinger eine flächendeckende Lohnerhöhung, um die lahmende Binnennachfrage anzukurbeln. So meint der Experte die Lohnsteigerungen müßten den einprozentigen Produktivitätsanstieg und die Inflation ausgleichen. Der Haken an dieser Logik liegt allein in der Annahme, dass die Produktivität in allen tarifgebundenen Wirtschaftszweigen gleichmäßig gestiegen ist. Mit dieser Rasenmähermethode werden bestenfalls noch mehr Unternehmen ihre Standorte verlagern. Zudem könnten die höheren Löhne ohnehin nur zu Lasten anderer Faktoreinkommen gezahlt werden, weshalb unklar ist, ob die veränderte Nachfragestruktur der Bevölkerung nun auch stärker binnenwirksam wird. Es ist zunächst einerlei, ob die Einkommen gespart oder verkonsumiert werden, ob also Maschinen oder Staubfänger für die heimische Wohnung angeschafft werden (langfristig gibt es sehr wohl einen Unterschied). Wenn all diese Dinge wegen des Lohnkostenproblems nicht aus deutscher Produktion stammen, wird sich auch an der wirtschaftlichen Situation dieses Landes nichts ändern. Statt sich ausschließlich mit dem Streit um die Größe der Stücke seines Wirtschaftskuchens zu beschäftigen, sollte die Lohnpolitik nach Wegen suchen, den nächsten Kuchen zu vergrößern.

04.12.2005 um 18:30 Uhr

Selbsterfüllende Prophezeiung?

Spiegel-Online warnt seine Leser unter Bezugnahme von Brancheninformationen über den jüngsten Nußpreisanstieg vor steigenden Schokoladenpreisen und empfiehlt daher Hamsterkäufe. Das dürfte das Beste sein, was der Süßwarenbranche in dieser Situation passieren kann, denn so werden die Preise allein wegen des mit dieser Aufforderung verbundenen Nachfrageanstiegs in die Höhe gehen. Sollte der Autor dieses Artikels etwa Aktien eines einschlägigen Süßwarenherstellers besitzen?

02.12.2005 um 10:44 Uhr

Kein gutes Marketing

von: steffenh   Kategorie: Wirtschaftspolitik

Ich hatte gestern das Vergnügen das Gemeinschaftssymposium der Industrieverbände BDI/BDZ/HdB"Infrastrukturausbau in Deutschland im Griff der Überregulierung" verfolgen zu dürfen. Bei allem Verständnis für die Klagen über den zähen Planungsprozess im Infrastrukturausbau muß gesagt werden, dass auch die Referenten der Industrie nicht in der Lage sind, über den Schatten ihrer Partikularinteressen zu springen und nach einer den Kern unseres Infrastrukturproblems in Angriff nehmenden Politik zu suchen.

Zwar war ganz am Rande der Debatte ein Bekenntnis der Industrie zu einer nutzerfinanzierten Neuordnung von Infrastrukturausbau und -betrieb zu vernehmen, doch scheint es noch nicht im allgemeinen Bewußtsein unserer Wirtschaftsvertreter angekommen zu sein, dass der gegenwärtig praktizierte politische Planungs- und Finanzierungsprozess die eigentliche Ursache der Konflikte zwischen Wirtschafts- und Umweltinteressen ist. So manches von Bauindustrie und Zementherstellern sowie Regionalpolitikern favorisierte Infrastrukturprojekt würde in der Tat keine ordentliche Nutzen-Kosten-Analyse überstehen und dennoch wird von beiden Seiten eingeklagt, dass einmal beschlossene Projekte nun möglichst rasch ohne weitere Störung durch Verwaltungshemmnisse und Verbandsklagen umzusetzen sind. Wer derartige Positionen vertritt muß sich nicht wundern, dass die Interessenartikulation seitens der Wirtschaft in der Öffentlichkeit häufig nicht auf Gegenliebe stößt.

Daher würde die deutsche Wirtschaft gut daran tun, wenn sie das Funktionieren des Marktmechanismus nicht nur dann einfordern würde, wenn dies in ihrem unmittelbaren Interesse ist. Vielmehr sollte der gegenwärtigen politischen Infrastrukturplanung eine klare Absage erteilt werden und der Ausbau der Infrastruktur unter Berücksichtigung der durch die individuelle Zahlungsbereitschaft der Kraftfahrer artikulierte Infrastrukturnachfrage gefordert werden. Eventuell würde so der eine oder andere Autobahnkilometer nie das Licht der Welt erblicken, aber es würde wenigstens sichergestellt, dass die Straßen nicht nur aus den Taschen der Allgemeinheit für die Taschen von Politikern und Wirtschaftsvertretern errichtet würden. Der gebetsmühlenartige Verweis auf die Schaffung von Arbeitsplätzen und den Erhalt der internationalen Wettbewerbsfähigkeit zeugt nicht von einer auf langfristige wirtschaftliche Entwicklung ausgerichtet Interessenartikulation. Verkehrsengpässe und Staus werden nicht einfach durch neue Straßen, sondern vielmehr durch eine knappheitsgerechte Bepreisung der Straßennutzung reduziert. Ohne Nutzerfinanzierung füllt sich fast jede Straße nach kurzer Zeit wieder durch induzierten Verkehr und es muß weiter Beton in die Landschaft gekippt werden. Im Interesse aller sollte das vermieden werden, denn Zement und Bauarbeiter lassen sich auch für andere nützliche Dinge einsetzen. Schließlich kann die Zementindustrie ihr Geld nicht nur mit Straßen verdienen, Blumenkübel würden es manchmal auch tun.