Das
Weinhandelsabkommen der EU mit den USA hat nicht nur in Winzerkreisen für Aufruhr gesorgt, weil die EU damit zunächst unter Auflagen in den USA zulässige Weinbereitungsverfahren anerkennt. Dass es beim Wehklagen der deutschen Winzerzunft nicht allein um die Sorge um den Konsumenten, sondern um handfesten Protektionismus geht, beschreibt ein
Editorial auf Eno Worldwine sehr treffend:
Spaß beiseite! Hinter der Kampagne stecken
jede Menge unsauberer, unlauterer Argumente und ein ernster,
wirtschaftlicher Kern. Die Argumentation läuft in fast allen offiziellen
Kommentaren und Medienartikeln nach dem Schema: USA = Industrie und
Chemie, Europa = Natur und Idylle, sprich handwerklich gemachter und
sozusagen moralisch "sauberer" Wein. Wie lächerlich diese Art
von Gegenüberstellung ist, dürfte jedem klar sein, der in seinem Leben
einmal eine der riesigen Weinfabriken an der Mosel (oder in Italien oder
in Frankreich ....) besucht hat. Industrieller als hier ist das Produkt
Wein tatsächlich kaum noch zu erzeugen.
Mehr noch! Der Großteil jener Techniken
und Methoden, die von deutschen oder europäischen Verantwortlichen jetzt
eimerweise mit Krokodilstränen bewässert werden, stammen gar nicht aus
den USA oder anderen Überseeländern, sondern wurden im Alten Europa
erfunden. Woodchips waren seit Jahrhunderten in Bordeaux beliebt und
wurden jetzt auf italienischen Antrag von der EU offiziell zugelassen,
maschinelle Konzentratoren werden in Europa inzwischen hundertfach
häufiger verwendet als in Übersee, Tannine aus dem Zwei-Zentner-Sack
sind in Toskana und Piemont wahrscheinlich so populär wie Aromahefen in
allen Ländern der EU, aufgesäuert wird nicht nur im heißen Kalifornien,
sondern auch im Burgund, auf die Erfindung und erfolgreiche Vermarktung
der Mikrooxidation ist der Franzose Patrick Ducournau stolz wie ein
Schneider, und dass die Deutschen ihre Weine nicht nur chaptalisieren,
sondern auch nach erfolgter Gärung noch mit Mostreserve süßen dürfen,
versteht in der Welt außer uns niemand. Weltmeister bei der Produktion
der inkriminierten Weinchemikalien sind wir Deutschen allemal.
Wie nett, dass deutsche Funktionäre und
Politiker jetzt auf einmal die rigorose Deklaration solcher önologischen
Praktiken auf den Etiketten fordern. Jahrzehntelang fürchteten sie das
nämlich wie der Teufel das Weihwasser. Vielleicht spielen die
Kalifornier, Australier oder Südafrikaner ja mit! Sicher werden Europas
Erzeuger ihre Kunden dann freiwillig auf den Gebrauch von mechanischen
Konzentratoren und Oxidationskeramiken hinweisen, darauf, dass die Weine
mit Polyvinylpolypyrrolidon gesäubert, mit dem Gelben Blutlaugensalz
geschönt, mit Glucanase filtrierfähig gemacht, mit Sorbinsäure
stabilisiert, mit Most gesüßt und ihre Hefen mit Ammoniumsalzen genährt
wurden. Brave New World, pardon brave Old World! Sagte doch jemand, zu
Recht: "Wer im Glashaus sitzt, soll nicht mit Steinen werfen!"
Der Hintergrund der ganzen Aufregung ist ja
mitnichten das gerade unterzeichnete Handelsabkommen, sondern viel mehr
die Tatsache, dass die Weine der Überseeländer erstmals deutlich über
10 Prozent des Importmarkts belegen - und die 10-Prozent-Marke am
Gesamtmarkt scheint nicht mehr fern....
Ebenfalls sehr erhellend der Eintrag
"Amerikanischer Wein? Nein Danke!" auf dem
Winzerblog. Kalifornischer Rotwein wird mir in Zukunft wohl noch besser schmecken.