Mit dem Kopf voran

28.04.2006 um 00:07 Uhr

Schräge Töne aus Frankreich

Die französische Regierung plant Apple zur Öffnung des von iTunes verwendeten Kopierschutzes zu zwingen. Damit soll es den Käufern von iTunes-Files möglich sein, ihre gekauften Musik-Files auch auf anderen Playern als dem iPod abzuspielen. Auf diesem Weg will man ein angenommenes Monopol des Online-Musik-Händlers knacken.

Doch haben sich Frankreichs Wettbewerbshüter hier den richtigen Feind gesucht? Fraglich ist nämlich, ob der Kunde hiervon profitiert. Apple macht mit dem Verkauf der Musikstücke bei iTunes nur geringe Gewinne. Nach Abzug von 65 Cents für die Musikverlage und 23 Cents für die Kreditkartenfirmen bleibt bei einem Verkaufspreis von 99 Cents nur eine geringe Gewinnmarge. Der Online-Shop wird trotzdem betrieben, ausgebaut und ständig verbessert, um den Absatz des komplementären iPods zu fördern. Geht diese Bindung von iTunes und iPod für Apple verloren, weil auch mit anderen tragbaren Playern die iTunes-AAC-Files abgespielt werden können, dann geht der Absatz von iPods zurück und Apple ist gezwungen die Absatzverluste durch Preissteigerungen bei den Musikfiles zu erhöhen. Zwar wird Apple dann wegen sinkender Nachfrage möglicherweise den Preis für seinen iPod senken müssen, Käufer von Musiktiteln werden wohl zukünftig tiefer in die Tasche greifen müssen. Zudem macht die Freigabe des Kopierschutzes es Hackern leichter, die iTunes Fair-Play-Software zu knacken, so dass Musik-Labels weniger Anreize haben Musik über iTunes zu vertreiben. Apple wird weniger verdienen, wohl aber auch weniger zukünftige Innovationsanreize haben.

Es mag wenig Sinn machen offensichtliche Geschäftsideen mit einem patentrechtlichen Schutz zu versehen, da hier Monopolgewinne mit Entwicklungen verdient werden können, die nur wenig Kosten erfordert haben. Aber mit staatlicher Gewalt die Preisgabe wertvoller technischer Details mit hohen Entwicklungskosten zu forcieren, hat langfristig einen wenig wünschenswerten, innovationsmindernden Effekt.

PS: Eigentlich ist die Open-Source-Community schneller als die französische Regierung. So läuft mein iRiver iHP 140 mit der freien Open-Source-Firmware Rockbox, die es inzwischen auch für andere Festplatten-Audioplayer u.a. für den iPod gibt. Rockbox soll in der aktuellen Version auch AAC-Files abspielen. Probiert hab ichs als MP3-Nutzer allerdings noch nicht.

27.04.2006 um 01:18 Uhr

Das Geschäft mit dem guten Gewissen

von: steffenh   Kategorie: Energiemärkte

In Berlin tobt der Preiskampf der Stromversorger. Nuon und FlexStrom versuchen mit Kampfpreisen und auffälligen Werbekampagnen dem alteingessenen Stromversorger Vattenfall (früher Bewag) die Kunden abzujagen. Endlich wird den Stromkunden die heilsame Wirkung des Wettbewerbs auf großen Werbeanzeigen vor Augen geführt. Dass sich die Streithähne jetzt wegen ihrer aggressiven Werbestrategien gegenseitig vors Gericht zerren, mag niemanden verwundern.

Vattenfall wird wohl dennoch nicht verhindern können, dass preisbewusste Kunden der Firma den Rücken kehren. Und so versucht der Stromversorger neben der Klage gegen die Werbung der Konkurrenz mit einer cleveren eigenen Werbekampagne seine Kunden bei der Stange zu halten. Das von anderen Anbietern von Natur aus nicht unterscheidbare Produkt Strom wird mit dem Versprechen Kultur und Sport zu fördern aufgepeppt, um so beim treuen und sozial verantwortungsbewussten Kunden Exklusivstatus zu erhalten.

Doch sollte man nicht aufmerken, wenn einem der Stromversorger verspricht für einen Aufpreis auf den Strom eine gute Tat zu vollbringen. Was qualifiziert einen Stromversorger für die Kultur- und Sportförderung? Schließlich kann man auch gut selbst seinen Strom beim billigsten Anbieter ordern und mit dem gesparten Geld eigenhändig Sport und Kunst fördern oder sich einfach ein Paar ordentliche Turnschuhe oder Theaterkarten der Wahl kaufen.

Die Rechtfertigung höherer Preise mit sozialem Engagement ist letztlich nichts anderes, als der Versuch eines Unternehmens seine Kunden in verschiedene Verbrauchergruppen zu trennen, von denen dann mit kundenorientierten Zusatzleistungen die maximale Zahlungsbereitschaft abgeschöpft wird. Niemand kann schließlich kontrollieren, wieviel der zusätzlichen Einnahmen tatsächlich zum Wohle der Gemeinschaft ausgegeben wird und was davon Reingewinn des Unternehmens ist. Aber mit dieser Taktik steht Vattenfall nicht allein da. Viele Unternehmen fahren auf das Geschäft mit dem guten Gewissen ab. Oder wie hieß noch die deutsche Brauerei, die gemeinsam mit dem WWF durch den Verkauf von Bier die tropischen Regenwälder retten will?

26.04.2006 um 16:23 Uhr

HWWI-Studie: Reformiertes Gesundheitswesen in Deutschland mit hohem Wachstums- und Beschäftigungspotenzial

Nach Ansicht des Hamburger Weltwirtschafts-Instituts (HWWI) könnte ein mehr am Wettbewerb zwischen den Leistungserbringern und der Wahlfreiheit zwischen den Versicherten ausgerichtetes Gesundheitssystem ein hohes Wachstum- und Beschäftigungspotential aufweisen. Hier die Kurz- und Langfassung der aktuellen Studie "Beschäftigungswirkungen eines modernen Krankenversicherungssystems".

26.04.2006 um 00:23 Uhr

Marktmacht auf Stromgroßhandelsmärkten?

Im Zusammenhang mit der Debatte um die Preiswirkung des Emissionshandels wird in letzter Zeit sehr viel über mangelnden Wettbewerb und die Marktmacht der großen deutschen Energieversorger im Stromgroßhandel spekuliert. Wieviel von derartigen Spekulationen generell zu halten ist, erläutert der amerikanische Energieökonom Severin Borenstein in seinem Aufsatz "Understanding Competitive Pricing and Market Power in Wholesale Electricity Markets". Speziell für Deutschland wird das Strompreisproblem von Werner Heß in dem aktuellen Working Paper "Die Strompreise in Deutschland - warum sie gestiegen sind und wie man sie senken kann" erläutert.

25.04.2006 um 10:23 Uhr

Frauen, Sex und Lügendetektoren

Braucht es einen Lügendetektor, um die Wahrheit von unseren weiblichen Artgenossinnen zu höhren?

Ja, zumindest was die Anzahl ihrer Sexualpartner betrifft. So meldete der New Scientist, dass eine vergleichende Studie zwischen Frauen und Männern zur Anzahl ihrer Sexualpartner den weiblichen Probanden erst mit Hilfe eines Lügendetektors die wahre (?) Anzahl ihrer "Lustknaben" entlocken konnte. Während Frauen auf einem nicht anonymisierten Fragebogen 2,6 Partner angaben, auf anonymisierte Fragen mit 3,4 antworteten und schließlich unter dem Druck eines (falschen) Lügendetektors durchschnittlich 4,4 Partner zugaben, antworteten Männer bei der Anwendung aller drei Befragungsmethoden nahezu gleich ehrlich (offener Frageboge: 3,7; Lügendetektor: 4,0). Nun ja, offenbar haben wir Männer den Vorteil mit unserer Promiskuität kokettieren zu können.

Aber diesem Ergebnis kann man noch mehr entnehmen. Wie Mahalanobis meldet hat dieses Ergebnis den bekannten Verhaltensforscher und Primatenexperten Frans de Waal davon überzeugt, dass der Befragung als sozialwissenschaftlicher Forschungsmethode kaum zu trauen ist. Dem kann ich als Ökonom, der täglich sieht, wie Menschen eher als Kunde im Einkaufscenter als mit Meinungsäußerungen in der Leserbriefrubrik der Tageszeitung ihre wahren Präferenzen offenbaren, nur zustimmen.

PS: Ein besonders schönes Beispiel für den widersprüchlichen Murks von Befragungen liefert auch prompt eine Meldung im Ärzteblatt:

85 Prozent der gesetzlich Versicherten sind auch bei einer erheblichen Senkung der Krankenkassen-Beiträge nicht bereit, jährlich Krankheitskosten in Höhe von bis zu 500 Euro selbst zu übernehmen. Schon heute sei für 76 Prozent der gesetzlich Versicherten der Gesamtbetrag der Zuzahlungen zu Medikamenten und medizinischen Dienstleistungen zu hoch.

So ein Mist aber auch, dass das Leben nicht umsonst ist. Benzin, Autos, Theater, Kino und Kondome, alles ist zu teuer. Was anderes als derartige Antworten erwarten die Macher solcher Umfragen?



23.04.2006 um 12:21 Uhr

Einwanderungspolitik - einmal mehr über den Atlantik schauen

Bei meinem morgendlichen Studium der Lokalpresse hat mich der Artikel "Das Deutschland der Möglichkeiten" von Claudia Keller im Tagesspiegel sehr angenehm überrascht. Dort empfiehlt sie sich in Sachen Integration von Ausländern ein Beispiel an der pragmatischen Einwanderungspolitik der USA zu nehmen:

Die Amerikaner machen vor, dass die Perspektive, irgendwann dazuzugehören und sozial aufzusteigen, der Schlüssel zur Integration ist. Deshalb müssen auch wir den Zuwanderern signalisieren: Wer sich anstrengt, bekommt etwas zurück. Deshalb muss der Unsinn aufhören, dass Neuankömmlinge über Jahre von einer Duldung zur nächsten hangeln. Während dieser Zeit dürfen sie nicht arbeiten und leben von Hartz IV. Wie in den USA muss schnell entschieden werden, ob jemand bleiben darf oder nicht. Und wer bleibt und arbeiten kann, muss sein Auskommen selbst bestreiten. Klar ist: Wer zehn Jahre lang auf gepackten Koffern sitzt und vom Staat ernährt wird, macht keine Pläne für die Zukunft.

Die Welt könnte so einfach sein, wenn da nicht so viele Deutsche ihren missinformierten Tribalismus pflegen und so viele Politiker diesen für die Pflege ihrer eigenen Vorteile instrumentalisieren würden.

22.04.2006 um 19:42 Uhr

Widersprüchliche Sachsen

Wenn 45 % der Sachsen sich davor fürchten, dass Ausländer ihnen die Arbeit wegnehmen, warum sind wir Deutschen dann so darauf fixiert, die Geburtenrate zu erhöhen. Schließlich muß jemand, der glaubt, dass es zu wenig Arbeit für eine wachsende Bevölkerung gibt, auch davor Angst haben, dass ihm nicht nur ein Ausländer, sondern auch sein eigener Nachwuchs irgendwann den Arbeitsplatz streitig macht. Und obendrein konsumiert unser Nachwuchs erst einmal mindestens zwei Jahrzehnte ohne einen eigenen produktiven Beitrag zum Wohlstand zu leisten, erwachsene Immigranten könnten theoretisch gleich zupacken und ihre Brötchen selbst verdienen. Es spricht einiges dafür, mehr auf Integration als auf Ausgrenzung zu setzen.

Wenn fast die Hälfte der Sachsen einem derartigen logischen Fehlschluß unterliegt, muß man sich nicht wundern, weshalb die Mehrheit der Deutschen nicht begreift wo die Ursache der knappen Arbeitsplätze liegt. Sicherlich nicht darin, dass es zu wenig Ideen für sinnvolle Tätigkeiten gibt. Wenn aber die Kosten der Arbeit höher als ihr möglicher Ertrag sind, dann wird keine Arbeit mehr nachgefragt. So sind nicht die Ausländer das Problem, die machen den Faktor Arbeit nicht teurer, im Zweifel eher billiger. Vielmehr sind es die rigide Arbeitsmarktpolitik und die teuren, aber immer weniger wirksamen Sozialsysteme in diesem Land. Hiervor sollten sich die Sachsen zu fürchten beginnen.


22.04.2006 um 12:44 Uhr

Kommen nur die Schreckensnachrichten in die Presse?

Diese Frage formuliert Simon Cox in seiner halbstündigen BBC-Radiosendung "The Battle for Influence - Overselling Climate Change" (Text) und schaut sich dabei die Darstellung und Interpretation von Ergebnissen der Klimaforschung in Presse, Umweltorganisationen und Politik an. Er zeigt sehr anschaulich, wie schwierig die Gradwanderung zwischen wissenschaftlicher Genauigkeit und der Gewinnung öffentlicher Aufmerksamkeit für die Wissenschaft ist. Die Sendung macht deutlich, dass man kein ausgemachter Skeptiker der These vom menschenverursachten Klimawandel sein muß, um sich über den Mangel an Objektivität in der öffentlichen Wahrnehmung der Ursachen und Folgen des globalen Klimawandels zu sorgen.

21.04.2006 um 12:25 Uhr

Emissionshandel: Zusatzgewinne der Energiewirtschaft in Milliardenhöhe?

Letzte Woche hat das BMU den Entwurf zum Nationalen Allokationsplan 2008 - 2012 (NAP II) veröffentlicht und neue, vereinfachte Zuteilungsregeln für die unentgeltliche Vergabe der Emissionsrechte angekündigt. Hierbei ist zukünftig eine differenzierte Zuteilung von Emissionsrechten für Industrie und Energiewirtschaft vorgesehen, wobei die Zuteilung für die Industrie gegenüber der Energiewirtschaft großzügiger sein soll. Zur Begründung schreibt das BMU:

Insbesondere die Stromversorger beziehen derzeit den Wert der kostenlos zugeteilten Zertifikate in die Strompreiskalkulation ein (Opportunitätskosteneinpreisung). Dadurch erzielen die Energieversorgungsunternehmen derzeit Zusatzgewinne in Milliardenhöhe, wohingegen Stromverbraucher zusätzliche Kosten aufgrund höherer Strompreise tragen müssen. Eine höhere Belastung der Energiewirtschaft führt somit zu einer Abschöpfung von Zusatzgewinnen. Ein weiterer Strompreiseffekt ist durch eine Differenzierung zwischen Industrie und Energiewirtschaft nicht zu erwarten, da bereits jetzt der Wert der (kostenlos zugeteilten) Zertifikate in den Strompreis weitgehend eingepreist wird.

Dass die Einpreisung der Zertifikatspreise eine ökonomische Notwendigkeit ist muß an dieser Stelle nicht noch einmal erläutert werden. Die Aussage, die Energieversorgungsunternehmen würden dadurch Zusatzgewinne in Milliardenhöhe machen, zeugt jedoch wiederum von Fehlinterpretationen der Auswirkungen des Emissionshandels seitens der NAP II-Autoren.

Hier wird unterstellt, dass eine kostenbedingte Erhöhung von Preisen keinerlei Reaktion der Marktnachfrage nach sich zieht. Jedoch selbst unter dieser Bedingung wäre lediglich eine vollständige Kostenüberwälzung mit neutraler Gewinnwirkung möglich. Obgleich die Stromnachfrage des Gesamtmarktes kurzfristig recht preisunlastisch ist sind dennoch geringe negative Mengeneffekte zu erwarten. Eine vollständige Überwälzung ist somit nicht möglich. Beide Marktseiten müssen sich die Last des Emissionshandels teilen. Zudem ist zu berücksichtigen, dass aufgrund der Existenz mehrerer Stromanbieter die Nachfrageelastizität für jedes einzelne Unternehmen höher als für den Gesamtmarkt ist. Die Überwälzungsmöglichkeiten eines Unternehmens sind damit geringer, als die Elastizität der Gesamtmarktnachfrage zunächst vermuten lässt. Zusatzgewinne können die Energieversorger wegen des Absatzrückgangs nicht machen.

Selbst unter den unrealistischen (jedoch nicht  selten unterstelten) Bedingungen eines Monopolmarktes kann die Überwälzung des Zertifikatspreises nicht zu Zusatzgewinnen führen. Zwar ist es je nach Nachfrageelastizität im Extremfall sogar möglich eine Preiserhöhung durchzusetzen, die über die Kostenerhöhung hinaus geht. Hierzu muß aber der Anbieter die Angebotsmenge so stark reduzieren, dass auch hier keine Gewinnerhöhung gegenüber der Situation ohne Emissionshandel möglich ist.

Wenn im Zuge des Emissionshandels ein Unternehmen zusätzliche Gewinne macht, dann nur deshalb, weil es bei der Anfangsausstattung mit Emissionsrechten besonders großzügig bedacht wurde und die Gewinnverluste aus der Stromproduktion durch eventuelle Zertifikatsverkäufe kompensiert wurden oder zu den Glücklichen zählt, dessen Kraftwerke keinerlei Kohlendioxidemissionen verursachen.

20.04.2006 um 17:01 Uhr

Endlich argumentative Verstärkung!

Endlich kommen aus dem Lager richtiger Ökonomen weise Worte in Sachen Emissionshandel, die sich mit meiner hier geäußerten Position decken. In einem FAZ-Interview (und hier ebenfalls) erläutert der Kölner Ökonom Axel Ockenfels, warum der Emissionshandel zu steigenden Strompreisen führen muß und das die Bundesregierung dagegen nichts machen außer einer flexiblen Handhabung der Menge an Emissionsrechten unternehmen kann.


20.04.2006 um 10:13 Uhr

Nur ein kleiner Fehler?

Es ist noch nicht allzu lange her, da meldete die Presse, dass Computer-Simulationen im Rahmen des ClimatePrediction.net-Projekts mit Hilfe der Rechenleistung tausender Internet-User eine dramatische Klimaerwärmung von bis zu 11,5 Grad Celsius bei einer Verdopplung der Kohlendioxidkonzentration gegenüber dem vorindustrieellen Zeitalter errechnet hätten. Bereits damals waren die Wissenschaftler vom Klimablog realclimate skeptisch. Nun hat sich herausgestellt, dass die Simulationssoftware fehlerhaft war und Modellprozeduren enthielt, die zu einer Überschätzung der Klimaerwärmung führte. Böse Zungen fragen daher gar, ob dieses Experiment über die mit dem Energieverbrauch der Computer verbundenen Klimagasemissionen nicht mehr zur Klimaerwärmung beigetragen hat, als es den Klimaschutz vorantreiben konnte. Einen bissigen Kommentar zu diesem Modell-Desaster hat der an der Harvard University lehrende und forschende tschechische Physiker Lubos Motl auf seinem Blog.

20.04.2006 um 09:21 Uhr

Wirtschaftsweise?

Herr Bofinger vom Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung ist ja bekannt für seine schräge wirtschaftswissenschaftliche Expertise. Jetzt bläst er gemeinsam mit dem frischgebackenen SPD-Parteivorsitzenden Kurt Beck in das Horn der Steuererhöhungen. Beide meinen der Staat nehme im internationalen Vergleich zu wenig Steuern ein, was ihn von wichtigen Zukunfts-Investitionen abhält.

Nun, leider haben sich die Herren zu wenig mit dem degressiven Zusammenhang zwischen Steuersatz und Steuerertrag aufgrund der Möglichkeiten der Steuersubjekte durch Steuervermeidung (Reduktion der Wirtschaftstätigkeit), Steuerhinterziehung, Abwandern in die Schattenwirtschaft und Steuerflucht (Abwandern ins Ausland) beschäftigt. Es scheint, als befänden wir uns längst in dem Bereich der sog. Laffer-Kurve, in dem eine Erhöhung der Steuersätze nicht mehr zu einer Steuerertragserhöhung führt.

Bei der Gelegenheit sollten sich die Herren auch einmal ins Gedächtnis rufen, dass die Steuern, die sie angesichts der gerade beschlossenen  Mehrwertsteuererhöhung nun offenbar im Visier haben, das Arbeitseinkommen belasten und damit zu besonders hohen volkswirtschaftlichen Zusatzkosten führen. Ausgehend vom bestehenden Steuersystem in Deutschland, so schätzen die dänischen Ökonomen Henrik Kleven und Claus Kreiner, verursacht ein Euro zusätzlich durch Steuern auf Erwerbseinkommen finanzierter Staatsausgaben hierzulande  volkswirtschaftliche Kosten (sog. excess burden) von 1,37 bis 2,55 Euro, ein Ertrag den die Zukunfts-Investitionen, die beide Herren im Kopf haben, erst einmal mindestens erbringen müssen. Hier mag man erheblichen Zweifel hegen. Insbesondere die von Bofinger so dringend angemahnten Infrastrukturinvestition sind zwar nicht ohne zusätzliche Kosten, aber wesentlich effizienter und ohne Steuererhöhungen realisierbar.

19.04.2006 um 23:35 Uhr

Harte Zeiten für die Filmindustrie

In einer empirischen Studie zum Einfluß illegaler Filmkopien auf den legalen Konsum von Filmen haben die amerikanischen Ökonomen Rafael Rob und Joel Waldfogel einen spürbar negativen Effekt der stetig verbesserten Möglichkeiten zur Beschaffung illegaler Filmkopien im Internet auf den Absatz der Filmindustrie ermittelt. Theoretisch ist die Wirkung relativ unklar, denn neben dem Verdrängungseffekt besteht auch noch die Möglichkeit, dass Raubkopien von Nutzern gesehen werden, die legale Kopien ohnehin nicht kaufen oder dass mehrere Nutzer allein wegen der Kopiermöglichkeit zusätzliche Filme kaufen. Die Untersuchung auf der Basis einer Befragung von 500 College-Studenten ergab jedoch, dass 5,2% des gesamten Filmkonsums auf illegale Kopien entfiel und das sich hierdurch der Verbrauch bezahlter Filme um 3,5% reduzierte. Im Zuge der zunehmenden Kopiergeschwindigkeit der Computer und des Internets dürfte dieser Effekt noch zunehmen.

Offen ist, ob diese Entwicklung langfristig negative Folgen auf die gesamte Filmwirtschaft und insbesondere auf den Verbraucher hat. Zunächst ist zu konstatieren, dass der Konsument zu Lasten der Gewinne der Filmindustrie profitiert. Problematisch könnten langfristige Anreizdefizite bezüglich aufwendiger Filmproduktionen werden, wenn mit legalem Filmabsatz zukünftig weniger verdient werden kann. Hier wird sich die Filmindustrie etwas einfallen lassen müssen, Strategien die über immer wieder umgehbare Kopierschutzmechanismen hinausgehen. Neue Geschäftsmodelle sind notwendig, wobei naheliegend ist die Gewinnverluste durch die Vermarktung komplementärer Hardware oder spezieller Kinoevents zu kompensieren, eine Strategie, die Apple mit seinem iPod und iTunes erfolgreich angewandt hat.

19.04.2006 um 10:41 Uhr

Müssen Politiker gut aussehen?

Noch weiß das keiner, was sich jedoch bald ändern kann. Daher suchen die skandinavischen Ökonomen Henrik Jordahl, Niclas Berggren und Panu Poutvaara Teilnehmer für ihre empirische Studie "The Beauty Study", die anhand der Beantwortung von Fragen zu physischen Attributen von Politikern verschiedener Lager Aussagen über den Einfluß der Attraktivität auf die politische Aktivität erlauben soll. Freiwillge nehmen an einer Lotterie um 100 Euro teil. Den Herren kann doch geholfen werden.

19.04.2006 um 00:02 Uhr

Volkseinommen wächst unterdurchschnittlich

Seit nunmehr zehn Jahren wächst das Volkseinkommen in Deutschland mit einer geringeren Rate als der EU-Durchschnitt. Mit einer einzigen knappen Ausnahme im Jahr 2001 lag das Wachstum des Volkseinkommens auch unter dem durchschnittlichen Wirtschaftswachstum der OECD-Staaten. Mehr Details im OECD-Factbook 2006.

18.04.2006 um 23:47 Uhr

Überdurchschnittliche Abgabenbelastung der Haushalte in Deutschland

Nur noch in Belgien (55,4%) lag 2005 die Abgabenbelastung von Single-Haushalten höher als in Deutschland (51,8%), gegenüber dem OECD-Durchschnitt von 37,3% sehr hohe Werte. Auch gegenüber dem etwas höheren EU-19-Durchschnitt (42,5%) noch sehr hoch. Niedriger (35,7%) und dennoch über dem Durchschnitt der EU-19 (31,9%) und der OECD (27,7%) die Abgabenbelastung von Eltern-Haushalten mit zwei Kindern. Mehr Details dazu auf der Webseite der OECD.


17.04.2006 um 12:13 Uhr

Aufge-Lesen

Anna Funder kommentiert in ihrer Reportage "Stasiland" die Interview-Aussage eines ehemaligen Stasi-Offiziers:

"Der Kapitalismus plündert auch den Planeten aus - das Ozonloch, die Abholzung der Wälder, Luftverschmutzung -, wenn die Menschheit überleben will, muss sie dieses Gesellschaftssystem abschaffen. Sonst wird sie keine fünfzig Jahre mehr überstehen."

Es gibt eine Kunst, eine zutiefst politische Kunst, Umstände aufzugreifen, wie sie sich ergeben, und sie jeweils der eigenen Seite oder der Opposition zuzuweisen, in ständigem Aufrechnen bis zu einem Ende, mit dem sie gar nichts zu tun haben. Und es wird immer deutlicher, je länger er spricht, dass der Sozialismus als ein Glaubenssatz in den Köpfen und Herzen weiterleben kann, ungeachtet des Elends der Geschichte.

Ein außerordentlich spannendes und erhellendes Buch über den Umgang der Opfer und Täter des Stasi-Regimes DDR mit ihrer Vergangenheit. Was mir Ex-Ossi manchmal etwas fehlt, ist eine gewisse Detailtreue bezüglich der beschriebenen offiziellen und inoffiziellen Lebensrituale in der DDR, ein Manko, das man einer Beobachterin von Aussen jedoch nicht weiter nachträgt.

15.04.2006 um 02:39 Uhr

Immigration und der Wohlfahrtsstaat

Sind unser Wohlfahrtsstaat, mitunter konkurrierende Kulturen und die Bedrohung durch den Terrorismus wirklich stichhaltige Gründe gegen eine freizügige Einwanderungspolitik? So jedenfalls argumentiert der amerikanische Ökonom Thomas Sowell:

Even if every one of those immigrants added to the national output, that does not mean that today's American population would be economically better off after this unchecked influx from around the world.

After all, people not only produce, they consume -- and some consume more than they produce, courtesy of the American taxpayers.

Nor are our schools or our neighborhoods improved by becoming a tower of babel or scenes of clashing standards of behavior, noise, or violence. We need to count all costs, not just money costs.

Why is this a far more prosperous country than the countries from which most of our immigrants come? Many of those countries are well endowed with natural resources but are lacking an economic and political culture that would allow those resources to be used to produce better results than the poverty which drives their people to other countries.

When you import people, you import cultures. Those cultures no longer give way to the American culture when "multiculturalism" is a dogma and its apostles and activists make it necessary for American laws, language, and culture to give way, or at least accommodate growing alien enclaves in our midst.

A nation is more than a collection of whatever population happens to reside within its borders. Something has to unite those people if the country is not to degenerate into the kind of unending internal strife brought on by Balkanization in many countries around the world, not just in the Balkans.

Dem hält der ebenfalls amerikanische Ökonom David D. Friedman auf seinem Weblog "Ideas" treffend entgegen:

What I want to explore instead is the flip side of the argument. The existence of a welfare state may indeed make open immigration less attractive. But the existence of open immigration also makes a welfare state less attractive—which, for those who disapprove of a welfare state, is an additional argument in favor of open immigration.

Consider the analogous argument applied intrastate. Supporters of higher levels of welfare generally want them to be provided at the federal level—for a good reason. If welfare is provided and paid for by the states, high levels of income redistribution tend to pull poor people into, and drive taxpayers out of, states that provide them. That provides a potent political incentive to hold down redistribution. This is one example of a more general principle: The more mobile taxpayers are, the more governments, like businesses in a competitive market, have to provide them value for their money, and thus the less able they are to tax A in order to buy the votes of B.

The same argument applies across national borders.

Zeigt sich doch gerade in Deutschland, dass der traditionelle Wohlfahrtsstaat auch ohne Einwanderung eines der gewichtigsten Wohlstandshemmnisse ist.

Ebenso plausibel argumentiert Friedman hinsichtlich der angeblichen Terrorismusgefahr durch zu starke Einwanderung:

Listening to the current immigration discussion, I am repeatedly struck by the absurdity of linking that issue with the issue of preventing terrorism--usually put in terms of some phrase about America controlling its borders.

The linkage is absurd for two different reasons. The first is that current illegal immigrants are not Muslims and have no connection with or allegiance to Islamic organizations, terrorist or otherwise. Most of them are Catholics. They are no more likely to support Islamic terrorism than the people already here—probably less likely.

The second is that the U.S. doesn't control its borders, isn't going to control its borders, and probably cannot at any acceptable cost control its borders, in the sense relevant to the terrorist issue. In 2004, the most recent year for which I found figures, there were more than eighty million tourist arrivals in North America, presumably most of them in the U.S. Anyone with sufficient resources and ability to pose a serious terrorist threat can get into the country as one of those tens of millions—he doesn't have to scramble through a tunnel under the U.S./Mexican border. And making it a criminal offense to hire illegal aliens will have very little effect on those aliens who are working for al-Qaeda. They already have a job.

Gute Gründe für eine multikulturelle Gesellschaft nennt implizit  schließlich Tyler Cowen, wenn er in seinem Buch "Weltmarkt der Kulturen" darlegt, dass wirtschaftliche Verflechtungen über Grenzen hinweg zwangsläufig zu kulturellen Verflechtungen und vor allem Bereicherungen führen. Grenzen für die Menschen werden nicht verhindern, was internationale Warenströme schon heute forcieren.

Zum Thema einer befürchteten Beeinträchtigung der wirtschaftlichen und politischen Kultur eines Landes durch  Einwanderung haben die amerikanischen Ökonomen Christopher J. Coyne und Peter Boettke etwas zu sagen:

Our main conclusion is that while historical traditions and cultural factors play a significant role in the political and economic development of any country, they should not be overestimated. While immigrants come from a diverse set of backgrounds, the American Creed can in fact be learned. The fundamental problem is not one of immigration or culture, but rather one of establishing institutions that create a relatively higher payoff to activities that recognize and respect the principles of liberty, equality, individualism, representative government and private property.


13.04.2006 um 15:59 Uhr

Spender ohne Rechte

Warum die mangelnde Kompensation für Organspender und ihre Rechtlosigkeit ein Problem für viele Wartende auf Spenderorgane ist und wie dieses Problem gelöst werden kann, beschreibt der Berliner Finanzwissenschaftler von der Humboldt-Universität Charles B. Blankart:

Organtransplantation, ein bislang Juristen und Ethikern vorbehaltenes Gebiet, wirft fundamentale ökonomische Fragen auf. 1.500 Patienten sterben jährlich in Deutschland wegen Mangel an Spendeorganen. Die staatliche Regulierung ist nicht darauf ausgerichtet, Spender und Empfänger von Organen zusammenzubringen und die Lücke zu schließen. Der Grund liegt vorwiegend darin, dass den Spendern Rechte an ihren Organen vorenthalten werden. Wie es dazu kam, soll in diesem Aufsatz mit Hilfe des institutionenökonomischen Instrumentariums erklärt werden. Alternativ wird gefordert, den Menschen das Recht zuzugestehen zu erklären: „Meine Organe spende ich postmortal primär an spendewillige Kranke.“ Eine solche Erklärung dient als Signal für andere, sich ebenso zu verhalten und dem Organmangel durch Solidarität entgegenzuwirken.

13.04.2006 um 14:05 Uhr

Klima der Angst

von: steffenh   Kategorie: Klimawandel

Der amerikanische Klimaforscher Alfred P. Lindzen (MIT) im Wallstreet Journal zur Frage des "Konsens der Klimaforscher" und der Schwierigkeit einer objektiven wissenschaftlichen Debatte in einem Klima der Angst:


To understand the misconceptions perpetuated about climate science and the climate of intimidation, one needs to grasp some of the complex underlying scientific issues. First, let's start where there is agreement. The public, press and policy makers have been repeatedly told that three claims have widespread scientific support: Global temperature has risen about a degree since the late 19th century; levels of CO2 in the atmosphere have increased by about 30% over the same period; and CO2 should contribute to future warming. These claims are true. However, what the public fails to grasp is that the claims neither constitute support for alarm nor establish man's responsibility for the small amount of warming that has occurred. In fact, those who make the most outlandish claims of alarm are actually demonstrating skepticism of the very science they say supports them. It isn't just that the alarmists are trumpeting model results that we know must be wrong. It is that they are trumpeting catastrophes that couldn't happen even if the models were right as justifying costly policies to try to prevent global warming.


...


Alarm rather than genuine scientific curiosity, it appears, is essential to maintaining funding. And only the most senior scientists today can stand up against this alarmist gale, and defy the iron triangle of climate scientists, advocates and policymakers.