Peter Singer, amerikanischer Bioethiker, bricht eine Lanze für Fair Trade und
kritisiert die Auffassung einiger Ökonomen, dass Fair Trade wenig zur Lösung der Armut der Landbevölkerung in der Dritten Welt beiträgt:
Nicht bei allen findet Fairtrade Anklang. Brink Lindsey, Direktor
des marktwirtschaftlich orientierten Cato Institute's Center for Trade
Policy Studies, glaubt, dass die Kampagne für Fairtrade-Kaffee eine
„gut gemeinte Sackgasse“ darstelle. Mit einiger Berechtigung
argumentiert er, dass die wirkliche Ursache für den Fall der
Kaffeepreise nicht die Profitgier multinationaler Unternehmen sei,
sondern die enorme Zunahme der Kaffeeproduktion in Brasilien und
Vietnam, in Kombination mit neuen Techniken, die es ermöglichen, Kaffee
mit weniger Arbeitskräften und daher billiger anzubauen.
Von Lindeys Standpunkt aus sollten wir die Kaffeebauern, wenn wir
ihnen helfen wollen, entweder ermutigen, den Kaffeeanbau aufzugeben und
gewinnbringendere Pflanzen anzubauen – und hier weist er zu Recht
darauf hin, dass Handelsschranken und Subventionen der reichen Länder
Hindernisse sind, die abgeschafft werden müssen – oder sich
hochwertigeren Produkten zuzuwenden, z. B. Spezialkaffees, die höhere
Preise erzielen.
An Lindeys Argumentation ist jedoch merkwürdig, dass die Kampagne
für Fairtrade-Kaffee als genau das angesehen werden kann, was er
empfiehlt: Die Kaffeebauern werden ermutigt, einen Spezialkaffee
anzubauen, der einen höheren Preis erzielt. Die Vertreter des freien
Marktes haben nichts gegen Unternehmen einzuwenden, die ganz
unverhohlen Snob-Appeal einsetzen, um für ihre Produkte zu werben. Wenn
die Leute $ 48 für ein Pfund jamaikanischen Blue-Mountain-Kaffee
bezahlen wollen, weil das James Bonds Lieblingskaffee ist, haben die
Ökonomen nichts dagegen, dass der Markt verzerrt wird. Warum sind sie
dann also kritisch, wenn die Verbraucher sich dafür entscheiden, $ 12
für ein Pfund Kaffee auszugeben, von dem sie wissen, dass er ohne
giftige Chemikalien unter Schatten spendenden Bäumen angebaut wurde, in
denen Vögel überleben können – von Bauern, die es sich jetzt leisten
können, ihre Kinder zu ernähren und zur Schule zu schicken?
Die Ökonomen würden vielleicht antworten, dass man, wenn man den
Menschen helfen wolle, ihre Kinder zu ernähren und auszubilden, $ 10
für einen nicht fair gehandelten Kaffee bezahlen könne, der genauso
schmeckt, und dann die so gesparten $ 2 an eine Hilfsorganisation
spendet, die arme Kinder mit Essen und Schulbildung versorgt.
Das ist eine mögliche Strategie, doch hat fairer Handel gewisse
Vorteile. Die Bauern wissen, dass sie ein Produkt liefern müssen, dass
den Verbrauchern gefällt, sowohl in geschmacklicher Hinsicht als auch
in der Anbauweise. Wenn sich ihr Produkt gut verkauft, können sie stolz
darauf sein, etwas produziert zu haben, das in der ganzen Welt begehrt
ist. Aus der Sicht der Erzeuger ist es besser, eine Prämie durch den
Verkauf eines Fairtrade-Produkts zu bekommen, als eine milde Gabe zu
empfangen, die sie unabhängig davon erhielten, ob sie gearbeitet hätten
oder nicht, und ungeachtet der Qualität ihres Erzeugnisses.
Einen höheren Preis für ein Fairtrade-Etikett zu bezahlen ist nicht
„marktwidriger“, als einen höheren Preis für ein Gucci-Etikett zu
bezahlen, und es spiegelt bessere ethische Prioritäten wider. Fairtrade
ist keine staatliche Subvention. Sein Erfolg ist von der Nachfrage auf
dem Markt abhängig, nicht von politischer Lobby-Arbeit.
Glücklicherweise wächst diese Nachfrage auf dem europäischen Markt
rasch. Es bleibt zu hoffen, dass sie in allen Industrieländern und
überall dort, wo die Menschen frei über ihre Ausgaben entscheiden
können, bald ähnlich hoch sein wird.
Abgesehen davon,
dass bei Fair Trade auch nicht alles Gold ist was glänzt, unterstellt er den Ökonomen, sie kritisierten den Wunsch vieler Konsumenten, den Bauern mehr für qualitativ hochwertigen Kaffee und gute Lebensbedingungen zu zahlen. Weit gefehlt. Auf jeden Fall soll der Kaffeegenießer für die Kosten seiner Leidenschaft aufkommen. Nur Fair Trade löst das Problem nur für wenige. Die Kaffenachfrage ist nicht grenzenlos, schon gar nicht, wenn die Preise steigen. Alle heute angebotenen Kaffeemengen können also nicht zum Fair-Trade-Preis abgesetzt werden. Die sinnvollste Alternative zur Verbesserung Gewinne der Kaffeebauern ist also eine Angebotseinschränkung. Die jedoch findet nur statt, wenn die Bauern auf andere Alternativen umschwenken können. Andere landwirtschaftliche Produkte oder die Produktion industrieller Güter oder Dienstleistungen. Hierzu fehlen jedoch die Bedingungen in diesen Ländern und Handelsschranken und Subventionen verschärfen die Misere der Bauern. Hinzu kommt, dass eine wertschöpfungsintensive Veredlung des Kaffees in den Herkunftsländern
durch Zölle der Industrieländer systematisch verhindert wird. Fair Trade ist ein nobler Anspruch und zugleich eine clevere
Gewinnmaximierungsstrategie der Kaffeehändler. Doch seine Wirkung hat klare Grenzen.
Bedauerlich ist vor allem, dass die Fair-Trade-Protagonisten häufig den falschen Feind ins Visier nehmen. Nicht die Globalisierung ist das Problem, sondern der Protektionismus der Industrieländer, die hierzulande geschürte Angst vor dem Welthandel. Und deshalb zahlen gutmeinende Kaffeetrinker einen hohen und eigentlich unnötigen Preis für die Folgen der entwicklungsfeindlichen Agrarpolitik der Industrieländer.
Update: Brink Lindsey
antwortet auf Singers Kritik auf
Cato-at-Liberty.