Mit dem Kopf voran

11.05.2006 um 10:49 Uhr

Ökologische Umverteilungsmaschinen

von: steffenh   Kategorie: Umweltschutz

Mehr und mehr wird klar, dass es in der Politik weniger darum geht, die Rahmenbedingungen für eine effiziente Allokation knapper Güter und Ressourcen zum Wohle der Allgemeinheit zu gewährleisten, sondern im Kern um eine möglichst clevere Umverteilung des Wohlstands der Bundesbürger. Derartige Umverteilungstricks lassen sich bestens unter dem Deckmantel des Umweltschutzes bewerkstelligen. Hier haben rafinierte Strategen aus Ökoszene und Industrie eine ganz einfache Umverteilungsmaschine konstruiert: Die Windkraftanlage. (...und andere Anlagen zur Erzeugung erneuerbarer Energie)

Mit einem über 14 Jahre garantierten Vergütungssatz von 8,7 Eurocent/kWh erhalten die Windmüller mehr als das Doppelte eines Anbieters konventionellen Stroms an der Strombörse für sog. Baseload-Strom (heute Spotpreis an der EEX 4,1 Eurocent/kWh). Bei durchschnittlich 860 gCO2/kWh spezifischen Kohlendioxidemissionen mit fossilen Brennstoffen betriebener Kraftwerke kostet uns eine mit Windkraftanlagen  eingesparte Tonne Kohlendioxid also rund 53 Euro (die Dena-Studie schätzt unter Berücksichtigung von Reservekraftwerken gar 95 bis 168 Euro/tCO2). Ein stolzer Preis, wenn man dem die aktuellen Grenzkosten der Vermeidung in der Energiewirtschaft und im Produzierenden Gewerbe von 13 bis 19 Euro pro Tonne Kohlendioxid gegenüberstellt (Preise für Emissionsrechte, tagesaktuell bei EEX). Angesichts dieser klimapolitischen Verschwendung wird klar, dass es der Politik nicht um Effizienz, sondern um Umverteilung geht. Das Gemeinwohl kümmert die Strategen des Umweltministeriums und der Energiewirtschaft herzlich wenig. So spricht auch dieser Beitrag aus dem heutigen Tagesspiegel eher unfreiwillig klare Worte:

All das läuft darauf hinaus, dass Umweltminister Gabriel gar nichts anderes übrig bleiben wird, als das Fördergesetz für die Erneuerbaren Energien (EEG) noch einmal zu reformieren, um die Vergütungssätze für den Strom vom Meer so hoch zu setzen, dass es auch für Eon reicht. „Ohne eine Änderung des EEG“ werde es „keine Offshore-Windparks geben“, heißt es denn auch ganz kühl im Strategiepapier des Konzerns. Und tatsächlich ist ein entsprechender Gesetzentwurf auch schon in Arbeit, bestätigt einer von Gabriels Mitarbeitern.

Offenbar reichen die bisherigen Vergütungssätze noch nicht aus, um riesige Windparks ins Meer zu bauen. Da muß das Umweltministerium noch einmal nachlegen. Und wir wissen, wofür die Bundesregierung ihre Steuererhöhungen auch braucht. Um die deutschen Umverteilungsmaschinen am Laufen zu halten.

Wie sagte doch der französische Ökonom Frederic Bastiat schon im vorletzten Jahrhundert:

"Der Staat ist die große Fiktion, nach der sich jederman bemüht, auf Kosten jedermans zu leben."

Das Problem ist aber offensichtlich, dass einige sich bei ihren Bemühungen einfach cleverer anstellen. Und der doofe Rest zahlt.

Update:

Hans D.Babier in der FAZ:

Wenn spätere Historiker einmal nach Symbolen für die Hybris und für den Firlefanz der Grünen suchen, dann werden sie auf Windräder stoßen. Wo immer diese Räder stehen: Sie stehen dort vor allem für die Bereitschaft einer als Politik drapierten Weltanschauung, die sich um die planetarischen Kosten der Zivilisation sorgt, aber gegen jede Kalkulation der hier und heute anfallenden Kosten ihres Programms im Tun und Verhindern resistent ist. Es gibt - jedenfalls für die Verhältnisse Deutschlands und vergleichbarer Regionen - keine teurere und somit auch dümmere Variante von Energiepolitik als das Setzen auf die Windenergie.

11.05.2006 um 01:23 Uhr

VWL-Lexikon im Internet

In 1000 Begriffen aus der Welt der Volkswirtschaftslehre kann man bei Encyclonomic WEB*Pedia recherchieren. Hier zum Beispiel ein Auszug aus der Begriffserklärung für Opportunitätskosten:

  • Foregone Alternative: Opportunity cost is all about foregone alternatives, about not pursuing an activity. Reading this entry on opportunity cost means not reading a classic novel by F. Scott Fitzgerald (or more realistically not watching an episode of the television show, Brace Brickhead: Medical Detective). Scarce resources have alternative uses. Using resources to satisfy one want or need means they cannot be used to satisfy another. The opportunity cost of foregone alternatives is often illustrated using production possibilities analysis.

  • Highest Valued: Opportunity cost is not concerned with ALL possible alternatives, only the best alternative, the highest valued alternative that would have been pursued. Unlimited wants and needs means an unlimited number of alternatives exist for every activity undertaken. But opportunity cost is not about every possible alternative, only about the best alternative. The opportunity cost of reading this entry on opportunity cost would be the satisfaction that would have been obtained from Brace Brickhead: Medical Detective, if watching television is the highest valued alternative foregone.

  • Pursuit of an Activity: Economics is the study of doing things--surfing the web for economic concepts, watching television, eating hot fudge sundaes. More to the point, economics is the study of how scarce resources are used to address society's unlimited wants and needs. The phrase pursuit of an activity specifically means that society is using resources to produce goods that are consumed to satisfy wants and needs. The primary activities pursued in this context are usually production and consumption.
Ganz klar, meine Opportunitätskosten dieses Posts sind verpasste Träume ...

10.05.2006 um 18:48 Uhr

Im Trüben fischen

Einmal ganz ehrlich, wie vertrauenswürdig sind eigentlich unsere Informationsquellen, nach denen wir unsere Meinung zu vielen wichtigen Fragen unserer Zeit bilden? Film, Fernsehen und wenns mal "ganz genau" recherchiert sein soll die Tages- oder Wochenzeitung. Ich möchte ja keinem zu nahe treten. Aber ist es nicht so? Wer hat schon die Zeit zu intensivem Quellenstudium? Überdies läuft man manchmal Gefahr, bei genauem Hinsehen auch einmal das eine oder andere liebgewonnene Vorurteil in Frage stellen zu müssen.

Ein schönes Beispiel für die beschrenkte Qualität unserer Informationsquellen bietet uns heute das Ärzteblatt. Dort wird über eine Studie berichtet, in der es um die falsche Darstellung von Koma-Patienten in Spielfilmen und ihre Folgen geht. Von dreißig Spielfilmen der letzten dreißig Jahre in denen Koma-Patienten eine Rolle spielen, so die Autoren der Studie, stellten nur zwei den Zustand der Patienten halbwegs realistisch dar. In den übrigen Filmen wird dagegen häufig ein allzu rosiges Bild von den Patienten geboten. Daher ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass die meisten Zuschauer Filmdarstellung und Realität nicht mehr richtig voneinander unterscheiden können. Fatale Folgen hat eine derartige Fehlinformation der Allgemeinheit, wenn unter dieser verzerrten Wahrnehmung der öffentliche Diskurs geführt und politische Entscheidungen gefällt werden. Immerhin richten sich Politiker nach dem unter verzerrter Wahrnehmung der Realität gebildeten Willen ihrer Wähler. So wurde etwa die öffentliche Diskussion um das Schicksal der Wachkoma-Patientin Terri Schiavo von eher laienhaften Informationen bestimmt, obwohl die mit dem Fall beschäftigten Mediziner schon lange keine Aktivitäten des Großhirns der Frau registrierten und damit eine Verbesserung ihres Zustands nicht abzusehen war.

Aber auch in anderen Bereichen verlassen wir uns häufig auf die Informationen, die uns von geschickten Marketingstrategen untergejubelt werden. Befragungen der Zuschauer des Klimakatastrophenfilms "The Day after Tomorrow" ergaben beispielsweise, dass die Zuschauer zwar durchaus Zweifel an der übertriebenen Darstellung der Folgen des Klimawandels hatten, aber dennoch nach dem Kinobesuch eine höhere Notwendigkeit für durchgreifende Klimaschutzpolitik als vorher sahen. Und das, obwohl der Film nicht viel Sinnstiftendes zum Thema Klimawandel zu berichten wußte. Und wer weiß schon, wenn wieder einmal über "amerikanische Verhältnisse" im Gesundheitswesen geklagt wird, dass nur ein Drittel aller Amerikaner ohne Krankenversicherung (15 Mio. von 45 Mio. unversicherten Amerikanern) in Haushalten mit einem Jahreseinkommen von weniger als 25000 US-$ lebt und ein wachsender Anteil mit hohen Einkommen freiwillig nicht versichert ist? Dass daneben die extrem teuren staatlichen Gesundheitsprogramme Medicare (subventioniert Gesundheitsleistungen für amerikanische Senioren und kostete 2005 bei einem ungefähren Anteil am BIP von 2,7 % pro Kopf rund 1100 US-$) und Medicaid (subventioniert Gesundheitsleistungen für mehr als 50 Mio. einkommensschwache Amerikaner und kostete 2004 pro Kopf 1040 US-$) antreten, die Folgen fehlenden oder mangelhaften Versicherungsschutzes teilweise zu kompensieren, ist auch nur wenigen bekannt.

Nicht wundern muß man sich deshalb auch, dass mit Film- und Fernsehinhalten gepflegtes Halbwissen auch nur zu halben oder fehlerhaften Reformen in der Politik führt.

09.05.2006 um 16:06 Uhr

Zitate des Tages

Arnold Kling in einem Interview auf dem Webblog Catallarchy über den Wert ökonomischer Grundkenntnisse:

I think that if more people knew economics, we would have better public policy. The government is not going to be any wiser than the people. If the people think that high gas prices are caused by a sudden outbreak of greed among oil company executives, then our public policy is going to wind up reflecting that, regardless of whether the elites know better.

In einem etwas anderen Kontext (Kritik an der Ableitung staatlichen Paternalismus aus den Erkenntnissen der Behavioral Economics) doch eigentlich genau in die selbe Richtung zielend, Will Wilkenson vom Cato Institute:

If we make systematic errors, then democracy will simply aggregate our errors. And politicians, who make the same errors we do, will reflect our errors, and will often have an incentive to reinforce them to their political benefit. Even if expert knowledge exists—even if Daniel Gilbert knows better than you do about what will and won’t make you happy—democratic institutions will not be reliable at identifying it or applying it.


08.05.2006 um 18:50 Uhr

Fairness - Zuschlag

Peter Singer, amerikanischer Bioethiker, bricht eine Lanze für Fair Trade und kritisiert die Auffassung einiger Ökonomen, dass Fair Trade wenig zur Lösung der Armut der Landbevölkerung in der Dritten Welt beiträgt:

Nicht bei allen findet Fairtrade Anklang. Brink Lindsey, Direktor des marktwirtschaftlich orientierten Cato Institute's Center for Trade Policy Studies, glaubt, dass die Kampagne für Fairtrade-Kaffee eine „gut gemeinte Sackgasse“ darstelle. Mit einiger Berechtigung argumentiert er, dass die wirkliche Ursache für den Fall der Kaffeepreise nicht die Profitgier multinationaler Unternehmen sei, sondern die enorme Zunahme der Kaffeeproduktion in Brasilien und Vietnam, in Kombination mit neuen Techniken, die es ermöglichen, Kaffee mit weniger Arbeitskräften und daher billiger anzubauen.

Von Lindeys Standpunkt aus sollten wir die Kaffeebauern, wenn wir ihnen helfen wollen, entweder ermutigen, den Kaffeeanbau aufzugeben und gewinnbringendere Pflanzen anzubauen – und hier weist er zu Recht darauf hin, dass Handelsschranken und Subventionen der reichen Länder Hindernisse sind, die abgeschafft werden müssen – oder sich hochwertigeren Produkten zuzuwenden, z. B. Spezialkaffees, die höhere Preise erzielen.

An Lindeys Argumentation ist jedoch merkwürdig, dass die Kampagne für Fairtrade-Kaffee als genau das angesehen werden kann, was er empfiehlt: Die Kaffeebauern werden ermutigt, einen Spezialkaffee anzubauen, der einen höheren Preis erzielt. Die Vertreter des freien Marktes haben nichts gegen Unternehmen einzuwenden, die ganz unverhohlen Snob-Appeal einsetzen, um für ihre Produkte zu werben. Wenn die Leute $ 48 für ein Pfund jamaikanischen Blue-Mountain-Kaffee bezahlen wollen, weil das James Bonds Lieblingskaffee ist, haben die Ökonomen nichts dagegen, dass der Markt verzerrt wird. Warum sind sie dann also kritisch, wenn die Verbraucher sich dafür entscheiden, $ 12 für ein Pfund Kaffee auszugeben, von dem sie wissen, dass er ohne giftige Chemikalien unter Schatten spendenden Bäumen angebaut wurde, in denen Vögel überleben können – von Bauern, die es sich jetzt leisten können, ihre Kinder zu ernähren und zur Schule zu schicken?

Die Ökonomen würden vielleicht antworten, dass man, wenn man den Menschen helfen wolle, ihre Kinder zu ernähren und auszubilden, $ 10 für einen nicht fair gehandelten Kaffee bezahlen könne, der genauso schmeckt, und dann die so gesparten $ 2 an eine Hilfsorganisation spendet, die arme Kinder mit Essen und Schulbildung versorgt.

Das ist eine mögliche Strategie, doch hat fairer Handel gewisse Vorteile. Die Bauern wissen, dass sie ein Produkt liefern müssen, dass den Verbrauchern gefällt, sowohl in geschmacklicher Hinsicht als auch in der Anbauweise. Wenn sich ihr Produkt gut verkauft, können sie stolz darauf sein, etwas produziert zu haben, das in der ganzen Welt begehrt ist. Aus der Sicht der Erzeuger ist es besser, eine Prämie durch den Verkauf eines Fairtrade-Produkts zu bekommen, als eine milde Gabe zu empfangen, die sie unabhängig davon erhielten, ob sie gearbeitet hätten oder nicht, und ungeachtet der Qualität ihres Erzeugnisses.

Einen höheren Preis für ein Fairtrade-Etikett zu bezahlen ist nicht „marktwidriger“, als einen höheren Preis für ein Gucci-Etikett zu bezahlen, und es spiegelt bessere ethische Prioritäten wider. Fairtrade ist keine staatliche Subvention. Sein Erfolg ist von der Nachfrage auf dem Markt abhängig, nicht von politischer Lobby-Arbeit. Glücklicherweise wächst diese Nachfrage auf dem europäischen Markt rasch. Es bleibt zu hoffen, dass sie in allen Industrieländern und überall dort, wo die Menschen frei über ihre Ausgaben entscheiden können, bald ähnlich hoch sein wird.

Abgesehen davon, dass bei Fair Trade auch nicht alles Gold ist was glänzt, unterstellt er den Ökonomen, sie kritisierten den Wunsch vieler Konsumenten, den Bauern mehr für qualitativ hochwertigen Kaffee und gute Lebensbedingungen zu zahlen. Weit gefehlt. Auf jeden Fall soll der Kaffeegenießer für die Kosten seiner Leidenschaft aufkommen. Nur Fair Trade löst das Problem nur für wenige. Die Kaffenachfrage ist nicht grenzenlos, schon gar nicht, wenn die Preise steigen. Alle heute angebotenen Kaffeemengen können also nicht zum Fair-Trade-Preis abgesetzt werden. Die sinnvollste Alternative zur Verbesserung Gewinne der Kaffeebauern ist also eine Angebotseinschränkung. Die jedoch findet nur statt, wenn die Bauern auf andere Alternativen umschwenken können. Andere landwirtschaftliche Produkte oder die Produktion industrieller Güter oder Dienstleistungen. Hierzu fehlen jedoch die Bedingungen in diesen Ländern und Handelsschranken und Subventionen verschärfen die Misere der Bauern. Hinzu kommt, dass eine wertschöpfungsintensive Veredlung des Kaffees in den Herkunftsländern durch Zölle der Industrieländer systematisch verhindert wird. Fair Trade ist ein nobler Anspruch und zugleich eine clevere Gewinnmaximierungsstrategie der Kaffeehändler. Doch seine Wirkung hat klare Grenzen.

Bedauerlich ist vor allem, dass die Fair-Trade-Protagonisten häufig den falschen Feind ins Visier nehmen. Nicht die Globalisierung ist das Problem, sondern der Protektionismus der Industrieländer, die hierzulande geschürte Angst vor dem Welthandel. Und deshalb zahlen gutmeinende Kaffeetrinker einen hohen und eigentlich unnötigen Preis für die Folgen der entwicklungsfeindlichen Agrarpolitik der Industrieländer.

Update: Brink Lindsey antwortet auf Singers Kritik auf Cato-at-Liberty.

07.05.2006 um 13:04 Uhr

Löchrige Naturschutzlogik

"Spots For Nature" heißt ein vom Bundesamt für Naturschutz geförderter Wettbewerb für Naturschutzkurzfilme, mit denen sorglose Menschen auf den Pfad der Umweltschutztugend zurückgebracht werden sollen. Eigentlich ein nobles Unterfangen, wenn mit guten Argumenten und solider Information eine Lanze für den Umweltschutz gebrochen wird. Doch wie die Spots zeigen nehmen die Macher dieser Filmchen diesen Anspruch nicht immer besonders ernst.

Ein sehr schönes Beispiel ist etwa ein lustiger Trickfilm, in dem zwei Raupen gierig auf zwei Äpfel losgehen, wobei eine das Glück hat auf einen Öko-Apfel zu treffen, die andere jedoch an der ungenießbaren Schale des "gespritzten" konventionellen Apfels scheitert. Beim ersten Hinschauen ist dieses Filmchen lustig und die Botschaft einleuchtend. Doch halt. Sind Bioäpfel unbehandelt und damit dem Treiben von Obstschädlingen ungeschützt ausgesetzt? Das würde selbst den tierfreundlichsten Öko-Bauern in den Ruin treiben, denn schließlich möchte sich auch ein Ökoladenkonsument die gesunde Obstmalzeit nicht mit Heerscharen von Fraßschädlingen teilen. Damit also der Ökoapfel bis in die Ökoladen-Regale gelangt, muß er für Obstschädlinge genauso giftig sein wie sein konventioneller Konterpart. Und genau das ist er auch, weil Öko-Bauern ebenfalls eine ganze Reihe von Pflanzenschutzmitteln einsetzen, mit dem oft einzigen Unterschied, dass diese Mittel "natürlich" und keine "synthetischen Chemikalien" sind. Was sie nach eigener Aussage des Ökolandbaus nicht davon abhält, ordentlich giftig zu sein:

Synthetische Pflanzenschutzmittel sind künstlich erzeugte Chemikalien mit Schädlinge vermindernden bzw. abtötenden Wirkungen. Diese Eigenschaft zeigen alternative Pflanzenschutzmittel unter Umständen auch. Oft sind es aber Pflanzen kräftigende Mittel, die einen Schädlingsbefall hindern. Es sind anorganische oder organische Produkte, die auf natürliche Weise in mineralischen oder an Organismen gebundenen Stoff-Kreisläufen entstehen. Mitunter sind sie ebenfalls stark giftig, allerdings weisen sie einen entscheidenden Vorteil auf: sie sind biologisch abbaubar.

Und so macht sich die Ökolandbau-Szene offenbar auch keine weiteren Sorgen über die Toxizität der Pflanzenschutzmittel, sondern im Vordergrund steht die "biologische Abbaubarkeit" der eingesetzten Stoffe. Was sie nicht weniger giftig macht. Und so werden im Ökolandbau mangels anderer Alternativen Mittel eingesetzt, die zwar viel Tradition haben, aber dennoch, wie die inzwischen als kritisch beurteilten Kupfer- und Schwefelverbindungen gegen Pflanzenkrankheiten, außerordentlich bedenkliche Nebenwirkungen haben können. Das alles kann der kritische Leser auf dem offiziellen Webportal des Ökolandbaus im Kleingedruckten nachlesen. Aber auch die von den Protagonisten des Ökolandbaus so favorisierte biologische Schädlingsbekämpfung hat ihre kleinen schmutzigen Sünden, wie Maxeiner und Miersch in ihrem Novo-Aufsatz "Ist "bio" wirklich besser?" zu berichten wissen:

Die vielleicht risikoreichste Umweltveränderung durch Ökobauern ist die biologische Schädlingsbekämpfung. Dabei werden Scharen räuberischer Kleintiere ausgesetzt, die Ackerpflanzen von Schadinsekten befreien sollen. Ein seltsamer Widerspruch: In den Erklärungen der Ökoverbände gegen die Pflanzen-Gentechnik wird in grellsten Farben davor gewarnt, neue Organismen freizusetzen, selbst wenn diese vorher gründlich getestet wurden. Im Ökolandbau werden jedoch landauf, landab fremde Organismen freigesetzt, ohne dass jemand danach fragt. Dabei ist bereits ökologischer Schaden entstanden. Eine schweizerische Studie brachte an den Tag, dass eine häufig eingesetzte aus Moldawien stammende Schlupfwespenart ungeahnte Nebenwirkungen zeigt. Sie verdrängt heimische Schlupfwespen und fällt harmlose Schmetterlinge an. Auch eine im Ökolandbau beliebte asiatische Marienkäferart entwickelte sich zur Landplage.

Landwirtschaft greift grundsätzlich in natürliche Ökosysteme ein, verändert oder zerstört sie gar. Hierauf aufmerksam zu machen ist ein begrüßenswertes Anliegen. Mit hahnebüchender Logik, irreführenden Argumenten und unvollständigen Informationen lediglich die Werbetrommel  für den Öko-Landbau zu trommeln, dürfte an dem noblen Ziel der Umweltaufklärung jedoch vorbei gehen und schafft nicht mehr als Mauern in der Köpfen der Konsumenten. So wird nichts aus dem mündigen Verbraucher.

Siehe auch: "Ökolandbau - Das kleine "schmutzige" Geheimnis"

05.05.2006 um 01:37 Uhr

Ist Dummheit erblich?

Amerikanische Wissenschaftler haben ein Gen entdeckt, dass nicht nur das Risiko von Schizophrenie der Träger, sondern auch deren Dummheit erhöht. Jedenfalls müssen die Erben dieses Gens mit einer 3 bis 5 Prozent schlechteren Leistung bei standardisierten neuropsychologischen Wissenstests rechnen, mit denen die Leseleistung, die geistige Aufmerksamkeit, verbale Fähigkeiten und Gedächtnisleistung gemessen werden.

Offenbar sind für die überdurchschnittliche Dummheit der Deutschen neben unserem verkorksten Schulsystem auch deren Eltern verantwortlich. Und vielleicht sollten wir zukünftig für Politiker einen Gentest einführen. Zum einen könnte man einige wirklich wenig wünschenswerte politische Krankheitssymptome wie Wahnbildung und Alogie vermeiden, andererseits aber auch das mitunter bedauerliche Niveau unserer Exekutive systematisch anheben.
 

03.05.2006 um 20:37 Uhr

Wie man Umwelteffizienz nicht messen sollte

In seiner jüngsten Presseerklärung erklärt das Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung es hätte in einer neuen Studie einen Ansatz gefunden, die Umwelteffizienz von Unternehmen objektiv miteinander vergleichen zu können, um so der ökonomischen Opportunitätskostenlogik folgend, die nachhaltigsten Unternehmen zu identifizieren:

Das ADVANCE-Projekt wurde vom IZT - Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung in Berlin zusammen mit dem Sustainable Development Research Centre (SDRC) im schottischen Forres und vier europäischen Öko-Rating Agenturen, darunter scoris aus Hannover, durchgeführt. Forscher und Rater bewerteten dafür die Umweltleistung von 65 europäischen Industrieunternehmen mit dem Sustainable-Value-Ansatz. Dieser Ansatz hat zwei Besonderheiten: Erstens bewertet er die Umweltleistung von Unternehmen monetär, d. h. in Euro. Zweitens folgt er der Bewertungslogik der Finanzmärkte und übersetzt so die Umweltleistung von Unternehmen in die Sprache von Investoren und Managern.

Der Sustainable-Value-Ansatz wurde gemeinsam von den beiden am ADVANCE-Projekt beteiligten Wissenschaftlern, dem Umweltwissenschaftler Dr. Tobias Hahn (IZT - Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung in Berlin) und dem Ö-konomen Prof. Dr. Frank Figge (SDRC Forres, Schottland) entwickelt. Im ADVANCE-Projekt gelang es ihnen erstmals, ihren Ansatz in der Breite anzuwenden. Die grundlegende Logik des Sustainable-Value-Ansatzes ist einfach: "Ein Unternehmen schafft mit einer ökologischen Ressource, wie z. B. Wasser, nur dann Wert, wenn es mit der eingesetzten Ressourcenmenge mehr Ertrag erzielt als andere Unternehmen", erläu-tert der Umweltwissenschaftler Tobias Hahn. Ein Beispiel: Henkel setzte im Jahr 2003 rund 9,3 Mio. Kubikmeter Wasser ein und erzielte damit eine Bruttowertschöpfung von rund 2,9 Mrd. Euro. Unternehmen der EU 15 im Durchschnitt hätten mit dieser Menge Wasser nur eine Bruttowertschöpfung von rund 380 Mio. Euro erzielt. Im Vergleich zum EU-15-Durchschnitt schafft Henkel daher einen Mehrwert von rund 2,5 Mrd. Euro.

Unter den 65 bewerteten Unternehmen sind 11 deutsche Unternehmen. So ist BMW der öko-effizienteste Automobilhersteller in Europa und schaffte im Jahr 2003 einen Sustainable Value von rund 9,5 Mrd. Euro. BMW setzt seine Umweltressourcen fast viermal effizienter ein als die EU 15 im Durchschnitt. Volkswagen dagegen wirtschaftet nur knapp öko-effizienter als der EU-15-Durchschnitt. Damit landet VW innerhalb des Automobilsektors auf dem vorletzten Platz.

Das liest sich auf den ersten Blick ganz spannend. Doch hat die Sache einen gewaltigen Haken. Die Wissenschaftler teilen die Bruttowertschöpfung durch den jeweiligen Ressourcenverbrauch bzw. die Umweltbelastung und vergleichen diesen Wert mit dem Ergebnis anderer Unternehmen bzw. dem Durchschnitt der EU-15. Abgesehen davon, dass die u.a. von den Autoren gewählten Indikatoren Wasser und Abfall für sich genommen noch nichts über die Umweltbelastung des Unternehmens aussagen, macht dieses Verfahren bestenfalls für Umweltressourcen Sinn, für die kein Marktpreis existiert. Denn existiert dieser, wie etwa beim Wasser oder bei der Entsorgung von Abfall, ist der volkswirtschaftliche Wert dieser Faktoren bereits in der Bruttowertschöpfung enthalten. Diese errechnet sich nämlich aus dem Produktionswert abzüglich der Vorleistungen, also der Kosten, die das Unternehmen für den Einsatz der Ressource am Markt zu zahlen hat. Dessen Preis aber setzt sich wiederum aus den Kosten aller für dessen Produktion notwendigen Ressourcen zusammen. Ein Unternehmen mit hohem Ressourcenverbrauch hat somit hohe Vorleistungen und eine entsprechend reduzierte Bruttowertschöpfung. Diesen Wert mit dem Ressourcenverbrauch noch einmal ins Verhältnis zu setzen ist daher wenig sinnvoll. Die Ergebnisse lassen keinen Vergleich bezüglich einer wie auch immer zu definierenden Nachhaltigkeit zu.

Allgemein machen solche pauschalen Indikatorensysteme wenig Sinn. Umwelt- und Ressourcenverbräuche und ihre Belastung für den Menschen sind von vielen räumlichen und zeitlichen Faktoren abhängig, die sich mit derartig einfachen Faustformeln nicht fassen lassen. Wer Umweltbelastungen reduzieren will sollte sich über Lösungen Gedanken machen, die dazu führen, das Unternehmen und Haushalt Anreize bekommen, die Kosten ihrer Umweltverschmutzung in ihrem privaten Kalkül zu berücksichtigen, so dass diese sich in den Marktpreisen widerspiegeln. Dazu sind Umweltinstrumente notwendig, die entweder Eigentumsrechte an den Umweltressourcen zuordnen und ihnen damit einen Marktwert geben oder die zumindest versuchen den Umweltverbrauch mit einem den Umweltkosten nahekommenden Preis zu belegen. Die Verteilung von Umweltnoten über willkürliche Umweltindikatoren ist dagegen kein besonders konstruktiver Weg in Richtung einer besseren Umweltqualität. Denn mit diesen Maßstäben gemessen wäre selbst der Smimming-Pool meiner Eltern, mit viel Wasserverbrauch aber kaum messbarer Bruttowertschöpfung, einfach nur ein großer Umweltfrevel.


02.05.2006 um 23:38 Uhr

Zeitreise?

Dieser Ausschnitt eines pikanten Details eines Mietshauses im 16.Wiener Bezirk ist nicht das digitale Mitbringsel einer Reise in eine finstere Zeit der Alpenrepublik, sondern ein von mir an diesem Wochenende abgelichtetes, offenbar unbeachtetes Relikt ganz pragmatisch ignoranter Vergangenheitsbewältigung. Immerhin hat sich der Zahn der Zeit schon recht erfolgreich über die finstere Symbolik hergemacht.


02.05.2006 um 23:13 Uhr

„Wenn du die Geplagten nicht trösten kannst, plage die Wohlhabenden.“

Dieses Zitat sagt der heutige Tagesspiegel dem jüngst im Alter von 67 Jahren verstorbenen linksliberalen amerikanischen Ökonomen John Kenneth Galbraith nach. Was das betrifft, hat der Mann ja in den Bundesregierungen der letzten Jahr(zehnt?)e willige Vollstrecker gefunden. Allerdings sind die Kollegen etwas übers Ziel hinaus geschossen. Die geplagten Wohlhabenden verlassen gerade noch rechtzeitig das sinkende Schiff, die Geplagten dagegen müssen schon lange dran glauben. Galbraith ist zu einer Ikone von Konsumkritikern geworden, weil er den modernen Verbraucher in seinen Büchern gewissermaßen als willigen Konsumsklaven von Monopolisten beschrieben hat, die mit aggressiver Werbung eigentlich unnütze Produkte und Moden gewinnmaximierend auf den Markt werfen. Eine Position der man sicherlich nicht folgen muß.

PS: Mit dem Zitat "Partly, the Russian system succeeds because, in contrast to the Western industrial economies, it makes full use of its manpower." dürfte Galbraith wohl seinem zweifelhaften Ruhm alle Ehre machen (via Statler & Waldorf).