Mit dem Kopf voran

30.06.2006 um 16:43 Uhr

Eine kleine Ich-AG

Heute nachmittag in Berlin-Kreuzberg. Ein fleißiger Kleinunternehmer verdient sich an einer Ampel am Mehringdamm noch schnell ein paar Euro für das Bierchen zum anstehenden Viertelfinalspiel Deutschland-Argentinien.



Da sage mal noch einer Deutschlands Arbeitsmarktpolitik wäre beschäftigungsfeindlich. Wer braucht denn den ersten Arbeitsmarkt, wenn die Schattenwirtschaft dieses Land zum Dienstleistungsparadies macht.

30.06.2006 um 16:24 Uhr

Lichterketten waren gestern ...

... jetzt haben die Deutschen ihre Fußball-Weltmeisterschaft:





29.06.2006 um 19:07 Uhr

Was kostet die "kostenlose" Vergabe von Emissionsrechten?

von: steffenh   Kategorie: Umweltschutz

Immer wieder wird betont, dass beim europäischen Emissionshandel eine kostenlose Vergabe der Emissionsrechte für Neuanlagen zur Gewährleistung der Wettbewerbsfähigkeit potentieller Marktteilnehmer notwendig sein. So plant die Bundesregierung in ihrem neuen Nationalen Allokationsplan (NAP II) Neuemittenten großzügig mit Emissionsrechten entsprechend eines Brennstoffbenchmarks auszustatten, nach dem geplante Anlagen je nach spezifischem Kohlenstoffgehalt ihrer Brennstoffe mehr oder weniger beschenkt werden. Zwar hört sich dieses Argument zunächst recht plausibel an, doch fehlt ihm die ökonomische Logik. Alt- und Neuanlagen werden durch die gleichen Kosten belastet. Die Altanlage könnte jedes selbstbenutze Emissionsrecht verkaufen und muß diese Alternativkosten bei der Kalkulation seiner gewinnmaximalen Angebotsmenge berücksichtigen. Die Neuanlage muß ebenso entscheiden, ob es die produktionsnotwendigen Emissionsrechte erwirbt oder auf die entsprechende Angebotsmenge verzichtet. Der Unterschied zwischen beiden liegt lediglich in der Verteilung der Renten des knappen Gutes Emissionsrechte.

Die kostenlose Vergabe von Emissionsrechten für Neuanlagen hat aber eine unerwünschte Nebenwirkung, die darin besteht, dass nun nicht mehr allein für die Produktion des eigentlichen Produkts, sondern obendrein noch für eine Zuteilung von Emissionsrechten in neue Anlagen investiert wird. Statt also bisherige und neue Produktionskapazitäten einzig an der neuen Knappheit des Produktionsfaktors Kohlendioxid auszurichten, wird jetzt auch noch in solche Anlagen investiert, für die man möglichst viele Emissionsrechte erhält, die aber so sparsam laufen, dass diese gleich wieder in großer Zahl verkauft werden können. Statt alte Anlagen länger laufen zu lassen und stattdessen lieber etwas weniger zu produzieren und anzubieten wird munter in teuer produzierende neue Kapazitäten investiert.

Diesen Effekt haben jetzt die beiden Ökonomen Michael Bartels und Felix Müsgen von der Universität Köln für ihren Aufsatz "Do Technology Specific CO2-Allocations Distort Investments?" erstmals für elf europäische Elektrizitätsmärkte simuliert. Dabei errechneten sie, dass eine Neuanlagenallokation der Emissionsrechte nach einem Brennstoffbenchmark, wie ihn die Bundesregierung plant, bis ins Jahr 2030 zusätzliche Kosten mit einem Gegenwartswert von 1 Milliarde Euro verursachen würde. Die "kostenlose" Vergabe verursacht demnach nicht nur bürokratische Kosten im Verteilungskampf der Akteure, sondern auch noch eine übermäßig teure Energieversorgungsstruktur.

Um also die zweifelhafte Klimawirkung des Emissionshandels nicht auch noch durch einen weiteren Kostenschub zu torpedieren, sollte dem Geschachere endlich durch eine Versteigerung der Emissionsrechte ein Ende gesetzt werden. Diese hätte zudem noch einen zusätzlichen potentiellen Vorteil. Würde man bei einem Auktionspreis von 15 € und einem den 482 Mio. tCO2 entsprechenden Auktionserlös von 7,2 Mrd. € für die Senkung von Steuern und Abgaben auf Arbeitseinkommen verwenden, ließe sich mit einer Bierdeckelrechnung ein Wohlfahrtsgewinn von gut 6 Mrd. € ermitteln. Das entspricht immerhin dem verfügbaren Jahreseinkommen von rund 340 000 Bundesbürgern. So hoch wäre die Reduzierung der volkswirtschaftlichen Überschußbelastung von Abgaben auf Arbeitseinkommen. Immerhin werden die sog. Marginal Costs of Public Funds für Deutschland auf den stolzen Wert von etwa 1,85 € pro Euro Staatseinnahmen geschätzt, so dass allein durch Verzicht auf einen Euro Staatseinnahmen die Volkswirtschaft netto 0,85 € gewinnen würde.

28.06.2006 um 19:34 Uhr

Wann hilft die rote Karte?

Marko Caliendo vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) und Dubravko Radic von der Universität Wuppertal haben in ihrem Aufsatz "Ten do it better, do They? An Empirical Analysis of an Old Football Myth" untersucht, ob und wann die Vergabe einer Roten Karte den Ausgang eines Fußballspiels beeinflusst. Dabei sind sie zu dem Resultat gelangt, dass der Einfluß auf das Endergebnis umso geringer ist je später die Rote Karte erteilt wird. Zwar erhöht sich Wahrscheinlichkeit des Siegs der nicht betroffenen Mannschaft bei einer frühzeitigen Vergabe, doch wird sie 60 Minuten nach Anpfiff erteilt, läßt sich empirisch keinerlei Einfluß auf den Spielausgang mehr feststellen. Bereits ab der Halbzeit ist die Wirkung einer Roten Karte auf das Spielergebnis nahezu vernachlässigbar:

In this paper we investigate how the expulsion of a player influences the outcome of a football match. Common sense implies a negative impact for the affected team. However, an old football myth suggests that such an expulsion might also be beneficial since it increases the team spirit as well as the efforts of the affected team. We make use of a unique dataset containing all games played in a World Cup Championship between 1930 and 2002 and follow a twofold econometric strategy: We start with a conditional maximum likelihood estimator which is independent of the relative strength of the teams before we extend this estimator to take the relative strength of the teams and the minute of the expulsion into account. Our results indicate that the scoring intensities of both teams do not differ after the expulsion. Conducting scenario analysis reveals that the impact of a red card depends on the minute of the expulsion and does not have an impact at all if given at the end of the first half or later.

28.06.2006 um 01:19 Uhr

Wem nützen Dogmen?

I believe that the main reason that non-verifiable ideas survive is that they serve as trust cues. People still need to demonstrate their commitment to membership in groups, and recitation of dogma is a low-cost method of doing so.

Arnold Kling in "Trust Clues" auf TCS-Daily.

28.06.2006 um 00:38 Uhr

Der Weg zur Hölle ist gepflastert mit guten Absichten

Gut dreißig Jahre alt und doch inhaltlich keine Minute verstaubt ist dieses halbstündige Fernseh-Interview mit Milton Friedman auf Google Video. Der bis heute von vielen als neoliberal und konservativ gescholtene Nobelpreisträger spricht deutliche Worte über die wahren Konservativen, den Fehler, Politik an ihren guten Absichten statt an ihren mangelhaften Wirkungen zu messen, die Fehlsteuerung des Mindestlohns, den Mythos der Lastenteilung der paritätischen Finanzierung der Sozialversicherung u.v.m. Er hegt überzeugenden Zweifel an dem Glauben vieler Mitmenschen, dass Politiker wirksame Anreize haben mit dem Geld fremder Leute Probleme wirklich zu lösen. Er betont, dass freie Gesellschaften die historische Ausnahme sind und unsere heutige Freiheit nach wie vor ein zerbrechliches, immer wieder zu verteidigendes Gut ist. Selbst wenn man davon ausginge, dass die Menschheit egoistisch und raffgierig sei, glaubt er nicht daran, dass die Kontrolle und Regulierung durch ebenso egoistische und raffgierige Politiker der große Wurf ist. Ich auch nicht. Good night and good luck!

Via EconLog.

26.06.2006 um 18:21 Uhr

Wie sinnvoll ist eine Regulierung der Mobilfunk-Netze?

von: steffenh   Stichwörter: Wirtschaftspolitik

Die Netzagentur will nach neusten Meldungen die Terminierungsentgelte der Mobilfunk-Netz-Betreiber regulieren, nachdem diese sich nicht auf ein behördlich gefordertes Preiskartell, ähm, "eine brancheninterne Lösung" einigen konnten. Prof. Justus Haucap von der Ruhr-Uni-Bochum beschreibt in dem Aufsatz "The Economics of Mobil Telephone Regulation" warum das eigentlich keine gute Idee ist und langfristig wohl kaum im Interesse der Konsumenten sein dürfte:


What is of decisive relevance for understanding competition in mobile telephony, is the fact that building a mobile telephone network requires highly specific investments, which take place under significant uncertainty, as investments in 3G networks such as UMTS illustrate. An inevitable consequence of specific investments are sunk costs. Hence, one can only expect firms to extensively invest and innovate if firms can hold a justified expectation to work profitably after they have invested. To cover their capital costs, which are largely fixed and not avoidable, firms need to follow a pricing policy that involves prices above incremental costs.
Hence, a key determinant for mobile operators' price policy lies in their cost structure, which is characterized by high fixed and common costs that are also sunk and relatively low incremental costs. In such situations, efficiency demands so-called Ramsey pricing structures, which involves different mark-ups for different services. In contrast, a situation with uniform mark-ups will generally be inefficient. Instead, services with an inelastic demand should carry relatively high prices, while services, for which the demand is rather elastic, should be priced close to marginal costs. Exactly such a pricing structure results when unregulated firms are left to maximize their profits. Hence, the factor that prices and mark-ups differ between different services and markets is an efficiency imperative and not a sign for market failure.

26.06.2006 um 00:14 Uhr

Wirtschaftsmotor Fußball-WM?

Politiker, Presse und Wirtschaft sind euphorisch, dass die deutsche Wirtschaft von der Fußball-WM beflügelt wird. Warum eigentlich? Sicher es gibt einige Nachfrageeffekte, wenn Touristen in vielfältigen Dienstleistungsbereichen für mehr Umsatz sorgen. Die Deutschen dagegen werden für eine gewisse Zeit ihre Konsumgewohnheiten in Richtung Biergärten oder Heimkino verschieben. Das Ganze beruhigt sich bald.

Doch ist deshalb in Deutschland mehr produziert worden, hat sich die Produktivität der Deutschen erhöht? Nicht wirklich. Biertrinkende Fußballfans, die mit dicken Köpfen morgens an die Werkbank oder ins Büro gehen und um spätestens 16 Uhr die Kelle oder den Stift fallen lassen, bewirken eher das Gegenteil. Man will es ihnen nicht verdenken, sie sind für ein paar Wochen richtig glücklich. Selbst die vielen Fähnchen an den Autos sind nur eine spritfressende Marotte, die dem produktiven Umgang mit Ressourcen einen, wenn auch unbedeutenden Bärendienst erweist.

Sicherlich ist im Vorfeld in Sportstadien und die Infrastruktur investiert worden. Doch öffentliche Investitionen in Stadien und Sportanlagen bewirken nicht viel mehr als eine Umlenkung von Konsumausgaben in die Taschen ohnehin schwerreicher Fußballmannschaften oder anderer Stars und Sternchen. Andere Infrastruktur kann zwar Produktivitätseffekte haben, baut man sie aber mit öffentlichen Geldern nur für das Strohfeuer Fußball-WM, dann ist eine rentable Auslastung später kaum zu erwarten.

Werden wenigstens die ganzen zusätzlichen Konsumeinnahmen für einen langanhaltenden wirtschaftlichen Impuls in produktivitätssteigerndes Kapital investiert? Nun, dass dürfte von den wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen abhängig sein. Und die haben sich nicht geändert, jedenfalls nicht durch die Fußballeuphorie. Flexiblere Arbeitsmärkte, anreizkompatible Sozialsysteme, weniger Regulierung, das wäre ein solides Standortmarketing, von dem nicht nur Kneipen, Hotels und der Heimelektronikhandel kurzfristig profitieren dürften. Die Fußball-WM mag ein Heidenspaß sein und die schlechte Stimmung der Deutschen für den Sommer etwas auf Vordermann bringen. Aber eine Medizin gegen den Katzenjammer danach ist sie nicht. Dafür müßte die Bundesregierung in einer ganz anderen Liga spielen.

23.06.2006 um 13:39 Uhr

RWI-Streitschrift zu den Kohlesubventionen

von: steffenh   Kategorie: Wirtschaftspolitik

Aktuell auf der Webseite des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI) eine Streitschrift zu den Argumentationslinien des Gesamtverbandes des deutschen Steinkohlebergbaus mit dem Titel "Kohlesubventionen um jeden Preis?"

Seit mittlerweile fast fünf Jahrzehnten wird die Förderung deutscher Steinkohlen mit erheblichen Subventionen der öffentlichen Hand unterstützt. Trotz einer immer geringeren beschäftigungspolitischen Bedeutung stieg dabei die Höhe der jährlichen Zahlungen bis in die neunziger Jahre beinahe unaufhörlich an. Erst nachdem 1996 mit gut 6,7 Mrd. Euro ein Höchststand der jährlichen Förderung erreicht wurde,wurden die Subventionen reduziert - auf geplante 2,3 Mrd. Euro im Jahr 2005. Summa summarum flossen Subventionen in Höhe von nominal 128 Mrd. Euro in die Steinkohlenproduktion. Gleichzeitig erreichte die Verschuldung von Bund und Land Nordrhein-Westfalen eine enorme Höhe, womit hohe gegenwärtige und zukünftige Zins- und Tilgungsverpflichtungen verbunden sind. Vor diesem Hintergrund und angesichts der unumstrittenen Erkenntnis, dass die öffentlichen Haushalte konsolidiert werden müssen, ist es verwunderlich, wie es gelingen konnte, dem Steuerzahler über Jahre Finanzmittel in diesem Ausmaß abzuringen, die für andere staatliche Aktivitäten - etwa für die dringend benötigte Beflügelung des Strukturwandels im Ruhrgebiet - nicht mehr zur Verfügung standen.

Neben intensiven Lobbyaktivitäten und einer engen Verflechtung mit gesellschaftlichen Gruppen ist die Öffentlichkeitsarbeit des Gesamtverbandes des deutschen Steinkohlenbergbaus (GVSt) ein wichtiger Erklärungsfaktor. Der vorliegende Beitrag analysiert diese aus ökonomischer Sicht und prüft dabei drei immer wiederkehrende Argumentationslinien des GVSt: (i) die Bedeutung der heimischen Steinkohle im Vergleich zu den internationalen Märkten für Stromerzeugung und Energierohstoffe, (ii) dasVerhältnis von wirtschaftlichen Erträgen und Kosten der Steinkohlensubventionierung, die sich für Region, Land und Bund ergeben, und schließlich (iii) die Abhängigkeit Deutschlands von Energie- und Rohstoffimporten.

Der Beitrag zeigt, dass die Argumente des GVSt einer kritischen Überprüfung aus einer Sicht, die sich den Interessen aller Bürger verpflichtet fühlt, nicht Stand halten.Aus dieser Perspektive wäre eine baldige Beendigung der Subventionierung der heimischen Steinkohleförderung, die unausweichlich ein Auslaufen des heimischen Steinkohlebergbaus bedeuten würde, erstrebenswert. Für die dann frei werdenden Mittel gäbe es sinnvollere Verwendungsmöglichkeiten, insbesondere auch für die heute noch im Steinkohlenbergbau beschäftigten Menschen. Stattdessen einen Sockelbergbau mit dem Argument der Versorgungssicherheit weiter zu führen, um damit eine Versicherung gegen Preis- und Mengenrisiken am Weltkohlenmarkt zu haben, ist hingegen abwegig: Kein rational handelnder Mensch würde eine Versicherung abschließen, deren Prämie höher ist als der Wert des zu versichernden Objekts.

Es ist zweifelhaft, ob die in die Kohlesubventionen fließenden Finanzmittel am besten für andere staatliche Aktivitäten einzusetzen sind, die dann am Ende genau das selbe politische Beharrungsvermögen aufweisen. Ich denke der Steuerzahler selbst kann ganz gut allein über deren Verwendung entscheiden. Aber in ihrem Ziel, den Streit über dieses Thema in der Öffentlichkeit in ein objektives Licht zu rücken, kann man die Autoren nur unterstützen.

 


23.06.2006 um 09:53 Uhr

Geistige Umweltverschmutzung

Professor Bryan Caplan sammelte über Jahre eine Liste interessanter Ideen. Mein Favorit:

Politics is the realm of intellectual pollution. Everyone can be worse off if everyone emits toxic chemicals into the air. Similarly, everyone can be worse off if everyone expresses silly beliefs in the voting booth. In both cases, individuals focus on the private good of convenience or feeling good, ignoring the serious side effects on the public good of clean air or wise policy.

Mehr davon im nächsten Frühjahr:
Caplan, Bryan. 2007. The Myth of the Rational Voter: Why Democracies Choose Bad Policies. Princeton, NJ. Princeton University Press.

22.06.2006 um 14:50 Uhr

Anekdotische Evidenz des Klimawandels

Eine ganz clevere Methode zur Erforschung der Wirkungen des globalen Treibhauseffekts hat sich die Nachrichtenagentur ABC News einfallen lassen. Sie fordern Frau und Mann von der Straße auf, über ihre persönlichen Erfahrungen mit dem sich aufheizenden Klima zu berichten. Weil die Ergebnisse der modellgestützten Klimaforschung offenbar nicht ausreichen, um die Dramatik des Geschehens in den Medien in bare Münze umzusetzen, soll jetzt der alltägliche Kampf gegen die Unberechenbarkeit des Wetters als Kronzeuge für den Klimawandel ausgeschlachtet werden. Zu dumm, dass kein Mensch im Alltag wirklich zwischen natürlichen Wetter- bzw. Klimaphänomenen und systematisch vom Menschen beeinflussten Klimaveränderungen unterscheiden kann. Egal, den Schuldigen kennen wir bereits aus den Medien. Nun kann also jedermann ohne großen Aufwand Belege für die globale Erwärmung sammeln. Läuft die Regentonne rascher voll, schmilzt das Eis schneller im Cocktail? Schön aufpassen, es könnte die globale Erwärmung sein.

Via Environmental Economics

19.06.2006 um 19:54 Uhr

Von toxischen Fußballschuhen und fallenden Fernsehgeräten

Im Jahr 2004 verletzten sich in Deutschland fast 90.000 Schüler beim Fußballspielen, also 9 von 1000 Schülern. Mit gut 30 % aller Ballsportunfälle bei Schülern ist Fußball die gefährlichste Ballsportart im Sportunterricht, wobei Ballsportarten mit fast 55 % aller Schulsportunfälle die meisten Sportunfälle verursachen. Nur gut, dass uns das Ärzteblatt sicherheitshalber gleich davor warnt, unseren Kindern überhaupt Turnschuhe anzuziehen. Denn diese stünden wegen sich eventuell bildender Blasen am Fuß in Verdacht, ein sog. toxisches Schocksyndrom bei ihren kindlichen Trägern zu verursachen. Immerhin konnten britische Ärzte hier ganze zwei Fälle ausfindig machen. Niemand soll behaupten, er wäre nicht gewarnt worden. Aber Vorsicht, sollte man vor lauter Angst die Kinder in der Wohnung einsperren wollen. Sie könnten nicht nur furchtbar dick werden. Nein, ihnen könnte - wie dieselbe Meldung warnt - dort ein Fernseher auf den Kopf fallen. Und das sollte nach Ansicht der Ärzteblattredakteure natürlich im "Beipackzettel" von Sportschuhen und Fernsehgeräten stehen. Doch den, so bedauern sie, gibts leider nicht. Den für den Sportunterricht auch nicht. Wie bedauerlich...

19.06.2006 um 09:37 Uhr

Vattenfall baut neue Siedlung

Wer einmal wissen möchte wie die privatwirtschaftliche Lösung eines Externalitätenproblems, in der Fachwelt auch als "Coase-Theorem" bezeichnet, funktioniert, schaue sich doch einmal die gütliche Einigung der ehemaligen Bewohner des Dörfchens Haidemühl und des Braunkohle-Tagebau-Betreibers Vattenfall an. Bewohner und Unternehmen haben das Problem der Transaktionskosten gelöst und sich unkompliziert auf den Neubau der Siedlung als Ersatz für die nun den Baggern des Tagebaus zum Opfer fallenden Höfe geeinigt. Jeder Bewohner bekommt funktionellen Ersatz seiner alten Behausung, tauscht damit mitunter gleich das alte Plumpsklo gegen ein modernes Bad ein und Vattenfall darf Braunkohle für das nahegelegene Kraftwerk fördern. Beide Verhandlungspartner stehen nachher besser da als vorher. Was will man mehr?

18.06.2006 um 17:53 Uhr

Es schmeckt zu gut

Seth Roberts Selbstexperimente haben nicht nur zu einer tollen Diät geführt (Meine Mutter hat bereits nach dreitägiger Anwendung wesentlich weniger Appetit.), sondern ergänzen die konventionelle Erklärung für die zunehmende Fettleibigkeit in unserer Wohlstandsgesellschaft. Nicht nur zu wenig Bewegung und allgemein zu energiereiche Mahlzeiten, sondern mehr Vielfalt und Geschmack der Lebensmittel machen das Halten des Idealgewichts für unseren "Steinzeitmetabolismus" immer schwieriger:

Explanations of the worldwide increase in obesity (Seidell 2000) have included less physical activity, more energydense food, and less fiber (Kromhout et al. 2001; World Health Organization 2000). The new theory suggests a broader explanation: the worldwide increase in wealth. Wealth brings choice. Judging from rat experiments, when we are given a choice between two otherwise similar foods, we prefer the one with the stronger flavor-calorie association – which is the more fattening one according to this theory. An increase in wealth allows the purchase of bettertasting foods, which will often be foods with stronger flavor-calorie associations. According to the evolutionary argument for the theory (introduction to Example 7[im u.a. Text]), our body-fat regulatory system is designed, like any good storage system, to make us fatter when food becomes cheaper. The worldwide increase in obesity indicates it is working properly.

aus: Seth Roberts: Self-experimentation as a source of new ideas: Ten examples about sleep, mood, health, and weight

16.06.2006 um 18:09 Uhr

Zitat des Tages

Arnold Kling in "Learning Economics":

The whole concept of trade negotiation is absurd. It is like saying to your spouse,‘I’ll change my underwear regularly, but only if you’ll agree to brush your teeth.’ We should eliminate our harmful trade barriers, not keep them in place just to have 'negotiating leverage'.

15.06.2006 um 09:38 Uhr

Den Teufel mit dem Belzebub austreiben

Eine ziemlich schräge Wissenschaftsmeldung geistert durch die Massenmedien: Bier könnte vor Prostatakrebs schützen. Welchen gesundheitsförderlichen Wert sollte man jedoch einer Meldung beimessen, nach der eine tägliche Bierdosis eine gewissen Schutz vor einer Prostatakrebserkrankung bietet, die mit hoher Sicherheit ein Suchtproblem auslöst und dazu noch die Wahrscheinlichkeit an Speiseröhrenkrebs und anderen Krebserkrankungen zu erkranken erheblich erhöht? Aber eine Meldung, die ganz nüchtern die prophylaktische Wirkung von Xanthohumol erläutert und nebenbei bemerkt, dass diese Verbindung aus Hopfen gewonnen werden kann, hätte es wohl kaum in die Schlagzeilen geschafft. Wie wärs denn mit der Tickermeldung "Krebsprophylaxe verursacht Suchtproblem und Krebs"?


14.06.2006 um 09:09 Uhr

Zwölf Tipps für einen guten Wirtschaftsjournalisten

von: steffenh   Kategorie: Blogosphäre

Der amerikanische Ökonom Bradford DeLong gibt Wirtschaftsjournalisten ein paar wichtige Hinweise für ihre tägliche Arbeit. Seine Gesprächspartnerin, die Journalistik-Professorin Susan Rasky, schiebt der Ökonomenzunft weitere zwölf Tipps hinterher, die als hilfreiche Informationsquelle dienen.


Via Marginal Revolution.

13.06.2006 um 10:01 Uhr

Wen macht der Emissionshandel reich?

von: steffenh   Kategorie: Umweltschutz

Die Klagen über die Bereicherung der Energiewirtschaft durch den Emissionshandel nehmen nicht ab. Auch die FDP-Bundestagsfraktion macht da in ihrer jüngsten Presseerklärung keine Ausnahme. Doch ein kurzer Blick auf den Wirkungsmechanismus dieses Instruments macht deutlich, dass Gewinne nicht aus dem Handel mit Treibhausgasrechten per se resultieren, sondern bestenfalls aus der unentgeltlichen Vergabe der Zertifikate für einige politisch gut organisierte Unternehmen und vor allen Dingen für Betreiber emissionsloser Anlagen wie etwa der Atomenergie und der großen Wasserkraft.

Die Einpreisung im Stromgroßhandel an der Energie-Börse erfolgt nach folgendem Mechanismus: Da ein Stromerzeuger bei der Entscheidung über die gewinnmaximale Strommenge mit Einführung des Emissionshandels (Kohlendioxid wird dadurch ebenso wie andere Brennstoffe ein knapper Faktor) nun auch berücksichtigen muß, dass ein von ihm für die Stromproduktion eingesetztes Emissionsrecht am Markt gegen den Zertifikatspreis veräußerbar ist, wird er nur die Menge an Strom an der Börse anbieten, deren letzte Produktionseinheit mindests noch den Zertifikatspreis als Gewinn abwirft. Folglich kann der Kraftwerksbetreiber zum gegeben Preis nur noch geringere Mengen an der Börse anbieten, will er vermeiden durch den Verkauf Verluste zu machen. Anders formuliert, er wird also für seine Kontraktmengen höhere Preise fordern. Da alle Anbieter so verfahren müssen und somit das Gesamtstromangebot sinkt, resultiert bei unverändertem Nachfrageverhalten auch ein höherer Clearing-Preis an der Börse. Die einzelnen Unternehmen setzen nun eine geringere Menge zu einem höheren Preis ab. Ob der Preisanstieg geringer, gleich oder höher als der Preis des Emissionsrechts ist, hängt von der Preiselastizität der Nachfrage, also dem Ausmaß der Mengenreduzierung aufgrund des Preisanstiegs ab. Da diese kurzfristig sehr unelastisch ist, sind sogar Preissteigerungen denkbar, die über den anteiligen Zertifikatskosten liegen. Wichtig ist jedoch: Der vom Preisanstieg ausgelöste Mengenrückgang überkompensiert immer den Preisanstieg. Unternehmen, die Strom auf der Basis fossiler Energieträger erzeugen, also direkt von Preisen für Zertifikate als Faktorpreise betroffen sind, erleiden stets Gewinneinbußen. Die Einpreisung der Kosten für die Emissionsrechte kann sowohl auf Branchenebene als auch bei den Einzelunternehmen nicht zu einem Gewinnanstieg führen!

Zusätzliche Gewinne machen bestenfalls solche Unternehmen, die aufgrund einer reichlichen Ausstattung mit Emissionsrechten mehr Erlös durch den Verkauf dieser Rechte erzielen konnten, als sie beim Stromhandel durch den Preisanstieg der Produktionsfaktors Kohlendioxidemissionen an Verlusten erlitten haben. Der Knappheitsrente aus dem Verkauf der Emissionsrechte steht der Gewinnverlust im Emissionshandel gegenüber. Die gesamte Branche stand vor dem Emissionshandel besser da als nachher, weil der Produktionsfaktor Kohlendioxidemissionen keinen Preis hatte. Mit dem Emissionshandel profitieren einige Unternehmen aufgrund überlegenerer Technik (vorteilhaft, weil Anreizfunktion des Instruments) und aufgrund besseren Lobbyings (negativ, da mit hohen Bürokratiekosten und hohen Anreizverlusten der hierfür eingeführten Sonderregeln verbunden) von der Mehrbelastung der anderen Unternehmen. "Windfallprofits" der Branche sind keine zusätzlichen Gewinne der Branche, sondern lediglich Umverteilungen des Marktwerts der Emissionsrechte innerhalb der Branche. Die Belastung der Konsumenten ist hiervon vollkommen unbenommen. Zusätzliche Gewinne haben vor allem die Anbieter von Strom gemacht, die aufgrund kohlendioxidfreier Technik keinerlei höhere Kosten pro Produktionseinheit hatten, aber voll vom höheren Absatzpreis an der Börse profitierten (also Atom- und große Wasserkraft).

In dieser Situation ist eine Bewertung der Verteilung der Knappheitsrenten des Emissionshandels schwierig. Aus volkswirtschaftlicher Perspektive hat das Grandfathering (kostenlose Anfangsverteilung) die gleiche allokative Wirkung wie eine Auktionierung der Emissionsrechte. Es gibt keine Unterschiede in den Strompreisaufschlägen. Der Widerstand der Energieversorger gegen die Versteigerung ist aus dem Blickwinkel der Verteilungsgerechtigkeit eigentlich nicht unverständlich (Man bedenke etwa den Aufschrei der Hotelbranche, wenn der Staat für die Dauer der Fußball-WM Quartierrechte für WM-Besucher versteigert hätte.). Bislang hatten sie ein freies Verfügungsrecht über den Faktor Kohlendioxid, das ihnen jetzt genommen wurde, wofür sie kompensiert werden wollen. Wer also die bisherige Eigentumsverteilung nicht kritisiert hat, kann im Prinzip auch am Grandfathering keine grundlegende Kritik üben. Aus allokativer Perspektive gibt es letztlich ein gewichtiges Argument für die Auktionierung. Mit dem Erlös der Auktion können andere verzerrende Steuern auf die Produktionsfaktoren Arbeit und Kapital reduziert werden, was zusätzliche Wohlfahrtseffekte bringen würde. Insbesondere die volkswirtschaftlichen Kosten der Besteuerung des Faktors Arbeit (sog. Excess Burden) sind enorm. Schätzungen gehen hier für Deutschland von Werten zwischen 1,37 bis 2,55 Euro pro zusätzlichen Euro Steueraufkommen (sog. Marginal Costs of Public Funds) aus. Die Auktionierung bringt demnach - abgesehen von den Kostenersparungen einer dann obsoleten Verteilungsbürokratie - nur dann einen über die politischen Profite der üblichen Verteilungsrhetorik hinausgehenden Vorteil, wenn ihre Erlöse Steuersenkungen besonders belastender Steuern z.B. auf Arbeitseinkommen gegenfinanzieren.

11.06.2006 um 23:56 Uhr

Couch potatos aufgepasst!

von: steffenh   Kategorie: Gesundheitspolitik

Seth Robert's Shangri-La-Diät dürfte genau das richtige Hilfmittel für diejenigen sein, die sich über die nächsten Fußball-WM-Wochen als passive Sportler vor dem Bildschirm mit Hilfe von Junk-Food das eine oder andere Pfund antrainieren werden. Ausgehend von einer evolutionspsychologischen Erklärung des Zusammenhangs von Geschmackswahrnehmung, Kalorienaufnahme und einem unterbewußt geregeltem "Optimalgewicht" (das in unserer Gesellschaft des Lebensmittelüberflusses alles andere als optimal ist) versucht er mit einer simplen Diät dem Körper die appetitgetriebene Jagd nach überflüssiger Energieaufnahme abzugewöhnen. Mit Hilfe des täglichen Konsums geschmackloser Kalorien in Form von Pflanzenöl oder Zuckerwasser mindestens eine Stunde vor und nach einer Mahlzeit wird das vom Körper gewählte "Optimalgewicht" im Prinzip auf das Niveau einer prähistorischen Nahrungsmittelknappheit heruntergeregelt, so dass der Appetit und das Hungergefühl erheblich sinken. Die für eine Diät notwendige Verringerung der Kalorienzufuhr soll man dadurch ohne Probleme ertragen können. Roberts, der diese Diät im Selbstversuch entwickelte, hat deren wissenschaftliche Hintergründe in seinem Bestseller "The Shangri-La-Diet" veröffentlicht. Das Ganze soll verblüffend gut funktionieren.

Update: Das Projekt braucht Empirie. Freiwillige vor!

09.06.2006 um 00:45 Uhr

Ist das Plündern beendet?

Für alle Unentschlossenen, die sich noch nicht entscheiden konnten, ob sie der Verstaatlichung von venezuelanischen und bolivianischen Rohstoffvorkommen applaudieren sollen oder nicht, könnte das Paper "Political Foundations of the Resource Curse" von James A. Robinson, Ragnar Torvik und Thierry Verdier recht interessant sein:

In this paper we argue that the political incentives that resource endowments generate are the key to understanding whether or not they are a curse. We show: (1) politicians tend to over-extract natural resources relative to the efficient extraction path because they discount the future too much. (2) resource booms improve the efficiency of the extraction path. However, (3), resource booms, by raising the value of being in power and by providing politicians with more resources which they can use to influence the outcome of elections, increase resource misallocation in the rest of the economy. (4), the overall impact of resource booms on the economy depends critically on institutions since these determine the extent to which political incentives map into policy outcomes. Countries with institutions that promote accountability and state competence will tend to benefit from resource booms since these institutions ameliorate the perverse political incentives that such booms create. Countries without such institutions however may suffer from a resource curse.

Update: Hier noch ein etwas leichter "verdauliches" Paper von Ragnar Torvik u.a. zum Thema.